Es gibt Momente im Leben, die prägen sich bildlich ein, auch wenn sie weit zurückliegen. Man sagt ja, das Langzeitgedächtnis weite sich aus im Alter, wobei zeitgleich das Kurzzeitgedächtnis schwächer wird. Wo war ich gestern noch gewesen? Heute weiss ich’s schon nicht mehr. Hinzu kommt das Schwirren von Informationen, die wie ein Störfeuer wirken für Konzentration. Vom Plauderton nun geradewegs in die erinnernde Erzählung: eines Morgens im Elternhaus, so um Neuzehnhundertsiebzig rum sass ich im Esszimmer auf einem mit blassrotem Polsterstoff bezogenen Stuhl und spielte auf meinem ersten eigenen Saiteninstrument. Berufsbezeichnung: Wandergitarrist. Irgendwie auch „Wundergitarrist“ hinsichtlich der Klangräume, die sich auf dem Griffbrett meiner Framus offenbarten. Der Plattenteller drehte sich und ich wollte mitspielen zu einem favorisierten Stück, beherrschte aber vorerst nur drei Popsong-kompatible Griffe in E-Dur, die mir der Sohn des Volksschul-Direktors auf seiner Stratocaster gezeigt hatte. Das Lied, das mich reizte, so fand ich heraus, war akustisch in G-Dur angesiedelt, also drei Halbtonschritte beziehungsweise Bünde aufwärts. Way too high – so how to climb this cliff? Ein kurzer Bleistift lag zufällig auf dem Beistelltisch, ich wühlte leicht erregt (denn etwas Grosses schien sich hier gerade anzubahnen) in der Schublade nach einem Bindfaden, drückte den Bleistift quer auf den dritten Bund und wickelte ihn mit dem Faden fest. Ich wähnte mich in der Errungenschaft einer genialen Entdeckung, denn nun konnte ich mit den E-Dur Griffen (E, A und H7) in G-Dur den Song auf dem Plattenteller begleiten. Später stellte ich fest, dass ein anderer Christofer Columbus lange vorher dieses „Amerika“ entdeckt hatte: der Name dieses quantenspringenden Wunderdinges lautete Capodastro.