„Ocean is often distant, zoomed-out, and removed from the action of the stories he tells, but it’s a distance achieved through hard-earned experience and an almost bottomless sense of compassion. Distance, it turns out, is a way of coming closer. Really, Frank Ocean doesn’t directly address pain on channel ORANGE. He writes and sings about wet t-shirt contests and strip clubs, about rich and poor people fumbling through their lives. Happiness, in these songs, is an equal-opportunity feeling — Ocean writes about that, too. He drifts in and out of these scenes, too smart to be truly hopeful, too hopeful to be depressed. He watches as people fall down, get up, laugh, and move resiliently into the dark: a story we all need to hear.“ – Mike Powell
2012 15 Juli
Frank Ocean und der verblüffende Erfolg seines neuen Albums „Channel Orange“
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | 1 Comment

Ich glaube, die Welt ist sexuell verklemmter als viele mutmaßen. Ob es der literarische Müll dieses sich derzeit wie warme Semmeln verkaufenden SM-Schmökers ist, oder Frank Oceans Bi-Outing in der als homophob geltenden, amerikanischen Rhythm ’n‘ Blues-Szene: viel Lärm um nichts wird wohl besonders gern von Menschen mit „Brett vorm Kopf“ losgetreten.
„Channel Orange“ wird seinen Erfolgszug um die Welt auch ohne Diskussionen über die Beischlafgewohnheiten eines neuen Pop-Stars antreten. Was ist denn nun an diesem Album so gut, dass sich erste Kritiken vom „Guardian“ bis „Pitchfork“ gar nicht mehr einkriegen vor Begeisterung? Ich verrate es ihnen: so ziemlich alles!
Interessant, dass mich dieses Album auf Anhieb beeindruckte, bin ich doch gar nicht sonderlich scharf auf neue Produktionen der amerikanischen Soul- und R’n’B-Landschaft. Und wo sich kollektive Begeisterung breitmacht, wittere ich schnell mediale Hysterie.
Es gibt Verbindungslinien von Frank Ocean zu Stevie Wonder, dem jungen Prince, zum warmen, nie überladenen Pathos der besten Platten von Mary J Blige, und zu den zauberhaften Pop-Soul-Sound-Experimenten jener einen alten berühmten Shuggie Otis-Platte. Dass Frank Ocean solchen Inspirationen zum Trotz ein ganz persönliches, eigenartiges, so noch nie dagewesenes Stück Musik gelingt, ist schlicht fabelhaft.
Es gibt seltsame Texte, die das Schicksal des letzten Pharaohs mit dem Strip von Las Vegas in Verbindung bringen, es gibt die nie endenden Themen vom verspielten Glück und unerwiderter Liebe, was aber letztendlich das Geheimnis dieses Album ist, hängt gewiss mit der grossartigen Stimme und den raffinierten Arrangements zusammen.
Diese Lieder verlassen sich nicht allein auf alte Formeln, fesselnde „hook lines“, packende Melodien, entspannte Grooves. Diese Lieder, mögen sie auch die Charts stürmen und in zahllosen Clubs zum „letzten Schrei des Sommers“ beitragen, mögen sie bald „trendy“ sein und rasch in Soundtracks mittelmässiger good-feel-movies verwurstet werden, sind zerbrechliche Ware, können jederzeit, wenn es am schönsten ist, abreißen, einen Haken schlagen, von Soundschnipseln unterbrochen werden. So ist die ganze Produktion dieses Albums eine recht subversive Veranstaltung mit doppelten Böden und dem berüchtigten „Teufel im Detail“.
Leicht könnte aus solchem Gesang also ein Abgesang werden, ein sperriges Werk, und es ist ein weiteres, vielleicht entscheidendes Betriebsgeheimnis von „Channel Orange“, wie man, genau hinhörend, über jeden Abgrund springt, sich von keinem Abriss, Einriss und Interludium aus der Ruhe und der Ergriffenheit bringen lässt. Große, fast ein wenig einsame Klasse! Man möge sich neben dieser Platte gleich auch „Inspiration Information“ von Shuggie Otis gönnen.
