Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Author Archive:

2021 14 März

Stratosphere Girl

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 9 Comments

Every line you draw, leads to something. And often you don´t even know to where. You go on a journey without knowing how to end it.

 

 

 

Einen Teil des Plots für seinen nächsten Film hatte M.X. Oberg schon entwickelt. Er suchte aber noch einen passenden Ort. Nach seinem Abitur hatte er als Schlafwagenschaffner bei Wagon Lits gearbeitet und damit seinen ersten Kurzfilm Dreaming is a Private Thing finanziert. Und die Girls? Ein paar seiner ehemaligen Mitschülerinnen waren damals – es war  Ende der 80er – nach Tokyo gereist und hatten in Nachtclubs als Hostessen gearbeitet. Tokyo: Metropole aus blinkendem Neon und unverständlichen Zeichen. Menschen, die ihre Meinungen nicht direkt äußern. Grenzziehungen und Grenzaufweichungen. Erotik, aber kein Sex. Ein Job, nur ein Spiel, aber es kippt.

 

Most people seem to have a goal in life. But what happens to those who don’t?

 

Chloé Winkel ist als Abiturientin Angela charismatisch in ihrer ruhigen, introvertierten Präsenz, die sich erst auf den zweiten Blick zeigt: wenn man ihr zuschaut. Angela ist Comiczeichnerin und sehr professionell in ihrer Kunst. Der Charme des Films besteht darin, dass Angelas Zeichnungen die Geschichte entwickeln, ein Stil, den ich in STRATOSPHERE GIRL zum ersten und bisher einzigen Mal gesehen habe. Es beginnt mit dem attraktiven Japaner, der auf der Abiturfeier Platten auflegt, den sie anspricht. Später machen sich Angelas Zeichnungen selbstständig. Rückkopplungseffekte blitzen auf.

 

Die Kamera führt Michael Mieke in weichen, fließenden, geradezu schwebenden Bewegungen. Er hängt sie an einer Art Seil auf, das wirkt nicht so statisch wie mit der Steadycam, aber auch nicht so nervös wie mit einer Handkamera.

 

Grandios ist die musikalische Untermalung durch die fließenden Atmosphären von Nils Petter Molvaer, vielleicht Vorarbeiten für sein einige Jahre später erschienenes Album re-vision.

 

They drift with no clear destination. And then, they get lost and disappear.

Jahrbuch der Lyrik 2021

 

 

Gestern erreichten mich die beiden Belegexemplare des aktuellen Jahrbuchs der Lyrik, der Schutzumschlag diesmal in einem diskreten Silbergrau. Mein Beitrag sind drei Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Richard Siken, Ben Lerner und W.S. Merwin) und eine Gemeinschaftsübersetzung mit Geraldine Gutiérrez-Wienken aus dem Spanischen: Das Haus über mir, von Erika Martinez. Übersetzungen enthält das Jahrbuch der Lyrik erst seit einigen Jahren, auch Bildgedichte. Wie immer finden sich im Jahrbuch viele bekannte Namen und darunter die in einem gewissen Rahmen zu erwartenden sprachlich und thematisch entsprechende Texte – Zeichen einer ausgebildeten Poetologie. Die  Gedichte von Sylvia Geist scheinen mir immer in einer weiten, amerikanischen Landschaft angesiedelt, Andreas Altmann verwandelt Landschaften in Magie, Mikael Vogel schreibt über ausgestorbene Tiere und Jan Wagner hat sich diesmal die Spezies der Karotte vorgenommen. Im Jahrbuch kündigen sich aber auch Themen-, und manchmal gar Paradigmenwechsel von Schreibenden an. Der Auswahlprozess ist frei von Kumpanei, in jedem Jahrbuch, so auch hier, tauchen neue Namen auf, Kurzbiographien ohne Publikationen. Imponiert hat mir das raffinierte, zwischen räselhaften Ebenen (Computerspiel und Realität?) wechselnde Gedicht glasbirken von Elke Bludau. Kathrin Bach gelingt es mit „8.3.19“, ein Trauma auf diskrete Art zu umschreiben. Das Kapitel schu-schu, hier kommt der seuchenzug (S. 83-99) enthält das Unvermeidliche, nämlich Coronagedichte. Der Einsendeschluss des Jahrbuchs lag Ende Juni, es waren also dreieinhalb Monate Zeit, über ein kollektives Trauma zu schreiben, das wir kaum dabei waren, in seiner Dimension zu erahnen. Im nächsten Jahrbuch werden Coronagedichte im weitesten Sinn vermutlich das Zentrum bilden. Ein Abschnitt geht zu Ende. Das Jahrbuch der Lyrik feiert mit dieser 35. Ausgabe seinen 40. Geburtstag. Christoph Buchwald gibt den Stab des ständigen Herausgebers an den Programmverantwortlichen beim Berliner Haus für Poesie, Matthias Kniep, weiter. Wie immer lesenswert sind die Nachworte des Herausgeberteams. Carolin Callies hat „ein Püree aus Nachworten, Briefen, Dialogen und abschließenden Notizen und Anmerkungen aus 42 Jahren“ zusammengetragen und Christoph Buchwald hat in seinem letzten Nachwort dargelegt, „warum Geschmack kein Kriterium zur Beurteilung von Lyrik sein kann“. Vive la poesia!

