Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Vor ein paar Tagen hat Julietta Fix, die Gründerin der Lyrikplattform fixpoety.com, mit dieser Notiz bekannt gegeben, dass sie mit Ende des Jahres den Betrieb von Fixpoetry einstellt. Unter den Lesenden dieses Blogs ist fixpoetry eher nicht so bekannt, obwohl ich auch mal darauf hingewiesen habe. In der Lyrikszene jedoch ist Fixpoetry gleichzeitig so etwas wie eine kleine Tageszeitung und ein täglich wachsendes Archiv, ein gemeinschaftsbildendes Element. Julietta Fix hat die Website im Jahr 2007 gegründet. Jeden Tag, jeweils um Mitternacht, erscheint ein neuer Text des Tages, meist ein Gedicht, fast täglich erscheinen Rezensionen, vor allem von Gedichtbänden aus kleinen und kleinsten Verlagen, von denen die allermeisten keine Chance haben, jemals im Radio oder gar in den Feuilletons von Zeitungen besprochen zu werden. Dazu gibt es die von Frank Milautzcki betreute Fixzone mit täglichen Neuigkeiten, vor allem aus der Welt der Lyrik. Seit langer Zeit klicke ich mich jeden Tag auf Fixpoetry, lese Gedichte, habe Gedichtbände und anderes aufgrund von Rezensionen oder Hinweisen gekauft. Auch meine beiden Gedichtbände wurden auf Fixpoetry besprochen. Ich kenne viele Schreibende, deren erste Publikation auf Fixpoetry als Text des Tages erfolgte, und ich weiß, wie glücklich sie darüber sind. Jeder Text des Tages wird mit einem Autorenportrait verlinkt, das sich auf der Website unter der Rubrik Autoren alphabetisch geordnet findet. Juliettas Engagement für die Poesie ist einzigartig. Mit dem sogenannten Poetryletter, ausgedruckt als kleine Plakate erwerbbar, hat sie Kunstwerke, die ein Gedicht visuell mit einer Grafik oder Fotografie umsetzen, ermöglicht, hier der Link zu einem wunderbaren Archiv. Julietta hat den Gertrud Kolmar Preis gegründet, einen Lyrikpreis, der sich ausschließlich an Frauen gerichtet hat und im Jahr 2019 vergeben wurde. Julietta hat nicht nur schwerpunktmäßig Gedichten und Lyrik Scheibenden ein Forum geboten, sondern auch Rezensentinnen und Rezensenten. Und warum hört sie auf? Weil es für ihr Engagement in unserem Literaturbetrieb trotz jahrelangem Bemühens kein Geld gibt und weil selbst ein solches Engagement irgendwann an Grenzen stößt. Julietta hatte dieses Problem seit Jahren immer wieder angesprochen. Vor einiger Zeit hatte sie eine freiwillige Paywall eingerichtet und immer wieder die stetig steigende Zahl an Lesenden zu Spenden aufgerufen, aber es ist nicht genug Geld zusammen gekommen. Nun hat Julietta angekündigt, dass die Website zunächst als Archiv noch im Netz bleiben wird. Allein in der Rubrik „Lyrik“ im Archiv des Feuilletons finden sich 1822 Treffer, also 1822 Rezensionen zu Gedichtbänden. Ab dem kommenden Jahr wird die Welt der Lyrik sehr viel ärmer. Ein solches Projekt wird es nie wieder geben. Ein großes Dankeschön an Julietta Fix.

Es muss im Februar 2012 gewesen sein, als Julia Wörle auf der Lesebühne in Darmstadt als neue Teilnehmerin von Kurt Drawerts Textwerkstatt vorgestellt wurde und einen Prosatext las. Ich saß in einer der hinteren Reihen. Julia trug eine schwarze Lederjacke, ihr Text hatte den Titel Casino und verhandelte eine schonungslose Analyse von Machtverhältnissen aus der Sicht einer jungen Frau. Es gibt verschiedene Arten von Stille während einer Lesung. Die Stille während Julias Lesung war getragen vom Respekt gegenüber diesem Text, der unter die Haut ging und etwas wagte. Julia Wörle gelingt es zudem in ihren Texten, mit wenigen Sätzen eine intensive Stimmung zu erzeugen. Nach der Lesung sagte mir Julia, es sei lange her, dass sie den Text geschrieben habe, er sei in Nummer 7 (2002) der Münchener Literaturzeitschrift ausserdem veröffentlicht.

 

Nach einem weiteren großen Zeitsprung ist nun endlich vor ein paar Wochen Julia Wörles erster Prosaband erschienen: Die kleinen Manöver. In der Mitte des Covers findet sich ein Rettungsring, und zwar genau in dem Moment, in dem er jemandem mit einem Seil zugeworfen wird und es darauf ankommt, ihn aufzufangen. Im Hintergrund Muster wie auf einer ziemlich alten Tapete, Muster, die nach unten hin verblassen, und darunter öffnet sich eine blaue Fläche,  das Meer vielleicht oder der Himmel oder auch gar nichts. Rechts oben auf dem Cover, als sei es auf jedes Buchexemplar einzeln mit einem pinkfarbenen Leuchtstift hingekritzelt: „Fuck off / I love you.“

 

Die kleinen Manöver: Episodenroman

 

Die Stärke der zwölf Erzählungen liegt – wie in Casino – darin, Nuancen von Machtverhältnissen in Beziehungen sehr verschiedener Art zu erkennen und dafür eine wunderbare Sprache zu finden. „Das Wesentliche spielt sich in den Zwischenräumen ab“, heißt es einmal (S. 114). Das ist Programm, nicht nur für die sehr poetische Sprache, die immer wieder mehrere Wahrnehmungs- und Assoziationsebenen antippt, sondern auch für das Personal und die Handlungsorte. Ein einfaches Hotel an einer Ausfahrtsstraße zum Beispiel. Oder ein Designer-Großraumbüro. Ein Yogakurscenter in Indien. Der Strand auf Coney Island bei New York. Ein verstorbenes Haus. Oder hier, einer dieser Clubs:

 

„Sie sieht sich kurz in einem der vielen Spiegel: eine kompakte, dunkel gekleidete Gestalt. Das Zerbrechliche, Instabile ist in ihren Augen. Blicke wie splitterndes Glas. Sie stellt sich an die Bar, Alkohol sammelt sich schwer in ihrem Körper. Die Musik fährt ihr unter das Zwerchfell, sie weiß nicht wohin mit den Händen.“

 

Das Buch Die kleinen Manöver wird auf dem Cover als Episodenroman bezeichnet. Personen tauchen in verschiedenen Texten wieder auf, vereinzelt liegen Jahrzehnte dazwischen. Manchmal kehren Personen nur in der Erinnerung zurück, wie kleine Geister, die weggelaufen sind, ins Nirgendwo. Im Anhang finden sich drei Übersichten, die das gesamte Personal der Erzählungen und ihre Verbindungen aufzeigen. Das funktioniert. Allerdings hatte ich Verbindungen teilweise auch anders gesehen und ich hätte mir auch vorstellen können, dass eine Figur unter einem anderen Namen in einer anderen Geschichte wieder auftaucht. Das erweitert die Lesarten.

 

In allen Erzählungen geht es um existenzielle, lebensprägende Erfahrungen, Entscheidungen, Wendepunkte, zumeist angesiedelt im privaten oder familiären Bereich. Es ist immer wieder die Sprache, es sind die anschaulichen Vergleiche, die Bilder, die aufblitzen, als wollten sie sagen, hey, lass ma´, sieh es doch so:

 

„Gerda hat die Silhouette eines Panzerkäfers, eine Frisur, die wie der Plastikhelm eines Playmobilmännchens auf ihrem Kopf sitzt, schnurgerade geschnittene Fingernägel.“ (S. 7)

 

„Das Hotel ist ein alternder Rockstar, unter dem Samt drücken sich die Knochen durch, Farbe blättert ab, im sanitären Gedärm rumpeln und schwappen Erinnerungen.“ (S. 153)

 

„Alles nur ein Spiel.“ (S. 103)

 

Farben spielen in dieser Prosa eine große Rolle. Als ob eine ganze Farbpalette in den Geschichten verarbeitet sei. Grün lackierte Fingernägel eines Mädchens. Ihre pinkfarbene kleine Tasche. Ein helles Gelb, wie ein T-Shirt oder eine Blüte, gepflückt vom Blumenstrauß eines Vorzimmers eines Beratungsunternehmens mit Karriereambitionen.

