Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 4 Jan.

Mein erster luzider Traum

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Die Wölfin alias Hannelore L. kam an freien Tagen, stellte ihr Motorrad in die Garage und nahm mich. Sie gab mir eine Landkarte für den Hohen Bogen, markierte die Orte und Zeiten, und vögelte mich dort. Dort, und in meiner Souterrainwohnung in Bergeinöden. Sie war braungebrannt, trug kein Gramm Fett am Körper, und lachte viel. Remain In Light war „unsere Platte“. Als sie schwanger wurde, von mir, kam sie noch einmal aus den Wäldern, nahm mich dreimal, zur Erinnerung, trennte sich am gleichen Tag, trieb ab, machte eine Partnertherapie, und blieb bei ihrem ersten Wolf. Ich wäre ihr bis ans Ende der Welt gefolgt, aber ich war schon am Ende der Welt, und durfte keinen Schritt weiter gehen. Es wurde dunkel in meiner Seele, ich litt wie ein verlassenes Tier. Das war kein Traum. Damals las ich erstmals über Klarträume (luzide Träume) – das Buch von Paul Tholey aus dem Falken-Verlag – und übte jeden Tag. Mitte der 80er Jahre traf ich dann den Professor der Klarträume bei einem Seminar in Frankfurt.

 

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Ich stehe im Rombergpark, am Anfang des Rundweges, es ist ein herrlicher Sommertag. Ich stelle mir die Frage, ob ich wache oder träume, und ein Schauer fährt durch mich hindurch: ich träume, ich bin bei klarem Bewusstsein, und weiss, dass mein Körper in Bergeinöden im Bett liegt. Glücksgefühle schiessen durch jede Zelle meines Traumkörpers, der sich völlig real anfühlt. Ich sehe, wie die Sommerblätter zittern im Wind, und bin berauscht von dem Zustand. Da fällt mir ein, dass ich ja im wahren Leben tottraurig bin, und was ich im ersten luziden Traum machen wollte. Einen weisen Mann um Rat fragen.

Da hinten kommt ein Jogger, ein Muskelpaket, so stellte ich mir einen Ratgeber nicht vor. Als er an mir vorbeilaufen will, rufe ich ihm zu: „Hallo, können Sie mal kurz anhalten?“ – Was ist? – „Passen Sie auf, das hört sich verrückt an, Sie sind in meinem ersten Klartraum.“ – Das interessiert mich nicht. – „Gut, klar. Aber ich möchte Ihnen eine Frage stellen: was kann ich tun, damit H. zurückkommt?“

Nachden ich diese Frage gestellt habe, verwandelt sich sein Kopf vor meinen Augen in eine Schwarzweissfotografie des Gesichts der Wölfin, und dann in einen Totenkopf. Ich erschrecke mich und wache in meinem Bett auf. Zwei Wochen später bin ich in London, mit wenig Geld, und jeden Tag gefordert, in der Gegenwart zu bleiben. Ich sehe die Wölfin dennoch in der Underground, in Hampstead Heath. Ich kaufe mir ein Album der Flying Lizards und höre abends John Peel. Er spielt einen Song aus dem Album The Correct Use of Soap von Magazine. Howard Devoto in der Form seines Lebens. Wenigstens wurde ich von einer Schönheit aus dem Marquee Club gut durchgevögelt. Sexual Healing.

 

2017 4 Jan.

an old master at young age

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

Träume ich oder bin ich wach? Dies ist nicht nur die Ausgangsfrage eines jeden Klarträumers, nein, nicht Frage sondern wiederholte ernsthafte Überprüfung des eigenen Bewusstseinszustandes. Darauf wies der Klartraumforscher Paul Tholey vor etwa 30 Jahren in seinen Seminaren an der Uni Frankfurt und seinem Buch zum Klarträumen hin. Die Sache hat nun einen kleinen Haken: Wenn ja, wo bin ich wirklich? Diese kleine und scheinbar unbedeutende Frage kann man sich höchst berechtigt sowohl im Traum- wie auch im Wachzustand stellen mit keineswegs immer eindeutigen Antworten …