2021 20 Feb.

The first Poet I met

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

A summer in the 1980s: F wore dark T-shirts and Palestinian scarves, he went to demonstrations and smoked home-rolled cigarettes without filters. Above all, F was the first poet I met in person. He lived only a few hundred meters away from us, and when I went down the stairs to his room in his parents‘ house and heard the rapid clacking of the typewriter keys and after a short hesitation (because I enjoyed that sound) I knocked at his door, he´d say, sit down, I just have to finish this poem. For me, it was the embodiment of freedom, how F sat at his desk, unperturbed by anything, and just wrote down what he was thinking at that moment. He pulled the paper out of the machine and read his latest work to me. I played the role of the critic, posed theses, interpreted, made suggestions. F was amused, and admitted again and again in amazement that he had by no means thought as much about his text as I had. It was unbelievable for me to experience how someone completely wrote down such a structure like a poem. F said it was quite easy and I should try it too. His poems were written in free verses in unjustified print, they took up political and private themes and, of course, I occasionally appeared in them. With all due respect, these works seemed to me to be too accessible, too little mysterious, and I thought that if I ever managed to write a poem, it would have to be very different.

 

2021 20 Feb.

Fischfrikadellen

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 4 Comments

 

Provisorische lilafarbene Küchen
Und dort Pommesbudengeburtstage mit gar nichts
second hand aber es macht mir nichts aus
an Weihnachten Zeitungen durchzuschaun

 

Wo das Fitnessstudio war und die Garage
und Reihen abgestandener Ehen
Keine Hand war so gut wie meine
Janet und John und Fischfrikadellen frittieren

 

Und wenn es eine Bedeutung hatte, und die hatte es
Immerhin lebten wir
Und wenn es eine Bedeutung hatte, natürlich hatte es die
Wir lebten immerhin
Immerhin lebten wir

 

Schule und Häuser zerfallen
in Ziegel und ihre Markierungslinien sind Gefängnis
Garagen und Kieselsteine klingen
Eichen aus Asbest hängen hoch

 

Ich wollte es nie, ich hab’s nie getan
Farbe und Bushaltestellen rühren was an
second hand aber es macht mir nichts aus
an Weihnachten Zeitungen durchzuschaun

 

Und wenn es eine Bedeutung hatte, und die hatte es
Immerhin lebten wir
Und wenn es eine Bedeutung hatte, natürlich hatte es die
Wir lebten immerhin
Immerhin lebten wir

 

Text: Sleaford Mods (Original siehe comment 1)
Übersetzung: Martina Weber

 

Im Sommer 2013 hievten Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier, ein junges Paar um die Dreißig aus Freiburg, ihre sorgsam gepackten Rucksäcke auf die Schultern und ließen sich von einem Freund mit dem Auto an die bulgarische Grenze fahren. Sie wollten so weit Richtung Osten, nach Kasachstan, Iran, Indien, Pakistan, Tokio und über den Pazifik usw., bis sie wieder in Deutschland ankommen würden, eine Reise ohne Flugzeug, also mit Bodenhaftung, einem natürlichen Zeitgefühl, Nachhaltigkeit und das meistgenutzte Verkehrsmittel sollte das Trampen sein. Die beiden machten Aufnahmen mit ihren Handykameras, um ihre Erinnerungen mit ihren Freunden und Familien zu teilen, sie tauschten ihre Erfahrungen als Filmemacher gegen Kost und Logis, beteiligten sich immer wieder an sozialen Projekten und ihre Route hatten sie nur vage geplant. Meist schliefen sie in ihrem kleinen Zelt, in Städten buchten sie Schlafplätze über Couchsurfing, nur gelegentlich mieteten sie eine feste Unterkunft. Das Alleinsein in der Wildnis. Die Stille in der Wüste. Geburtstag feiern in einem Zelt im Pamirgebirge in Tadschikistan, während der Schnee unablässig fällt, so dass die beiden den Schnee ununterbrochen von der Zeltplane abklopfen müssen, um nicht einzuschneien. Die Landschaften, die Weite, Fernstraßen. Erfahrungen, die nur möglich sind, wenn Vertrauen aufgebaut ist: Ein Schamane erlaubt dem jungen Paar, an einer Anrufung von Geistern teilzunehmen. Aus Respekt schalten sie die Kamera aus, als sich die Ahnen zeigen. Die Gastfreundschaft. Die Gelassenheit der Menschen. Handbemalte Busse. Weißgekleidete Sufis, die sich zu ihren Ritualen versammeln. Die Haut eines Elefanten berühren. Der Anblick des Fuji vor der Einreise nach Tokio. Weit – so nannten die beiden den Film – wurde zu einem Dokumentarfilm, der auf zahlreichen Festivals lief. Bis Ende Februar kann man den beeindruckenden Film unter diesem Link in der 3sat Mediathek ansehen (Dauer: ca. zwei Stunden). Man kann ihn auch über die Website der Filmemacher, wo es auch kleine Portraits über Reisebekanntschaften zu sehen gibt, erwerben. Von Tokio aus ging es in das Land, das sich die Reisenden für die Geburt ihres Kindes ausgewählt hatten: nach Mexiko. Per Containerschiff ging es später nach Barcelona; die letzten 900 Kilometer nach Freiburg wanderten sie zu Fuß. Sie waren bis Sommer 2016 unterwegs, länger als drei Jahre. Ein Lebensabschnitt. Eine lebensverändernde Zeit. Unvergessliche Eindrücke und Bilder.

2021 31 Jan.

Sie haben Knut

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 10 Comments

Zeit, mal wieder auf ein anderes Medium zurückzugreifen, die Zeit noch weiter zu entschleunigen und die Filme auf den VHS-Videokassetten durchzuschauen. Sie haben Knut kam im Jahr 2002 wahrscheinlich nur in die kleinen Programmkinos, lief irgendwann im Fernsehen und spielt im Winter 1983 in einem geräumigen Holzhaus in den österreichischen Alpen und in einem Skigebiet. Ein Paar in den Zwanzigern, sie sind seit acht Jahren zusammen, möchte hier ein ruhiges Wochenende verbringen, unerwartet trifft ein Teil des Freundeskreises des Bruders der Frau dazu, während der Bruder der Frau, Knut, auf sich warten lässt. Der Film bietet Zeitgeist 1983 pur: Politische Diskussionen, Abstimmungen, Zurechtweisungen im Namen der Gruppendynamik, heimliche Bewunderungen, Offenbarungen und typische  Redewendungen wie „Ich habe einen Anschlag auf dich vor“, ein Satz, den ich wirklich lang nicht mehr gehört habe. (Für die später Geborenen: Der Satz leitete eine mehr oder weniger aufwändig zu erfüllende Bitte ein.) Natürlich ist auch ein charismatischer Gitarrenspieler dabei, einmal entsteht eine spontane Musiksession der Gruppe. Zwei sehr unterschiedliche Jungs, elf und 14 Jahre, sind mit von der Partie. Ein wunderbar authentischer und in jeder Sekunde glaubhafter Film mit starken Nostalgieeffekten, die zu Lachausbrüchen führen können.

