Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2023 11 Apr

Scheunentore

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 2 Comments

Big Bands im Jazz waren nie so meine Sache, was bedeutet, dass die Ausnahmen von solch dezenter Zurückhaltung sehr interessant sind, im Rückblick. Als ich, statt im Kindergarten rumzutollen, daheim morgens auf meinem roten Sitzkissen neben dem Kohleofen WDR hörte, gehörte die Big Band von Kurt Edelhagen nicht gerade zu meinem Erweckungserlebnissen. Ich war 5, aber nicht doof. Mir fehlte das Feuer in den Saxofonen (smartass in action!). Die ersten orchestralen Highlights meiner jungen Jahre waren zwei, drei Platten von Gunter Hampels galaktischer Traumband und eine Aufführung von Gustav Mahlers Erster Symphonie im Dortmunder Stadttheater. Und dieser verrückte Don Ellis! Das tiefe Hören geht eigene Wege, und sollte sich nie systematisch an ikonischen Werken abarbeiten. Wenn Duke Ellington dich finden will, findet er dich. Und so kamen sie mit den Jahren, die alten und die neuen Klassiker. Der Fahrstuhl über den Berg, Anthonys „Creative Music Orchestra“. Wildes Breitband, ungebändigt, aus dem Abseits (leftfield), wer kennt schon „Under The Sun“ vom Human Arts Ensemble?! Irgendwann rief Karl Berger – ein Seelenverwandter von Don Cherry –  in die Runde: „lasst eure Ohren gross werden wie Scheunentore“ – und alle Jahre wieder liess ich diese Satzung nachts vom Stapel. Und nun, – holla, die Waldfee – taucht mal wieder so ein Feuerwerk auf. Die Saxofone brennen. Die Musik schiesst aus allen Rohren. Wqs ist die Steigerung von Knaller und Burner? Knallburner! Ein wilder Wurf, angezettelt von klugen Köpfen, und gewiss keine reine Instinktarbeit. Auch kein postmodernes „mind jogging“. Mats Gustafsson. Fire! Orchestra. „Echoes“. Rune Grammofon. Mixed by Jim O‘Rourke. UND ES ROCKT, BABY! Ohrwürmer? Sowieso! Nachdem mich die erste Cd des Doppelalbums quasi umgehauen hatte, dachte ich mir: wie kann es hier noch eine weitere „Hälfte“ geben, die Schweden müssen verrückt sein. Zuviel des Guten? Fehlanzeige!  Wer sich aufgrund meiner diskreten Empfehlung das Werk zulegt (die Vinyl-Variante umfasst drei Lps, schaut nach auf der Homepage von Rune Grammofon), wird die Antwort finden. Genial. Zwei Drittel volle Lotte, vier Vinylseiten – und dann: Fragmente pflücken, Tiefenentspannung im Showdown. En passant springt eine solitär tönende Berimbau auf die Bühne, das Echo trägt den „Nana“, Nana Vasconcelos, dessen Meisterwerk „Saudades“ (1980)  in diesen Tagen als überragende Vinyl-Edition von ECM auf den Markt gebracht wird. Und es macht Sinn. Ein anderes Echo befeuert Elvis. Genau den Elvis. Und Albert und der Hudson River sind auch nicht weit. Aber genug für heute, ich liste keine Echos für den Abspann. Man gehe am besten allein auf Schatzsuche. Wie war das noch mit den Ohren und den Scheunentoren!? Safe Journey!

This entry was posted on Dienstag, 11. April 2023 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

2 Comments

  1. Norbert Ennen:

    Weiterhören: Michael Gibbs – self titled auf Deram. Noch so ein Big Band Klassiker.

    Aus einer Liste, die das Wire Magazine erstmalig 1998 veröffentlich hat …

  2. Norbert Ennen:

    The Wire’s „100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)“


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz