Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Autoren-Archiv:

Ich erinnere mich gern an Sally Draper aus der Serie MAD MEN, und wie sie sich darum bemühte, ihren eigenen Lebensweg zu finden und gegen ihre Eltern rebellierte. In einer der späteren Staffeln, Sally war vielleicht 14 oder 15, brachte ihr Vater sie zum Zug und aus irgend einem Grund eskalierte es wieder einmal. Da sagte Don Draper einen Satz, der für alle, die nicht so begeistert von ihren Eltern sind oder waren, ein Schlag ist: „Du hast mehr mit deinen Eltern gemeinsam, als dir lieb ist.“ Dieser Satz würde sich auch als These zu dem Film „A Place beyond the Pines“ eignen. (These verstanden als ein Statement, das den Inhalt eines Romans, einer Kurzgeschichte oder eines Films in einem Satz, bezogen auf die Hauptfigur und ihre Entwicklung, auf den Punkt bringt.) Es beginnt auf einem Jahrmarkt, Ryan Gosling spielt einen Motorradstuntman, der mit zwei Kollegen waghalsige Fahrten in einem Metallkäfig aufführt und mit diesem Job durchs Land zieht. Ziemlich schnell findet er jedoch ein anderes Ziel, ich will hier allerdings nicht in die Nacherzählungsfalle geraten. Irgendwann kamen mir die Bilder bekannt vor, woran erinnert man sich, wenn man einen Film vor Jahren schon gesehen hat? An die Stimmung vor allem, und – jedenfalls ich – an Nebensächlichkeiten. Glücklicherweise hatte ich den Plot komplett vergessen, aber oft wusste ich noch, wann es einen Schnitt gab, allerdings nicht mehr, was dann passiert. Einmal forderte ein Polizist seinen Kollegen auf, ihm im Auto zu folgen, es war am späten Nachmittag, die beiden Wagen fuhren eine Landstraße entlang (aus der Vogelperspektive betrachtet), sie bogen ab auf Seitenstraßen, schmalere Wege, plötzlich befanden sich die Autos in einem dunklen Wald, der vordere Wagen hielt an, das Rücklicht des Wagens, der vorgefahren war, plötzlich nah. Eine Sequenz wie aus einem Albtraum. Es gibt auch ein paar Banküberfälle mit einer originellen Idee, die Verfolger abzuschütteln. Ein zentrales Thema neben dem Einblick in die Arbeit der Polizei an einem kleineren Ort out of nowhere sind sogenannte „Daddy-issues“, Beziehungen zwischen Vater und Sohn. Wie sich eine weichenstellende Entscheidung eines Erwachsenen auf sein Kind auswirkt, selbst wenn das Kind nichts davon weiß. Regie führte Derek Cianfrance, die Musik ist u.a. von Arvo Pärt, Bruce Springsteen (Dancing in the Dark) und vor allem Ennio Morricone. Eine Nebenrolle spielt eine Fotografie. Eigentlich will Romana (Eva Mendes) nicht fotografiert werden, weil sie gerade geweint hat und wir alle wissen, wie wichtig es ist, auf Fotos super auszusehen, weil man nie weiß, wo sie landen. Aber es gibt da einen Trick für die Boyz: Einfach der Lady die Augen zuhalten. Sie wird die Idee so genial finden, dass sie lacht.

 
 
 

 

 

Es ist ein Ort, an den man zurückkehrt. Oder ein Ort, den man aufsucht, um zurückzukehren? Da sind die hohen Decken, stuckverziert, klassisches Blattwerk, Kamerafahrt durch verwinkelte Gänge, Zierrat, geschnitzte Füllungen der Türen, zwischen Säulen aus Marmor hängen ausgeblichene Gemälde, da ist die Suite 313, und hinter den Türen Räume, beladen von Stille, die das Geräusch von Schritten auf weichen Teppichen aufgenommen haben, als liefe jemand über den Sand. Erinnerung: nichts. Und doch, ich bin nirgends so lange geblieben, sagt er oder sie. Da ist das Spiel mit den Streichhölzern, oder Karten, in Reihen zu einer, drei, fünf und sieben auf den Tisch gelegt. Und wer anfängt ist immer der, der verliert. War es ein Theaterstück, ein Tanz, das Sitzen an der Bar, im Dunkeln, und die Drinks blieben immer unangetastet, als würden sich die Gäste nicht von Nahrungsmitteln ernähren. Schlüssel, die an Ringen hängen, die Nummern tragen. (Räume, die es nicht gibt.) Der Mann und die Frau haben ihr Land verlassen. Das Denkmal im Park, das könnten auch wir sein, sagt er. Die Frau streckt den Arm aus, sie kneift die Augen zusammen, da ist etwas, in der Ferne, vielleicht ist es das Meer. Und er, in seiner Handbewegung, er hält sie zurück. Der Hund ist eher aus Zufall ins Denkmal geraten, er gehört nicht zu ihnen, er kam einfach vorbei. Wir sind durch den Park gegangen, erinnern Sie sich, Sie haben den Absatz Ihres rechten Schuhes verloren, ich hatte Sie beim Gehen gestützt, eine Berührung. Es gab keine Mauern. Es gab nur die Wände. Zwischenwände mit aufgemalten Perspektiven. Ein Garten. Die Wege aus Kies.