2012 13 Juli
Robinsons blaues Haus
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | Tags: Literatur | | 1 Comment
„Blue, blue, electric blue
That´s the color of my room
Where I will live
Blue, blue“(David Bowie)
Wie konnte das nur passieren? Ich schmunzle, schaue aus dem Fenster, und erinnere mich an meinen Besuch bei ihm daheim in München. Das Haus kam mir vor, als hätte ich ein Schiff bestiegen, diverse Kajüten vorgefunden. Feiner Schwarzer Tee wurde serviert, und bald landeten wir bei den verrückten Geschichtenerzählern. Es war die Zeit, als er die nie erzählte Story von Mahmoud, dem Schlächter, in Romanform verwandelt hatte.
Ein Fabulierer ohnegleichen. Wir sprachen über Karl May und Jules Verne, und wie er Lee Morgans Jazzklassiker Sidewinder entdeckt hatte, tief in den USA. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern stiegen seine beiden Romane Eastend und Der amerikanische Traum zu Lieblingsbüchern auf, die ich gerne und oft verschenkte (in der Gestalt eines roten und eines blauen Suhrkamp Taschenbuchs, auf dem roten war ein Londoner Doppeldecker-Bus abgebildet).
Wer in Afghanistan als Psychiater gearbeitet hatte, konnte die Selbsterfahrungsszene in der Bundesrepublik der Siebziger Jahre natürlich gut aufs Korn nehmen, so geschehen in Eastend. Das Buch war aber auch eine romantische Liebesgeschichte und für mich das ideale Pendant zu Handkes Kurzem Brief zum langen Abschied (auch ein rotes Suhrkamp Taschenbuch).
Ich komme aus meinem Schmunzeln nicht mehr raus, während ich auf den grauen Regen schaue: ist doch zu Beginn dieses Jahres ein neuer Roman von Ernst Augustin erschienen, ohne dass ich irgendetwas davon mitbekommen habe – bis gestern. Robinsons blaues Haus. Er hat sich hier wohl in die verrückte Welt des Internet begeben. Das wird amüsant. Seit ich ihn kenne, lese ich seine Schriften stets mit des Altmeisters Stimme im Ohr. Dunkel fallen seine Sätze. Traumgarn, du bist willkommen!
2012 12 Juli
Ein Hauch von Anarchie, geeiste Fenchelsuppe, and andere Überraschungen: das „Red“, mein Lieblingsrestaurant in Aachen
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | Comments off

In London befindet sich mein Lieblingsrestaurant, Khan’s, an der Westbourne Grove (indische Küche), in Dortmund geh ich am liebsten in „Hürsters Kochwerkstatt“ (phantasievolle, sog. gutbürgerliche Küche), und auch in Aachen muss ich nicht lange überlegen, um meinen Favoriten zu benennen: das „Red“ in der Schlossstr.16, im Frankenberger Viertel. Ist das nun mediterrane oder internationale Küche? Egal …
Im „Red“ stimmt einfach alles: das Preis-Leistungs-Verhältnis, die unangestrengte, minimalistische Raumgestaltung (cool, aber nicht kalt, und selbst ein Rot-Ton kann dezent daherkommen), der Service (aufmerksam, informiert), die im Schnitt alle acht Wochen wechselnde Speisekarte – die Phantasie, mit der hier Speisepläne zusammengestellt, ja, komponiert werden, sucht ihresgleichen, soviel vorweg!
Natürlich kann man hier jederzeit a la Carte essen, zugleich gibt es an bestimmten Tagen Programm gewordenen Überraschungen, zum Beispiel mittwochs das aufgrund der immensen Kleinarbeit nur tischweise angebotene „Fine-Wining-Menü“. Für sage und schreibe 39 Euro pro Person (Stand gestern) gibt es ein fünfgängiges Mahl vom Allerfeinsten, wobei zu jedem Gang ein Wein (0,1l) serviert wird. Ästhetisch zubereitet, ohne nouvelle-cuisine-mäßig mit dem leeren Raum zu kokettieren …
BLOODY MARY ESPUMA MIT GEGRILLTEN RIESENGARNELEN (dazu ein Atlantik D.O. 2010 (Rias Baixas) – eine neue Rebsorte aus dem Norden Spaniens, Rieslingseele mit Sauvignon Blanc Aromatik)
GEEISTE FENCHELSUPPE MIT STREIFEN VOM FRISEE UND FLUSSKREBSSCHWÄNZEN (dazu ein Grauburgunder Burgfräulein – würzig-mineralisch, leicht fruchtig, solide im Abgang mit Schmiss und Extrakt)
Das waren die zwei ersten Gänge. Nun war ich schon einige Male hier, habe jedesmal aufs Neue das angenehm ungezwungene Flair genossen. Der Küchenchef hat im Lauf seiner Zeit gewiss schon etliche „Klassiker“ kreiert, doch gehört es zu den Grundideen des „Red“, sich nicht auf noch so edlem Lorbeer auszuruhen, und stetig den Punkt 0 in Angriff zu nehmen. So verschwinden viele Gerichte auf Dauer von der Speisekarte, um ihren festen Platz im Langzeitgedächtnis der Gäste einzunehmen.