Träume ich oder bin ich wach? Wo bin ich hier: in einer Schleife gestrandet, wo ich die Worte dieses Blogs immer nur rezeptiv begeistert aufnahm und nun auf einmal mit vielen Anderen zum eigenen Leser werden und mich kommentieren kann? In einer eigenen virtuellen Realität, die durch erträumte Schnittmengen ein Panoptikum an Ideen und Inspirationen abfeuert? Spielt sich das jetzt wirklich ab oder ist „Breaking 13“ nur ein Seriensequel, dass sich aus einer ominösen Klartraumapotheke speist und meine Neurotransmitter gerade einen obskuren Schreittanz vollführen lässt? Und wenn ja: gibt es unterschiedliche Traumformen?

Vor Jahren arbeitete ich in einem Schlaflabor und wir weckten unsere Probanden aus unterschiedlichen Schlafphasen, um zu erforschen, ob Träume in allen Schlafstadien auftreten können. Sie konnten. Da waren die faktischen, grauen, drögen Träume aus den Tiefschlafphasen, die einsilbigstens berichtet wurden und nach vielen Zwischenstadien die bunten, intensiven, phantastischen der REM- oder Traumschlafphasen, die direkt nach dem Wecken ausschweifend geschildert werden konnten und uns Mitarbeiter in einen Strudel aufgebrochener unterbewusster Welten fast filmartig hineinriß. Bilder können das auch manchmal. Und Musik natürlich.

 
 
 

 
 
 

Eines Winternachmittags in Frankfurt starrte mich also dieser gut geschminkte Typ im Montanus-Plattenladen aus der Auslage an. Lesen konnte ich die Aufschrift leider nicht, war die japanische Fassung. Fand das Cover aber auf den ersten Blick sympathisch, nein eher magisch anziehend. Also reinhören. Aber: Was war das? Eine Sorte unbekannter Popmusik? Japanische Zauberformeln? Vielleicht auch ein bislang unentdecktes Universum, das mich mit jedem mal hören tiefer in sich hineinzog und so eigenartig faszinierend und fremd war wie die plastischen Träume unserer Probanden.

Left Handed Dream. Gibt es sowas überhaupt? Das Traumlexikon sagt dazu, dass Träume mit dem Aspekt der Linksseitigkeit darauf verweisen, dass man sich der unbewussten Seite des Erlebens vermehrt zuwenden sollte. Da geht es also hin oder ist Sakamoto halt Linkshänder und die träumen vielleicht anders? Diese vertrackten Arrangements, die viel mehr ein japanisches Empfinden als die dortige Musikkultur abbilden. Diese archaischen manchmal sogar fast tanzbaren Rhythmen, die schrägen Gitarrensounds von Adrian Belew, der näselnd-monotone japanische Gesang (ich mag die amerikanische Version dieser Platte bis heute nicht) und dann die seltsamsten Tierstimmen im letzten Song. Chill-factor. Fragmente. Tell me your story … a yellow chrysanthemum. Die Blume des japanischen Kaiserhofes oder doch der Mohnblütengarten? Träume ich immer noch oder bin ich wach? Ich weiß es bis heute nicht, aber Ryuichi jedenfalls träumt mit links …

2017 3 Jan.

106 years ago

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

Ich habe vor wenigen Minuten gelesen, dass Borussia Dortmund am 15. Januar 1911 das erste reguläre Spiel ausgetragen und mit 9:3 gegen den VfB Dortmund gewonnen hat. Meine Mama hat gerne Fußballspiele im TV angeschaut, solange ihre Sehkraft noch dafür ausreichte. Ein Borussia-Fan war sie nicht, hat eigentlich nie für irgendeinen Verein gefiebert. Sie lebt seit wenigen Wochen in einem Seniorenheim in meiner Nähe. Nun bin ich dabei, ihre verlassene Wohnung auszuräumen und zu entscheiden, was in den Müll wandern darf (oder muss) und was für mich und meine Familie wert ist, aufbewahrt zu werden. Ich finde alte Bilder, aus einer Zeit, als eine Fotografie noch etwas Besonderes war, einfach deswegen, weil man nicht täglich ein Foto knipsen konnte. Eines aus dem Jahr 1911 möchte ich zeigen.