 

Zu Alain Resnais: Letztes Jahr in Marienbad

 

Tomorrow´s Harvest kannte ich schon, aber erst Michaels Auswahl und Moderation zum Gesamtwerk von Boards of Canada in der Zeitreise seiner Augustausgabe der Klanghorizonte hat mich dazu gebracht, mir sämtliche verfügbare Alben von BoC zu kaufen und es ist diese Musik, die mich seit Sommer mitten ins Herz trifft, vielleicht noch mehr als Flying Saucer Attack, Bark Psychosis und Pan American. Trotzdem, klar, die Erde dreht sich weiter, ich spiele mit; hier ist meine Jahresliste:

 
 
 

 
 
 

  1. Kammerflimmer Kollektief: There are Actions which we have neglected and which never cease to call us
  2. Andy Shepphard Quartet: Romaria
  3. Jacob Bro: Returnings
  4. Jon Hassell: Listening To Pictures
  5. Steve Tibbetts: Life of
  6. Mueller & Roedelius: Imagori II
  7. The Necks: Body
  8. Sonar & David Torn: Vortex
  9. Qluster: Elemente
  10. Fire!: The Hands
  11. Andrew Cyrille Trio: Lebroba
  12. Joey Baron / Robyn Schulkowsky: Now You Hear Me

Zwanzig zu sein ist kein beneidenswertes Alter. Das Leben kann wie eine unendlich große  und leere Fläche erscheinen, bedrohlich fast in seiner Weite, man weiß, es kommt jetzt auf die richtigen Weichenstellungen an, scheinbare Zufälle, Begegnungen, inspiriert durch die eigenen Visionen. Man lebt noch nicht das, was man ist, es sei denn, jemand ist ein Naturtalent, und deshalb verkörpert man das, was man irgendwann sein will, und das mit aller Entschiedenheit. Ungefähr eine solche Figur verkörpert Ryan Gosling als Henry Letham in dem grandiosen Film „Stay“ aus dem Jahr 2005.

 

