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Archives: Sloterdijk

2023 15 Sep

Feuer unterm Dach

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Er sei ein Extremist der Desillusionierung, sagt Peter Sloterdijk über sich. In diesem Punkt lässt er sich auch in diesem 80-seitigen Büchelchen nicht lumpen. Das Buch besteht in der ersten Hälfte aus einem Vortrag, den Sloterdijk im Oktober 2022 so bei einem Public-Science-Festival in Luzern gehalten hat. Der Vortrag geht in der zweiten Hälfte des Buchs weiter, ist aber um einige (manchmal recht freidrehende) Passagen erweitert.

Die wenig überraschende Grundidee des Buches besteht darin, dass der „Stoffwechsel des Menschen mit der Natur“ wesentlich von der Nutzung des Feuers bestimmt wurde, was kein großes Problem darstellte, solange es sich um „1 zu 1“-Feuer handelte, also etwa brennende Bäume, die nur einmal verbrannt werden konnten. Bedenklich wurde die Sache, als die Menschen in Brand zu setzen begannen, was Sloterdijk „die unterirdischen Wälder“ nennt — die in Erdöl, Kohle in all ihren Ausformungen, Torf etc. konzentrierte Energie. Deren Nutzung, so der Autor, sei heute, im Angesicht der Klimakatastrophe, zu unserem großen Verhängnis geworden. Prometheus würde sich heute wünschen, uns die Gabe des Feuers verweigert zu haben.

Das ist nun nicht so wahnsinnig überraschend, wenngleich wie immer sehr weit ausholend und mit viel historischem Background vorgetragen. Interessant sind aber einige Nebengleise, die Sloterdijk hier eröffnet — manchmal in Nebensätzen, manchmal sogar in Fußnoten. So zitiert er etwa Georg Herweghs Zeilen „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ herbei, um am Beispiel der „Modernisierungstragödie“ in der Textilwirtschaft, als die Märkte mit Produkten der Maschinenwebstühle die Handweberei in Weltgegenden von Indien bis Schlesien verdrängten“, einen Denkfehler des marxistischen Arbeitsbegriffs aufzuzeigen: Denn in der Tat sind die Arbeiter sehr wohl in der Lage, die Arbeitsprozesse zum Stoppen zu bringen, doch sind sie — anders als von Marx postuliert — niemals diejenigen gewesen, die die Räder in Gang gehalten haben. Das, so Sloterdijk, hat seit dem Beginn der Industrialisierung in Wirklichkeit das Feuer der brennenden unterirdischen Wälder besorgt, beziehungsweise die aus ihm gewonnene Energie.

In einer anderen, durchaus überraschenden These kritisiert Sloterdijk den Versuch von (ebenfalls marxistischen) Theoretikern, moderne Ingenieursintelligenz einfach durch ihre Kennzeichnung als „geistige Arbeit“ der „proletarischen Sphäre anzugliedern“. Die Tätigkeit des Erfindens lasse sich ebenso wie die künstlerische nicht in den Bereich der „Arbeit überhaupt“ einschließen.

Das sind schon interessante Thesen, die einige Überlegungen auslösen. Dass sich Sloterdijk dabei in zunehmend alarmierendem Tonfall der geistigen Welt Bruno Latours und dessen „Gaia“-Konzept nähert, liegt einerseits nahe und überrascht andererseits doch. Und darauf, dass mögliche Auswege aufgezeigt werden, wartet man in diesem Buch vergeblich. Patentrezepte gibt’s nicht. Hätte ich auch nicht erwartet.

2018 1 Mrz

Die ewige Wiederkehr

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„Geht ein Zwerg durch die Lüneburger Heide …“ – Wie, Ihnen ist nicht nach Witzen?

Ok, vielleicht erzähle ich Ihnen dann von dem Zwerg im Zarathustra. Nein? Ist auch nicht gewünscht? Ja, Sie haben Recht, die Gedanken sind zu schwer. Dann versuche ich´s einmal mit Berichten über Filme, über solche, die im hohen Norden gedreht wurden. Zum Beispiel auf Utoyo. Warum der Regisseur Erik Poppe sich ausgerechnet mit diesem schweren Stoff beschäftigte, erschließt sich mir nicht ganz. Ein Drama über solch ein unvergessliches Ereignis zu drehen, muss einen Sinn machen. Wissen Sie vielleicht welchen? Der Regisseur will der OPFER gedenken. Niemand soll sie vergessen. Ich meine, dass jeder, der ein Opfer zu beklagen hatte, sein Leben lang diesen Schmerz mit sich herumtragen wird.

