Manafonistas

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2018 20 Apr

Amnesiascope. Über einen Roman von Steve Erickson

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags: , | 2 Kommentare

Eine Autofahrt durch Los Angeles bei Nacht. Sunset Boulevard, Bevery Hills, der Black Clock Park. Wer von der Zed Zeitzone in die Mulholland Zeitzone gelangt, muss die Uhr acht Minuten vorstellen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Aber man verliert die Orientierung schnell. Im Autoradio läuft Jajoukamusik aus Nordafrika, immer auf Station 3. Es war Vivs Idee, Sarah zu kidnappen und während der Erzähler im Rückspiegel zusieht, wie sich Viv und Sarah gegenseitig entkleiden und küssen, weiß er selbst nicht, ob das schon die Probe für den Pornofilm ist oder noch ein Teil der Bewerberauswahl. Von der Ocean Zeitzone geht es in die Zeitzone des Vergessens. Elf Minuten Zeitunterschied. Wer ist hier verantwortlich für den Plot? Justine findet sich überall in der Stadt auf Plakaten, niemand weiß, wofür sie wirklich Werbung macht, dieser rote Engel von L.A. Der Erzähler in „Amnesiascope“ arbeitet als Filmkritiker bei einer Zeitung, die Sache mit dem Pornofilm war eine gemeinsame Idee mit Viv. Weißes Geflüster. Eine Begegnung in einer Bar (oder nicht?), eine Begegnung im Hotel (oder doch nicht?). Und wie kommt es, dass immer wieder Leute in der Stadt über den Film „Der Tod des Marat“ diskutieren, wenn es den Film gar nicht gibt? Viv ist Künstlerin, ihr Projekt ist eine Konstruktion von Fernrohren, das Memoryscope, dafür reist sie nach Europa. Die Plakate mit Justine lösen sich auf, sie hängen in Streifen herunter. Die Zeitzonen werden kleiner und kleiner, bis es Millionen von Uhren gibt in der Stadt, und jede von ihnen zeigt eine andere Uhrzeit. Der Erzähler ruft eine Nummer an und er selbst meldet sich, ein Ich aus früherer Zeit. „Amnesiascope“, dieser wundervolle Roman von Steve Erickson aus dem Jahr 1996 wurde nie ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman mit seinen doppelten Böden ist ein Grundlagenwerk zu Traumlogik und Apokalypse. Es gehört zu den Büchern, die wir deshalb brauchen, weil sie die Wirklichkeit unmöglich machen.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 20. April 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

2 Kommentare

  1. Brian whistler:

    Maybe this is a good one to start with?

  2. Martina Weber:

    Year, it is! If you get infected, you´ll read them all anyway :)


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