Zum Beipiel habe ich nur beste Erinnerungen an ein Dessert, dass sich mittlerweile im Nirvana der verloren gegangenen Köstlichkeiten befinden dürfte, eine Süssspeise mit Rharbarber und diversen Zutaten, an die ich mich um so weniger erinnere, je mehr ich mein Gedächtnis zwingen will. Der Geschmack liegt mir auf der Zunge, die Worte verflüchtigen sich: das Geheimnis jeder großartigen Küche, die etwas Neues aus oft bekannten Zutaten entwickelt, aber in der Kombination und Zubereitung jenen magischen Faktor X erzeugt, der bei anderen, weniger begabten Köchen, allenfalls zu steriler Perfektion führt.
SAFRAN-SPAGHETTINI MIT BELUGALINSEN, CHORIZO UND HÜTTENKÄSE (dazu das dritte Glas Weisswein, ein Lugana DOC 10, Venetien, Gardasee, Trebbiano Bennati; im Bouquet Anspielungen auf weiße Johannisbeeren und Stachelbeeren, sowie Nuancen von Vanille und Brotduft)
LAMMRÜCKEN „KRÄUTER DER PROVENCE“ MIT EINER LASAGNE VON POLENTA, BÜFFELMOZZARELLA UND ROTER PAPRIKA (dazu ein Merlot 10, Casa Vinicola, Bennati, Venetien, ein in Eichenfässsrn gereifter Merlot)
Man könnte natürlich einwenden, dass mir spätestens nach dem vierten Glas Wein die kritische Urteilskraft abhanden gekommen sein müsste, aber dem war nicht so, was ich zumindest mit dem Abstand eines Tages klar erkennen kann. Im übrigen: mir geht diese ganze „Sternekocherei“ mit ihren einengenden Vorgaben gegen den Strich. In jedem wunderbaren Restaurant muss sich – für meinen Geschmack – eine Basisportion Anarchie mit Phantasie und Disziplin paaren. Nur so bleibt die Qualität garantiert, ohne dass sich sog. Erfolgsrezepte durchsetzen und das Unberechenbare eliminiert wird. Auch hier scheint das „Red“ Massstäbe zu setzen.
Zum Schluss das Dessert (das Wort Schmand hat für einen Ostwestfalen etwas eher Unattraktives an sich, abhängig natürlich auch von bestimmten Kindheitserlebnissen, aber selbst solche sprachlichen Konditionierungen werden von der Realität mit einem milden Lächeln in Luft aufgelöst):
GEBRATENE APRIKOSEN MIT LAVENDEL UND HONIGSCHMAND (dazu Weißer Portwein, Taylors Chip Dry)
Und die Musik danach:
OLD IDEAS, von Leonard Cohen
FEAR OF MUSIC, von den Talking Heads
restaurant-red.de
Reservierung empfehlenswert: 0241-1606061

2012 12 Juli
Aus dem Schlaf gerissen: Neues bzw. Altes vom „europäischen“ Keith Jarrett-Quartett
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | Tags: Keith Jarrett | | 1 Comment
Morgen erscheint SLEEPER, ein Konzert des „Belonging“-Quartetts von Keith Jarrett, mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen. Der Titel des Albums bezieht sich darauf, dass dieses Konzert über drei Jahrzehnte in den Archiven ruhte. Live-Aufnahmen dieses viel zu kurzlebigen Quartetts gibt es schon, NUDE ANTS, ein Doppelalbum, das seinerzeit im Village Vanguard aufgezeichnet wurde, und PERSONAL MOUNTAINS, das ebenfalls auf der 1979er Japan-Tour entstanden ist. Keine neuen Kompositionen enthält SLEEPER, und ob diese Veröffentlichung nun als enorm wichtig anzusehen ist, wage ich nicht zu behaupten, ohne die anderen Platten gegenzuhören. Mir scheint die neue Abmischung, die Jan Erik Komgshaug und Manfred Eicher in Oslo bewerkstelligt haben, allerdings deutlich transparenter zu sein als die von PERSONAL MOUNTAINS, wenn mir meine Erinnerung hier keinen Streich spielt. Warum ich trotzdem diese Aufnahme voller Vorfreude in meinen CD-Player legte, liegt daran, dass es schlicht ein weiteres Dokument des künstlerisch kreativsten Jahrzehnts von Jarrett und Garbarek ist: die Musik ist wilder und freier als die beiden Studioaufnahmen BELONGING (nach wie vor ein Meilenstein der Jazzgeschichte) und MY SONG (ein ebenfalls großes Album). Und liebend gerne tauche ich ein in die Klangströme der Kompositionen „Oasis“ und „Chant Of The Soil“, die mich schlicht mitreissen in ihrem Spiel- und Ideenfluss.
2012 10 Juli
David Mitchell auf Lesereise! Im Gepäck führt er DIE TAUSEND HERBSTE DES JACOB DE ZOET mit.
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | Comments off
10.09.12 Berlin Int. Literaturfestival
11.09.12 Stuttgart, Literaturhaus
12.09.12 CH – Zürich, Kaufleuten
13.09.12 Hamburg, Harbour Front Literaturfestival
Die beiden Manafonistas Gregs und Michael freuen sich auf neuen Lesestoff des englischen Schriftstellers. Sie flogen durch die Parallelwelten des WOLKENATLAS und folgten den ganz anders gearteten Irrungen eines Heranwachsenden in DAS DREIZEHNTE JAHR. Jetzt steht Anfang September bei Rowohlt die Veröffentlichung seines neuesten Romans an. Ein historischer Roman der besonderen Art. Wer aber einsteigen möchte, besorge sich umgehend den Wollenatlas, und verabschiede sich vorübergehend von der Welt.
2012 10 Juli
Der Wind in den Rocky Mountains hat seine eigenen Gesetze
von Michael Engelbrecht | Kategorie: Blog | | 1 Comment
Das Deckenlicht war ausgefallen, das Tageslicht ohnehin erloschen, und so ging ich zu dem Regal mit der besten Musik der Welt, vorsichtig im Dunkeln am Röhrenverstärker vorbei, der die einzige, sehr dezente Lichtquelle im Raum war. Nun sind meine CDs gewiss nicht groß alphabetisch oder nach Genres geordnet, und die Verteilung der Musik auf siebzehn sich leicht durchbiegenden Regalbrettern stellt eher eine Analogie zu meinem Hinterkopf dar, neuropsychologisch gesehen. Da ich einfach Lust auf eine gute, lang nicht gehörte, Musik zur Nacht hatte, griff ich intuitiv einen Stapel von ca. zehn CDs heraus und wartete, bis ich in der relativen Dunkelheit etwas erkennen konnte. Wow! Es war sofort klar, welches Album ich hören wollte, es ist wohl eine halbe Ewigkeit her, dass ich diese feine Gitarren-und-mehr-Musik zuletzt gehört habe, und ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich sie entdeckte, kurz nach ihrem Erscheinen, und an das Cover, das wie eine Reiseversprechung der besonderen Art war. Als ich die Musik auflegte (ich war etwas müde, und wählte mir, wiederum rein zufällig, die Tracks 4 und 5 aus), fluteten die Erinnerungen. Ja, ich hatte mich damals eine Zeitlang in der entsprechenden Langspielplatte eingerichtet, sie war Trutzburg, Pfadfinderschulung, Reisebericht, Wolkenkratzer, alles zugleich. Doch mein Gedächtnis hielt sich nicht lange mit dem Wechselspiel täuschend echter, vollkommen illusorischer und einfach nur wahrhaftiger Erinnerungen auf, und landete gleich wieder in der Gegenwart der Klänge. Kein Staub lag auf ihnen. Ich kenne wenige Gitarristen, die sich dermaßen darauf verstehen, Stillstände in ihren Kompositionen zu produzieren, bei denen man nie weiß, ob mit ihnen ein großes Verschwinden einhergeht, oder ein Sammeln der Kräfte für den nächsten Ausbruch (ich vermeide das Wort Eruption, in der Musikkritik wird dieser Begriff so oft verwendet wie in der Erdbebenforschung). Der Wind in den Rocky Mountains hat seine eigenen Gesetze. Safe Journey!
