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2023 13 Okt

Die Erzählung der Dinge

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | 11 Comments

 

Aus einem Feldweg kommt ein Mädchen
mit Fahrrad und Schimmel. Leichthändig

schiebt sie den Griff, hält sie die Zügel
hinter ihr das tänzelnde Pferd. Das flache
Licht aus den Niederungen, die weißen Wolken.
Ein Sekundenbild und mir fällt die Skulptur
Cloud Gate in Chicago ein, der gespiegelte Himmel,
unter dem ich mir beim Fotografieren
zuschaue, gleichzeitig oben und unten bin,
mich aber nicht wirklich sehe.
Dies alles hat nichts mit dem Mädchen zu tun,
nicht die Gedanken an Vermeer. Nur der Wunsch,
den Tag auf den Kopf zu stellen, ist real.
Pferd und Mädchen werden kleiner,
nach der Kurve habe ich sie verloren.
Bleibt der Moment. Splitter unter der Haut.
Der Gedanke, vieles wäre heute möglich, wäre leicht.

 

Aus: Barbara Zeizinger – Schon morgen wird alles gewesen sein. Gedichte. Pop Verlag Ludwigsburg 2023

 
 
 

 
 
 

Martina Weber: Dein Gedicht „Aus einem Feldweg kommt ein Mädchen“ ist mein Lieblingsgedicht aus deinem neuen Gedichtband. Schon das erste Bild mit dem Mädchen, die auf einem Feldweg unterwegs ist und mit einer Hand ihr Rad schiebt und mit dem anderen ein Pferd führt, löst viel bei mir aus. Ich finde es gar nicht so einfach, ein Rad mit einer Hand zu schieben, ich denke sofort an einen Freund von mir, der sein rotes Rennrad mit der linken Hand, die er in der Mitte des Lenkers hielt, durch Freiburg schob. Dann skizzierst du knapp die Umgebung und gelangst zur Cloud Gate Skulptur in Chicago, führst das etwas aus und bemerkst, dass es nichts mit dem Mädchen zu tun hat. Dass du dabei auch Vermeer erwähnst, lässt mich sofort an die Dienstmagd mit dem Milchkrug am Fenster denken und ich übertrage die Stimmung und das Licht aus diesem Bild in das Bild vom Mädchen mit Fahrrad und Pferd, obwohl es im Gedicht heißt, es gäbe keinen Zusammenhang mit Vermeer. Das ist ja der Trick der Verneinung: Etwas, was verneint wird, wird benannt und ist daher präsent. Im restlichen Teil des Gedichts folgen weitere Gedanken, die vom Eingangsbild gelöst sind, dann wird das Bild des Mädchens wieder aufgenommen, wie es verschwindet. Ein starkes Bild sind die Splitter unter der Haut. Die Wirkung der Begegnung ist geradezu körperlich. Ein Handlungsdruck. Der Schlusssatz setzt fort, dass Möglichkeiten spürbar sind. Das Mädchen mit dem Rad und dem Pferd hat Energie ausgelöst und etwas in Bewegung gebracht.

Barbara Zeizinger: Ich finde sehr schön, wie du das Gedicht analysierst. Ich kann jetzt nachträglich gar nicht sagen, wie ich auf diese ganzen Zusammenhänge gekommen bin. Jedenfalls nicht bewusst. Ich weiß nur noch, dass ich ähnlich wie du die Geschicklichkeit des Mädchens, es war ein eher zierliches Mädchen und ein großes Pferd, bewundert habe.

Martina Weber: Ausgangspunkt für deine Gedichte sind meist äußere Eindrücke oder Erfahrungen, die du dann mit Überlegungen, Gedanken oder Erinnerungen kombinierst, die nur teilweise mit den äußeren Eindrücken zu tun haben und wodurch die Gedichte ihre Tiefe entfalten und im Lesenden weiterwirken. In deinem Gedichtband „Morgen wird alles gewesen sein“ sind Anlässe deiner Gedichte beispielsweise eine Landstraße, auf der du sehr oft unterwegs bist, die L 3111), Ausstellungsstücke im Hessischen Landesmuseum und eine Reise in die USA. Für mich sieht es so aus, als ob dir die Themen geradezu zufallen und nie ausgehen.