Henry Letham ist Kunststudent in New York und als er in die Sprechstunde seiner Psychiaterin kommt, sitzt ihm deren Vertretung gegenüber, Sam Forster (mit hinreißendem leicht schottischen Akzent: Ewan McGregor). Die Begegnung der beiden ist von Anfang an ein gegenseitiges Spiel zwischen Anziehung und Flucht. Sam Forster fühlt sich an Ereignisse aus seinem Privatleben mit seiner Freundin Lila (Naomi Watts) erinnert und er wirft alle Regeln seines beruflichen Codex über Bord und bemüht sich außerhalb der Sprechstunde um Kontakt zu Henry, einmal zum Beispiel an der Universität, wo Henry eine Vorlesung vorzeitig verlässt und Sam vor der Tür steht, die beiden gehen im Unigebäude herum, die Studierenden strömen aus dem Hörsaal (es sind Zwillinge dabei, sogar Drillinge), die Treppen leuchten wunderbar blau, plötzlich steht Henry vor einem riesigen Aquarium, in dem sich ein Walross auf ihn zu bewegt, das Wasser wird zum Himmel und wir befinden uns in Lilas Atelier, wo Sam sie kurz besucht. Am Ende der Szene im Atelier Blick nach oben auf einen Kronleuchter, dessen Lichter verselbstständigen sich und werden zu Straßenlaternen. Marc Forster sagte über seine Regiearbeit, sie sei irrational und instinktiv gewesen, eine Reise ins Unbekannte. Eine weiße Leinwand ohne Rahmen, die vage, unzuverlässig reflektiert, was sich ihr zeigt. Jede Realität sei eine Reflexion der Realität. Samuel Beckett sagte über Kunst, sie müsse die Rätselhaftigkeit des Lebens widerspiegeln. Henrys Lieblingskünstler ist Tristan Rêveur, Lila kennt ihn auch, er ist ein Künstler, dessen Bilder jedoch nie jemand gesehen hat. Die Kameraführung ist unberechenbar, die Aufnahmewinkel brechen die Regeln der Branche. Die Energie der Zeitverschiebung. Gehen durch strömenden Regen, bei Nacht. Die Wände des Tanzstudios sind aus Glas. Der Tanzlehrer ist schwarz gekleidet und zeigt der Tänzerin die Schritte, bis sie sie verinnerlicht hat, dann lässt er sie los. Einmal betritt Henry eine Erotikbar und während er in sein Getränk starrt, fällt ihm plötzlich auf, dass in einer Videoinstallation nacheinander geschalteter Polaroids Bilder zu sehen sind, die ihm sehr bekannt vorkommen. Ein Spiel um Wahrheit, Selbstwahrnehmung und Lüge. Your trouble will cease and fortune will smile upon you. Das stand auf dem Zettel im Glückskeks. Hatte das nicht schon eben Henry zu Sam gesagt?

 

„Stay“ ist ein ästhetisches Meisterwerk, in dem sich die Welt, wie wir sie zu kennen meinen, auflöst. Die Filmmusik wurde von Asche & Spencer hergestellt, die mit alten Tonbändern arbeiteten, an denen sie beim Abspielen herumritzten. Andere musikalische Highlights sind die Songs „Angel“ von Massive Attack und „Who am I“ von Peter Kruder. Die Polaroids stammen von Stefanie Schneider und finden sich auch in ihrem Band „Stranger than Paradise“. Und auch diese Arbeiten, die mit den unberechenbaren Effekten abgelaufener Haltbarkeitsdaten Jahrzehnte alter Polaroidkameras spielen, erinnern mich an die Alben von Boards of Canada, und an Orte, die wir suchen, und die es nicht gibt.

