Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Juni 2022

 

Im Sommer 1991 sagte Robert Wyatt zu mir: „Michael, the future is now“. Er spielte auf sein Alter und die knapper werdenden Zonen der „schönen kleinen Ewigkeit“ an,  für die wir das Leben im Überschwang mitunter halten. Einst wartete ich, als Musik Seelennahrung wurde, und wir reden hier mal von Songalben, von der Kindheit, der Jugend, und all den späteren Jahren, auf Singles und Alben von den Beatles und Kinks, auf Lps von Neil Young und Joni Mitchell. Die ganzen Siebziger Jahre wartete ich auf neue Alben von Joni, später nicht mehr so. Ich wartete auf neue Alben von Leonard Cohen, von Brian Eno und Robert Wyatt. Ich wartete seit Spirit of Eden auf neue Alben von Talk Talk und Mark Hollis, und immer noch auf neue Songs von Neil, Brian, Robert und Leonard. Ich rede hier mitunter von  Favoriten, bei denen das Warten noch gerade Sinn machte, und manchmal schon an Godot erinnerte. Nur Neil lieferte inmer. Ich wartete seit Before Hollywood und More Songs about Buildings and Food auf neue Alben der Go-Betweens und Talking Heads. Ich wartete immer noch auf neue Alben von Leonard. Heute warte ich, was nun die alten und nicht ganz so alten Wegbegleiter angeht, nur noch auf neue Alben der Mountain Goats, von Wilco, von Fathe John Misty, und das wohl letzte Songalbum von Brian Eno. Als ich im Oktober 2018 auf Sylt die Biografie von Robert Wyatt las, nahm ich nachts auf eine Wanderung seine Platte „Dondestan“ mit, und hörte sie am Morsumer Kliff im Stockdunkeln, mutterseelenallein und seltsam euphorisiert. Ich hatte einen alten Sony Walkman dabei. So viele Faszinationen darüber hinaus, in Songwelten, aber das hier sind die innigsten und dauerhaftesten Liebesbeziehungen.  By the way: das  Foto machte ich im Teekontor Keitum, in dem es einst zu einem legendären Manafonisten-Treffen kam. Der damalige Chef war auch Jazzfan, und einige Künstler, die sicher Freunde haben bei den „Freunden nordischer Musik“ traten dort schon auf. Dann musste für die Konzerte ein Riesenaufwand im Kontor betrieben werden. Der Jazz hat den Chef aber nicht so richtig locker gemacht, er war unhglaublich pingelig und ging damit sicher etlichen Gästen auf die Nerven. Jetzt ist er im Ruhestand, die neue Chefin ist entspannter. Ein echter Power Spot, zu gewissen Zeiten sich in den Strandkorb vorne rechts draussen hinzusetzen, und dann eine oder zwei Kannen Tee zu trinken. Ohne Drogen (und diesen Text zwei Susannes zu widmen), das geht gar nicht: es gibt dort, zu allem eleganten Überfluss, ultraköstlichen Zitronenkuchen mit Eierlikör zum Draufkippen.

 

    1. Don Cherry & Ed Blackwell: El Corazon (ECM)
    2. Brian Eno: On Land (45 rpm-edition)
    3. Keith Jarrett: Book Of Ways (ECM)
    4. Sonny Rollins: Way Out West
    5. Neil Young: Hitchhiker (Reprise)
    6. Gary Peacock: Voice from The Past (ECM)
    7. Muddy Waters: Folk Singer
    8. Archie Shepp & Mal Waldron: Let Alone Revisited (Enja)
    9. Kenny Burrell: Midnight Blue
    10. Joan Armatrading: s/t (Intervention Records)
    11. The Beatles: Rubber Soul (The Mono Box Set)
    12. John Coltrane: My Favourite Things (60th Anniversary Ed.)

 

„It sounds like the album is supposed to sound, or — perhaps more accurately – how I remember it sounding growing up as a kid. Sure, I was listening to the Capitol Records version at the time, but it was a MONO version and that is the sound I grew accustomed to. I never quite got into the Stereo versions of Rubber Soul, try as I did over the years. I especially prefer the Mono mix of “Drive My Car” as it puts the cowbell into proper perspective (its way too in your face on the Stereo mix – whenever I hear the Stereo mix, I expect Christopher Walken to come walking through the door demanding yet “a little more cowbell!” Yes, Rubber Soul sounds really so so good. Big rich sounding acoustic guitars with just enough jangle when the songs need to rock out. Dead quiet vinyl, again, and the sides are perfectly centered.“

(Mark Smotroff)

 

 

Die einfachste Liste, es handelt sich schlicht um meine am häufigsten gehörten Platten der letzten Jahre. Bis auf 11 und 12, die ich erst zuletzt entdeckte oder neu entdeckte. 11 und 12 stehen auch für die neue, alte Lust am Mono. Einige der Alben sind recht kostspielig gewesen, andere hatten einen Normalpreis. Es muss also nicht immer alles remastert oder aufwändig bearbeitet werden, um audiophil zu sein. Und diese Platten sind durchweg audiophil. Die Neil Young-Schallplatte ist an allem, was Transparenz, Dynamik, Intensität, Intimität, Unmittelbarkeit ausmacht, nicht zu übertreffen: a night with David Briggs at the controls. Immer noch unter 30 Euros erhältlich.

(m.e.)

 

 

Here’s an old text from 2019: I once was asked about my favourite Blue Note albums, and I was surely not asked as an insider. I was just way too young to be totally immersed with the label‘s salad days that were heavily connected with the stylings of what they then called hard bop. But over the years, I stumbled on some famous ones, and lesser known gems. The wonderful German writer Ernst Augustin has lived out his knack for Lee Morgans The Sidewinder in his nearly forgotten masterpiece „Der amerikanische Traum“. I can definitely say, I nearly obsessively listened to two very old jazz albums. One was Sonny Rollins‘ Way Out West (no Blue Note record), the other ones Kenny Burrell‘s Midnight Blue. It puts a smile on my face remembering I once sent Robert Wyatt Julio Cortazar’s Rayuela, a book that is a terrific work of lost hopes, friendship, everlasting love, soul food called jazz, sex and escapes, sex and exile, smoking, sipping tea from Argentina, and, well, dying. Let‘s return to the music. As I said, I am not a Blue Note afficionado. For example, I never understood what made me love Sonny Clark‘s „Cool Struttin‘“, at least for a while, I would never call it „my music“. Life is strange. Life is, at certain points and passages, a long drink of the blues. Saying this, another gem of the Blue Note catalgues springs to mind: „Let Freedom Ring“

(m.e.) 

He-o he came walking down my street
He-o and he stopped in front of my door
He-o and he knocked on the door a long while
He-o then he turned and he walked away
He-o then he turned and he walked away
He-o and he never came back again
He-o I wasn’t at home that day
He-o and I never found out that he came

 
 
 

 
 
 

Über den Wolken des Jupiter baut sich langsam ein pathetischer Klangteppich auf, während die Augen der Sonde JUNO langsam auf den großen roten Fleck zusteuern. Aber vermutlich hat Vangelis nun eine wesentlich weitere Perspektive und kann mehrere Orbite gleichzeitig durchlaufen, seitdem er seine Erdgebundenheit am 17. Mai beendete. Nein, nicht dass ich auf einmal den großen Pathos liebe, der ihn so berühmt gemacht hat. Viel mehr mochte ich seine frühen Arbeiten mit Aphrodite’s Child und eben Earth, die atmosphärisch noch in der gefühlten Stagnation Griechenlands verortet ist, die der griechische Literaturnobelpreisträger Giorgos Seferis in seinem Stück Sechs Nächte auf der Akropolis fast beiläufig mit beklemmender Dichte beschrieb, das ich einmal nachts in einem Rutsch durchlesen musste, nicht weil da viel passierte, sondern weil da genau gar nicht viel passierte und die Stimmungen im Düsteren meine Aufmerksamkeit bannend einen unglaublichen Sog erzeugten.

Auch die frühen experimentellen Synthesizeralben, v.a. Albedo 0.39, Spiral und Beauborg mag ich immer noch, vielleicht noch den genialen Soundtrack zu Blade Runner und die Anfänge seiner Zusammenarbeit mit Jon Anderson, dann ertrug ich den darauffolgenden Bombast nicht mehr, das war zu glatt und aufgeblasen. Albedo 0.39 ist der Lichtreflektionsfaktor des Planeten Erde, Earth, die er nun für immer verlassen hat. R.I.P.

2022 4 Juni

Inselpost aus dem Norden

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Hallo, allerseits!

Ich bin ein alter, besser, neuer Bekannter eures chronischen Syltreisenden, der hier mal Roger Eno-Kompositionen auf einem Bösendorfer serviert bekam, neben Krabbenbrötchen.  Vielen Dank, Micha, an dieser Stelle, für das kleine Plattenpaket mit einem Schätzchen des Keith Jarrett Quartet, „Shades“. Ja, eine kleine humorvolle Truppe hatte sich da eingefunden, beim letzten Beisammensein hier  in  Sichtweite unserer Heide. Michael erzählte von dem Manafonistentreffen im Seepferdchen, und ich vernahm, wie die geschätzte Lajla, deren Nachname so kompliziert klingt, vom speziellen Grün der Dünenlandschaften schwärmte, ich kann das nur bestätigen. Und was für ein feines Buch ist das von Geoff Dyer, da wünscht man sich mehr intelektuelle Briten auf der Insel. Bei einem anderen Autor könnte Dyers Neigung, ums eigene Leben zu kreisen leicht ermüdend wirken. Aber die Kleinigkeiten, die er zur Schau stellt – die kostenlose Anmeldung beim Tennis, die Entnahme von Shampoo aus Hotels im industriellen Maßstab – klingen verdammt lebensnah. Und, ja, traumhaft, wie alles beginnt mit den zwei Kapiteln zu „Endspielen“ der besonderen Art, zwei Liedern von den Doors und Bob Dylan! (A propos Musik, was für eine tolle Entdeckung ist diese alte Jarrett-Scheibe!)

 


Aber zurück zum Thema. Diese Offenheit für die Dinge ist es, die einen dazu ermutigt, Geoff Dyer zu vertrauen, und ihm bei seinen gelegentlich etwas obskuren Streifzügen zu folgen, wie etwa Nietzsches Vorstellung von der ewigen Wiederkehr. Auch ist da stets ein feiner Humor im Spiel,  und das Gefühl, dass er genau hingesehen – und über die Dinge nachgedacht hat. Er könnte anmerken, dass bei jeder Dichterlesung, „wie angenehm sie auch sein mag, die Worte, auf die wir uns am meisten freuen, immer dieselben sind: ‚Ich lese noch zwei Gedichte.'“ Dennoch ist sein Buch durchdrungen von einer tiefen Auseinandersetzung mit Lyrik von Larkin bis Tennyson, Milton, Louise Glück und anderen. Das dürfte auch Frau Weber  nahegehen.

 

 


Der gute Herr Dyer räumt ein, dass er sich immer weniger von der militärgeschichtlichen Abteilung der Buchhandlungen entfernt, die sich zunehmend stärker auf den Zweiten Weltkrieg konzentriert. Die Zeiten sind dunkel, keine Frage. Aber er ist auch jemand, der in Joshua Tree immer noch kompliziert choreografierte halluzinogene Drogen konsumiert, buchstäblich davon träumt, Fußball zu spielen („meine besten Träume des Jahres„), und mit dem offensichtlichen Elan eines Achtjährigen Fahrrad fährt. Herr Siemer kann ein Lied davon singen. Das Alter hat ihn eingeholt, aber die Jugend ist noch da. Kniestützen an beiden Beinen halten ihn jetzt auf dem Tennisplatz, aber wie sein Titelheld Roger Federer ist es eine Reserve an Fingerspitzengefühl, Gefühl, Timing und einem scharfen Auge, die ihn im Spiel hält. Was für ein tolles Buch: immer vor dem Einschlafen ein Kapitel langsam lesen, das ist die ideale Dosierung. Geoff Dyers „The Last Days of Roger Federer – And Other Endings“ ist grosse Kunst, locker serviert.

 

 

Da hier auf dem Blog auch immer wieder  Filme besprochen werden, möchte ich gerne noch den jüngsten von Herrn Almodovar ans Herz legen – „Parallele Mütter“. Wunderbares Alterswerk mit einem Hauch von Hitchcock. Auch psychoanalytisch eine Wonne!

Inselgruss von Dr. Br.