Um es Ihnen in dieser scheusslichen Welt einen Augenlick angenehmer werden zu lassen, empfehle ich Ihnen, der klaren Stimme einer schwedischen Kulning-Sängerin zuzuhören. Mit dieser freundlichen Gesangstechnik geht Andrej Tarkovsky in seinem Film OPFER sehr einsatzbewusst um. Dieser Film wurde 1986 auf Gotland gedreht. Es war leider sein letzter Film. Welch grosses Nachdenken über die Welt wie sie ist, was sie ist, verbunden mit Zuversicht (Am Ende sagt der kleine Junge: „Am Anfang war das Wort. Papa, warum?“). Diese grossen Fragen sind nicht in dem mit dem Goldenen Bären 2018 ausgezeichneten Film Touch me not enthalten. Wen interessiert das Sexualverhalten irgendwelcher Protagonisten? Wenn Tom Twyker meint, dass hier die Zukunft bewertet wurde, dann lege ich ihm nahe, bei Sloterdijk nachzulesen, was dieser kurz und bündig auf die Frage nach seinem Sexualverhalten geantwortet hat: „Ich bevorzuge die Missionarsstellung.“

Halten Sie es auch für bedauernswert, dass die deutschen Filmkünstler ziemlich stiefmütterlich abgetan wurden? In den Gängen von Thomas Stuber, oder der beeindruckende Schauspieler Rogowski, oder meinetwegen der Gabelstapler hätten honoriert werden müssen. Aber so ist das mit der Salonpersonnage, Preise für Müllart allüberall.

Nun komme ich zu dem Teil der Kunst, der Ihnen als angenehm erscheinen dürfte. Lehnen Sie sich nach Brecht Geheiss zurück und pflegen Sie deep listening mit Werken aus hochbegabten Schöpfertagen:
 
 

Reflection Steamhammer
Red White Blues Image
On time Grand Funk Railroad
T.B. Sheets Van Morrison
Just for love Quicksilver
Pickin‘ up the pieces Poco
The Flying Burrito Bros

AND DON’T FORGET THE BLUES
Jimmy Reed Shame
Jimmy Page Shake
T- Bone Walker Stormy Monday

 
 
Zarathustra: „Was that life? Well, then once again!“

Wenn man unbekanntes Terrain betritt, sind Fremdenführer hilfreich. Das gilt für eine Wanderung im Himalaya ebenso wie für die Neuerkundung geisteswissenschaftlicher Hoheitsgebiete und Abgründe. Ein in jeder Hinsicht nützlicher Sherpa für den Einstieg in die Welt philosophischen Wissens war dereinst Peter Sloterdijk. Hinzu kam eine Liebe zu Sprachmelodien und zu originellen Wortschöpfungen. Träfe man sich heute zufällig in einem Zugabteil von Nirgens nach Irgendwo – es gäbe viel zu erzählen. Die Begeisterung fürs Fahrradfahren zählte zu den Themen und auch mein vergangenes Interesse für zwei Denker mit dem indischen Vornamen Krishnamurti. Sloterdijk pries das Buch des Einen, Einbruch in die Freiheit, einmal an in einer Sendung zum Thema Gehirnforschung und ich dachte: „He has got it – I am not alone.“ So ist das, wenn man Jemanden nicht näher kennt und sich doch von fern verstanden fühlt (Dietmar Kamper gehörte auch zu jenen). Meine Aversion gegen die Bhagwanjüngerschaft übertraf allerdings selbst noch die gegen arbeiterseelige Jugendorganisationen der SPD. „Die Internationale“ war auch nie mein Song – es sei denn, Robert Wyatt hätte ihn gesungen.

 

Aktuelle Wertschätzung

  1. Zeilen und Tage
  2. Du musst dein Leben ändern
  3. Zorn und Zeit
  4. Der ästhetische Imperativ
  5. Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

 

Historische Wertschätzung (bezogen auf die Lektüre vergangener Tage)

  1. Weltrevolution der Seele – Ein Lesebuch der Gnosis (Hrsg.: PS und Thomas Macho)
  2. Weltfremdheit
  3. Sphären I
  4. Der Zauberbaum (Roman)
  5. Versuche nach Heidegger
  6. Die Sonne und der Tod (PS und Hans-Jürgen Heinrichs)
  7. Streß und Freiheit
  8. Scheintod im Denken
  9. Zur Welt kommen – zur Sprache kommen
  10. Im Weltinnenraum des Kapitals
  11. Im selben Boot

 

2016 24 Sep

La Donna è mobile

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J.guitar.thinker@gmx.de

 

Du, lieber J.,

hast dir vielleicht inzwischen das SCHELLING PROJEKT „reingetan“, bei dir muss ich nicht „angetan“ vermuten. Du wirst den Übermut von Peter Sloterdijk erkannt und sein Vorhaben, die Egogenese fortführend erforschen zu wollen, mit Humor aufgenommen haben. Dass er die Subjektivitätsdebatte noch einmal aufblühen lässt, liegt in der biografischen Natur und ist nichts als ein kokettes Reiben an dem damals endlos diskutierten Begriff. Wie er stattdessen eine Knalltüte an Wissen platzen lässt und mit seiner gesamten Nachdenkwelt hausieren geht, um dann zu erklären: wir kennen ungefähr unser Nichtwissen, das kann so nur er. Wie befreiend wird es gewesen sein, all seinen erlesenen Wissensschatz einmal spielerisch in Literatur umzusetzen und uns Leser einzuladen, in seine atemlos machende Hõchsttempokutsche zu steigen.

Seinem ersten Versuch an einer „pornografischen Philosophie“ ist viel positive Akzeptanz zu wünschen. Wir wissen aus seinen traditionelleren Büchern: „Du musst dein Leben ändern“ – was er tun wird: üben, üben, üben.

 
 

m@radioman.com

 

Lieber M., ähem,

es ist dein Roman nicht. Bei Schelling rumpelt es in deiner Magengegend. Für Heidegger Vergleiche bist nicht zu haben. Mõglicherweise könnten die Erzählungen aus dem Ashram deine Aufmerksamkeit gewinnen. Das mystische Poona Luder Mira sendet dort Botschaften, die es in sich haben. Den Frauen rät sie, aufzuhören, Rache zu nehmen. Das blockiere nur. Wie der Mann mit der Langsamkeit beim Sex zurechtkommt, ist sehr lustig und lustvoll dort zu lesen. Jedenfalls behauptet Sloterdijk, dass er nach Poona „psychisch nicht mehr unter seiner deutschen Adresse erreichbar war“.

 
 

H&W@stuttgartfraktion.de

 

Lieber H., lieber W.,

Das SCHELLING-PROJEKT hat das Ziel, die heutige weibliche Sexualität unter die Lupe zu nehmen. Schelling selbst hat Versuche unternommen, die alle kläglich gescheitert waren. Der Denker war optimistischer: Das Ich war schon immer in der Natur. Wie es nun entstand, wissen wir bis heute nicht. Sloterdijk gibt den Gynäkologen und versucht zu ergründen, wie die Ei-Werdung stattgefunden hat. Er kann es auch sprachlich als Mann beeindruckend. Frau Luise Pusch wird mich dafür abstrafen. Sloterdijk’s Sprache ist bei Nietzsche antrainiert. So flott und gleichzeitig geistreich, ist meisterhaft. Dass er seinen Zauberbesen dem Lehrling (P.S.) gibt, macht ihn umso sympathischer. In der Erzählung um Guido zeigt er, dass er seinen Freud beherrscht. Guido darf am Schluss den Laingschen Knoten platzen lassen. Er weint.

 
 

Ma.lyrikfee@t-online.de

 

Liebe Marwe,

ich weiss nicht, ob du der Literaturkritikerin vom Spiegel rechtgeben würdest. Sie findet das neue Buch „peinlich“.