 
 
 

 
 
 

Das ist die Mannschaft des 1. FC Helmbrechts. Mein Großvater ist auf dem Bild zu sehen, er spielte Linker Läufer. Einige der alten Bilder digitalisiere ich, vorsichtshalber, denn ein paar gut hundertjährige sind schon verblasst. So bin ich die letzten Tage und Wochen beschäftigt und habe viele Manafonistas-Beiträge noch gar nicht bzw. nicht gründlich genug gelesen.

Mit dem 13. Manafonisten haben wir nun 13 Personen versammelt, die aus (kaum übertrieben) 13 Berufen und Berufungen, das Feld der Perspektiven weit auffächern. Natürlich ist die Bereitschaft da, bald mehrere Frauen in den Club der Manafonisten aufzunehmen, um, kleiner Spass, die Quote zu regeln. Aber es ist schon ernst gemeint. Es sollten Frauen sein, die, neben natürlichem Schreibtalent, weitere Tätigkeitsfelder ins Spiel bringen, so etwa die Terrains der Puppenspielerei, des modernen Balletts, des Event Managements, der Pornographie, der Handlesekunst, der Architektur, der Twin Peaks-Forschung, und der postmodernen Landschaftsfotografie. Und alle sollten ein Faible für aufregende neue Klänge haben, Worte über Musik verlieren können, das Unerhörte im Allgemeinen. Eine Glückskeksspezialistin haben wir schon. Das einst glorios, und nicht zuletzt an unserer Zweisprachigkeit gescheiterte Buch der Manafonisten schriebe sich von ganz allein.

 

2017 3 Jan.

Black Glasses

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

Claire Denis has begun work on LES LUNETTES NOIR (Black Glasses), her own adaptation of Roland Barthes’s 1977 book, A Lover’s Discourse. The extra surprise here is that Juliette Binoche and Gérard Depardieu, who feuded for years, have been cast together.

via

2017 3 Jan.

Fortune Cookies

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

Did you ever buy a fortune cookie, as a New Year´s present for friends? Few years ago I did so. I thought of charming translation mistakes caused by google-translation programs and sentences like “Wenn Sie einen auto besteigen wird wunder” with their wiggle room. So I should have bought the cookie carton in a Chinese shop, but I thought of the quality of the cookies itself and made the mistake to buy them in a health-food shop. Logically the sentences were a bit innocent, tame and devoid of fun. “The way is up – follow your heart.” Or: “Say clearly what you mean and everybody will listen to it.” Buzz: no matches.

Adrian Tomine´s awesome graphic novel “shortcomings” starts with a movie´s closing scene, presented in an asian-american film festival. A woman, who had most of her life felt distant from her grandfather, enters his aging fortune cookie factory and realizes the connection between her grandfather and his job. The old man picks one of the fortune cookies from the shelves and gives it to his granddaughter. She breaks the cookie and reads the wisdom aloud: “Your love live will be happy and harmonious.” She´s touched, hugs her grandfather. The audience applauds zealously. Still Ben Tanaka, the main character, is bored. Actually I could imagine that kind of sentence in a cookie-box bought in health-food shop as well. So, how spotting really good fortune cookie sentences? There´s a poem by Frank O´Hara titled “Lines For The Fortune Cookies” that consists of about 30 lines you could find in a high class poetic fortune cookie box. A lot of people in this room wish they were you. Or: You are a prisoner in a croissant factory and you love it.

It´s a funny idea to build a poem that way, but it´s like William Carlos William´s Red Wheelbarrow. The merit is the poetic approach, and each copy or variation of the idea is – just a copy. Oh, but Lajla had a great idea for the fortune cookies she produced by herself for our first manafonistas meeting at Sylt island 1 ½ years ago. She picked sentences from the blog itself and we had to guess who wrote it. Next time you get in a car to drop by a friend, something strange´s gonna happen.

 
 
 

 

Als ich kurz vor Weihnachten an meine alte Klasse von 73 eine Rundmail schickte, mit einem Link zu meiner Jethro Tull-Geschichte über STAND UP (hier am 16. Dezember 2016 platziert), erhielten alle Begeiligten in einer weiteren Rundmail auch die folgende Reaktion, die ich aus Gründen guter Unterhaltung gerne einer noch grösseren Runde anvertraue. Da der ausführliche Text auch einen Abgesang auf das Englische und einen Lobgesang auf das Hebräische enthielt, wird meine überaus freundlich formulierte Antwort (als weitere Mail in der Runde der OIc) keinerlei Verständnisprobleme bereiten.