2022 3 Juni

Zum Hören erweckt

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Hinsichtlich anderer Hörgewohnheiten stellt sich nun die Frage, wie sich das Ganze neu sortiert. Referierend auf Norbert Bolz‘ Loblied des Spielens, ein immerwährendes Diktum von Lebensqualität, wäre es beispielsweise reizvoll, mithilfe der durch eine veränderte Hifi-Konstellation erworbene Tiefenschärfe, die noch den entlegensten Winkel des akustischen Klangraumes auskundschaftet, eine aktualisierte Rangordnung von Musikaufnahmen herzustellen. Diese wäre nun schlichtweg an ein einziges Kriterium gebunden, ähnlich wie man das auch von Fernsehserien kennt: Inwieweit versetzt mich das Rezipierte in einen Flow? Es fing schonmal gut an, als nach dem Anschluss eines neuen Cd-Players zufällig Magico – Carta de Amor des Trios Haden-Garbarek-Gismonti zur Hand war und einen schlichtweg wegfegte. Der norwegische Über-Saxofonist mit dem eingebauten Oskar-Matzerath-Effekt und hohem „Hallo Wach!“-Faktor wäre also schonmal eine gute Zukunftsinvestition für ein Portfolio weiterer Exkursionen. Kurzzeitig sorgte „Pulling Punches“ aus David Sylvians Debütalbum Brilliant Trees für ein Wiederaufflackern der Erinnerung (deja-entendu) an aufregende Entdeckungsjahre, als man sich wie ein Sohn von Pionieren fühlte: man kennt diese flashbacks, in denen Musik auch das Biografische wiederbelebt. Das Hauptinteresse gilt aber zweifellos dem Jazz. Fragte mich jemand „Hörst du gerne Jazz?“, dann wäre meine imaginäre Antwort „Yes, but preferably those mixed forms where borders are crossed towards Rock, Folk, Classic, Fusion or whatever!“ Gemeint ist eine Vorliebe fürs Hybride. Dass nun zufällig, nachdem sich auch Jarretts Whisper Not und Bernes The Sublime And als extrem hörenswert erwiesen, ausgerechnet ein Album, zu dem man nie so recht Zugang fand, nun zwischenzeitlich auf Platz eins der neuen Bolz-inspirierten Flow-Rangliste rangiert, ist schon erstaunlich. Das Flirrende, Freigeistige, mit dem der Jazz abhebt auf einem fliegenden Teppich, in Universal Syncopations wird es einmal mehr wahr. Vitous kommt von „virtuos“, mit DeJohnette, Corea, Garbarek und John McLaughlin wird er kongenial flankiert. Wenn man hernach bei einem guten Glas Chardonnay nach Teheran zurückkehrt und sich der schönsten israelischen Agentin aller Zeiten widmet, so schliesst sich alles nahtlos an.

 

2022 2 Juni

Guitarists at work

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2022 2 Juni

A little masterpiece of Pedro Almodovar (1989)

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2022 2 Juni

Everything must go

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It’s high time for a walk on the real side
Let’s admit the bastards beat us
I move to dissolve the corporation
In a pool of margaritas
So let’s switch off all the lights
Light up all the Luckies
Crankin‘ up the afterglow
‚Cause we’re goin‘ out of business
Everything must go

 

 

Was für ein wunderbarer Auftakt, die erste Strophe des Titelsongs dieses fantastischen Steely Dan-Albums. Die Uhren werden verkauft, die Zeitungen sind alle von gestern, und die Gesellschaft wird aufgelöst in einem Pool von Magaritas. Es gibt einen Song aus Leonard Cohens Turm der Lieder mit einem ähnlichen Thema: „Closing Time“. Natürlich wird hier gar nichts geschlossen, das Fest geht weiter, und, in Zeiten wie diesen, hat die Sinnlichkeit tausend Gesichter. (m.e.)

 

2022 1 Juni

Af Ursin: Trois Memoires Discrètes

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Auf diese unfassbare und unfassbar verführerische Schallplatte kam ich durch „Mr. Stunning“ von „45rpm audiophile“. Es finden sich nur wenige Echos darauf im Netz, ein Werk  aus dem Jahre 2012, das die Grenzen von Musik, Nicht-Musik, und Stille auslotet – und dabei durchweg fasziniert. Eines dieser wundervollen Stücke Musik, die unter dem Radar des Angrsagten ihr ganz besonderes Niemandsland erkunden. Klanghorizonte pur. Oder sowas wie „Obscure Records No. 11“.  (m.e.)

 

Timo van Luijk, ein Spezialist für ruhige Töne, legt zum 10-jährigen Jubiläum eine Neuauflage seines introspektiven, kammermusikalischen Meisterwerks „Trois Mémoires Discrètes“ vor. Die halb beleuchteten Nocturnes, gespielt von Flöte, Blechbläsern, Orgel und kaum wahrnehmbaren Concrète-Bearbeitungen, gehören zu den mühelosesten Stücken in seinem geschätzten Katalog. Dies ist ein ganz besonderes Album. In eine Art Nebel gehüllt, gelingt es Van Luijk im Laufe der 40 Minuten, ein Gefühl von verlorener Weite zu erwecken, das die Augenlider auf Halbmast stellt. Wenn man es zum ersten Mal seit Jahren wieder anhört, fühlt es sich an, als würde man in einen halb vergessenen Traum zurückkehren, mit einer Mischung aus instrumentaler Haptik (Englischhorn, Flöte, Schlagzeug, Kontrabass, Hammond-Orgel) und elektroakustischer Zauberei, die die Lichtverhältnisse im Hörraum wie in  barometrischer Alchemie neu austariert.  Aufgeführt, abgemischt und aufgenommen zwischen 2010 und 2012, befindet sich das Album mit seiner exquisiten Ausgewogenheit an dem Punkt, an dem klassische und zeitgenössische Kreise in ihre eigene Form einfließen. Vielleicht ist es die schlichte Einfachheit der Aufnahme – das umwerfende, natürlich hallende Englischhorn im 18-minütigen Opener „Sylphide“ zum Beispiel oder die nackte Flöte, die „Taciturne“ prägt -, die mit gerade genug Umgebungsdruck behandelt wird, um das Geschehen mit einem tiefen Gefühl der Unsicherheit zu durchdringen. Wo-bin-ich-Musik. Die Kompositionen sind eindringliche Szenen für sich, geschickt durchdrungen von einer Schauer der Materialität. Die rauchigen Hörner und das lyrische Organ haben uns – wenn auch nur für einen Moment – in einen Raum geistiger Stille versetzt, wie wir ihn schon lange nicht mehr erlebt haben.

(Boomkat HQ)

2022 1 Juni

Oh, dear!

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Der Tag begann mit der intensivsten Regendusche seit der schwarzen Wolke von Sylt. Ich war so nass, dass ich nur die Klamotten auszog, und auf der Couch jene Sacd ungebremst vom Stapel liess, auf die ich lange warten musste: die Quad-Version von „Bitches Brew“. Sony, Japan. Was war machtvoller: der prasselnde Regen oder das wilde  Gebräu des Dark Magus? „From an immersionist perspective, Bitches Brew ranks at the top, with fantastic use of all four channels, along with plenty of ear candy for quadroholics. In true 70’s fashion, parts float around the room and Davis’s trumpet blasts across the entire soundstage with delayed echoes reverberating across the back channels.“ Die Worte von Wesley Derbyshire sind fast schlicht gehalten, und ich neige dazu, dem Hörer eine kleine Warnung mit auf den Weg zugeben: nichts für schwache Nerven. Ein wahnsinniger Mix, basierend auf analogen Masterbändern, nichts klingt digital, analytisch, kalt. So habe ich Miles Davis’ Musik aus der Zeit zwischen 1969 und 1975 noch nie gehört. Und gerade der „elektrische Miles“ erscheint mir ein Fest für Surroundfreunde zu sein. Wer ohne Surround hört, bekommt die erstklassige Stereospur serviert, die m.E. keine Vinylausgabe toppen wird. Allerdings kenne ich nicht die Version von Mobile Fidelity. Und, interessant, das Cover von Mati Klarwein ist so berühmt, dass man gar nicht mehr dazu tendiert, es sich genau anzugucken. Vielen reicht das Wiedererkennen. Aber wer es nur in eine Schublade packt, verfehlt das Wilde, das Unheimliche, das ihm nach wie vor zueigen ist. Und das, was es über die Musik „aussagt“.


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