Es gibt darin durchaus als pornografisch zu bezeichnende Textstellen, die dich als Serienkennerin nicht schockieren dürften. Es gibt unter unserem Geschlechterhimmel Exemplare, die ohne Humor und Freigeist durch die Welt gehen und sich wundern, weshalb ihre Lust abhanden gekommen ist. Sie suchen sie in der prüden facebook to facebook Welt anstatt „face to face“ – Sex anzustreben. Sloterdijk nennt das „vom Augenaufschlag der Materie“ und „zu-sich-Kommen der Natur.“ Sehr galant von ihm, in der Sache zu bleiben. Immerhin lässt er drei Frauen zu Wort kommen. Mit der einen (Desirée) teilt er sein „Tollkühnheits-Gen.“ Beatrice wird allerdings leicht gebremst, ihr „Leuchtkõrper“drängt danach, das SCHELLING PROJEKT in „Vita Femina“ umzutaufen. O-Ton Klage von Béatrice: „Man darf sich nur nicht vom Zauberer des Stammes einschüchtern lassen.“ Raffiniert wie Peter Sloterdijk Béatrice eine Mail an Desirée schreiben lässt, in der sie erwähnt, dass sie gerade den „Mann ohne Eigenschaft“ lese. Was dann mit den Mõbelpackern in ihrem Haus passiert, solltest du – unjuristisch -, selbst lesen.

 

2016 8 Aug

SOLITAIRE Track 8

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Martha war gekränkt. Sie konnte nicht glauben, was Peter da geschrieben hatte. Sie griff zum Telefon und rief ihn kurz entschlossen an.
 

Peter, how dare you to act like a woman?

Martha my dear, what’s cooking?

Peter, yesterday evening I was listening to WILCO. In „Solitaire“ they sing: „Once I thought the world was crazy.“ A dear swiss friend had dinner with me and was listening as well. She mentioned a book about this subject, she read recently. It’s about a travelling Tramp, who claimed: „Die Welt ist verkehrt, nicht wir.“

So what. Are you really into WILCO? You know that I play trumpet, I was just listening to Hilde Marie Holsen, a norwegian musican. She plays the trumpet extraordinarily.

Peter, don’t let us talk about music. I called you to figure out, why you wrote a book about female orgasm.

Well, Martha, I know that you are a feminist. I was surprised when I heard you recently mention that you like men.

Ah, Peter, don’t be so charming! It’s true, I do a lot to keep in good shape. I run everyday 90 minutes, and I sing everyday 60 minutes. I feel great.

Yeah, you look great. I wrote my new book to take the stress out of mankind. Especially of women. In future sex will no longer mean to make babies, sex will be just for fun. I watched the fish how they laid their eggs and how the eggs were fertilized. Maybe in future we will act like them.

Jesses, Peter, you are so crazy. I assume you watched too many South Parc episodes. Pleaaaazzzze, come down to earth.

Ha, Martha, did you know, that in one South Parc episode the parents were so fucked up, because they couldn’t handle Pokémon?

Pokémon players are more addicted to the „Kapital“ than we ever were. They just sit in public and play. They aren’t the „schreckliche Kinder“, they are the poor kids. They deliver the whole material to the greedy monopolists, who are soaking them out and analyze them.

Right, Martha. What are you writing just now?

I am preparing a book about „Age and Wisdom“.

Wow, that sounds pretty much puritanical.

Don’t worry, Peter. I am sorry to leave you know, have to rush to my card playing group.

 

 
Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt, erscheint im September.

Martha Nussbaum: Age and Wisdom, erscheint 2017.

Wilfried Meichtry: Die Welt ist verkehrt, nicht wir. Nagel & Kimche 2015.

 


 

 
 
 
 

Duesseldorf goes underground. Today. Why didn’t they named the new line: KRAFTWERK Metro? Why „Wehrhahnlinie?“ Sounds terribly – „defensecock“ – even worse. So „put on your helmet“, when you come to La Duesseldorf. Even The Guardian mentioned the neue U-Bahn. And it is truely worth to be mentioned. When you visit the 6 new stations, you think you are everywhere linked to a white leatherskin of a crocodile: brilliant idea! But before you enter at all, you stumble over a crypitcal wordchaine, which you try to read. You manage to figure out some words like: “ … leert sich Fuelle …“.