Barbara Zeizinger: Das ist sehr schmeichelhaft, aber nicht ganz zutreffend. Manchmal habe ich den Eindruck, mir fällt überhaupt nichts ein. In Bezug auf viele Gedicht in dem neuen Lyrikband hast du allerdings recht. Bei den Gedichten über die Straße L 3111 habe ich geradezu Ausschau nach Ereignissen, Landschaften usw. gehalten, nach einer Werbetafel, einem Krötenzaun, einem Kreuz an der Böschung usw. Bei diesen Gedichten fiel es mir leicht, sie assoziativ weiterzuspinnen.

Martina Weber: Am 4. Oktober hast du in der Kunsthalle Darmstadt aus deinem Gedichtband gelesen und im Gespräch mit Kurt Drawert gesagt, dass du einen Ort veränderst, indem du darüber schreibst. Von Autorinnen und Autoren ist man eher die Aussage gewohnt, dass sie sich selbst durch das Schreiben verändern, aber einen Ort …? Wie meinst du das?

Barbara Zeizinger: Das bezog sich auf die Frage von Kurt Drawert, ob ich durch mein Schreiben einen Ort „töte“. Der Ort ist ja objektiv da. Aber wie ich oder jemand anders ihn wahrnimmt, kann sehr unterschiedlich sein. Das meinte ich mit verändern. Aber das muss keine feste Wahrnehmung sein, man kann Orte, je nach eigener Verfassung unterschiedlich empfinden. Jedenfalls ist es sehr subjektiv. Bin ich glücklich, kann mir ein objektiv hässlicher Ort gefallen und umgekehrt. Und natürlich verändere auch ich mich durch diese Begegnungen und Wahrnehmungen. Das schreibe ich in dem einen Gedicht: „Wenn der Mais geerntet sein wird, / die Dunkelheit wieder früher einsetzt, / werde auch ich mich verändert haben.“

Martina Weber: In einem Gedicht, das du einer verstorbenen Freundin gewidmet hast, zählst du prägende Lektüreerfahrungen auf: Marx, Erich Fromm und „Der Tod des Märchenprinzen“, einen autobiographischer Roman, der 1980 erschien. (Ich kenne das Buch, habe es aber später gelesen.) In diesem Gedicht erwähnst du auch die Leichtigkeit jener Jahre. Würdest du sagen, dass es die 70er Jahre waren, in der auch deine Studienzeit lag, die dich am meisten geprägt haben, was deine Lebenshaltung betrifft?

Barbara Zeizinger: Das ist ein sehr komplexes Thema. Von der englischen Schriftstellerin Hilary Mantel gibt es das Zitat „jede Generation hat ihre eigenen Leidenschaften“ und ja, natürlich haben mich die 70er Jahre geprägt, ich war jung, habe studiert, viel Neues entdeckt. Das war eine Zeit, in der wir optimistisch waren, dachten, wir könnten die Welt verändern. Heute denke ich darüber viel differenzierter. Das Gedicht ist in erster Linie eine Hommage an meine Freundin, mit der ich damals alle diese Gedanken geteilt hatte. Aber auf einer anderen Ebene erzählt es auch davon, dass wir in gewisser Weise typisch für die 70er Jahre waren, also nicht so einmalig, wofür wir uns hielten. Alle in unserer Umgebung lasen Marx, Erich Fromm, Mitscherlich, alle hatten Enzensbergers „Kursbuch“ abonniert. Wobei der „Tod eines Märchenprinzen“ eher mit Augenzwinkern erwähnt wird.

Martina Weber: Ich könnte mir auch vorstellen, dass du in den 70ern Gedichtbände gelesen hast, die für dich – jedenfalls zunächst – prägend waren, und zwar auch US-amerikanische Lyrik und vielleicht auch die Übersetzungen ins Deutsche, die damals auf den Markt kamen, beispielsweise Rolf Dieter Brinkmanns Herausgabeband „Silverscreen“ von 1969. Ein Gedicht aus einem anderen deiner Gedichtbände ist im Café der berühmten City Lights Buchhandlung in San Francisco angesiedelt.

Barbara Zeizinger: Brinkmann war ein Muss. Dazu kamen viele Lyriker und Lyrikerinnen, da würde ich vor allem Hans Magnus Enzensberger erwähnen, Erich Fried, Wolf Wondratschek, aber auch Hilde Domin und Rose Ausländer. Außerdem amerikanische Autoren der Beat Generation wie Allen Ginsberg mit seinem „Howl“. Jahre später habe ich bei einer USA Reise mit meiner Tochter „City Lights Books“ besucht und daneben das Lokal „Vesuvio“, in dem viele Fotos an die damalige Zeit erinnern. Da ist das von dir erwähnte Gedicht entstanden. Zuletzt habe ich übrigens die gesammelten Gedichte von Wisława Szymborska gelesen. Wunderbar!