 

„(…) und dass ich Leuten nicht vertrauen kann, deren Geschichte ohne Dellen ist.“ (S. 44)

 

Es gibt Texte wie die Titelgeschichte Die kleinen Manöver, bei denen ich mir nur vorstellen kann, dass die Zuhörenden während Julia Wörles Lesung einfach vergessen, weiter zu atmen.

 

Phosphor. Ein Leuchten im Dunkeln.

Im Januar 2016 erklärte Robert Coover im Gespräch mit Denis Scheck im Büchermarkt des Deutschlandfunks, was für ihn in der Literatur „Realismus“ bedeutet. Er sagte, Kafka habe ihn gelehrt, was Realismus sei. Der Realismusbegriff bei Kafka bestünde in einer Art Treue zu der Metapher, mit der man beginnt.

 

Dies gilt natürlich auch für den Film. Betrachten wir Synecdoche New York von Charly Kaufman unter dem Aspekt, welche Grundmetapher in den ersten Minuten etabliert wird. Das erste Bild zeigt den Blick auf einen Digitalwecker. Es ist 7:44 Uhr. Das Radio läuft, es ist der 22. September, eine Professorin spricht im Interview über den Herbst in der Poesie. Caden Cotard (wir wissen noch nicht, dass er so heißt) schlägt beim Frühstück die Zeitung auf, in der Datumszeile steht Freitag, der 14. Oktober 2005. Harold Pinter wird für den Nobelpreis nominiert. „Harold Pinter at 76, a sense of Validation“ lautet die Schlagzeile. Aber Moment, Harold Pinter wurde am 10. Oktober 1930 geboren, er hatte also erst vor vier Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert. Die Kurzmeldungen der gleichen Zeitung sind mit „October 17“ datiert. Auf dem Tetrapack mit der Milch steht „Oct 20“, aber die Milch ist schon abgelaufen. „Happy Halloween“ läuft im Radio. Caden ist aber immer noch mit seiner Tochter und seiner Frau am Frühstückstisch. Auf der Zeitung steht nun „Wednesday November 2, 2005“. Am Abend ist Caden mit seiner Familie im Auto unterwegs und wir erfahren, dass es Freitag ist. In der nächsten Einstellung ist Caden im Behandlungszimmer eines Augenarztes, der Wandkalender ist aufgeschlagen im Monat März 2006, während Caden sich dafür bedankt, dass er so kurzfristig einen Termin erhalten hat. Der Film läuft erst seit ein paar Minuten, aber selbst wenn man ein paar der Daten überlesen oder überhört hat, müsste eines deutlich geworden sein: Hier stimmt etwas nicht mit der Zeit. Der unzuverlässige Umgang mit der Zeit scheint die Grundmetapher zu sein, vermutlich haben wir es mit einem unreliable narrator, einem unzuverlässigen Erzähler, zu tun. Synecdoche New York zieht sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hin.

 

Im Interview beim London Filmfestival 2008 antwortet Charlie Kaufman auf die Frage “How do you know which rules to stick to and which rules to break?”: “I don´t think there are any rules.” Das ist natürlich ein Satz, mit dem ein erfolgreicher Filmemacher ein Publikum, das gern ein paar Geheimnisse erfahren hätte, zum Lachen bringen kann. Denn, selbstverständlich, handelt es sich bei Synecdoche New York um eine hochintelligente, komplett durchdachte Gesamtkomposition inklusive einiger hübsch eingestreuter selbstreflexiver Elemente. So erzählt die Kartenverkäuferin dem Theaterregisseur Caden stolz, dass sie gerade den Prozess läse und gar nicht gewusst hatte, wie berühmt das Buch sei. Und später wird Krapp’s Last Tape, ein Theaterstück von Beckett, erwähnt. In diesem Stück, das auf Deutsch Das letzte Band heißt, befindet sich ein alter Mann auf der Bühne, der sein Leben reflektiert und kommentiert, indem er eigene Tonbandaufnahmen mit tagebuchartigen Notizen aus verschiedenen Lebensphasen auswählt, anhört und mittels neuer Aufnahmen kommentiert. Was ist also Synecdoche New York? Traumlogik, Selbstreflexion (und Reflexion der Selbstreflexion), unberechenbare Zeitsprünge, Endzeitstimmung, grundlose und unfaire Verfolgung durch anonyme Mächte? Jedenfalls geht es vor allem darum, ein ganz großes Kunstwerk zu erschaffen, ein Lebenswerk, und dafür gibt es Bühnen innerhalb von Bühnen innerhalb einer großen Bühne. Nach einer Stunde und 41 Minuten Filmzeit erklärt eine Putzfrau in ein paar Sätzen das gesamte Stück bzw. den Film. Oder ist es die Schauspielerin, die die Putzfrau spielt? All those thoughts we don’t know, it’s the truth of it.