While riding on the train you think, what could these words mean. You get off on the next stop and you seem to fall into a green river. Green waters are floating down and up? The staircases. You feel like swimming in a huge bubble. You are drifting further in the brave new world and you whisper: „This is a timeless ride to paradise. Where are we, when we are? To which planet do we belong?“ Next stop is called: Himmel oben, Himmel unten. You beam your spaceship towards silverwalls and you watch Saturn and Pluto flying by. Inside yourself you cry with Jim Morrison: What have they done to our fair system?

You get confused, you get off at next stop, hoping to return to the old world, but then you just regret that you left your 3D glasses beside your laptop at home. Hell, what is this? From what am I surrounded? You concentrate on a simulated white band, which you think it will lead you, but still you get lost, the changing of white and black drives you nuts, you don’t want to stay here, you run outside. You close your eyes, you feel the ground, you enhale the smoke of an old tram railing by. You are back in the future.

 

Zur Philosophie des Peter Sloterdijk
 
1

Habe nun („hey!“) – anstatt Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie zu studieren – mit heissem Bemühen die sloterdijkschen Tagebuchaufzeichnungen rezipiert und poste hier nun klüger als zuvor. In einem Fernsehporträt äusserte der Meister der geschliffenen, zuweilen hochpolierten Formulierungskunst ja einmal die Behauptung, die meisten Menschen würden, darin Ikarus gleich, irgendwann abstürzen, sie schrieben auch keine Bücher zu Ende. Aber zumindest lassen sich geschriebene Bücher ja zuende lesen:  mit diabolischem Vergnügen und faustisch gewinnbringend den Absturz mildernd.

Die Absturz- und Aufbauliteratur des Philosophieschriftstellers Peter Sloterdijk ist mir seit etwa zwanzig Jahren vertraut und ein nützlicher Begleiter, eine Art Schlüsseldienst auch zu vielen Bereichen des Wissens – Zeit, um einmal resümierend zu reflektieren, was denn so vorzüglich und erbaulich daran sei.

Als Einstieg soll ein Traum dienen: auf dem Mitsommernachtfest in Skandinavien treffe ich den Erfolgssautoren auf einem Campingplatz. Er sitzt in einem jener amerikanischen, pop-artig aufgemotzten Strassenschlitten, wie sie in High North üblich sind. Die Wagentüren sind offen und aus den Türlautsprechern schallt es laut. Ich gebe zu erkennen, der Auftritt sei recht imposant. Er schüttelt seine schütter-blonde Mähne, winkt mich heran und öffnet die Klappe zum Kofferaum. Stolz präsentiert er eine wuchtige Bassbooster-Box, die das Heck des Wagens ausgefüllt. Es ertönt Musik von Richard Wagner.

In dem Traum zeigen sich auch Aspekte meiner ambivalenten Haltung zu dem Philosophen. Seine Sätze sind sprachmelodiös, sinnhaft, teils von barockem, teils von modernem Klang. Der elegante Sprachfluss trägt den Sinn mit sich fort, spielt damit – und ufert zuweilen aus. Dann wird es voluminös und wortparfümiert: der Schaum der Phrase. Wie ein Goldwäscher sucht man sich aber aus dem Überschuss die Nuggets heraus – und davon gibt es reichlich. Die Tagebuchnotizen zeigen einmal mehr, wie jemand in zwei Welten lebt und diese wirksam zusammenbringt: die elitäre und die alltägliche des Jedermann.

Rezeption, Kritik und Würdigung dieses Autors blieben bislang recht harmlos: als wolle man ein Netz mit Fischen fangen. Das Umfassende aber ist das Metier dieses Sprach- und Denkspielers selbst – es lässt sich nicht nochmals umfangen. Wer das akademisch Angestaubte aus den abgeschotteten Zirkeln zu befreien und ihm neues Leben einzuhauchen vermag, zudem treffliche Zeitdiagnosen abgibt, den wünscht man sich weiterhin als Zeitgenossen: ob zu Politik, Psychoanalyse, Finanzwesen, Sport, Kunst – er zeigt immer wieder aufs Neue verblüffende Sichtweisen auf.

 

2

Einst begegneten wir einem Sufi-Meister aus dem Osten und fragten ihn, was er denn von der Psychoanalyse halte. Das Unterbewusstsein sei ein Tiefseefisch, den die Analyse zu erkennen versuche, indem sie ihn an Land zöge, antwortete der. Ein an Land gezogener, lebloser Fisch sei aber keiner mehr – es käme vielmehr darauf an, tauchen zu lernen, um mit dem Unterbewußten in Kontakt zu kommen.

In die sloterdijkschen Sprachsphären kann man trefflich abtauchen. Sie explizieren auch die tieferen Schichten des Daseins, wirken konstitutiv für das Ich, auch jenseits bürgerlicher Vorstellungen. Synthesen aus Romanerzählung, geisteswissenschaftlicher Analyse und jener wortschöpfungsreichen Poetik, die ans Musikalische grenzt: in diesem formalen Rahmen wird interdisziplinäres Wissen zur Schau gestellt und neu variiert – ähnlich wie es einst Joseph Beuys in der Kunst tat. Das führt zu Stellungs- und Perspektivwechseln. Sloterdijks Geistesblitze unter dem freien Himmel: eine hybride Honigpumpe für den Leser und seine Sucher-Synapsen? Nomad knows …

 
aktuell: „Zeilen und Tage – Notizen 2008–2011“ von Peter Sloterdijk, Verlag Suhrkamp

2013 18 Mrz

Viel Rauch um Nichts

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In einem Interview beklagt die Piraten-Politikerin Marina Weisband den Druck auf Journalisten, ständig Neuigkeiten rauszuhauen und dabei wenig Zeit zu haben für Recherche. Recht hat sie: das Tempo, in dem heute die Medien Schlagzeilen und Themen generieren müssen, macht den Thesen des Geschwindigkeitsphilosophen Paul Virilio vom „rasenden Stillstand“ alle Ehre. Dennoch besteht ja jederzeit für Jedermann die Möglichkeit, ein gutes Buch in die Hand zu nehmen, sich geruhsam in literarische Gefilde zu vertiefen – um so den tagesaktuellen und oberflächlichen Aufregungen zu entkommen.

Wie einst Virilio den Finger auf die Wunde des Zeitgeistes legte, so tut das neuerdings der Philosoph Byung-Chul Han. Auch die Piratenpartei bekommt dabei ihr Fett weg, denn die hat die Forderung nach Transparenz auf ihre Fahnen geschrieben. Transparenz, Müdigkeit (Burnout) und eine Agonie des Eros aufgrund ausufernder Wahlmöglichkeiten – das aber sind Hans wunde Punkte. Im Vergleich zu seinem „Ex-Chef“ Peter Sloterdijk (dem Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung) ist er weniger affirmativ, inklusiv und erbaulich – eher depressiv. Folgende Notiz findet sich dazu in Sloterdijks Zeilen und Tagen:

„Ein Autor der NZZ will in Fragen der Psychopolitik das letzte Wort behalten: Nicht Zorn und Wut seien die Affekte, auf die es ankommt, die Zukunft gehöre der Depression. So outet der Verfasser sich als zustimmender Leser des Kollegen Han, dessen jüngst gehaltene Antrittsvorlesung an unserem Haus über die „Müdigkeitsgesellschaft“ bei den Kollegen und Studierenden wenig Anklang fand, um so mehr bei den abgehetzten Mitarbeitern von deutschen Kulturredaktionen.“

Womit wir wieder bei Frau Weisband wären und der Forderung nach mehr Zeit und Qualität für journalistische Arbeit. Den Wert von Hans Werken mag jeder selbst überprüfen – es muss ja nicht alles affirmativ sein: der Lauf der Welt gibt auch zu Negativität und Skepsis Anlass. Unsereins vertieft sich bis auf weiteres unbeirrt in Sloterdijks Notizbücher, liest dort amüsiert von waghalsigen Radtouren des Autors, von Luxushotels in Abu-Dhabi und von Trinkgelagen mit dem Maler Neo Rauch – abseits des rasenden Stillstands tagesaktueller Kata-Strophen und diesseits des weissen Qualms vatikanischer Schornsteine.

