Manafonistas

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2014 1 Okt

Norbert Bolz – Wer nicht spielt, ist krank

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Comments off

Ein Buch von Norbert Bolz zu lesen, war stets mit Spass verbunden, seit unsereins in einem Akt der Abkehr von allen halbwissenschaftlichen, esoteriknahen Selbsterfahrungstheorien Mitte der Neunziger Jahre zu einem Umgang mit mehr spielerischen Sprachsstilen fand: Farewell to Psychology – Willkommen in der Philosophie!

Der Autor zählte nämlich auch zu jenen, die einem das Lesen philosophischer Texte schmackhaft machten durch seine sprachwitzige, kontrastreiche, anglophile und reizvoll provokante Art: sie weckte den Appetit auf die reichen Inhalte und Verzweigungen im interdisziplinär-hybriden Feld geisteswissenschaftlicher Geschichte(n) und Fragestellungen.

Eine Möglichkeit, sich Überblick zu schaffen über das Terrain des Lesestoffes: man schlage ein Buch am Ende auf und studiere das Quellenverzeichnis! Illustre Namen und Stichworte wecken die Neugier – auch in Wer nicht spielt, ist krank gibt es diese Appetizer: Wittgenstein, Winnicott, Max Weber werden da genannt. Mit Tolkien, Spielverderber, Luhmann, Löw, Lacan, mit David Fincher und Flipperautomaten geht es fröhlich weiter.

Bevor wir auf den Bolzplatz gehen, sollten wir nun zum Bolz-Buch greifen, um zu erfahren, was es auf sich habe mit der Lust zu Spielen – und warum Fussball, Glücksspiel und Social Games lebenswichtig für uns sind. Auch die Literaturhinweise sind vom Feinsten, im zehnten und letzten Kapitel stellt der Autor einige Standardwerke zum Thema Spiele vor und im Neunten warnt er vor all dem, was wir getrost vergessen können.

Ähnlich wie das Spiel Regeln hat, so hat auch die Lektüre welche – und eine davon lautet: Am Besten fange vorne an zu lesen! Der erste Satz des Vorworts klingt schon gar nicht mehr so krank: „Wer nicht spielt, lebt nicht.“ Erzählt wird im Folgenden vom Homo Ludens, von der kulturbildenden Kraft der Spiele, ihrem entlastenden Charakter, ihrem Reichtum.

Einblicke in die Welt eines dominanten Fussballclubs („Bayern München kann selbst nicht wünschen, jedes Jahr Deutscher Meister zu werden!“) und den Rest der Liga gewährt uns der Medienwissenschaftler Norbert Bolz als waschechter Fussballfan. Seine Thesen zum Sozialstaat sind allerdings diskussionswürdig – enthalten aber einen wahren Kern.

An einer Stelle wird´s besonders spannend: es geht um die Frage, ob es eine goldene Mitte geben kann zwischen der Herrenmoral der Zyniker und der Sklavenmoral der Gutmenschen. Wie sie spielerisch gelöst wird, auch davon berichtet dieses Buch.
 
 
 

 

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