 

P.S. Catherine Keener spielt in Synecdoche New York eine Mutter und Künstlerin, die sich auf Mikro-Gemälde spezialisiert hat. Sie malt die Bilder unter einer Vergrößerungsglas-Brille und Besucher*innen ihrer Ausstellung schlendern ebenfalls mit solchen Brillen durch die Halle. Grund genug, um Catherine Keener in die Liste meine favourite actresses aufzunehmen.

2020 20 Okt.

The World´s First Ghost

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The World´s First Ghost

(zur Erinnerung an Jason Molina (1973-2013)

 

Wir hatten nur ein paar Nächte
in seinen letzten paar Monaten im Land.
Ich dachte, er hätte kein Geld,
deshalb kaufte ich eine Kiste mit seinen alten CDs
(keine Ahnung, ob´s half) für den Plattenladen,
in dem ich damals gearbeitet habe.
Es gab diverse aufgedrehte Telefonate
(ne Menge Warron Zevon-Gespräch)
verworfene Pläne für Treffen.
Ein Gig oder zwei, tagsüber schon einige Bier,
und dann solche Geschenke wie ein Feuerwerk,
das Merle Haggard Songbuch,
ein altes Pendleton Shirt
(immer noch nicht getragen – schließlich hatte er fünf sechs …),
ein Lieblings-Gedichtband (Marvin Bell).
Ich hörte von seiner Plattenfirma,
dass er zurück nach Hause musste,
wasauch immer, wohinauchimmer das damals bedeutet hat.
Vielleicht ein Platz, an dem er nicht über sich selbst stürzen würde,
oder wenn, dann mit einer Landung auf weicherem Grund.
Das Land des Nichts-ist-umsonst,
sicherlich nicht Medikamente, und keine Sicherheit.
Er sang Oh Grace!

 

The poem is taken from Will Burn´s collection of poetry “Country Music” (2020). Translation: Martina Weber

Original poem see comment 1.

 

 
 

Jemandem eine selbst gesprochene digital gespeicherte Nachricht zukommen zu lassen, ist heutzutage für viele selbstverständlich geworden. Einen anderen Flair hat eine solche Aufnahme, wenn sie auf einem Trägermedium gespeichert wird und nicht mehr verändert oder gelöscht werden kann, zum Beispiel auf einer Schallplatte. Wie das funktioniert, kann man in Terrence Malicks faszinierendem Film Badlands sehen. Kit beschließt nach einem Gewaltakt, mit seiner Freundin Holly aus Fort Dupree/South Dakota zu fliehen. Um die Autoritäten auf eine falsche Spur zu locken, produziert er eine Sprachnachricht, die dann in einem Loop auf einem Plattenspieler neben einem brennenden Haus ein uns andere Mal abgespielt wird. In einem telefonzellengroßen Mini-Studio (Record Booth) kosten fünfzig Sekunden Aufnahme im Jahr 1959 fünfzig Cent. Man muss zwischen einer Aufnahmegeschwindigkeit von 78 oder 45 Umdrehungen pro Minute wählen. Am Ende fällt eine kleine Schallplatte aus einem Schacht, wie wir ihn aus Fotoautomaten kennen. Das Aufnahmegerät ist ein Voice-O-Graph. Mitte der 1930er Jahre erfand Alexander Lissiansky ein Vorläufermodell; am 31. Dezember 1940 reichte er ein Patent für den Voice-O-Graphen ein. Bis in die 1960er Jahre wurden die Modelle weiterentwickelt, dann wurde die Produktion eingestellt. Vermutlich hatten Tonbandgeräte und Kassettenrecorder die Funktion des Voice-O-Graphen übernommen. In zahlreichen Filmen, von Marine Raiders aus dem Jahr 1944 über M*A*S*H* (1973) bis Masters of Sex (2013) tauchen Szenen mit einem Voice-O-Graphen auf, hier eine Filmliste und ein Zusammenschnitt der entsprechenden Voice-O-Graphen-Szenen. Falls sich von Filmen auf die Realität schließen lässt, könnte man vermuten, dass diese Aufnahmeboxen in den USA vor Jahrzehnten geradezu weit verbreitet waren. In Großbritannien und Frankreich scheint es einige Sondermodelle gegeben zu haben. Wie bei der Jukebox, gibt es auch beim Voice-O-Graphen einen Retrotrend. Wer seinen Voice-O-Graphen verkaufen möchte, findet über diese informative Seite glückliche Abnehmer.

2020 28 Sep.

Funkstille

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In der Straße, in der ich wohne, wird gerade ein Teil eines Films gedreht. Vergangene Woche fiel mir eine kleine Menschentraube vor einem Nachbarhaus auf. Ein Teil des Teams, ansonsten Schaulustige. Als ich in einem großen Bogen, um nicht zu stören, mit dem Rad vorbeifuhr, sah ich einen Schauspieler auf einer Bank vor einem Nachbarhaus sitzen. Normalerweise befindet sich dort keine Bank. Es gab auch zwei Graffitis an der Hauswand. Kann aber sein, dass die vorher schon dort waren. Die Leute stehen auf ihren Balkonen oder bleiben vor der Haustür stehen und schauen zu. Ein Security-Mann in schwarzem Overall bat Umherstehende darum, sich zu entfernen oder nach Hause zu gehen. Heute drehen sie wohl auch an dem Park hier, in dem es einen großen Sandstein-Brunnen mit Figuren aus altgriechischen Sagen gibt. An einem Wohnwagen steht der Titel des Films: Funkstille. Ein Tatort. Ich bin keineswegs ein ausgeprägter Krimifan; ich wüsste noch nicht einmal, ob ich mir die Funkstille mit Aufnahmen aus dieser Straße ansehen würde. Vor vielen Jahren war ich Mitarbeiterin einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe an einem Forschungsinstitut. Wir trafen uns Donnerstag Nachmittags, um die vom Leiter der Gruppe ausgewählten wissenschaftlichen Aufsätze zu diskutieren und über unsere Arbeiten zu sprechen. Zu Beginn des Treffens fing M, der Gruppenleiter, immer ein Gespräch über den Tatort vom Sonntag an; er diskutierte den Tatort regelrecht durch. Als ich neu in die Gruppe kam, machte er eine Bemerkung, die es fast etwas entschuldigend wirken ließ, dass er so intensiv über den Tatort diskutierte. Es war definitiv eine Routine und die anderen machten mit. Ich fühlte mich ausgeschlossen und dachte darüber nach, auch den Tatort zu schauen, obwohl ich ihn eigentlich nicht sehen wollte, und ich dachte mir, ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wie ich meinen Sonntag Abend verbringe, nur um hier mitdiskutieren zu können. Ich trat aus der Gruppe aus, allerdings nicht wegen des Tatorts, und ich beschloss, nie wieder etwas zu tun, von dem ich nicht überzeugt sein würde. Als vor ein paar Jahren erfuhr, dass jemand eine Wikipediaseite über mich angelegt hatte, fand ich unter den Publikationen, die mir zugeschrieben wurden, eine Dissertation über die Strafbarkeit des Hausfriedensbruchs. Ein Buch, das ich definitiv nicht geschrieben habe, und ein Thema, um das es in dieser Arbeitsgruppe auch nicht ging. Da ich an dieser Wikipediaseite nicht herumwerkle, habe ich den Eintrag auch nicht korrigiert. Wikipedia ist schließlich nicht der Brockhaus; kleine Fehler können auch bereichernd wirken.

2020 12 Sep.

