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Archiv: Andrew Cyrille

“One can define time as ‘the duration of that which changes’. We think of time as something like 1-2-3-4, or a clock that goes ‘ticktock, ticktock.’ But people who lived before clocks, they would look at the sun or the moon, see when the rooster started crowing. That meant ‘time’ for them. So it would change.”

(Andrew Cyrille)

 

 

 

Willkommen zu Neuem von der improvisierten Musik, mit Michael Engelbrecht. Von zwei Festivals in Tampere und Berlin wird zu berichten sein, sowie von fünf aktuellen CD-Produktionen aus den Häusern ECM und INTAKT, welche bereits eine aufregende Ewigkeit lang für eine widerständige, verzweigte Ästhetik stehen. Schlägt man das Booklet der neuen Arbeit WHERE THE RIVER GOES des österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel auf, meint man, allein dem Mienenspiel der Beiteiligten das Gelingen der Unternehmung anzusehen – die Bilder ringsums Studio La Buissonne im Süden Frankreichs vertiefen den Eindruck wohltuender Abgeschiedenheit. Im Februar 2018 kamen dort zusammen, neben Wolfgang Muthspiel, der etliche Neukompositionen beisteuerte, der Pianist Brad Mehldau, der Trompeter Ambrose Akinmusire, der Bassist Larry Grenadier und der Schlagzeuger Eric Harland. Bei aller Vielstimmigkeit bleibt das Geschehen transparent, gekonnt wird Ereignisdichte ausbalanciert von Phasen des Innehaltens – ein Stück für Sologitarre macht klar, wie spannend ein reines Soloalbum von Muthspiel sein dürfte – und Ambrose Akinmusiere besorgt manch unangepasst querschlagenden Ton. Zur  Grundidee und einer Komposition des Werkes erzählte mir der Mann mit dem trefflichen Namen folgendes:

 

 

 

Es ist einfach, diese Musik zu lieben, wenn man einen guten Draht zu freien Jazzklängen hat – und das Melodische auch da gern aufspürt, wo Anarchie und Ausbruch Optionen sind. Andrew Cyrille muss Freunden der Free Jazz-Historie kaum vorgestellt werden, aber es sollte unbedingt der Hinweis erfolgen, dass ein Etikett wie „Free Jazz“ für dieses Album so irreführend ist wie der nach alten Losungen der wilden 60er Jahre klingende Titel „The Declaration of Musical Independance“ (ECM 2430).  Andrew Cyrille muss niemandem mehr etwas erklären. Das ist stiller freier Jazz, jederzeit auch  extrem dynamisch, nie nervös sich verzettelnd, immer konturiert, luftig, abenteuerlich. Für den Gitarristen Bill Frisell, der lang kein bedeutendes Album mehr unter eigenem Namen aufgenommen hat, ist dieses Dokument eine Erinnerung an seine kreativsten Jahre bei ECM, an frühe Zeiten bei NONESUCH. Anders geerdet, und ähnlich eindringlich, sein raues Spiel auf Lucinda Williams jüngsten Liedern vom „Highway 20“! Ben Street ist der Bassist, der sich hier nicht nur im Tiefkellerbereich der Sounds abarbeitet, sondern gleichermassen zur Luftkunst dieser neun Kompositionen beiträgt. Hinzu kommen all die sparsam gesetzten Töne und Klangwirbel des Synthesizer- und Pianospielers Richard Teitelbaum. Eine Platte wie ein Vermächtnis des Poeten am Schlagwerk, an der Perkussion. Der Produzent ist Sun Chung, und wer immer das ist, er hat exzellente Arbeit geleistet. Von ferne erinnert mich diese „Unabhängigkeitserklärung“ an eine ältere Manfred Eicher-Produktion mit dem schlichten Titel „The Paul Bley Quartet“ (ECM 1365). Der in diesem Jahr verstorbene Klavierspieler war ein ähnlich stilgrenzenbefreiter Pionier, ein Seelenverwandter von Andrew Cyrille. Und bei jener Produktion waren, neben John Surman und Paul Motian, auch ein gewisser Bill Frisell dabei. Und damit habe ich Ihnen eigentlich gleich zwei Aufnahmen wärmstens empfohlen. 


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