 

“ (…) Außerdem kapiere ich zu meinem Leidwesen überhaupt nichts von dem, was ich jetzt unter dem angegebenen Link gelesen habe? Sind das nicht Uraltklamotten aus dem Mülleimer der Zeitgeschichte? Viel gäbe ich darum, zu verstehen, worum es geht. Doch schon damals haben mich meine Ohren die zeitgenössische Musik im wesentlichen als Krach empfinden lassen und mich auf weiten Abstand zu ihr gehalten. Anders formuliert: kann es überhaupt wohltuendere Musikklänge geben als die von Bach und Händel??? Nun gut, ich muß es zugeben: natürlich gibt es Musik, die mindestens genau so berauschend ist – argentinischer Tango etwa.“

 

„Dear X, what’s the word for „narrowmindedness“ in Hebraic language? I’m happy you have at least a knack for tango with its origins in ancient red district areas and whorehouses of Buenos Aires. Best, Michael!“ 

 

 
 

 
 

Heute erscheint offiziell das neue Album REFLECTION von Brian Eno. (Ian is entranced, and maybe he will write another story on the album starring our beloved DJ from another age, Mireia Moreorless). Ich habe es schon einige Zeit auf dem Computer, aber nun das erste Mal die CD über die grosse Stereoanlage laufen lassen. Ich hatte eine grosse Tasse grünen Tee zubereitet, und liess die Musik in all ihren Feinheiten auf mich wirken. Es sind ja verschiedene „Soundschleifen“ aktiv, die sich aber stärker wandeln als auf Klassikern wie DISCREET MUSIC oder MUSIC FOR AIRPORTS. Jeder „Tonspur“ ist eine (digital gespeicherte) Anweisung zugeteilt, wie sie sich zu entfalten habe. So ist schon mal für beträchtliche Variationsbreite der einzelnen „Inputs“ gesorgt. Die Überlappungen sorgen also für unendliche Vielfalt im Zuge sich nie identisch wiederholender Wiederholungen. Das Tolle ist, dass diese Beschreibungen absolut ernüchternd sind, die Musik aber eher das Gegenteil davon, sinnlich, traumartig, ein Fluss. Nur die Oberflächenstruktur suggeriert generative Systeme, Kybernetik, Künstlichkeit. In der Tiefe, die hier kein metaphysischer Begriff ist, sondern den Sprung in den Fluss avisiert, das gute alte Loslassen, herrscht Staunen, Verwunderung, Trance. „But if an algorithm composed this music, is Brian Eno the author of it?“, Kitty Empire asks in her review, and I like to answer: „Yes, Kitty, he’s the author! You know why? It’s his handwriting! And: the music has no story, but soul.“ Und, erst beim Hören auf der grossen Anlage, kommt das Element der puren Überraschung hinzu. Oft scheint sich die Musik dem Nichts zu nähern, es gibt vollendet klingende Verschwindeklänge, und aus dem sanften Sog des Nichts kommt dann plötzlich ein fast lauter glockenheller Ton, der etwas Aufrüttelndes hat, aufreissendem Licht und einer Marimba nicht unähnlich. Man darf also durchaus, bei REFLECTION, einer übrigens klanglich absolut highendigen Aufnahme, Kristalle in Drei D, Landschaften vorüberziehen sehen, man darf die Musik persönlich nehmen. Ja, und ich tauche derzeit, beim Hören des Albums, in einen alten Gedichtband von Jürgen Becker ein, den ich aus dem Speicher runtergeholt habe, kehre immer zu den Klängen, den Worten zurück, dem Raum dazwischen. Besorgen Sie sich einfach mal ein schmales Lyrikbändchen von Herrn Becker, nach dem Zufallsprinzip, und halten Sie die Zeit an, wenn die Musik läuft. Kinderleicht, geht von allein, und immer eine Illusion.


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