Obwohl ihre Schulzeit schon lange zurückliegt, erzählt E. mir immer wieder begeistert von ihrem Deutschlehrer, der mit einigen ihrer Klassenkameraden und –innen eine Art Poesie-AG oder Lyrikclub gebildet hatte, in dem sie sich gegenseitig Gedichte vorlasen und selbst welche schrieben, wobei E. wohl die einzige ist, die weiterschrieb. Vielleicht war der Lehrer, inzwischen 70 Jahre alt, ein Dead Poets Society Fan. Ich erblickte S. auf der Empore der Unibibliothek in Freiburg, wo er allein an einem Tisch saß und so hinreißend aussah, dass ich dachte, wow, den will ich kennenlernen. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch, das ich mit der Frage nach den Öffnungszeiten der Post begann (immer noch ein running gag zwischen uns) und als wir begannen, einander unser Leben zu erzählen, war es der Griechischlehrer mit seiner zersetzenden gesellschaftskritischen Haltung, die S. völlig in seinen Bann gezogen hatte, und seine Augen leuchteten immer noch. Und obwohl ich schon immer zur Bewunderung faszinierender Fähigkeiten und Lebenshaltungen neigte, hatte ich nie einen Faible für einen meiner Lehrer. Ganz abgesehen vom Altersunterschied (da bin ich rational) gab es für mich einfach nichts zu bewundern. Sie waren alle klug und hochintelligent und forderten unseren Geist aufs extremste, aber niemand traf mich mit seiner Persönlichkeit ins Herz. Sie waren mir zu normal und schienen uns, bei aller Kritikfähigkeit, auf ein Leben als funktionierende Menschen vorzubereiten. Jeder kennt aus seiner Schulzeit die Beschäftigung mit den Schulsystemen verschiedener Staaten, vor allem Großbritanniens und den USA. In einem Aufsatz zum Vergleich schrieb ich, ich fände das Ganztagsschulsystem nicht gut, denn auf diese Weise würde der Kultusminister Großbritanniens die Freizeit der Kinder verplanen. Die Referendarin, die meine Arbeit mit einem roten Füller korrigierte, bat mich zum persönlichen Gespräch zu meiner Ansicht, wobei ich nicht wüsste, was es da aus Sicht einer Schülerin, die, wenn sie schon früh aufstehen muss, wenigstens ihre Nachmittage und Abende frei planen will, zu diskutieren gibt. In der Oberstufe lasen wir im Herrmann Hesses Steppenwolf, was wohl zu unserer revolutionärsten Lektüre im Deutschunterricht zählte, und die Lehrerin schien erstaunt, dass sich fast die ganze Klasse mit der Hauptfigur identifizierte. Lieber ein Künstler als ein Bürger zu sein. Von seinem Äußeren stach der Mathelehrer aus dem Pulk der braven Anzugträger heraus, er hatte lange Haare, trug einen ungepflegten Bart, Schlabberjeans, XL-Strickpulli und Birkenstocks mit selbst gestrickten Socken, und das in einer Zeit, als Birkenstock nicht hip war, sondern – zumal in dieser Schule – ein Zeichen. Und auch wenn ich in Mathematik immer besser war als in Deutsch, wäre ich nie auf die Idee gekommen, für ihn Gefühle zu haben. Einzig den Englischlehrer in der Oberstufe fand ich irgendwie interessant. Wir lasen Orwells „1984“ und verglichen die Zukunftsvisionen von Orwell und Huxley, wir lasen das grandiose Theaterstück „Krapp´s last tape“ (Das letzte Band) von Beckett, William Goldings „Lord of the Flies“ und einiges mehr, was ich weitaus faszinierender fand als den Faust. Meine Liebe zur englischen Sprache hatte ich bereits entdeckt. Der Lehrer fuhr einen abgefuckten dunkelroten Passat, er hatte neben seiner Begeisterung für Beckett etwas sehr Verzagtes an sich, als hätte er einmal eine große Hoffnung gehabt, die ihm entschwunden war. In den letzten Schulwochen lud er uns einmal zu sich nach Hause ein, er wohnte auf dem Land und hatte einen großen Garten, in dem Schafe herumliefen. Es gab einen Teich, und einmal tauchte kurz sein Sohn an der Terrassentür auf, der Punker war, und es war H, der mir später sagte, das Auftauchen seines Sohnes sei dem Lehrer vor uns unangenehm gewesen. Es wurde dunkel und ganz ohne SMS verabredete ich mich mit einem Jungen meiner Klasse in einem abgelegenen Teil des Gartens. Wer jetzt denkt, hier hätte eine glückliche Liebesgeschichte begonnen, liegt daneben.

 

 
 
 

On the back cover of Paul Cronin´s book of conversations with Werner Herzog Werner Herzog – A Guide for the Perplexed one can find this amazing list which might be helpful in various situations.

 

Always take the initiative. There is nothing wrong with spending a night in jail if it means getting the shot you need. Send out all your dogs and one might return with prey. Never wallow in your troubles; despair must be kept private and brief. Learn to live with your mistakes. Expand your knowledge and understanding of music and literature, old and modern. That roll of unexposed celluloid you have in your hand might be the last in existence, so do something impressive with it. There is never an excuse not to finish a film. Carry bolt cutters everywhere. Thwart institutional cowardice. Ask for forgiveness, not permission. Take your fate into your own hands. Learn to read the inner essence of a landscape. Ignite the fire within and explore unknown territory. Walk straight ahead, never detour. Manoeuvre and mislead, but always deliver. Don’t be fearful of rejection. Develop your own voice. Day one is the point of no return. A badge of honor is to fail a film theory class. Chance is the lifeblood of cinema. Guerrilla tactics are best. Take revenge if need be. Get used to the bear behind you.

2018 2 Dez

Tarifa

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

Faszinating Twin Peaks Time. This is a song I just listened to at The Bang Bang Bar.

