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2020 16 Nov

I have a title: An obscure moon lighting an obscure world

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  | Comments off

Im Januar 2016 erklärte Robert Coover im Gespräch mit Denis Scheck im Büchermarkt des Deutschlandfunks, was für ihn in der Literatur „Realismus“ bedeutet. Er sagte, Kafka habe ihn gelehrt, was Realismus sei. Der Realismusbegriff bei Kafka bestünde in einer Art Treue zu der Metapher, mit der man beginnt.

 

Dies gilt natürlich auch für den Film. Betrachten wir Synecdoche New York von Charly Kaufman unter dem Aspekt, welche Grundmetapher in den ersten Minuten etabliert wird. Das erste Bild zeigt den Blick auf einen Digitalwecker. Es ist 7:44 Uhr. Das Radio läuft, es ist der 22. September, eine Professorin spricht im Interview über den Herbst in der Poesie. Caden Cotard (wir wissen noch nicht, dass er so heißt) schlägt beim Frühstück die Zeitung auf, in der Datumszeile steht Freitag, der 14. Oktober 2005. Harold Pinter wird für den Nobelpreis nominiert. „Harold Pinter at 76, a sense of Validation“ lautet die Schlagzeile. Aber Moment, Harold Pinter wurde am 10. Oktober 1930 geboren, er hatte also erst vor vier Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert. Die Kurzmeldungen der gleichen Zeitung sind mit „October 17“ datiert. Auf dem Tetrapack mit der Milch steht „Oct 20“, aber die Milch ist schon abgelaufen. „Happy Halloween“ läuft im Radio. Caden ist aber immer noch mit seiner Tochter und seiner Frau am Frühstückstisch. Auf der Zeitung steht nun „Wednesday November 2, 2005“. Am Abend ist Caden mit seiner Familie im Auto unterwegs und wir erfahren, dass es Freitag ist. In der nächsten Einstellung ist Caden im Behandlungszimmer eines Augenarztes, der Wandkalender ist aufgeschlagen im Monat März 2006, während Caden sich dafür bedankt, dass er so kurzfristig einen Termin erhalten hat. Der Film läuft erst seit ein paar Minuten, aber selbst wenn man ein paar der Daten überlesen oder überhört hat, müsste eines deutlich geworden sein: Hier stimmt etwas nicht mit der Zeit. Der unzuverlässige Umgang mit der Zeit scheint die Grundmetapher zu sein, vermutlich haben wir es mit einem unreliable narrator, einem unzuverlässigen Erzähler, zu tun. Synecdoche New York zieht sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hin.

 

Im Interview beim London Filmfestival 2008 antwortet Charlie Kaufman auf die Frage “How do you know which rules to stick to and which rules to break?”: “I don´t think there are any rules.” Das ist natürlich ein Satz, mit dem ein erfolgreicher Filmemacher ein Publikum, das gern ein paar Geheimnisse erfahren hätte, zum Lachen bringen kann. Denn, selbstverständlich, handelt es sich bei Synecdoche New York um eine hochintelligente, komplett durchdachte Gesamtkomposition inklusive einiger hübsch eingestreuter selbstreflexiver Elemente. So erzählt die Kartenverkäuferin dem Theaterregisseur Caden stolz, dass sie gerade den Prozess läse und gar nicht gewusst hatte, wie berühmt das Buch sei. Und später wird Krapp’s Last Tape, ein Theaterstück von Beckett, erwähnt. In diesem Stück, das auf Deutsch Das letzte Band heißt, befindet sich ein alter Mann auf der Bühne, der sein Leben reflektiert und kommentiert, indem er eigene Tonbandaufnahmen mit tagebuchartigen Notizen aus verschiedenen Lebensphasen auswählt, anhört und mittels neuer Aufnahmen kommentiert. Was ist also Synecdoche New York? Traumlogik, Selbstreflexion (und Reflexion der Selbstreflexion), unberechenbare Zeitsprünge, Endzeitstimmung, grundlose und unfaire Verfolgung durch anonyme Mächte? Jedenfalls geht es vor allem darum, ein ganz großes Kunstwerk zu erschaffen, ein Lebenswerk, und dafür gibt es Bühnen innerhalb von Bühnen innerhalb einer großen Bühne. Nach einer Stunde und 41 Minuten Filmzeit erklärt eine Putzfrau in ein paar Sätzen das gesamte Stück bzw. den Film. Oder ist es die Schauspielerin, die die Putzfrau spielt? All those thoughts we don’t know, it’s the truth of it.

 

P.S. Catherine Keener spielt in Synecdoche New York eine Mutter und Künstlerin, die sich auf Mikro-Gemälde spezialisiert hat. Sie malt die Bilder unter einer Vergrößerungsglas-Brille und Besucher*innen ihrer Ausstellung schlendern ebenfalls mit solchen Brillen durch die Halle. Grund genug, um Catherine Keener in die Liste meine favourite actresses aufzunehmen.

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