2012 8 Juli
Mark, Armando und die anderen
von Jochen Siemer | Kategorie: Blog | Tags: Pat Metheny | | Comments off
Das Hotel ausfindig zu machen war nicht so einfach gewesen. Mario, Bühnentechniker bei einer Konzertagentur, hatte einen ungefähren Hinweis bekommen. Ich wollte damals unbedingt Pat Metheny hören und er seinen Jugendfreund Armando wiedersehen, der in der Band Perkussion spielte. Wir standen also an einem eher kühlen und verregneten Spätsommermittag vor dem Foyer einer Hildesheimer Nobelherberge und warteten gespannt, ob etwas dran war an dem Tipp. Plötzlich kamen zwei dunkelfarbene Vans auf den Hof gefahren. Den Fahrer des ersten erkannte ich an diesem freundlichen Grinsen, das so breit war wie der Himmel von Missouri weit: es war tatsächlich Pat Metheny. Lukas dem Lokomotivführer und der Wilden Dreizehn ähnlich stieg die Band aus dem Bus. Als Armando völlig überrascht und aus allen Wolken fallend seinen alten Gefährten aus Rio erblickte, fiel er ihm um den Hals, fing an zu weinen und zeigte ihm seine Hände. Die waren wund vom Congaspielen und überall mit Hühneraugenpflaster zugetaped. „Mario, Mario, schau mal, was die hier mit mir machen!“ Alle waren gerührt. Wir trafen uns dann mit Armando nach dem Soundcheck auf dem Hildesheimer Marktplatz, wo das Konzert am Abend stattfinden sollte und gingen zunächst ins Steakhouse. Hochinteressant, was einer der bekanntesten Perkussionisten Brasiliens, dessen Vater Mestre Marçal ja auch eine honorige Musikergrösse des Landes war, so zu erzählen hatte. Seit fast einem Jahr waren sie nun schon unterwegs, rund um den Globus, und nur ein paar Tage zwischendurch zuhause gewesen. „Du musst deinen Vertrag erfüllen, egal was kommt.“ Ob das Spielen trotzdem Spass mache? „So eine Tour läuft wie eine Maschine ab, man spielt sein Programm runter, weitgehend emotionslos.“ Und Pat Metheny? Er schaute zu Mario, sagte auf Portugiesisch: „Pat ist positiv verrückt – er und der Schlagzeuger, die spielen nach dem Konzert im Hotel noch weiter, die sind besessen.“ Wir gingen dann zu Woolworth, Armando brauchte frische Socken. „Ich wasche die gar nicht, kaufe mir immer neue, die alten schmeisse ich weg.“ In der Fußgängerzone kam uns Mark entgegen, der Multiinstrumentalist und Sänger der Gruppe. „Hi, ich suche einen Optiker, könnt ihr mir da weiterhelfen?“ Armando grinste hämisch: „Er sucht sich jeden Tag in jeder Stadt ein neues Brillengestell aus – mit Fensterglas, aber immer vom Feinsten. Das trägt er dann abends bei der Show.“ Was folgte, war die Mark Ledford Show beim Optiker. Ein witziger und aufgeschlossener Typ, der ganze Laden war am Grölen, als er seine Brillen ausprobierte – nicht ganz ohne Eitelkeit. Wir verabredeten uns auf ein Bier nach dem Konzert und hofften natürlich, Pat Metheny würde auch mitkommen. Das Konzert war die Wucht, das war 1995, das aktuelle Album hiess WE LIVE HERE. Als Schluss war nach einigen Zugaben, gingen wir hinter die Bühne. Dort standen Armando, Pat und Lyle Mays: „Sie haben umdisponiert, wir fahren sofort weiter nach Amsterdam, schade. Das mit dem Bier müssen wir verschieben.“ … „Und?“ fragte Mario später auf der Rückfahrt. „Ja, ein toller Abend!“ „War dir aber auch wichtig, die Musiker persönlich kennenzulernen!?“ „Hmm, weiß nicht.“ Wir fuhren die Autobahn Richtung Hannover. „Hey, Mann, das war dir schon wichtig – gibs zu!“
A Film by Georges Gachot
Bereits in frühen Jahren wurde die brasilianische Sängerin Nana Caymmi mit der musikalischen Tradition ihres Landes vertraut. Eine Hommage an Brasiliens musikalische Ikone. Sie ist die Tochter des bekannten Komponisten Dorival Caymmi, war Kindheitsfreundin des Pianisten Nelson Freire und die Muse des Komponisten, Sängers und Instrumentalisten Milton Nascimento. Außerdem war sie mit dem Musiker und Politiker Gilberto Gil verheiratet. Doch die Sängerin hat das musikalische Erbe nicht nur angetreten, sondern führte es als eigenständige Musikerin fort. Sechs Jahre lang begleitete der Schweizer Filmemacher Georges Gachot die 1941 in Rio de Janeiro geborene Sängerin in ihrer Heimat Brasilien. Die Aufnahmen führen mit sehr persönlichen Begegnungen in die melancholische Welt Nana Caymmis. Gespräche mit brasilianischen Musikgrößen wie Maria Bethânia und João Donato erlauben eine weitere Annäherung an die Karriere und Kunst der Sängerin. Anhand von Archivaufnahmen erzählt der Film auch ein wichtiges Kapitel der Musikgeschichte Brasiliens. (3Sat)
