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Archiv: Jürgen Becker

Heute erscheint offiziell das neue Album REFLECTION von Brian Eno. (Ian is entranced, and maybe he will write another story on the album starring our beloved DJ from another age, Mireia Moreorless). Ich habe es schon einige Zeit auf dem Computer, aber nun das erste Mal die CD über die grosse Stereoanlage laufen lassen. Ich hatte eine grosse Tasse grünen Tee zubereitet, und liess die Musik in all ihren Feinheiten auf mich wirken. Es sind ja verschiedene „Soundschleifen“ aktiv, die sich aber stärker wandeln als auf Klassikern wie DISCREET MUSIC oder MUSIC FOR AIRPORTS. Jeder „Tonspur“ ist eine (digital gespeicherte) Anweisung zugeteilt, wie sie sich zu entfalten habe. So ist schon mal für beträchtliche Variationsbreite der einzelnen „Inputs“ gesorgt. Die Überlappungen sorgen also für unendliche Vielfalt im Zuge sich nie identisch wiederholender Wiederholungen. Das Tolle ist, dass diese Beschreibungen absolut ernüchternd sind, die Musik aber eher das Gegenteil davon, sinnlich, traumartig, ein Fluss. Nur die Oberflächenstruktur suggeriert generative Systeme, Kybernetik, Künstlichkeit. In der Tiefe, die hier kein metaphysischer Begriff ist, sondern den Sprung in den Fluss avisiert, das gute alte Loslassen, herrscht Staunen, Verwunderung, Trance. „But if an algorithm composed this music, is Brian Eno the author of it?“, Kitty Empire asks in her review, and I like to answer: „Yes, Kitty, he’s the author! You know why? It’s his handwriting! And: the music has no story, but soul.“ Und, erst beim Hören auf der grossen Anlage, kommt das Element der puren Überraschung hinzu. Oft scheint sich die Musik dem Nichts zu nähern, es gibt vollendet klingende Verschwindeklänge, und aus dem sanften Sog des Nichts kommt dann plötzlich ein fast lauter glockenheller Ton, der etwas Aufrüttelndes hat, aufreissendem Licht und einer Marimba nicht unähnlich. Man darf also durchaus, bei REFLECTION, einer übrigens klanglich absolut highendigen Aufnahme, Kristalle in Drei D, Landschaften vorüberziehen sehen, man darf die Musik persönlich nehmen. Ja, und ich tauche derzeit, beim Hören des Albums, in einen alten Gedichtband von Jürgen Becker ein, den ich aus dem Speicher runtergeholt habe, kehre immer zu den Klängen, den Worten zurück, dem Raum dazwischen. Besorgen Sie sich einfach mal ein schmales Lyrikbändchen von Herrn Becker, nach dem Zufallsprinzip, und halten Sie die Zeit an, wenn die Musik läuft. Kinderleicht, geht von allein, und immer eine Illusion.

Die Frauen meines Lebens habe ich nicht allzu selten in Fahrstühlen entdeckt. Eine wurde meine Verlobte (sowas gab es in der alten BRD), eine sah aus wie 5000 DM pro Nacht, und kostete ungefähr auch so viel. Ich bekam die Nacht geschenkt, weil ich sie in Erziehungsfragen beriet. Man spricht Frauen besser nicht in vollbesetzten Fahrstühlen an, sondern, kurz nachdem sie den geschlossenen Raum verlassen haben, und die Frage nach einer Tasse Kaffee nicht als Bedrängnis wahrgenommen werden kann. Sex in Fahrstühlen hatte ich nur zweimal, aber auch in Wolkenkratzern ist ein Quickie in normaler Rauschefahrt kaum machbar, es sei denn, man liebt des Thrill des Entdecktwerdens. Andrea und ich hatten uns darauf geeinigt, in einem Kölner Hotel leicht gehobener Klasse, um Mitternacht, nach einem Laurie Anderson-Konzert, den Fahrstuhl zwischen dem vierten und fünften Stock anzuhalten, und es voll durchzuziehen. Ich finde das Vögeln im Stehen an sich nicht besonders prickelnd (trotz einschlägiger Filmszenen, in denen besonders gerne Küchenmobiliar ins Blickfeld rückt), aber Andrea war leicht erregbar und kam schnell, ich musste dennoch das Kopfkino einschalten (dieses Surren der Elektrik, der blinkende Notknopf!), und so schlief ich virtuell mit zwei Frauen. Aber ich wollte etwas anderes erzählen. Meine liebste Fahrstuhlerinnerung (unter den apollonischen) hat überhaupt nichts mit Sex zu tun, sondern mit Lyrik. Eines Tages stand der ehemalige Chef der Hörspielabteilung des Senders mit mir im Fahrstuhl, nur er, und ich, sein treuer Leser. Es war Jürgen Becker, und in der Zeit, als ich noch mehr Gedichte las, und weniger Thriller, kaufte ich mir jeden seiner schmalen Gedichtbände. Jürgen Becker war ein Chronist der alten Bundesrepublik, seine im Grunde stocknüchterne Sprache hatte, verkappt, verborgen, jenen leisen Swing, der aus einer kahlen Baumgruppe etwas anderes machte als eine kahle Baumgruppe (aber eben nichts Symbolisches). Es war ein Sinne schärfender Hyperrealismus, bei dem pro Gedicht eine Zeile ins Irreale verrutschte, aber nahezu unmerklich, nicht als Pointe. Seine Gedichte waren pointenfrei. Jetzt macht dieser Text langsam doch Sinn, handelt er doch vom Schärfen der Sinne.


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