2021 18 Jan.

Nightwalk

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 10 Comments

 
 

Gelegentlich wurde hier auf dem Blog auf Unterschiede der Buchcovergestaltung von Original und Übersetzung hingewiesen. Kulturelle Codes, die in einem Land etwas antriggern, in einem anderen nicht – jedenfalls nach Einschätzung der Marketingabteilung. So entspricht das Arrangement auf dem Cover der deutschen Übersetzung von Chris Yates‘ Nightwalk wohl dem, was man hierzulande unter einem Aufbruch zu einer Nachtwanderung versteht: Da ist sich verdunkelnde, aber noch graue Himmel, da ist der unvollständige Mond, und wir sind umgeben von Ästen, Zweigen, Bäumen, die sich bald in Silhouetten verwandeln, und was sich uns dann, wenn wir es wagen, weiterzugehen, offenbart, auch wenn wir die Orientierung verloren haben, das ist im besten Fall pure Magie und unvergesslich. Die Nachtwanderung, an die ich mich am intensivsten erinnere, führte uns auf einem unbekannten Pfad im Odenwald in einen Waldweg hinein und immer weiter. Es waren Pfingstferien, ich war, was ich sehr selten tat, mit einer Gruppe unbekannter Jugendlicher auf einer Art Ferienfreizeit. Wahrscheinlich trug sie das Motto „Schau nach, was in dir steckt“ oder „Leben wär ’ne prima Alternative“, – tatsächlich gab es solche Veranstaltungen in dieser krisenbeladenen Zeit, in der wir nicht wussten, wann jemand in Moskau oder Washington auf den berüchtigten roten Knopf drücken würde, der die Welt in Atome zerlegt, noch bevor wir unser Abitur haben würden. Wir lebten eine Woche im Wald, schliefen in Holzhütten und jeden Tag gab es Diskussionen. Bis spät in der Nacht am Lagerfeuer zu sitzen und zu spüren, wie sich R, der sogar ein politisches Seminar leitete, immer näher zu mir setzte und schließlich sogar seinen Arm um meine Schultern legte, wühlte mich dann aber doch mehr auf als die politische Lage. Es war an einem späteren Abend, als R und ich im Wald spazieren wollten. Eine Schülerin fragte uns, ob sie mitkommen dürfte, und so gingen wir zu dritt. Wahrscheinlich redeten wir über alles Mögliche, mag sein, dass uns irgendwann eine Eule direkt in die Augen blickte oder dass ein Rotwild sein Geweih an einen Baumstamm stieß. Was ich nur weiß, ist, dass es sehr dunkel war. Plötzlich rannten von allen Seiten Schäferhunde auf uns zu, sie bellten laut und zeigten ihre spitzen Zähne. Ich war fest davon überzeugt, dass ich spätestens in einer Minute halb zerfletscht am Boden liegen und in diesem Wald sterben würde. Denn blendeten die Lichtkegel von Taschenlampen auf, das Grelle direkt im Gesicht. Es waren Soldaten. Wir hatten im Dunkel des Waldes ein Schild übersehen, das eine Sperrzone markierte und das Weitergehen untersagte. Sie machten uns Vorwürfe und ließen uns dann gehen. Wir hatten einander zwischendurch aus den Augen verloren. Als wir uns wieder trafen, kamen wir nah zusammen, zu dritt, und umarmten einander. Wir standen lange so da und sprachen nicht.