Martina Weber: Du hast auch einige Romane veröffentlicht. Es würde mich nicht wundern, wenn du bereits an einem neuen Schreibprojekt arbeiten würdest.

Barbara Zeizinger: Das stimmt. Ich schreibe an einem Roman, der zur Hälfte fertig ist. Wie alle meine Romane erzählt er eine Familiengeschichte, diesmal über mehrere Generationen. Wie ich schon in der von dir erwähnten Lesung gesagt habe, beschäftigt mich in letzter Zeit (wahrscheinlich, weil ich inzwischen älter bin) die Frage, wie frühere Generationen gelebt haben, ob und inwiefern sie eine Wahl hatten, wie sie ihr Leben gestalten konnten. Gleichzeitig frage ich mich, inwiefern unser Leben durch gesellschaftliche Gegebenheiten geprägt und beeinflusst ist. Also die fast philosophische Frage nach Möglichkeiten und Einschränkungen der Selbstbestimmung. Das wollte ich auch oben bei den Ausführungen zu dem Gedicht über meine verstorbene Freundin ausdrücken.

 

Martina Weber: Vielen Dank, liebe Barbara, für die Einblicke in dein Schreiben und Leben!

Website von Barbara Zeizinger:
http://www.barbarazeizinger.de/

Anlässlich ihres Gedichtbands „Wenn ich geblieben wäre“ (2017) habe ich mit Barbara hier auf Manafonistas bereits ein Interview geführt.

 

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11 Comments

  1. Uli Koch:

    Ein wunderbares Gedicht – wie ein Hauch, eine Wolke, in der man gerade eben noch etwas gesehen hat. Das Erleben einer Situation, eines Ortes ist doch das, was die Verbindung zu unserem Gedächtnis herstellt. Das was bleibt, auch wenn es ebenfalls Veränderungen unterworfen und vergehen wird. Ein Ort mit Bildern, die an früher erinnern sollen, die „alten Zeiten, als noch…“ hingegen wirkt oft sentimental, wenn nicht etwas hinzukommt, das eine Brücke in das jetzige Erleben zieht. Daher gefällt mir auch Barbara Zeizingers Art an bekannten Orten das ungewöhnliche, besondere zu Erlebende aufzusuchen und in so leichte, flüchtige Worte zu fassen.

  2. Ursula Mayr:

    Den „Märchenprinzen“ in einem Satz mit Marx, Fromm und Mitscherlich zu erwähnen, ist etwas mehr als kühn. Dieses Buch erzählt lediglich davon, wie töricht manche feministisch orientierten und politisch aktiven Studenten/innen manchmal waren und wie wenig sie dafür getan haben, etwas gescheiter zu werden. Und bei denen man sich immer fragte, wann sie eigentlich einmal studiert haben neben dem ganzen manischen Kreisen um sich selbst und das geheiligte eigene Gefühlsleben – ein Gedankenleben fand bei der Prinzenfrau ja so gut wie nicht statt, geschweige denn eine Auseinandersetzung mit irgendeiner Form von Alltagsrealität.

  3. Barbara Zeizinger:

    Das sehe ich genauso. Daher das „Augenzwinkern“

  4. Ursula Mayr:

    Das freut mich. Es scheint ja auch so zu sein, dass Henning Venske, der später unter Pseudonym die Replik „Ich war der Märchenprinz“ draufgesetzt hat, im Grunde das Buch geschrieben hat. Frauenbücher zu karikieren war damals sein Hobby.

  5. Brigitte Morgenroth:

    Wunderschönes Gedicht!. Ich war auf der Lesung in der Kunsthalle, sie hat mich sehr berührt.