2012 6 Juli
Drawing a line between The Dirty Projectors, David Byrne and Brian Eno
von Manafonistas | Kategorie: Blog | | 1 Comment
„If you’re gonna like the Dirty Projectors’ sixth album, then you’re gonna have to make a few concessions. Mainly, you’ll have to entertain the notion that band leader David Longstreth is New York’s most plausible heir apparent to Talking Heads’ David Byrne. After all, both are relentlessly post-modernist, driven by high-concept projects – try 1979’s Fear Of Music vs. 2005’s The Getty Address; 1980’s Remain In Light vs. 2007’s Rise Above – and both have successfully mixed polyrhythmic Afrobeat with experimental Western pop. Crucially, though, the two are bound by a determination to combine the above in recognisable-yet complex packages: pop art in its truest sense. Thus, with Swing Lo Magellan, Dirty Projectors are exiting something of an “Eno period” – the batshit ideas are still nominally present, but the execution is a little less, as Dave Jnr puts it, “florid” – making this album their very own ‘Little Creatures’; a melody-focussed opus that reinforces the notion of Longstreth’s band as songwriters, as opposed to sonic adventurers. All of which is fine, incidentally, as it’s pretty fucking awesome. The silky-smooth hook of ‘About To Die’ is balanced delicately atop rattling electronic stutters, while the intricate layers of ‘Just From Chevron’ propel Amber Coffman and Haley Dekle’s delectable harmonies into a dense finale. Sure, these are pop songs, but they’re still very definitely Dirty Projectors songs too. To write the album, Longstreth relocated, Bon Iver-style, to a house four hours outside of New York, cutting himself off from friends and family. With that in mind, the lyrical directness is fascinating – “You’re my love and I want you in my life,” he declares on ‘Impregnable Question’, with those elastic vocal cords reined in to subtly moving effect. Long-term fans may be justifiably concerned that the exploratory exhilaration of previous records has been lost, but this sense of warmth is a more than adequate replacement. “Without songs we’re lost/And life is pointless, harsh and long,” croons our hero on the understated, Cole Porter-esque closer ‘Irresponsible Tune’. Let the days go by with Swing Lo Magellan and you might just feel the same way …“ (Will Fitzpatrick, The Fly)
Zwei Songs daraus in den nächsten Klanghorizonten. Und was für ein herrlich unspektakuläres Cover, wie ein diskretes Motto: zurück zu den einfachen Dingen, die kompliziert genug sind. Tatsächlich haben sich die Dirty Projectors ganz bewusst aufs Land zurückgezogen, um dort einiges von den urbanen Getriebenheiten ihrer vorigen Arbeiten abzuschütteln. Der Mann mit der Bommelmütze ist unschlagbar, er verkörpert das Gegenteil von „style“. Diese neue Naturverbundenheit der Band ist keine Pose, sie erlaubt David Longstreth, einem der faszinierendsten Sänger unseres Planeten, seine unberechenbaren Arrangements kurzzuschliessen mit dem Erbe der Beach Boys und der Beatles. Aber auch solche Rückgriffe sind erfindungsreich. Mindestens an zwei Stellen werden Melodien und Textzeilen von Brian Wilson aufgenommen, doch die rundum erschallenden Vokalharmonien proben keinesfalls alte Strandromantik, sie kommentieren frech und garstig (aber eben auch leidenschaftlich), so dass jede ansatzweise überzuckerte Romantik ihren subversiven Unterton erhält. Ich finde dieses Album ganz und gar großartig!