In search for the art to come

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Zunächst hatte Sarah Treem, die ausführende Produzentin von The Affair, nur drei Staffeln geplant, dann aber wurden es fünf und wie bei LOST gewinnt die Serie, je weiter die Geschehnisse fortschreiten und sich weiter verwickeln, an Tiefendimension. In der letzten Staffel, die im Jahr 2019 spielt, wird gar eine Zeitebene aus dem Jahr 2051 hinzugeschaltet und tatsächlich gibt es neben ein paar technischen Pannen und eher putzigen technischen Errungenschaften auch dann noch Menschen, die richtige Bücher lesen und solche, die sie schreiben. Im Lauf dieser Serie, dies als Mikroinfo, tauchen zwar immer wieder diverse „Affären“ auf; im Zentrum allerdings stehen die Folgen einer Affäre, die in der ersten Staffel begonnen und das Leben der beteiligten Familien auf den Kopf gestellt hat. Dieser Haupthandlungsstrang mit allerlei Verwicklungen dürfte eine erzählte Zeit von ungefähr acht Jahren umfassen. Das große Thema dieser Serie berührt letztlich die Epigenetik, also die Wissenschaft davon, wie sich beispielsweise Traumata auf spätere Generationen auswirken können. Die Dialoge sind hochintelligent, immer wieder überraschende Wendungen, Haken schlagen, aber auch Witz und Humor. Ich dachte immer, flash mob sei eine politische Underground-Aktionsform. Wer The Affair gesehen hat, weiß, dass es auch ein zeitgenössischer und doch ur-amerikanischer Gruppentanz ist, mit Elementen von hochgestreckten Armen und auf den Handtellern balancierenden Pizzen und Gesten von Knutschern. Man kann immer wieder feine Beobachtungen machen und Verflechtungen entdecken: Bücher spielen eine große Rolle; einmal erkannte ich Ginsbergs Howl im Regal in einer Buchhandlung und eine Autorin las im Flugzeug Joan Didions White Album. Am Ende wird es ein Buch mit dem Titel Montauk geben, und es hat mich überrascht, wer es geschrieben hat. Auch die Waldbrände in Kalifornien spielen eine wichtige Rolle. Einmal wird die wunderbare junge Whitney, die einen Job in einer drittklassigen Galerie in Los Angeles hat, auf einer Party gefragt, was sie sich wünschen würde, wenn sie alles haben könnte. Sie sagt: „Well… Somebody would give me the money to start my own gallery where I could foster new artists. Younger artists. So much what I see now feels recycled, redundant … built for an audience that already exists as opposed to in search for a new one. I’d want to promote artists that are digging deeper, that are looking for something amorphous that haunts them, that haunts me that I just don’t have the language for.” The Affair ist ein solches Kunstwerk. Und plötzlich wird ein Gemälde enthüllt, auf dem man selbst mit einer solchen Wucht von Wahrheit abgebildet ist, dass man erstarrt.

2020 1 Sep.

Fast unscheinbare Gesten

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„Die meiste Zeit weiß man im Grunde gar nicht, was die beiden voneinander halten. Sie tauschen bedeutsame Sätze über afrikanische Bestattungsriten aus, über Tod und Rachebedürfnis und andere Nichtigkeiten. Aber wie sie sich anschauen, das gehört zum Erotischsten, was das Kino zeigen kann. Selten hat man in letzter Zeit eine intensivere Liebesszene gesehen, als die, in der nicht mehr zu sehen ist, als wie sich Silvia nur für einen Moment an Tobins Schulter schmiegt.“ Das ist ein Zitat aus einer Filmbesprechung aus der taz, die vor etwa 16 Jahren erschien. Leider weiß ich den Autor/ die Autorin dieser Zeilen nicht, weil ich nur den letzten Abschnitt der Besprechung ausgeschnitten habe. Solche feinen Beobachtungen bringen mich dazu, einen Film sehen zu wollen. Die Dolmetscherin / The Interpreter lief vor vielen Jahren auf ARTE, und ich habe das damals noch auf VHS Videokassette aufgenommen. Visuell ein dramatischer Rückschritt und auch nur auf deutsch, aber gestern Abend wollte ich den Film unbedingt nochmal sehen. Es gibt noch dezentere Gesten zwischen der Dolmetscherin (Nicole Kidman) und dem Security-Man (Sean Penn) als diese Umarmung. Als der Sicherheitsbeamte kurz davor ist, die Wohnung der Dolmetscherin zu verlassen, erzählt er ihr in ein paar Sätzen, wie seine Frau zwei Wochen zuvor gestorben ist. Und wie reagiert die Dolmetscherin? Sie hört aufmerksam zu. An einer anderen Stelle geht sie im Gebäude der UNO eine breite Treppe herunter, sie sieht den Security-Mann unten stehen, lächelt. Dann erkennt sie seinen Blick und spürt, dass er keine guten Nachrichten hat. Ihr Gesichtsausdruck spiegelt die Veränderung ihrer Gedanken. Das läuft innerhalb von Bruchteilen von Sekunden ab und man kann so etwas schnell übersehen. Aber es sind genau diese wortlosen, fast unscheinbaren Gesten, die es nur in grandiosen Filmen gibt.

“Die Wüste”, schreibt Jean Baudrillard in seinem immer noch inspirierenden Essayband Amerika, “ist eine natürliche Verlängerung der inneren Körperstille. Wenn die Sprache, die Technik und die Bauwerke des Menschen eine Verlängerung seiner konstruktiven Fähigkeiten sind, ist die Wüste eine Fortsetzung der seiner Fähigkeit zur Abwesenheit; sie ist das ideale Schema seiner verschwundenen Form.“ Gus van Sants Film Gerry aus dem Jahr 2002 ist fast so etwas wie ein magischer Essayfilm über das Verschwinden. Während Werner Herzog in Fata Morgana die afrikanische Wüste durchquert und unsere Fantasie mit mythologisch-realen Bildern versorgt, kreiert Gerry einen Bewusstseins- oder Unterbewusstseinsraum. Die knappste Skizze des Ausgangspunktes der Handlung: Zwei junge Männer sind mit einem Mercedes in der Wüste unterwegs. Sie halten an einem „Wilderness Trail“ und verlieren beim Versuch der Rückkehr zum Wagen den Weg. Wie sich herausstellt, ist diese Betrachtung bereits Teil einer Interpretation. Wie bei Béla Tarr sind die Verwandlung der Landschaft und der Kamerablick Träger der Handlung. Die Spannungskurve wird nach innen verlagert. Das Sehen verändert sich. Die Linie des Horizonts über den Silhouetten der Hügel, der Berge, die karge, die verschwindende Vegetation. Die Stille und die leisesten Töne. Der Ruf einer fernen Eule, der Wind, das Knistern in den Flammen des Lagerfeuers. Spuren von Huftieren. Eine Landkarte in den Sand gezeichnet. Zwei Paar Schritte: synchron, und dann nicht mehr synchron. Am Morgen: Langsam in Pastellfarben beleuchtete Geologie. Manchmal sind die beiden Männer so winzig im Bild, dass wir sie erst erkennen, wenn sie sich weiterbewegen, klein wie auf japanischen Zeichnungen mit ihrem Anspruch, die Wahrheit der Dimensionen darzustellen. Später: Nebel, Schnee oder Salz, aber wieder kein Wasser. Die Farben der Kleidung, das Blau und ein seltsamer Stern. Das Blickfeld verliert manchmal an Schärfe. Als ob die Sehkraft schwächer werden würde. Die Schnitte sind auffällig hart. Sehr anti-Hollywood-like, sehr independent. In den karg eingestreuten, aber langen Redepassagen habe ich so oft das zögernde „er“ (sonst „uhm“) gehört wie in keinem anderen Film. Man hätte einiges schneiden, nochmal drehen und kürzen können. Dann wäre der Film kurzweiliger geraten und leichter konsumierbar, was seiner Intention, unser Zeitgefühl zu verzögern und zu irritieren, widersprochen hätte. Nur an zwei oder drei Stellen des gesamten Films ist Musik zu hören. Auszüge aus Arvo Pärts Arbeiten spiegel im spiegel und für alina. Eine tiefe Erfahrung.

2020 8 Aug.

Refreshing midsummer drink

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For a glass:

1 lime
Some cane sugar
Several ice cubes
Mineral water

 

Squeeze the lime, press it through a fine sieve, pour it into the glass, add some cane sugar, then ice cubes and fill up with mineral water. A peppermint leaf is perfect for rounding off the taste and appearance.

 

My music of these days:

Friedman & Liebezeit: Secret Rhythms 3
Eric Malmberg: Den gåtfulla människan


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