    Orte ändern sich permanent, auch ohne die Betrachtenden. Durch sie wird nur ein weiterer Blick hinzugefügt, Seelenlandschaften assoziiert. Die Idee, einen Gedichtszyklus einer Landstraße zu widmen, finde ich schön. On the Road …

  6. Alex:

    @Ursula: Ob Henning Venske jetzt der Märchenprinz war oder nicht, finde ich ziemlich irrelevant. Problematisch ist aber auf jeden Fall einfach so ohne irgendwelche Beweise zu behaupten, er stecke als Autor hinter dem Originalbuch. Für mich war das damals mit 20 eine ziemlich einschneidende Leseerfahrung. Und sehr erfrischend zu lesen (insbes. im Vergleich zu der ganzen damaligen linken oft sehr theoretischen, drögen Literatur), weil es klarmachte, dass zum einen die linken Emanzen halt auch ein Gefühl- und Sexleben hatten und zum anderen die linken Männer halt auch oft nur Männer mit Machoattitüden waren. Zum einen war die Icherzählerin natürlich schon etwas naiv und hatte viel zu hohe Erwartungen, aber trotzdem hatte sie auch einen Punkt, und natürlich fühlte ich mich auch schon etwas angesprochen und diese weibliche Perspektive, über die ich mir vorher wenig Gedanken gemacht hatte, hat mir schon ziemlich zu denken gegeben.

  7. Ursula Mayr:

    Venske selbst tut leider nichts, um das Gerücht aus der Welt zu schaffen.

    Es scheint einen Unterschied zu machen, in welchem Alter man das Buch liest und ob man diese Studentenszenerie auch kennt. Die Szene kannte ich, aber als ich an die Uni kam, war ich schon Ende 20, hatte längere Berufstätigkeit und jahrelange Beziehungen hinter mir und mir erschienen die Kommilitonen/innen noch alle sehr kindlich, natürlich tauchte ich in die Szenerie ein, aber mehr wie in eine Art Spielwiese.

    Was mich an dem Buch vor allem störte, sind diese krassen Fehlinterpretationen, die Autorin benutzt die feministische Theorie ausschliesslich zum Zurückschlagen und da ist ihr jedes Mittel recht- die einzige Verfehlung von Arne besteht ja nur darin dass er sie nicht liebt und sich trennt – worauf er als Gefühlskrüppel denunziert wird und sich mit ihr politisch auseinandersetzen und seine Positionen erläutern will, wobei sie nicht standhalten kann, weil sie selbst keine hat und auch über keine besonders evaluierte Sprache verfügt und sich unterlegen fühlt, woran natürlich auch der Gefühlskrüppel schuld ist. Machotum sehe ich hier nicht, der Typ war mir eigentlich ganz sympathisch und das Flüchten vor einer rächenden Nemesis kann ich ihm so sehr nicht übelnehmen.

  8. Alex:

    Ich erinnere mich nicht mehr an die Details, es ist 40 Jahre her und ich habe das Buch nicht hier. Aber ein wichtiger Punkt war die Verhütung. Sie sagt, dass sie die Pille nicht nimmt und fragt ihn, was er macht und er sagt nichts und er interessiert sich nicht die Bohne für das Thema, nicht sein Problem. Hier kommt sein Machocharakter sehr gut zum Ausdruck. Sie tun es dann während ihrer Regel, glaube ich. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Venske das Buch geschrieben hat. Da hätte er sich schon sehr tief in die Psyche einer jungen, emanzipierten Frau – auf seine eigenen Kosten – einfühlen müssen. Es stimmt, dass Buch ist sehr einfach geschrieben, die politischen Diskussionen außerhalb der frauenbewegten Themen – in diesem fürchterlichen Jargon damals – stehen glücklicherweise nicht im Mittelpunkt bzw. wirken eher abschreckend.

  9. Ursula Mayr:

    Venske und Merian sind/ waren gut befreundet, die Inhalte könnte sie vorgegeben haben. Der Dialog mit der Verhütung – bzw der Nicht-Dialog – hat in der Form oft stattgefunden. Die Jungs haben sich drauf verlassen, dass die Mädels die Pille schluckten und die Mädels haben es nicht thematisiert und so schien alles in Ordnung.

  10. Alex:

    Nochmal, das ist reine Spekulation und fällt für mich unter Verschwörungstheorie. Solange es dazu keine gesicherten Erkenntnisse gibt, sollte man so etwas nicht weiterverbreiten. Es zirkuliert schon genug halbgares Zeugs in den (sozialen) Medien.

  11. Ursula Mayr:

    Dann ist es eine Verschwörung der harmloseren Art, nachdem die Urheberschaft heute den meisten ziemlich egal sein dürfte. Bei Shakespeare ist das was anderes …


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