 

Hit the ground / The Yard I found something / I could taste your mouth / Shut the door / Now in the sun tanning / You were so / Just / Looking across the sky / Can´t remember / I can´t recall no / I can´t remember / Anything at all / Let´s run under / Cursing myself at night / Slow it was seven / I wish it was seven all night / Tell me when / Tell me when this is over / Chewed you out / Chew me out / When I´m stupid / I don´t wanna / Everyone else pales / Send in the owl / Tell me I´m not a child / You summon / Forget about / Everyone else / Fall away/ Somehow

2018 29 Nov

Understanding Poetry

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

 

 
 
 

„To fully understand poetry (…) ask two questions. One: How artfully has the objective of the poem been rendered? And, two, how important is that objective? Question one rates the poem´s perfection. Question two rates its importance. And once these questions have been answered determining a poem´s greatness becomes a relatively simple matter. If the poem´s score for perfection is plottet on the horizontal of a graph and its importance is plottet on the vertical, then calculating the total area of the poem yields the measure of its greatness. A sonnet by Byron might score high on the vertical, but only average on the horizontal. A Shakespearean sonnet, on the other hand would score high both horizontally and vertically yielding a massive total area thereby revealing the poem to be truly great.“

 

This is the beginning of the preface of a textbook by Dr. J. Evans Pritchard, Ph.D. In Dead Poets Society the new English teacher John Keating assigns the boys at the boarding school to rip out the entire page. He develops his own method of getting the pupils to write poems themselves. This is one of the central scenes. Let it fill your soul.

 

2018 29 Nov

Scheherazade

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

 

Erzähl mir von deinem Traum, wie wir die Körper zogen, raus

aus dem See und sie in warme Kleidung steckten.

Wie spät es war und niemand schlafen konnte, und die Pferde rannten

bis sie vergaßen, wer sie waren (nämlich Pferde).

Es ist nicht wie ein Baum, wo die Wurzeln irgendwo enden,

es ist eher so wie ein Song im Polizeifunk,

wie wir den Teppich zusammenrollten, um zu tanzen, und die Tage

waren hellrot, und immer, wenn wir uns küssten, gab es einen anderen

Apfel, in Schnitze zu schneiden.

Schau, das Licht hinter der Windschutzscheibe. Heißt, es ist Mittag, heißt,

dass wir untröstlich sind.

Sag mir, wie all das und auch die Liebe uns ruinieren wird.

Unsere Körper, besessen von Licht.

Sag, wir werden uns nie dran gewöhnen.

 

Original version by Richard Siken, in: Crush

Translation by Martina Weber

 

Zwei Frauen beim Tennisspielen im Stadtpark im Sommer. Schnitt. Ein Mann blättert vor einer Kunstbuchhandlung in einem Buch, auf dem angewinkelten Arm trägt er einen Stapel Bücher. Er betritt den Laden. Nachthimmel, schwarz, mit einem letzten Hauch von Abendrot. Ein großes Gewässer. Vereinzelte weiße Lichter auf der anderen Seite. Der Mann sitzt jetzt im grellen Badezimmerlicht in der Badewanne, er hat eine Zigarette im Mund und hält ein aufgeschlagenes Buch mit beiden Händen. Es war seine Stimme, die wir gehört haben, noch bevor das erste Bild erschien. Er spricht weiter halblaut vor sich hin, und es ist unklar, ob es jemanden gibt, der oder die zuhört. Der Text handelt von der neuen Ausdrucksweise bei Velázquez nach dessen 50. Lebensjahr. Velázquez änderte seinen Stil und fing plötzlich damit an, Gegenstände und Menschen mit Licht, Luft und Dämmerung zu umgeben. Zwar standen auf den ersten Blick die Mitglieder der Königsfamilie Philipps IV, an deren Hof er arbeitete, im Mittelpunkt der Gemälde. In Wahrheit waren es jedoch Lichtreflexe und Veränderungen, und die Regie führte in den Gemälden nurmehr der Raum. Écoute ça, petite fille. Ein kleines Mädchen im festlichen Kleid legt ihre Hände auf den Badewannenrand, sie lauscht. Der König war degeneriert, die Kinder krank, und alle umgeben von Zwergen, Idioten und hässlichen Clowns. Spanische Maler gingen tagsüber nicht ins Freie, sie kommunizierten mit der Dämmerung, die alle Konturen verwischt. N’est-ce pas magnifique? Der Film läuft erst dreieinhalb Minuten, aber bereits jetzt ist klar, dass hier Erzähltechniken des Kinos revolutioniert werden. Es ist der Anfang von Jean-Luc Godards Film Elf Uhr nachts aus dem Jahr 1965. Velázquez malte sein berühmtestes Bild in seinem 57. Lebensjahr, das war 1656. Es hat den Titel Las Menidas und ist eines der meistdiskutierten Gemälde der Kunstgeschichte.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz