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Archives: März 2023

2023 10 März

Remembering Obscure

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Als zwischen 1975 und 1978 die zehn Platten von Enos Obscure Records erschienen, wurde eine Tür aufgestossen, welche die sogenannte Avantgarde in die  Popkultur transportierte. Der Begriff  „progressive Rockmusik“ verlor bald an Ausstrahlung, weil das auf Dauer Progressive rasch allzu hochtrabend geriet. „Pink Floyd“, „Yes“, „Emerson Lake & Palmer“ und zig andere packten die Tonspuren voll, bis der Arzt kam. Oder im Bereich von Jazz-Rock und „Fusion“:  man denke  an die Gigantomanie diverser 70er-Jahre-Bands, die anfangs Klasse ablieferten, und soäter  ihren  eigenen Erfolgsrezepten auf den Leim gingen In den Obscure Records öffneten sich ganz andere Klangfelder, denen alles Monströse abging; selbst Werke von John Cage waren mit dabei, einer der hellsten Geister des 20. Jahrhunderts, der jeder Selbstverliebtheit den Garaus machte. Bis auf wenige Ausnahmen produzierten Eno und ein kleiner britischer Kreis, zu klein, um einen Gentleman-Ckub zu öffnen, hochinteressante Klangstoffe, die auf diversen unterirdischen Wegen bis heute nachwirken. Ich befragte einst Tom Waits und Mark Hollis  zu ihren Erlebnissen mit Obscure Records! Sie hatten was zu erzählen!

 

The Sinking of the TitanicGavin Bryars – 1975 – Obscure no. 1  (*****)

Ensemble PiecesChristopher Hobbs, John Adams, Gavin Bryars – 1975 – Obscure no. 2 (***)

Discreet MusicBrian Eno – 1975 – Obscure no. 3 (*****)

New and Rediscovered Musical Instruments – Max Eastley, David Toop – 1975 – Obscure no. 4 (****)

Voices and Instruments – Jan Steele, John Cage – 1976 – Obscure no. 5 (****) 

Decay MusicMichael Nyman – 1976 – Obscure no. 6 (**)

Music from the Penguin Café – Members of the Penguin Café Orchestra – 1976 – Obscure no. 7 `(*****)

Machine MusicJohn White, Gavin Bryars – 1978 – Obscure OBS-8  (***)

Irma – an opera by Tom Phillips, music by Gavin Bryars, libretto by Fred Orton – 1978 – Obscure OBS-9  (***)

The Pavilion of DreamsHarold Budd – 1978 – Obscure OBS-10  (****)

 

Nat King Cole – „Nature Boy“

 


1 – Wenn Jon Hassell über Amerikas Exotika-Musik sprach, all die Werke mit skurrilen Covergestaltungen, in denen Afrika und Asien und die Geheimnisse ferner Kulturen mit leicht erhöhtem Martini-Blutspiegel eine sehr westliche Perspektive erhielten, dann tat er es mit ironischem Schmunzeln. Und Hintersinn. Das Fremde wurde einem nicht gefährlich, wenn es mit einem netten Swing daherkan, und so koloriert und karikaturenhaft daherkam wie die alten Südseefilme mit putzig zurechtgemachten Eingeborenen. Aber natürlich hatten diese Platten von Les Baxter und Martin Denny auch einen beträchtlichen Charme, und wir wollen mal hoffen, dass diese american cats keinen white supremacy-Gedankenschrott pflegten. 
Mit dem Namen Les Baxter assoziiere ich als erstes immer Lex Barker, den berühmten Old Shatterhand-Darsteller, der mir als 15-jährigem Kid mal an einem Swimmingpool mit Mario Adorf gegenüber sass, während der Super-Minister Schiller mit seiner Geliebten ein paar Runden im Mallorcinischen Pool schwamm. In einem abgelegenen Super-Hotel. THE WHITE LOTUS 1970. Schade, dass ich das Paparazzi-Foto, das ich damals schoss, nicht mehr habe, das wäre hier DER historische Schnappschussknaller aus der alten BRD. Diese ganze Exotika-Musik hatte viel gemein mit der TV- und Kinowelt, in der Flipper, Rin Tin Tin, Lassie, Karl May, James Bond, Emma Peel und hundert andere Namen (Gesichter, unvergesslich) Fenster in eine andere Welt öffneten. Ganz egal, wie naiv und kindlich und regressiv das teilweise daherkam: es waren Fenster in eine andere Welt. Entferne das Glitzern, und hinter Traumgesichtern erzählen dir die Projektioen, Schatten und  Schemen von einst ihre wahre Geschichte. Do it one more time, Diana Rigg! (m.e.)

 

I look crazy, but I am not. And the funny thing is that other people don‘t look crazy, but they are.“

(Eden Ahbez)

 

2 – Eden Ahbez war eine Art Mittler zwischen dem alten Amerika und der Ära der Hippies. Ein Go-between. Wer sich anno 2023 auf „Eden‘s Island“ einlässt, mit Scotch und Candlelight, oder mit einer Bong und Räucherstäbchen (aber auf keine Fall mit tierischem Ernst) kann tatsächlich einem alten Staunen nahekommen, dieser Schwelle von Kindheit und Erwachsenen-Status. Schmunzeln, lachen, träumen. GETTING THERE. Ein Blinzeln, und wir sind wieder dort, aber wie VERWANDELT.  Oder, mit „Professor“ Leary gesagt: TURN ON, TUNE In, DROP OUT. Blue moods reloaded. Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. On the shores of Monterey / it’s such an beautiful day. Wyndham, auf zur letzten Runde deines Trips auf „Eden‘s Island“… (m.e.)

 

 

 

 

3 – (Das Finale von Wyndham Wallaces Besprechung der Neuausgabe auf Everland) – „Für manche bleibt Ahbez sicherlich ein Sonderling, und Melodien wie das unwiderstehlich fröhliche „Mongoose“ und das schwärmerische „Banana Boy“ mit ihren Rassenklischees sind nicht hilfreich. Auch der Bonustrack „Yes, Master“ ist sexistisch angehaucht, während ein anderes Stück, „India“ von 1951, besser zu George Bruns‘ Dschungelbuch-Musik von 1967 passen könnte. „Eden’s Island“ ist jedoch eine kluge, utopische Metapher und nicht lächerlicher als andere gleichgesinnte, subversive Ansichten, die später von Hippies übernommen wurden.

Im verträumt-idealistischen „Eden’s Cove“ ist „Liebe alles, wofür sie leben“, während er in „La Mar“ eine stürmische See in „einem kleinen Boot, das ich Leben nannte“, überquert, was auch durch die knarrenden Balken von „The Old Boat“ und Ahbez‘ unverwechselbare Flöte evoziert wird. „Surf Rider“ erinnert an eine süße Schwesternschaftsgruppe, die von Brian Wilson – an dessen Smile-Sessions Ahbez teilnahm – bekehrt wurde, und im ruhigen „Full Moon“, in dem „all men are brothers“, schließt Ahbez mit „I am everyone, anyone, no-one“, womit er Lennons „I am he as you are he as you are me“ in „I Am The Walrus“ um sieben Jahre vorwegnimmt.

Der Unterschied liegt im musikalischen Kontext. Aus einer konservativen Ära stammend – unterstrichen durch weitere Boni wie „The Shepherd“ von 1949, dargeboten vom Schauspieler Herb Jeffries, und „The Planet Song“, das darauf besteht, dass „die Natur eine Symphonie ist“ – verwendete Ahbez‘ leise Rebellion Flöten, Marimbas und Vibraphone. Die Hippies fügten lediglich Gitarren, Schlagzeug und offensichtlichere psychedelische Mittel hinzu.

Die Musik von Ahbez hat sich nicht verändert, aber 63 Jahre später hat sich unser Einblick in seine Motive verändert und offenbart einen Mann, der seiner Zeit weit voraus war. Einschalten, einschalten, ausschalten.“ 

 

we are all dreamers. / Foto von Susanne Berndt, meiner Sylter Lockdownreiseleiterin

 

 

P.S.  Ich habe mir die Doppel-Cd bestellt. Und auf bandcamp beim Schreiben dieses Textes ein zweites Mal rauf und runter gehört. Ein grosses Vergnügen. Und ein tiefgehendes obendrein. Erhältlich ist diese Ausgabe von Everland in limitierter Auflage auf Vinyl und auch als 2xLP mit Gatefold-Vinyl und Booklet in einer Holzbox.  Das Foto von Susanne B. stammt vom Dach der Osloer Oper. Vielen Dank auch an Wyndham Wallaces Zeitreise. 

 

In 2018, Steve Erickson is interviewed and asked to name a single theme that all of his books have in common. „Um …“ he says with a laugh, pauses. Then he continues: „Chaos. The chaos of the world, the chaos of time and place. The chaos of sex and the self, of nature and the quadrants. Of memory and what it means to remember.“ Steve Erickson’s third novel, Tours of the Black Clock, published in 1989, begins by quoting William L. Shirer’s The Rise and Fall of the Third Reich. It recounts a detail of Hitler’s private life. In the late 1920s, Hitler loved his niece, Geli. At the end of the summer of 1931, the arguments between the two of them became more and more violent. Geli committed suicide. Hitler was inconsolable for months. Like Erickson’s other books, Tours of the Black Clock borders on the disjointed. As one crosses the twentieth century, one is lost in time and space. Reference points have disappeared. Vienna is flooded. Critics have mentioned postmodernism, magic realism, science fiction, surrealism, and mythology, but no label fits. Erickson’s work builds a consciousness of its own. It is not part of our common logic thinking systems. Where in the universe am I? Some chapters are written by an omniscient narrator, but large parts are written in the first person. Then that person changes identity, so you have to rethink the perspective. Some characters die, but they reappear later. You feel a chill under your skin from the subtle color palette: Herds of silver buffalos are on the move, destroying everything in their path. A boy with natural white hair. A girl in a blue dress. Dancing. She danced and men died. A blueprint rolled up in an old saddlebag. The map of a family home, the map of the 20th century. Banning Jainlight is born in 1917 and turns out to be precocious and addicted to sex when he grows up. He destroys his home, travels to Europe, Paris, Vienna, Berlin. He writes extraordinarily successful pornographic stories, well paid. Some of his clients make special demands on the staff of the stories. One of his clients is Hitler. However, his name is never mentioned in the novel, so as not to confuse a fictional character with a historical one. Hitler ends up in an Italian prison and manages to escape as an old man. Toward the end of the book, the radio in the motel does not work. In all of Erickson’s novels, there are deep experiences of love. And there’s a fundamental, unbearable loss. Tours of the Black Clock is the darkest of Erickson’s novels that I have read so far. However, The Sea Came in at Midnight, Rubicon Beach, and Amnesiascope are also pretty dark stuff. Actually, I started reading Tours of the Black Clock around three years ago, I got stuck on it, and it took about half of the book to get to the point where I couldn’t put it down. In contrast to Amnesiascope, there is almost no dialogue, and I don’t remember any of those kinds of reflective sentences that you can think about in a general way beyond the lecture. Most of the novel is narration, which makes reading a bit monotonous. Still, you end up having experienced a unique kind of depth. From a daytime perspective, the novel makes no sense. But our nocturnal side understands it completely.

 

 

 

 

This is my first reading impression of Tours of the Black Clock, on April 29th 2020.
This is my review about Amnesiascope (04-20-2018).
For Michael’s radio show I translated a piece from Amnesiascope into German.
My reading process of „Das Meer kam um Mitternacht“ (The sea came in at Midnight) was paused even for 12 years. I wrote about the reasons here, more than 8 years ago.

In a  way, I’m addicted to Erickson’s world, because of the way he deals with time and space. The next book I’m going to read is Zeroville. Journalist Jim Knipfel summed it up this way: „God hides a secret movie in every movie ever made.“ (From: Conversations with Steve Erickson. Edited by Matthew Luter and Mike Miley)

 

2023 7 März

märz-loops

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„pulsation“

 

[curious about jon hassell’s psychogeography (zones of feeling) I listened to the first track of the album and immediately felt the strong need to create a somehow asymmetrical, pulsative floating loop with occasional bass dabs]

 

„snowflake“

 

„bass jumps“ (added march 15th)

 

2023 6 März

mixed pickles

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Ziemlich in der Mitte zwischen Weihnachten und Sommer liegt die saure Gurkenzeit – zumindest, was Serien betrifft, so scheint’s. Da freut man sich, dass es noch kleine Köstlichkeiten gibt wie der grossartige Western 1883 und die humorvoll-erotischen Urlaubsepisoden an der sizilianischen Küste in The White Lotus. So können dann auch ARD-Programme glänzen und hätte ich jemals behauptet, im deutschsprachigen Milieu gäbe es nichts Gutes, so nähme ich alles zurück: die an Big Little Lies angelehnte heiter-dramatische Krimigeschichte wurde aus Kalifornien ins Östereichische transponiert und besitzt ein ganz eigenes Kolorit. Vier Freundinnen und der ungeklärte Todesfall eines sadistischen Gymnasialdirektors machten grossen Spass. Unvergesslich der dröge Wortwitz einer Kommissarin, die ununterbrochen Kuchen isst. Slow Horses nennt sich das gediegene, gut gereifte Handwerk des subtilen englischen Schwarzhumors, verpackt in der Geschichte einer von der Regierung aufs Abstellgleis gestellten „Versagertruppe“ britischer Geheimdienst-Agenten, die sich aber dann doch allesamt als ziemlich gewieft und professionell zeigen. Hallelujah ut di wat nix? Denkste wat – das vermeintlich dümmste Huhn findet oft die dicksten Körner und das auf Nebenwegen. Überraschend war The Last of Us: ein aggressiver Parasiten-Pilz befiel die Erde und machte Befallene zu tötenden Zombies. In einer dystopischen Nachwelt kämpfen nun ein Mycel-immunes, aufgewecktes Teenie-Girl und ein älterer erprobter Kämpfer ums Durchkommen: menschlich warm und sehenswert, in atemberaubenden Bildern. So schön kann Weltuntergang sein. Ich wollte ihr eine Chance geben, stieg deshalb quer ein bei Staffel Vier, aber letztlich enttäuscht und deshalb nicht am Ball geblieben bin ich bei Babylon Berlin. Klar, kann man gucken, aber muss nicht: filmhandwerklich und schauspielerisch solide (Meret Becker ist ’ne Show), leider etwas überfrachtet und angestrengt, auch deshalb knapp unterhalb des Binge-Faktors.

 

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in der alten Heimat eine Schallplatte gekauft habe. Der letzte Tonträger war vielleicht Du kannst mich an der Ecke rauslassen, eines der schönsten deutschsprachigen Alben, steht aber zwischen den CDs und ist 2008 erschienen. Ich erinnere mich auch daran, das zweite Album von Calexico kurz nach der Veröffentlichung bei Shock Records zu kaufen, oder Original Rockers, die ich aus einem Stapel zog, nachdem ich schon hunderte Alben in einem Second Hand Shop durchgeschaut hatte. Aber das war vor Jahren, Jahrzehnten, … so lange hatte ich in dieser Stadt, in der ich häufig bin, keine LP gekauft bis wir uns zu viert, eine sitzt noch in ihrem Kinderwagen, gestern in den kleinen und schon gut gefüllten Schallplattenladen kurz vor dem Markt drängten. Wir waren an diesem verregneten Samstagmittag alle schon etwas hangry, merkten zum Teil noch den schweren Primitivo vom Vorabend, so dass ich nur schnell durch das ECM/Japo Fach guckte, während der Besitzer des Ladens sich mit einem anderen Kunden über das Rolle mit Hip Hop Album von Afrob unterhielt. Love, Love habe ich noch nie so günstig gesehen, nach einem Blick auf das Vinyl wusste ich warum, bei zwei anderen Alben stimmten jedoch Qualität und Preis: Für €35,- trug ich Gnu High und Nan Madol in ein Café, wo wir unsere Laune besserten, ins Elternhaus, schließlich in einem Auto und zwei Zügen nach Hause. Am Samstagabend reichte die Energie nur noch zum Glotzen (8 Frauen in der ARD Mediathek), dafür hat mich die Musik heute über sonntägliche Landschaften getragen.

Auf der Innenhülle von Nan Madol sind ein Name (vielleicht „Babock“, die Schrift ist nicht ganz deutlich) und ein Datum (22. 12. 78) in verblichener blauer Tinte geschrieben. Ich glaube nicht, dass diese Schallplatte oft lief, dafür ist das Vinyl zu gut erhalten; gleiches gilt zum Glück für Gnu High. Da ich in der letzten Woche mehrmals Travel von The Necks gehört habe, drängen sich mir Vergleiche auf. Musikalische Momentaufnahmen von einer hohen Dichte, kleinteilige rhythmische Partikel, ein klanglicher Wildwuchs, in dem viele Stimmen miteinander plaudern, das Ganze oft mit Brummen und Summen grundiert. Auf dem Album von Edward Vesala finden sich mehr melodische Themen, fast schon folkloristisch-liedhafte Einflüsse, als bei The Necks, die noch tiefer in den reinen Klang einzutauchen scheinen (wobei es ja auf dem neuen Album dieses tolle Stück gibt, wo der Klangstrom fast schon reggaehaft konturiert wird).

Gnu High – die erste ECM LP von Kenny Wheeler, das letzte Album, auf dem Keith Jarrett als Sideman mitwirkte – Kreise, die sich öffnen, Kreise, die sich schließen. Zu den beiden gesellten sich im Juni 1975 noch Dave Holland und Jack DeJohnette vor die Mikrophone des Generation Sound Studio in New York, wo Tony May und Manfred Eicher die Musik (3 Stücke, 40 Minuten) aufnahmen. Pure Champion Sound, massive. Am Ende von Heyoke gibt es eine längere Passage – es ist nur das Schlagzeug zu hören, vor allem zischen die Becken – der unsere Hündin höchst aufmerksam gelauscht hat. An dem Rest der Schallplatte hat Ella dann unverständlicherweise keinerlei Reaktion gezeigt. Sehr bemerkenswert an dieser Arbeit ist, wie genau die Musiker aufeinander hören, wie sie Pausen setzen, sich wechselseitig immer wieder die Bühne überlassen, um wenig später gemeinsam die Sterne vom Himmel zu holen.

Was mich noch ein bisschen umtreibt: nachdem ich einem Freund schrieb, welche Platten ich mir gekauft habe, antwortete er, dass ich „ein sehr vorhersehbarer Plattenkäufer“ sei. Wie gut, dass es bald wieder ein neues Album der Sleaford Mods gibt. Oder ich kaufe mir Hounds Of Love, etwas von PJ Harvey, Common One, oder… mal sehen. 

 
 

Der Film ist konfliktträchtig. Der Konflikt besteht bereits, bevor man den Vorspann gesehen hat: Es ist ein Antikriegsfilm, seine Macher gehören zu den Guten, stellen ihre Kraft in den Dienst einer humanen Botschaft. Also ist er gut, oder? Wir zeigen Euch den Krieg wie er wirklich ist, schonungslos. Also habe ich ihn gut zu finden. Oder? Und wenn er mir jetzt nicht gefällt – bin ich dann ein Kriegstreiber ? Schliesslich leben wir in einer Zeit der Vereinfachungen und bequemen Spaltungen.

Im Westen nichts Neues (ab jetzt IWNN) wurde im Ausland euphorisch gefeiert, trägt eine neunfache Oscarnominierung auf dem Rücken, 7 britische Filmpreise. In Deutschland ist die Rezeption verhalten, Netflix hat auch bisher nicht die Zuschauerzahlen preisgegeben. Der Hauptvorwurf: Der Film habe mit der Buchvorlage eigentlich nichts mehr zu tun, gebraucht aber den guten Namen Remarques als Vehikel – den die jüngeren Generationen heute ohnehin nicht mehr kennen. Der Vorwurf ist marginal.

Der Spiegel – Rezensent warf das Handtuch und schaltete nach 20 Minuten ab. Er wollte nicht sehen, wie Menschen mit Flammenwerfern verbrannt werden oder Soldaten an Senfgas ersticken. Weichei, oder? Grausamkeit erzeugt bei empfindsameren Menschen Abwehr, das kann sich durchaus einmal als Müdigkeit, Langeweile oder Desinteresse maskieren, anderseits werden wir täglich mit Gewaltdarstellungen überspült, das brüht schon ziemlich ab, das kann’s also irgendwie nicht sein; verbrannte Leichen gibt’s in jedem Tatort zum Abendessen. Ein Gemetzel mehr …

Zur Vorgeschichte: Das 1928 erschienene Buch von Remarque las ich als 14jähriges Mädchen, es hat mich sehr aufgewühlt; von da an las ich Kriegsliteratur, sah auch die beiden amerikanischen Verfilmungen des Romans – ich war und bin kein Weichei. Eher eine vom Team Brühwurst. Die Antikriegsfilme aus den Staaten habe ich verschlungen: Platoon, Full Metal Jacket, Apocalypse Now, die geniale Satire MASH und zahllose über die Kriege in nahen Osten. In Gottesnamen auch noch Schindlers Liste – ich komme mit dergleichen ohne Alpträume zurecht.

Erster Versuch jetzt im Januar: IWNN her gestreamt und mit Ehemann geguckt … – versucht zu gucken! Abschalten nach circa 30 Minuten aufgrund eines Gefühls von Gleichgültigkeit oder Seelenverhärtung angesichts einer zusammenhanglosen Aneinander-Reihung von Schrecken und Grausamkeiten, die nicht enden wollten.

Zweiter Versuch eine Woche später – tapfer durchgestanden, aber ohne wesentliche emotionale Beteiligung, der Film schafft es nicht, „mich hineinzuziehen“, das Hauptkriterium, wenn mir ein cineastisches Werk gefallen soll. Einer Freundin ging es ähnlich. Eine Aneinanderreihung von grausamen Situationen, ungestaltet, ohne Handlung, ohne Spannungsbogen, die Protagonisten ständig schlamm- oder blutbespritzt, schwer von einander unterscheidbar, ohne Individualität, wir wissen auch nichts über ihre Vorgeschichte. Wir sehen nur, wie sie zugrunde gehen. Es könnte eine Doku sein, aber auf dergleichen ist man nicht eingestellt, wenn man einen Oscar-verdächtigen Film herbei streamt.

Der Film frustriert unsere Sehgewohnheiten. Wir sind gewöhnt an Handlung, Spannung und an Sympathieträger, die wir zu Identifikationsfiguren wählen können – auf deren Seite wir stehen und stellvertretend mitfühlen können. Schliesslich eine Auflösung der Spannung und irgendeine Form von Showdown und Ende, Happy End, Broken Happy End oder Bad End. Jack klammert sich an eine verbliebene Tür der Titanic, die im Nordatlantik treibt, und wir leiden mit Rose, die schliesslich seine Hand loslässt – eine ikonische Szene. Ein Band verbindet uns mit den Figuren, in diesem Fall mit Rose und ihren Wünschen. IWNN bietet keine ikonischen Szenen, manchmal fragt man sich ob überhaupt etwas gestaltet wurde und nicht nur Grauen produziert.

Dann überraschen die wiederholten Aufnahmen einer stillen und unberührten, immer indifferenten Natur, in der kein freundlicher Schöpfergott mehr spürbar ist, sie scheint nur das Treiben der Menschen zu ihren Füssen aussitzen zu wollen. Ein Moment der Gestaltung, in seiner Stille kontrapunktisch eingesetzt gegen das Menschengetöse.

Der Film erzählt keine Geschichte, mit der wir mitgehen, mithoffen und -bangen könnten wie Schindlers Liste oder die Titanic, er bietet nichts zum Festhalten, führt nicht und nimmt uns nicht an die Hand; es rollen nur mitleidlos die Schrecken über uns hinweg, einer nach dem anderen, wir können keine Gefühle mehr entwickeln, dafür ist kein Raum mehr, auch kein Denk- und Phantasieraum. Nur überwältigende Leere, Sinnlosigkeit und der Schrecken der Endlosigkeit des Schreckens.

Und genau das ist der Krieg. Und der lässt sich nicht künstlerisch fassen und gestalten. Adorno meinte, man könne nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben, den habe ich immer gut verstanden, wie soll man Auschwitz „gestalten“? Offenbar lässt er sich auch nicht sprachlich fassen.

Wer dabei war, kann oft nicht darüber sprechen – unsere Väter und Grossväter konnten es nicht und wir Jüngeren reagierten mit Abwehr, wenn sie es versuchten, es war uns lästig. Dahinter steckte sicher Angst, ein Spüren des Anliegens der Veteranen endlich einmal sprechen und abladen zu wollen und uns damit zu überfordern. Oder ihre ganze Frustrationswut abzukriegen. Meistens begann es mit dem Gestus „Ihr habt ja keine Ahnung, Euch gehts ja gut …“, auf dieser Vorwurfsschiene erwarteten wir uns mit Recht keine gedeihliche Diskussion. Da beschlossen wir lieber dass es uns nicht interessiert. Man hatte mit dem eigenen beginnenden Leben genug zu tun.

Ist es anmassend sich vorstellen zu wollen, was ein Soldat in dieser Situation erlebt? Jetzt und heute würde ich es gerne wissen, jetzt traue ich mir zu es auszuhalten, aber die meisten Weltkriegsveteranen leben jetzt nicht mehr.

Ich habe inzwischen viel gelernt über Trauma und Trauma-Verarbeitung, die Reaktion des Gehirns auf Nicht-mehr-Verarbeitbares, auf das Durchbrechen des Reizschutzes und das Versagen der psychischen Abwehr, über das Abschalten gefühlsverarbeitender Hirnzentren und das Aktivieren von Zentren, die für das blosse Überleben zuständig sind. Im Krieg gäbe es keine Depressionen, heisst es; vermutlich stimmt das, das Gehirn arbeitet da anders, heute spricht man von Dissoziation, ein psychisches Entweichen aus der Situation, das bis zu ausserkörperlichen Erfahrungen führen kann.

Diese Phänomene finde ich beim Betrachten dieses Filmes wieder – abschalten, distanzieren, flüchten, nichts mehr fühlen – er „zieht nicht hinein“, er stösst uns aus und zwingt uns unser Gefühlsleben abzuschalten. Und den Fernseher gleich mit dazu. So werden wir zu Deserteuren. Da ändern auch Erzbergers Bemühungen um einen Waffenstillstand nichts, das weckt keine Hoffnung. Irgendwann fühlt man nicht mehr, nicht weil der Film schlecht gemacht wäre, sondern weil er traumaspezifische Verarbeitungsweisen triggert. So erkläre ich mir das Rätsel das ich mir gerade selber bin.

Die Fähigkeit eines Regisseurs, Derartiges loszutreten, ist hoch einzuschätzen – ob es für die Oscarnominierungen verantwortlich ist oder hier eher ein Woke-Mechanismus greift, sei dahingestellt. Der Westen, der seine Friedfertigkeit so oft und gern zitiert und demonstriert, kann es sich schlecht leisten, einen Antikriegsfilm nicht zu preisen und zu be-preisen. Wie stehen wir denn da? Und so kommt jetzt bald die rauschende und wort- und tränenreiche Gutmenschennacht.

 

 

Die Einflüsse sind unüberhörbar: Diese Traumwelt überschneidet sich mit Tom Waits‘ ewigem Boho-Bar-Crawl, dem Märchenland von Gong, den Raumschiffkorridoren von The Orb, und die Stimmungen und Strukturen stammen aus einer Realität, in der Sun Ra, Zappa und Beefheart die Grundpfeiler der modernen Musik waren. Es ist seltsam und, wenn man es sich anhört, meistens sehr, sehr schön. Allerdings klingt es nicht immer gleich: Manchmal ist man vielleicht nicht in der Stimmung, sich ganz auf Hollanders Welt einzulassen, und dann mäandert es vielleicht nur verwirrend vorbei – aber ein anderes Mal, wenn man ganz durch das Portal treten kann, ist es ein Werk von totaler Magie.

(Joe Muggs, The ArtsDesk)

2023 3 März

At The Marquee (2)

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Fortsetzung des Blogeintrages „At The  Marquee“ (1) vom 26. Februar.

 

Ja, lieber Michael, alter Freund, gerne steuere ich eine kleine Erinnerung von meinen Marquee Besuchen bei.

Es war ebenfalls 1970, ich hatte gerade mein Abi gemacht und gönnte mir einen London Trip zur Belohnung. Ich war am Vortag in London angekommen mit Ruckdack und Schlafsack und war mit meinem Schulfreund Peter am Trafalgar Square verabredet. Wir wollten uns ein paar Tage in London herumtreiben, aber ich habe umsonst gewartet. Später habe ich dann erfahren, dass er eine Woche zuvor einen Autounfall in Katalonien hatte und in einem Krankenhaus lag.
Abends bin ich dann nach Soho in den Marquee gegangen um Blodwyn Pig zu hören. Bereits ein Jahr zuvor hatte ich dort Yes gehört, ein tolles Konzert. Der Marquee war damals das Sprungbrett für die angesagten Newcomer Bands auf dem Weg zur Karriere. Nun, es war nicht das erhoffte Highlight, unerträglich laut und unerträglich eng, gefühlt 1000 Leute in dem überschaubar großen Marquee Club. Ich muss gestehen, dass ich zur Hälfte des Konzerts die Segel gestrichen habe und das Weite gesucht habe. Zuviel Stress für einen Schwarzwälder Bub. Nach Fish und Chips, zu mehr reichte das Budget nicht, habe ich mir dann eine Platz zum Schlafen gesucht und ihn in einem der Parks, ich glaube im Regents Park, gefunden. Alle Parks waren damals voll mit Hippies. Eine unbeschreibliche Atmosphäre!
Ich war gerade dabei meinen Schlafsack auszurollen, als sich eine sehr junge Frau zu mir gesellte. Sie war sehr gut bürgerlich gekleidet, und sie hatte einen übergroßen Rucksack dabei, darauf noch eine riesigen Schlafsack. Wie sie mir erzählte, hatte sie zwei Tage zuvor geheiratet und – dummerweise danach – kalte Füße bekommen und wollte einfach nur weg. Ich hab sie dann mit meinem Schulenglisch getröstet und ihre Stimmung hellte sich zunehmend auf. Zweimal wurden wir in dieser Nacht von der Polizei vertrieben, nur um uns dann 100 Meter weiter wieder hinzulegen. Sie hat mich dann gefragt, ob ich sie mit nach Deutschland nehmen würde. Meine Antwort muss dann doch etwas zögerlich ausgefallen sein. Wir sind dann nebeneinander in unseren Schlafsäcken eingeschlafen, keine weitere Störung durch die Polizei. Als ich am Morgen aufwachte, war sie weg und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Seltsam, diese Geschichte hat mich eigentlich nie richtig losgelassen.
Lieber Micha, das ist nun kein Report über ein Konzert im Marquee geworden. Ich habe dann zwar im Marquee auch noch King Crimson erlebt, ebenfalls laut und eng, aber auch faszinierend schön. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

Es gibt eine Parallele zwischen dem Protagonisten des surrealen Abenteuers, das das Album erzählt, und dem Hörer: beide stehen fremden Klang- und Erfahrungswelten gegenüber und können nie sicher sein, was als nächstes passiert. Der Hörer wird auf eine ganz spezielle Reise entführt. Könnt ihr ein wenig über zwei oder drei Inspirationen dieses „Songspiels“ erzählen?

 

 


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