 

Von Samstag, 2.1., auf Sonntag gab es im Deutschlandfunk eine Lange Nacht zum Thema Rock- und Pop-Musik der fünf Jahrzehnte von 1970 bis 2020, zusammengestellt von Rainer Praetorius. Die dreistündige Sendung kann über diesen Link nachgehört werden, hier findet sich auch eine Titelliste. Der Anteil der Moderation ist extrem minimalistisch. Zuweilen beschränkt sich ein Übergang auf die Nennung einer Jahreszahl. Es wurde auch nur ein Teil aus der Liste gespielt. Meine Entdeckung war einer der wenigen Titel ohne Gesang: Untravel von Rival Consoles aus dem Album Persona (2018). Sehr lässig und unaufgeregt, doch mit einer subkutan tiefenwirksamen Spannungskurve.

 

Wer in North Dakota neben der Stelle, wo die nördlichen Eisenbahnschienen am Missouri entlangführen, unter einer Gruppe alter Amerikanischer Ulmen direkt auf die ersten Berge von Montana blickt und ein Loch gräbt, kann einen Eimer mit folgenden Gegenständen entdecken:

 

eine versilberte Blumenvase

ein Vergrößerungsglas

ein paar hellblaue Lockenwickler

einen Stapel von Schwarzweißfotografien mit Urlaubsfotos von den Pyramiden und anderen exotischen Plätzen von Übersee

eine Packung Camel mit Filter

ein Feuerzeug

einen Pfefferstreuer

eine bunte, handgroße Stoffpuppe

 

Würde ein archäologisch geschulter Zeitreisender aus einer fernen Zukunft versuchen, diese Gegenstände historisch zu verorten, würde er feststellen, dass die Fotografien einige Jahrzehnte älter sind als die Lockenwickler. Verschiedene Messtechniken sowie weitere Recherchen führen zu einer vermuteten Eingrabungszeit Mitte bis Ende der 1950er Jahre. Oder 1960. Korrekt wäre 1959.

 

He buried some of our things in a bucket. He said nobody else would know where we´d put them, that we´d come back and they´d still be here, just the same, but we´d be different. And if we never got back, somebody might dig them up a thousand years from now and would wonder.”

 

Charakteristisch für die Filme von Terrence Malick ist die Stimme aus dem Off, die den Film aus eigener Perspektive erzählt oder kommentiert und dadurch eine weitere Ebene über die Bilder legt. In Badlands ist es die Schülerin Holly, die spricht. Wundert man sich irgendwann darüber, dass Hollys Stimme in Anbetracht der sich überstürzenden Ereignisse von einer gewissen Lethargie geprägt ist, spürt man die Risse, die diesen Film prägen. Die Frau, die den Film erzählt, ist einige Jahre älter als der Teenager, der sich ins Geschehen treiben lässt. Doch warum wird die Geschichte trotzdem aus einer solchen Distanz und wie ohne innere Beteiligung erzählt? Diese innere Leere hat viele, auch politische Gründe, denn die Möglichkeiten für junge Frauen in dieser Zeit waren sehr begrenzt und begrenzend. Während Holly von der Szene erzählt, in der ihr älterer Freund Kit (und nicht etwa beide gemeinsam) ein paar Dinge (auch ihre!) vergräbt, spüren wir, dass Holly und Kit höchstwahrscheinlich niemals gemeinsam die Dinge, die Kit hier vergraben hat, ausbuddeln werden.

 

Gegenstände gemeinsamer Wertschätzung zu vergraben, scheint ein beliebtes Ritual US-amerikanischer Teenager und junger Erwachsener zu sein. Es geht hier darum, ein Geheimnis zu schaffen und zu bewahren. Auch in der von einigen Manas hochgeschätzten Serie LOST gibt es eine solche Szene. In einem Rückblick vergräbt die junge Kate eines Nachts mit ihrem Freund ein paar Schätze, darunter ein kleines Flugzeug. (Falls jemand weiß, in welcher Season und welcher Episode dies vorkommt, würde ich mich über einen Hinweis freuen.) In einem weiten Land, in dem nicht jeder Quadratmeter eine fest gelegte Funktion hat wie bei uns, ist das Vergraben kleiner oder großer Schätze aufregender als hierzulande.

 

Dennoch, was würde ich jetzt, rasch und heute in eine unverwüstliche Schatztruhe als eine Art Jahresbestenliste 2020 für die archäologisch ambitionierte Nachwelt packen?

 

einen Stein von der Ostsee, der auf eine Art vom Salz und den Wellen bearbeitet wurde, dass er aussieht wie ein Kopf mit einer nach oben hin schmal werdenden Stirn, zwei in etwas versetzter Höhe liegenden Augen und einem Mund, der mit viel Fantasie alle 32 Zähne zeigt und in den man verschiedene Stimmungsausdrücke hineininterpretieren kann

den Gedichtband Angle of Yaw von Ben Lerner

einen Jonglierball

die Verpackung von 500 g Singbulli Darjeeling second flush (aber ohne den Tee, der würde nicht so lange halten)

die CD Trip von Lambchop

den Film Badlands von Terrence Malick

 

Immer wieder gibt es hier auf dem Blog Versuche, ein parallel reading anzuregen, also Kommentare zu einem bestimmten Leseabschnitt eines Buches zu posten. Es ist jedoch offensichtlich nicht einfach, sich auf ein Buch zu einigen, das mehrere Manafonistas begeistert, und die zweite Schwierigkeit ist der Zeitplan, weil man ja immer erst etwas zu Ende lesen möchte und einen eigenen to-read Stapel liegen hat. Eine andere Möglichkeit bei gemeinsamer Begeisterung ist das zeitversetzte Parallellesen und Kommentieren eines Buches. Darum geht es hier. Es betrifft diesen Roman:

 
 

 
 

Am 3. November hat Jan hier einen Beitrag zum Debütroman von Andreas Heidtmann geschrieben. Jans Text hat mich begeistert und mich dazu veranlasst, endlich diesen Roman zu bestellen, was ich schon lange vorhatte. Während ich das Buch las, vergaß ich, was Jan dazu geschrieben hatte, dann las ich Jans Posting nochmal. Und stellte fest, dass ich den Roman ziemlich anders wahrgenommen habe.

Worum es geht, in einem Satz? Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken des jugendlichen Ben Schneider, der in Lippfeld lebt, im Sommer 1974, geschrieben aus Bens Perspektive, jedoch in der Sprache des erwachsenen Autors Andreas Heidtmann.

 

Lippfeld: Lippfeld wird im Roman bezeichnet als „das entlegenste Kaff der Welt“. Aber wo liegt es? Einmal fährt Ben mit dem Bus von Essen-Werder über Bottrop und Gladbeck bis Lippfeld. Im Ortsverzeichnis des Dierke-Atlas gibt es keinen Eintrag für Lippfeld. Gut, im Dierke ist nicht jedes Kaff der Welt verzeichnet. Wer aus süddeutscher Perspektive „Lippfeld“ als Ortsnamen präsentiert bekommt, glaubt gerne, dass es sich um einen Ort in Nordrhein-Westfalen handelt. Gibt man jedoch in einer Internet-Suchmaschine Lippfeld ein, erscheint … der Titel des Romans von Andreas Heidmann! Der Ortsname ist also erfunden. Das könnte ein klassischer, kluger Schachzug sein, um sich vor zufälligen Ähnlichkeiten der im Roman vorkommenden Personen und Handlungen mit tatsächlichen Personen oder Handlungen zu schützen. In diesem Roman ist es aber mehr. Der fiktive Charakter des Ortes der Haupthandlung ist ein wichtiger Mosaikstein meiner These, dass es sich bei den meisten Schilderungen um eine Parallelwelt handelt, die einzig und allein in der Fantasie der Hauptfigur Ben Schneider entsprungen ist. Und zwar mit dem Ziel, sein Leben in Lippfeld erträglich zu gestalten.

