Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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David Sylvian singt in einem Song von einer schwarzen Mitternachtsonne. Klammheimlich wurde sie anstelle des Mondes gesetzt, den man gestohlen hatte mit der Folge: alle Magie war verschwunden. Heute morgen las ich, es gäbe jetzt Kakao ohne Kakao, aus Hafer hergestellt. Kaffee ohne Kaffee, Cola ohne Cola, Zigaretten ohne Nikotin. Was macht das Leben lebenswert, sind es Ersatzprodukte? Der österreichische Philosoph Robert Pfaller schrieb sehr viel zu diesem Thema. Eine der wichtigsten Stellen in Die Illusionen der Anderen, einem meiner wichtigsten Bücher, ist tausendfach angestrichen. Ich fand dort vor Zeiten eine Erklärung für ein schleichendes Unbehagen, das meinem Leben lange Zeit anhaftete: es geht um die Identifikation mit einem Ich-Ideal. Aber dieses ist nicht echt und das ist fatal: es verleugnet das Geniessen und es verleugnet das Begehren. Stattdessen vegetiert man in einem aseptisch morbiden Wolkenguckucksheim, in dem dann vorzugsweise Ersatzprodukte Einzug erhalten: billige Sublimationen, die natürlich die Wirtschaft in Gang halten, da ja nun die sündhaft teure Stereoanlage, der überdimensionale SUV den ursprünglichen Wunsch vertreten muss. Jeglicher Bezug zur „Strasse“ ist verloren. Vor vielen Jahren las ich in der TAZ, man solle auf gar keinen Fall seine sexuelle Phantasien unter den Teppich kehren, sie seien doch das Einzige, was hebt. Und der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan schrieb, es gäbe nur eine Sünde: sein Begehren zu verraten. Und dies ist auch der Grund, warum mich eine Art zu schreiben anzieht, die mein Interesse weckt: dirty writing. Keine Betulichkeiten bitte, keine Erbaulichkeiten: das Leben ist zu kurz. Return to thrill and reinstall the magic moon instead a boring midnight sun!

 

2024 5 Feb.

Zeitdiebe und Stundenblumen

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Während das letzte Blatt von Momos eigener Stundenblume abfiel, begann mit einem Mal eine Art Sturm. Wolken von Stundenblumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. Es war ein warmer Frühlingssturm, aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit.

Michael Ende

 

An einem stürmischen Februarmorgen verstarb kürzlich der Sozialphilosoph Oskar Negt, ein Kind der Stadt Hannover. Er kam mir einmal auf dem Bürgersteig der Bödekerstrasse entgegen und machte schon von weitem Eindruck: klein von Statur, wirkte er dennoch gross, trug eine Welt in sich. Aufrecht zugewandt, mit offenem Gesicht, nickte er mir leicht zu, wie einer, der es gewohnt ist, dass man ihn kennt. Dennoch fühlte ich mich seltsam geehrt, beflügelt. Ich erinnere mich an sein Gespräch mit Alexander Kluge, fand es bemerkenswert und gut, dass ein Sozialist auch seinen Heidegger parat hat. Sein Buch Arbeit und menschliche Würde hatte ich mehrmals vergeblich zu lesen begonnen: es ist komplex und anspruchsvoll, voller geschichtlicher Bezüge. Aber das Kapitel „Der Zwangszusammenhang von entfremdeter Arbeit, Freizeit und Faulheit“ ist sehr konkret. Man könnte es als einen argumentatorischen Gegenpol zu den beständigen Polemiken gegen faule Arbeitslose lesen, wie sie immer wieder herrschaftsträchtig instrumentalisiert werden von all den Sarrazins, Lindners und Merzen. Aber auch von Gerhard Schröder, einem Freund Oskar Negts aus alten Tagen, der ja bekanntlich meinte, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Sollte etwa der verbrecherische Putin essen, Genosse Gerd, der abertausendfach blutjunge Männer im Angriffskrieg verheizt? Denk nochmal drüber nach – ansonsten mach dich vom Acker! Im letzten Kapitel seines Buches bezieht sich Oskar Negt auf Michael Endes Buch Momo. Zeitdiebe gibt es in vielen Formen: Werbung, Propaganda, idolisierende Identifikationen, Fliessbandarbeit und all jene Jobs, in der sich Menschen im Dienste des Profits aufreiben, um dann letztlich durch Maschinen, Robotik und künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Oskar Negt hatte einst bei Adorno studiert. Man sollte nicht davon ablassen zu fragen, was denn das Falsche sei im sogenannten wahren Leben. „Kritisches Denken“ könnte man das nennen, es geht mit der Neugier einher und dem Verdacht, dass nicht alles genauso abläuft, wie es einem vorgegaukelt wird. Jede Philosophie beginnt mit dem Stellen einer Frage, im Grossen wie im Kleinen. Wie gesagt, Oskar Negt war gross.

 

 

Nun ist sie gelegt, die Lunte zu Lage. Der Reihe nach: das anheimelnde Ambiente im Amsterdamer Bimhus lud geradezu ein, auf der Suche nach einem besänftigen Betthupferl. Denn wenn man russische Spione, getarnt als american dream einer Musterehe im Washington der Reagan-Ära, allabendlich televisionär begleitet, wie sie ihrer skrupelosen, durchtrainierten und zuweilen blutigen Arbeit nachgehen, dann sollte man dem guten Schlaf zuliebe einen Puffer einbauen, damit wertvolles Melatonin nicht verscheucht wird, man gar vom Gulag träumt. Da kam das Melissa Aldana Quartet gerade recht. Man ist doch stets aufs Neue erstaunt, wie viele gute Musiker es gibt, von denen man zuvor noch nie was hörte, auch in der sogenannten „zweiten Riege“. Ganz reizend die äussere Erscheinung und die Bewegungen der chilenischen Frontdame („Das Auge hört mit!“) mit ihrem Tenorsaxofon, die wohl längst in die erste Reihe zu platzieren ist. Begleitet wird sie von drei Herren an Kontrabass, Schlagzeug und elektrischer Gitarre. Wenngleich, hier könnte man analog zu den zuvor erwähnten russischen Spionen von guter Tarnung sprechen, denn diese „Gestrüpp-Gitarre“ klingt stellenweise so wunderbar eierig, ätherisch, akustisch, zuweilen sogar nach Sitar und Spinett, dass man sich fragt, ob hier statt lediglich die Stimmung zu verändern stillheimlich ganze Saiten ausgetauscht wurden. Merkwürdige Fingerbewegungen, selbst einem Langzeit-Gitarrero seltsam unvertraut, geben erste Indizien. Hatte nicht einst ein gewisser Kurt Rosenwinkel absichtlich sein Instrument umgestimmt, um eingefahrene Muster zu verlassen? Das Zusammenspiel dieser vier jungen Musiker jedenfalls ist traumhaft. Wenn maskuline Machojazzer in Netz-Kommentaren diese musikalische Feingeisterei abfällig „woke-jazz“ nennen (nicht alles muss wie Brötzmann klingen, verehrte Vollbartträger!), dann bin ich gerne wach, verzichte auch auf Thekengrölerei, wenn es im Ganzen eine Spur sensibler zugeht und sich zuweilen anhört wie die stilleren Töne mit Paul Motian. Musik aus der Wundertüte, auch die Frauen können’s, das ist schon lange kein Geheimnis mehr. Und was die Saitenlage des Herrn Lund betrifft: wir bleiben dran!

 

2024 17 Jan.

Im Herbstzauberwald

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2024 16 Jan.

Flow und Fleiss

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Die Bildende Kunst hat in ihren vielfältigen Ausdrucksformen eine grosse Spannbreite aufzuweisen. Die naturalistische Abbildung von Mensch und Natur in der Malerei war lange Zeit ihr Hauptmetier. Zunehmend wuchs der Drang nach expressiveren Ausdrucksformen, in der vermehrt die subjektive Erfahrung des Künstlers zur Geltung kam. Das begann mit den Impressionisten, gefolgt von den Expressionisten, setzte sich fort über die Kubisten hin zu den Surrealisten und Dadaisten. Es kamen die Neuen Wilden und schliesslich auch Konzeptkünstler zum Zuge, bei denen es teilweise kein „sichtbares“ Produkt mehr zu bewundern gab. Vom „Malschwein“ hin zum reinen Denker. Ein Porträtfilm über Anselm Kiefer, den ich kürzlich sah, hat nachhaltige Wirkung. Er zeigt den Künstler bei der Arbeit. Im Schaffen des Anselm Kiefer bricht sich das Monumentale Bahn, der feine Pinsel hat hier nichts zu suchen. Auch Konzeptkunst ist dies nicht, es geht ums Machen, Vorwärtskommen: Ameisenfleiss. Beeindruckend, wie er mit gehorsamen Gehilfen auf diesem riesigen Areal im südfranzösischen Barjac herumrödelt, mit Kränen und Baggern hantierend, Glasscherben zersplitternd (irre: Kiefer dabei barfuss in Sandalen), Blei giessend oder unterirdische Tunnel grabend. Ein Phönix aus Schutt und Asche. Dabei im Team agierend als Chef, der strikt, doch immer auch seltsam sanft seine Anweisungen gibt. Aus der Haut fahren ist selbst beim Gegenspruch nicht seine Sache: weiss er doch unbeirrbar, wo der Hammer hängt. Was also wirkt hier so nachhaltig? Es ist der Fingerzeig, mit Material und Körperlichem in Kontakt zu bleiben, dabei das Grosse nicht zu scheuen und Irrtümer zu akzeptieren. Wer Fussball liebt, der will beim Schauen selber spielen. Mit Kiefer will man bauen, Klötze kloppen und nach Herzenslust rumsauen. „Der Fehler fängt schon an, wenn einer sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen …“ – dieses Manifest seines einstmaligen Lehrers Joseph Beuys muss Anselm Kiefer nicht beherzigen, denn er ist weit entfernt von jeglicher Attitüde des Klischees. Es scheint, als habe sich still und unheimlich eine Blockade gelöst: im Machen liegt der gelbe Ginster der Erleuchtung. Aufbau, Abriss, Neuanfang. Auf geht’s!

 

2024 13 Jan.

„space drifter“

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d a y  o n e  _ | _  d a y  t w o

 
 

2024 7 Jan.

Martin Simpson & Thomm Jutz

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„Edward“

 

from the Album Nothing But the Green Willow. The Songs of Mary Sands and Jane Gentry

 

topicrecords.co.uk

 

2024 7 Jan.

concerts & venues

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maschinenhaus bremen: TRAIN. BILLY COPHAM. twistringen nähe bahnhof: RELEASE MUSIC ORCHESTRA. römer ostertorviertel bremen: TRI ATMA. JOHN RENBOURN GROUP. aula gymnasium syke: HANNES WADER. BOTHY BAND. LEO KOTTGE. OUGENWEIDE. WERNER LÄMMERHIRT. KLAUS WEILAND. MIKE SILVER. DE DANNAN. KEVIN COYNE. CLANNAD. gasthaus heiligenfelde: HERMANN BROD. stadthalle bremen: FRANK ZAPPA. GENESIS. postaula horn-lehe bremen: AL JARREAU. DAVE LIEBMANS LOOKOUT FARM (feat. RICHIE BEIRACH & JOHN ABERCROMBIE). bremen marktplatz: DAVE HOLLAND QUINTET. quasimodo berlin: DON CHERRY & ORNETTE COLEMAN SEXTET. fabrik hamburg: GILBERTO GIL (feat. NANA VASCONCELOS). rockfestival bruchhausen-vilsen: RORY GALLAGER. aladin bremen hemelingen: BAP. INGA RUMPF. capitol hannover: NINA HAGEN. PACO DE LUCIA. raschplatz pavillon hannover: RADIO TARIFA. HAVANA. IRAKERE. JAN GARBAREK / DAVID TORN / BILLY HART / EBERHARD WEBER. TOSHINORI KONDO. MARGARETH MENEZES. DAVID TORN / BILL BRUFORD / MICK KARN / MARC ISHAM. YOUSSOU N’DOUR. ARTO LINDSAY (feat. VINICIUS CANTUARIA & MARC RIBOT). JOAO BOSCO. HEINER GOEBBELS & ALFRED HARTH. NEY MATTOGROSSO. MARIA JOAO & MARIO LAGINHA. MARISA MONTE. DON CHERRY (feat. NANA VASCONCELOS). WOLF BIERMANN. TON STEINE SCHERBEN. REBEKKA BAKKEN. CARLA BEY & STEVE SWALLOW. KENNY WHEELER QUINTET (feat. JOHN TAYLOR & JOHN ABERCROMBIE). jazzclub minden: GONZALO RUBALCABA TRIO. sasel-haus hamburg: INTI ILLIMANI. dortmund westfalenstadion (katakomben): MERCEDES SOSA. modernes bremen buntentor: DAVID SYLVIAN. irgendwo in berlin: JOHN MARTYN & DANNY THOMSON. irgendwo in hamburg: JOHN MARTYN & GROUP unimensa bremen & marktplatz hildesheim: PAT METHENY GROUP. zelt in gweedore/donegal & bremen glocke & stadthalle göttingen: CLANNAD. kuppelsaal hannover: SUN RA ARCHESTRA. hildesheim 4 linden: AKI TAKASE & MARIA JOAO. LINDSAY COOPER & ALFRED HARTH. ROBBEN FORD & THE BLUE LINE. irgendwo in berlin: DAVID THOMAS w. LINDSAY COOPER & CHRIS CUTLER. jazzclub hannover: JAMES BLOOD ULMER. laeiszhalle hamburg: VIJAY IYER. kulturzentrum faust hannover linden: GUNTER HAMPEL NEXT GENERATION. palo palo hannover: DIETER ILG / CHRISTOF LAUER / WOLFGANG HAFFNER / MARC COPLAND. kesselhaus hannover hainholz: ALEXANDER VON SCHLIPPENBACH QUINTET. hamburg elbphilharmonie: JOHN ZORN. NIK BÄRTSCH RONIN. VIJAY IYER SEXTET. AVISHAI COHEN QUARTET (feat. ZIV RAVITZ). EGBERTO GISMONTI. JULIAN LAGE TRIO.

 

2023 31 Dez.

Mein Serienjahr

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10/10

Succession – Final Season Four (wow) 

 

9/10

1883 – Limited Series (paramount+)

1923 – Limited Series (paramount+)

Weissensee – All Four Seasons (netflix / ard+)

 

8/10

Ted Lasso – Season Three (apple tv+)

Beef – Season One (netflix) 

The Marvelous Mrs. Maisel – Final Season Five (amazon prime)

The Americans – Season Two (amazon prime)

 

7/10

The White Lotus – Season Two (wow) 

Transatlantic – Miniserie (netflix) 

Last Exit Schinkenstrasse (amazon prime)

Luden – Miniserie (amazon prime) 

Tulsa King – Season One (paramount+)

Tage, die es nicht gab – Limited Series (ard) 

Slow Horses – Season Two (apple+) 

 

6/10

Shrinking – Season One (apple tv+)

The Last of Us – Season One Ep 1-7 (wow) 

Justified – Season Three (freevee)

 

5/10

Yellowjackets -Season One Ep 1-8 (wow)

Poker Face – Season One Ep 1-6 (wow) 

 

2023 29 Dez.

Haiku-Songs

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Oft, wenn ich nach einer perfekten Radtour, die einer in die Landschaft skizzierten Zeichnung gleicht, in den heimatlichen Hafen zurückkehre, fällt mir ein Fragment aus einem Song von David Sylvian ein: „Circle through the room.“ Der Song heisst „Alphabet Angels“ und entstammt dem Album Dead Bees on a Cake. In ihm wohnt das taoistische Prinzip: eine freie, doch ebenso lyrisch ansprechende Fährte, ohne Wiederholung, ohne Symmetrie. Man fühlt sich erinnert an den nicht reproduzierbaren Pinselstrich chinesischer Malerei. Wie gerne hätte ich mir noch viel mehr gewünscht von dieser Machart (es folgte dann auf Manafon mit „125 Spheres“ – etwas rabiater – eine Komposition von ähnlicher Natur). Liegt nicht auch im Mangel der gelbe Ginster der Erleuchtung, wie es der Neurologe Detlef Linke einmal schrieb? Gerade in Zeiten digitaler Vervielfältigung wünscht man sich ja Selbst-Begrenzungen zurück. Diese eine Linie, this fine line. Eine Synthesizer-Melodie folgt dem gesanglich vorgetragenen Vers, umrahmt von Donnerschlag und feinen Explosionen. Buchstaben-Engel oder das scheue Reh auf der Lichtung: gelungene Metaphern für flüchtige Inspirationen, die es gilt, am Schopfe zu packen. Dichterinnen und Autoren wissen, wovon ich spreche: von dem, was sich der Kontingenz entzieht. Das Einmalige ist nämlich nicht beliebig.

 


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