2013 20 Feb

Der gelbe Ginster

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Ich bin, aber ich habe mich nicht – darum werden wir erst. Dieser Satz von Ernst Bloch bleibt im Gedächtnis wie der des Descartes: cogito ergo sum. Sind das Melodie-Motive in einer Gesamtkomposition der conditio humana, die auf Selbstkonstitution verweisen? Wie aber finde ich mich, wenn wir uns noch nicht haben? Die Spur führt hier zu Hegel:

„Ein nicht-unglückliches Bewußtsein kann es bei Hegel nur geben, wenn das Individuum sich als Lokal der absoluten Reflexion begreift. Sobald die Reflexion in sich selbst den Sonntag der Geschichte herbeiführt, schließt sie den Kreis und ist daheim – ob in Ithaka oder Berlin-Mitte.“

Peter Sloterdijk schreibt das in seinen Zeilen und Tagen und bietet damit einen Zündfunken für die Erkenntnis: Ich bin auf meinem Weg. Souveränität bedeutet nämlich zunächst einmal Emanzipation von sklavischem Bewußtsein – und das Vermögen zur Reflexion als ein Akt der Betrachtung und Verneinung geht jeder Kommunikation voraus.

So verstehe ich die aktuelle Kritik an den neuen, digitalen Medien: Sie überschwemmen den Rezipienten und lösen das Cogito-Ego wieder auf, bevor es so recht geworden ist. Reduktion ist ja nicht nur eine musikalische Strategie (Peter Niklas Wilson), vielmehr eine für den gesamten Alltag: Simplify your life – Abstand nehmen, reflektieren, aussortieren.

Als Gegenpol zum Immermehr ressourcenschonend und lustvoll allem Wachstumswahn Paroli bieten – wer kennt das nicht: aufräumen, etwas von der Liste streichen, Dinge „erledigen“ und ad acta legen, das hinterlässt ein Gefühl von Befriedigung und Befriedung. Denn im Mangel blüht der gelbe Ginster der Erleuchtung, wie Detlef Linke es einst nannte.

Auf meinem Kindle erhielt ich die Leseprobe eines Buches, dessen kommende Lektüre unausweichlich sein wird: Zeilen und Tage – Notizen 2008-2011, so sein Titel und der Autor erhärtet damit den Verdacht, Deutschlands bester Feuilletonist zu sein: aufklärend, unterhaltsam, seriös und subversiv zugleich. An einem „hohlen Sonntag“ (on a hollow sunday) hatte Peter Sloterdijk eines seiner zahlreichen Notizhefte aus dem Regal gezogen, um es zu transskribieren. Ausgewähltes aus den Heften Hundert bis Hundertelf scheint nun – redigiert und veröffentlicht – vergnügliche Blicke durchs Schlüsselloch freizugeben:

8.Mai, Karlsruhe. Das intellektuelle Überleben in dieser Stadt hängt zu wesentlichen Teilen von den Tischgesprächen mit den Freunden ab. Fehlt auch nur einer über längere Zeit, spürt man den Entzug. Boris berichtet gerade von einer jungen Russin, Dacha Jukowa, die als amtierende Geliebte von Roman Abramowitsch gilt, dem russischen Mogul von Chelsea. Er lernte sie kürzlich in London kennen, als sie am Rande eines von ihm gegebenen Seminars seinen Rat suchte: Sie interessiere sich neuerdings, eigentlich aber immer schon, für Kunst und möchte sich besser „orientieren“; zu diesem Zweck habe sie sich einen Privatjet gekauft. Der werde sie, so ihre Annahme, der Kunst näher bringen, die unglücklicherweise so weit verstreut ist …

Eine ironische Auflistung Alain de Bottons (Trost der Philosophie) besagt ja, dass der Besitz eines Flugzeugs neben anderen Dingen unverzichtbare Grundlage für ein glückliches Leben sei. Kommt dann noch die Kunst hinzu – umso besser. Auch Bazon Brock kommt in der Kindle-Leseprobe zu Wort. Sein koangleiches Doppel-Theorem Lerne zu leiden, ohne zu klagen und lerne zu klagen, ohne zu leiden! ist nicht ohne. Und wer der im obigen Zitat genannte Boris ist, das weiß der aufmerksame Manafonistas-Leser ohnehin, oder er findet es heraus, indem er diesen Namen in das Suchfeld eingibt.



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