 

Die Parallelweltthese: wird im Roman immer wieder aufgegriffen und bestätigt und zieht sich so raffiniert wie diskret als roter Faden durchs Buch. „Ich sah mir zu, als hätte ich einen Zwilling an meiner Seite, der soeben als zweites Ich aus meiner Person getreten war.“ (S. 50) „Ich kam mir vor wie in einem Film, der plötzlich in vielfacher Geschwindigkeit ablief. Und mit Szenen, die nicht im Drehbuch standen.“ (S. 55) „Es musste Paralleluniversen geben. Vergessene Universen.“ (S. 162) „Es war ihr [Rebeccas, M.W.] Rad, während ich nur ein Besucher aus einer anderen Galaxie war.“ ( S. 284) Hinzu kommen viele kleine surreale Passagen, oft ein kleines Wunder am Ende eines Kapitels wie einmal, als Ben einen Prittstift in Richtung Himmel schleudert „und sah, wie er als kleiner Komet in der Sonne verschwand.“ (S. 55) Ohne eine Parallelwelt wäre es auch unstimmig, dass Ben gefühlt mindestens eine Packung Camel pro Tag raucht, seine Eltern aber nichts davon mitbekommen. Ein weiterer Hinweis auf die Parallelwelt ist, dass der nächtliche Einbruch ins Kiosk und der Diebstahl keinerlei Konsequenzen hat. Der wichtigste Hinweis erfolgt im letzten Kapitel, in einer Passage über Susanne, siehe unten im Abschnitt Die Beziehung zwischen Ben und Susanna.

 

Dramaturgie: Bemerkenswert finde ich, wie gut die Dramaturgie funktioniert, obwohl sich normalerweise ein real existierender Lebensabschnitt in die Einordnung der Spannungskurve, die ein Handlungsroman gewöhnlich erfordert, entzieht. Handlungsstränge werden immer rechtzeitig abgebrochen, bevor die Spannungskurve abflauen könnte. Immer wieder geschieht Überraschendes, sei es im Innern des Protagonisten oder im äußeren Handlungsablauf. Zwei lange, wunderschöne, berührende Briefe bauen eine tiefe Freundschaft in einer weiteren Parallelwelt von kosmischer Dimension auf.

 

Verfilmung: Eine Verfilmung des Buches kann ich mir nur als Enttäuschung vorstellen. Die Stärke des Romans liegt in der Sprache und in der Art, wie der Protagonist etwas wahrnimmt und wie er das, was man Realität nennt, durch seine Wahrnehmung und Beschreibung verwandelt.

 

Bens Perspektive: Ben betrachtet seine Umgebung sehr genau, geradezu soziologisch, was damit zusammenhängen könnte, dass sein älterer Bruder Soziologie studiert. Erstaunt haben mich die vielen Bemerkungen zu Äußerlichkeiten wie Kleidung, Schmuck und immer wieder Gesten. Ich hätte nicht gedacht, dass Jungen in diesem Alter ihre Umgebung derart aufmerksam betrachten. Erstaunt hat mich, wie viele Begriffe aus der Botanik erwähnt wurden, jedenfalls deutlich mehr als Automarken. Wie in Kirstin Breitenfellners Roman „Als die Welt unterging“ über eine Jugend in den 80er Jahren, über den ich hier mit der Autorin ein Interview geführt habe, schreibt auch in diesem Jugendroman die Hauptfigur Tagebuch.

 

Musik: Da ich im Sommer 1974 weder die Hitparade noch die outlaw- und underground Musikszene verfolgt habe, kannte ich viele Namen oder Musiktitel nicht. Ein Kommentator der Rezension des Romans auf Fixpoetry hat darauf hingewiesen, dass Fans des Romans auf spotify eine Zusammenstellung der 80 Musikstücke erstellt haben, hier dazu der Link. Wie gerne hätte ich Smoke On The Water als Luftgitarrennummer des im Roman sehr charismatischen Mick Palmer gesehen.

 

Markenprodukte, Namedropping: Fiel mir nicht negativ auf. Allenfalls kam der Kinderschokoladenscheitel ein bis zwei Mal zu oft vor.

 

Die Beziehung von Ben und Susanna: Eigentlich eine hinreißend schöne und romantische Teenagerliebe, inklusive einer kleinen Krise. Ja, und ich stimme Jan darin zu: diese Liebe ist nicht für die Ewigkeit. Aber aus einem anderen Grund, als Jan es annimmt, und zwar deshalb, weil Susanna nur in der Fantasie von Ben existiert.  Klar wird das erst im letzten Kapitel, und nur in ein paar Sätzen: „Zwischen den Jägerzäunen und akkurat geschnittenen Hecken hatte Susannas Erscheinung in der Tat etwas Unwirkliches. Schwerkraftentrücktes. Ihre Turnschuhe schienen den Asphalt kaum zu berühren (…) Was mich bestürzte, selbst wenn ich es für eine Sinnestäuschung halten musste, war, dass ihre zierliche Gestalt in der Straße keinen Schatten warf.“ Und weil Susanna nur in Bens Gedanken lebt, existiert sie eben doch für die Ewigkeit.

 

Rebecca und Ben: Jan schreibt: „man spürt, dass Rebecca und Ben, als sie sich an der Folkwang-Akademie kennenlernen, nie ernsthaft zusammenkommen werden, weil sie aus zwei inkompatiblen sozialen Schichten stammen.“ – Das ist eine interessante Sichtweise. Immerhin teilen Rebecca und Ben eine gemeinsame Leidenschaft, das Klavierspielen. Und sie spielen vierhändig und lachen zusammen. Das ist keine schlechte Voraussetzung für eine Jugendliebe. Es treffen hier also keineswegs ein ungebildeter Underdog und eine sophisticated young Lady zusammen. Ben ist auf einem altsprachlichen Gymnasium. Ich gehe davon aus, dass sich die Geschichte zwischen Rebecca und Ben weiter entwickelt, sobald Rebecca ihre Frisur ändert. (Sie trägt entweder einen oder zwei Zöpfe.)

 

Fazit und Ausblick: Dass der Roman verschieden wahrgenommen werden kann, um eigene Parallelwelten beim Lesen zu kreieren, ist eine der Stärken des Buches. Selbst wer im Jahr 1974 nicht gerade zufällig 14 ½ Jahre alt war wie Ben (wenn ich das richtig in Erinnerung habe), vergleicht eigene Erfahrungen mit denen des Protagonisten und seines sozialen Umfelds. Auf einige Fragen, die Jan aufgeworfen hat, nämlich die nach der Entwicklung der Liebes- bzw. Freundschaftsbeziehungen, werden wir voraussichtlich in den kommenden Jahren Antworten erhalten. Ich habe nämlich von Andreas Heidtmann höchstpersönlich erfahren, dass es sich bei seinem Roman um den Anfang einer Trilogie handelt. Ich schlage jetzt schon ein parallel reading vor, oder wenigstens ein time-shifted parallel reading.

 

P.S.: Wie wir uns lange Zeit nicht küssten, als ABBA berühmt wurde ist zwar der Debütroman von Andreas Heidtmann, jedoch ist es nicht sein erstes Buch. Bereits im Jahr 2005 erschien sein Kurzgeschichtenband Storys aus dem Baguette.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz