Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Aus simplen Melodien und meist einfachen Akkordfolgen macht der Rockmusiker Steven Wilson etwas Unverwechselbares, Einprägsames – manchmal nahe am Kitsch, ohne jedoch hierin jemals abzudriften: zu deutlich sind die progressiven Elemente und die dunklen Untertöne. Das Nerdige stört keineswegs, ist sogar sympathisch, konsequent – und das Erdige der Rockmusik dient dabei stets als Fundament für seine fairy tales. Eigentlich mag ich progressive rock gar nicht so, mal abgesehen von Genesis. Doch was heisst „eigentlich“? „Eigentlich könnten wir uns freuen, denn eigentlich geht es uns gut“, sang vor Jahren Xavier Naidoo, dessen Musik ich eigentlich auch nicht mag, in einem guten Song.

The OA ist eine dieser Fernsehserien, bei denen unsereins zunächst geneigt ist, abzuschalten, aufzugeben. Drop that crap. Doch irgendetwas hält einen doch daran fest. Oft sind es nur Details, vielleicht das Charisma eines Schauspielers (hier Brit Marling) oder die Art der Fotografie und Bildschnitte. Fiebrig in den Reviews stöbernd (Mehrwert und sideeffect des Serienschauens ist ja das Kommunizieren und Reflektieren darüber) sucht man dann nach Gleichgesinnten, die Indizien liefern. The OA gehört vielleicht nicht in den Olymp der Sahneserien (the „Champions League“ of new TV), zu denen Werke wie Fargo, Mad Men oder True Detective zählen – und ist doch in Aspekten sehenswert.

Immer wieder kam mir beim Schauen von The OA und beim Zuhören der Erzählstimme (Brit Marling führt Regie und spielt die Hauptrolle) ein eindrucksvolles Musikvideo von Steven Wilson in den Sinn. Ähnlich rückwärtsgewand, wie ein gestürzter Engel, erzählt eine junge Frauenstimme von einem Anderswo, wie aus einem Traum kommend: eine von Patina überzogenen Erinnerung an eine andere Zeit. Sollte so nicht Schreiben sein? Mit der Selbstgewissheit dessen, der genau davon erzählt, was nur er oder sie berichten kann? Dann reihen sich die Evidenzen ganz selbstverständlich auf, purzeln wie Kohlen aus dem Keller, fliegen wie Tauben aus dem Verschlag ins Weite und von dort zurück.

 
Steven Wilson – „Perfect Life“

2017 5 Jan.

The Old Map

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Newspaper is floating
in a puddle by the heart-carved birch
reminding me of our sixth grade geography project
when we made that map of Canada
by tracing the coast off a globe and then copying
what the textbook said was Ontario
what Quebec, and whatever those other provinces were
Remember that we soaked our map with tea bags and
burned the edges the colour of deserts
with the matchbook from your parents‘ dresser
and when we were done with everything
buried that page in a tin box
in the soil by the sentimental tree
Maybe, someday, someone will find that tin
and think what’s inside is real.

 
 
(I found this poem in a canadian newspaper, which was laying on the floor in our apt. Liked it at once. It is from Tim Mook.)

2017 5 Jan.

„Misty“

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MHQ: Einige Manafonisten haben noch Platten nachgereicht, die sie nach den Nikolaus-Listen entdeckt haben, du auch?

 

Michael: Ja, genau eine, welche gerne und vorzugsweise verrissen wird und mich fasziniert in ihrer Urkraft, und auch weil ich noch nie gehört habe, dass, eigentlich mein Unlieblingsinstrument Nr. 2, die Mundharmonika so grossräumig klingen kann wie eine Kirchenorgel, mein anderes Unlieblingsinstrument Nr. 1. Ach so, Neil Youngs PEACE TRAIL heisst die Scheibe. Ich höre sie nur laut. Youngs Gesang ist magisch, die Texte balancieren das Politische und das Private. Die Ursuppe der Rockmusik. Für Canyons. Und um einigen Amerikanern das Brett vorm Kopf zu entfernen. Leider Utopie. Keltners Drumming ist grosses Understatement.

 

MHQ: Du hast keine Lieblingsmusik für Orgeln?

 

Michael: Gott bewahre! Wenn man dieses Pfeifenarsenal in der Kindheit als Unterdrückungsinstrument der katholischen Kirche erlebt hat, mit all diesen Angstmachern, die sich damals Pädagogen nannten und noch den Muff der Nazis inhaliert hatten, gibt es, für mich jedenfalls, keine Chance, Messiaen zu mögen, oder sonstwas … ich fand auch Jarretts Orgelmusik aus Ottobeuren langweilig (selbst ohne meine Antipathie gegen das Instrument), ausser: vor Jahren erschien die Platte einer Orgelspielerin, die ich lang schon vergeblich suche. Ich habe nur über sie gelesen. Die Frau, deren Namen ich auch vergessen habe, spielt die Orgel in der Kirche wie einen kleinen Klangkörper, lässt jedes Auffahren, den ganzen Dröhn- und Erhabenheitsmist, aussen vor, aber man hört, wie jemand den Kirchenboden wischt, Hundegebell draussen. Wenn mir jemand dieses Album besorgt, ich spiele es sofort in meiner Februarnacht …

 

MHQ: Mutieren die Manafonisten jetzt zu einer Klartraum-Gruppe? Du hast eine „Apotheke“ aufgemacht, de Bücher bereit gestellt, und mit Uli Koch einen weiteren Spezialisten fürs Thema ins Team geholt.

 

Michael: Nein, die meisten von uns haben andere Schwerpunkte. Ich weiss, dass Martina sich den Klassiker von LaBerge besorgt hat. Ich werde sicher den einen und anderen Klartraum haben, demnächst, und erzählen, denn eine neue Forschungsphase ist angebrochen, mit den Neurotransmittern und Nootropica. Am Anfang stehen aber immer ein gutes Einführungsbuch, das einfache Steigern der Traumerinnerung, und die klassischen Übungen. Viele denken, ja, das sei sicher mal ganz nett, und sehen nicht, dass sich durch einen einzigen guten Klartraum das Leben hinterher anders anfühlt. Es ein wenig verändert. Ingo würde ich es sehr empfehlen, er ahnt nicht mal, was er da für seine Filmprojekte an Inspiration rausholen kann. Und warum sollte Rosato nicht Lust haben, Erroll Garner zu sich zu rufen, und vierhändig mit ihm, bei vollem Bewusstsein, Klavier zu spielen. Small Talk incl. Das ist jetzt kein Witz: das macht der luzide Traum tatsächlich möglich. Man blockiert sich leicht selber mit falschen Einschätzungen. Genug der Promotion :)

 

MHQ: Welches wird die zweite interessante Neuveröffentlichung des Jahres?

 

Michael: Keine Ahnung, vielleicht The XX, ich liebe ihre zwei ersten Alben, das Soloalbum des Sängers langweilte mich dann auf Anhieb. Vielleicht The Flaming Lips, die ich evtl. In Berlin in Huxleys Neuer Welt erlebe, am 24. Januar. Das neue Album soll selbst bei harten Fans Verwirrung auslösen, klingt doch schon gut :) – und neue Soundtracks sind immer für Überraschungen gut. Was den Jazz betrifft, freue ich mich auf ein Duo aus Piano und Saxofon / Blassklarinette. Ein Lieblingsformat von mir. Das Album von Aki Takase und David Murray erscheint im Februar bei Intakt in Zürich. Ralph Towners Sologitarrenalbum kenne ich schon, wunderbar laid back, so tief entspannt wie einst J.J. Cale auf der Veranda. „My Foolish Heart“ kommt aber auch erst Anfang Februar bei ECM raus.

 

MHQ: Welchen Thriller liest du gerade?

 

Michael: Keinen. Ich muss mich erst noch von Stephen Dobyns grossartigem „Das Fest der Schlangen“ erholen. Im Frühjahr soll es ja ein neues Ray Davies-Album geben, „Americana“ – ich habe mir sein gleichnamiges Buch besorgt, und reise mit ihm jetzt vorwärts und rückwärts durch die Jahrzehnte seiner amerikanischen Träume, Traumen und Ernüchterungen. Ein bestürzend ehrliches Buch, ein genauer Chronist politischer Niedergänge, und zwischendurch Geschichten vom „Perfect Riff“. Kleiner Leserausch für den grössten Kinks-Fan der Manafonisten, neben Lajla, Gregor … (lacht) Ich muss los, die Sonne kommt, eine Stunde über den Berg gehen, slowly, slowly! Dick eingepackt mit Schal und Mütze.

Many of the movies I once saw stand alone in my memory as something of worth ’n impact then, something they had lost later by becoming nostalgic, and it is not so easy to name the exceptions. Why? I didn’t see them again in ages, so I might give them old days‘ extra value. Then, being in the movies again for their ancient glory, they so often disappoint – full scale. Why do great rock albums age better? What once was a blessing, turns into a boring dejavue. Even classics. So, out of respect, I leave them in the archives of my mind, the only place they may still cast a spell, send a shiver, or stop time in all their long gone breathless moments. Well, one exception: „La Nuit Americaine“ by Francois Truffaut. And another two ones: „The Long Goodbye“ and „California Split“ by Robert Altman. Coming  to the 21st century, the „crossroads century“ where mankind and madmen will finally destroy the world (if there is no rethinking of global measure – but how, if you can manipulate minds so easily by networks specialised on spreading lies in chosen channels – before any heuristic truth and reason can intervene) great movies are still made standing the test of time at least because of being still fresh in the mind. So here’s another one from our series of the best movies of the 21st century: THE REVENANT. Pure Jack London territory (though not written by him), and apart from all its qualities, it is not at least the music by Noto & Sakamoto that does a great job here, a music that even works when being separated from the visual experience. And what a rotten place the world can be, the likes of Jack London only knew to well. The music could freeze to the icy ground or raise the level of anger, but most of the time it worked as a tricky beast in the wilderness, entering zones between what is seen and unseen, felt and not felt. And, in the end, best question: how can a music with so many icy thrills and high pitches, deliver a kind of warmth again and again, something being immersed by is no test of courage, but a heartfelt affair. In parts, at least. Oh, I also loved the „blaxploitation goes spagetti western“- O.S.T. of „Luke Cage, Season One“. Fucking expensive on vinyl. Another story.

 

 
 
 

Storytelling Time

 

In den letzten Tagen sind viele Geschichten hier veröffentlicht worden. Ich möchte eine hinzufügen, eine von Walter Bachauer. Sie ist im Katalog des Metamusik-Festivals Berlin, 1974 & 1976 zu finden. Eine Suche im iNet nach dieser Story würde bis dato jedoch erfolglos bleiben. Man muss schon den gründlich vergriffenen Katalog im Bücherschrank stehen haben. Im Jahr 1976 war das Hauptmotiv des Festivals die musikalische Kraft, die auf der Kehrseite des Meditativen wirkt, der geschlagene Rhythmus, die Percussion. Im Rahmen dieses Programms ist das Ghana Dance Ensemble aufgetreten.

 

In der Londoner Ghana-Botschaft beantrage ich vergeblich ein Visum. In meinem Paß steht „Journalist“. Ein dicklicher Beamter gibt mir zu verstehen, daß „solche Leute“ nur mit Genehmigung der Regierung nach Accra reisen dürfen. Das dauere üblicherweise drei Monate. Ich fliege dennoch anderntags nach Afrika. Die Ghana-Botschaft im senegalesischen Dakar weiß nichts von der Sonderstellung „solcher Leute“ und stempelt das Visum ein. Aber Ghana erweist sich als Dickicht für einen, der Musik auf den Dörfern sucht. Ich fliege zu einem Festival in die nördliche Provinzhauptstadt Kumasi und fahre mit dem Rover die Küste ab. Fröhliche, sicherlich unverfälschte Musik überall – aber: jeder Marktflecken in diesem Land ist stolz auf „seinen“ Rhythmus, „seine“ Lieder. Die lokalen Gruppen sind stets nur einer musikalischen Gattung Untertan, einem besonderen Set von Instrumenten. Ihre Leittrommeln sprechen die Phoneme der Ewe oder Ga oder Ashanti, ja die Vielheit der Sprachen in diesem kolonial-synthetischen Staat fächert die Musik in tausend eifersüchtig gehütete Facetten. Gemeinsam ist ihnen nur die Definition des musikalischen Inhalts nicht durch Melodien, sondern Rhythmen. Hebungen und Senkungen der percussionistischen Poesie sind identisch mit Hoheitsemblemen von kleinen und großen Potentaten. Ein abendfüllendes Programm, das europäischen Ohren auch nur Bruchteile solcher Fülle zeigen will, müßte ein Dutzend Gruppen zu einem sicherlich schauderhaften Musikzirkus summieren. Die Sache scheint äußerst verfahren und der Aufwand all der Touren durch aufgeweichte Waldtracks und armselige Wellblechsiedlungen umsonst.
Wieder in Accra suche ich die Diskussion über einen Ausweg mit dem renommiertesten Musicologen Afrikas, Kwame Nketia, graue Eminenz des ‚Institute for African Studies‘ an der Universität Legon. Schon bei der Einfahrtskontrolle zum weitläufigen Legon-Campus höre ich Trommeln. Der Wind trägt ihren Klang weither. Es sind Dondos, uhrglasförmige Haussa-Instrumente, deren Tonhöhen sich mit dem Druck der Oberarmmuskel modulieren lassen. Ein charakteristischer Sound, ganz ungewöhnlich für die Region hier im Süden. Ich vergesse Nketia und gehe der Musik nach. Neben den Wegen aus ziegelrotem Lehm, zwischen weit verstreuten niedrigen Gebäuden, blühen Bäume in jeder Schattierung von Orange. Die Haussa-Trommeln spielen in einem Barackenhof: Nketias Institut. Doch der Professor ist nicht da. Seine Studenten, die mir wie eine Compagnie ausgewählter Gestalten aus allen Regionen Ghanas erscheinen, machen sich offenbar einen freien Nachmittag mit Musik und Tanz. Doch der joviale Musikmeister Opoku klärt mich auf: dies sei Unterricht. „Wir sind keine wissenschaftlichen Buchhalter, die Musik aus dem Volk in irrelevante Notenbilder transkribieren, wie ihr das in Europa macht. Wir sind ein Ensemble, in dem die Musik weiter ‚leben‘ wird. Wissenschaft auf ghanesisch ist Praxis. Diese Studenten spielen nicht nur die wichtigsten musikalischen Genres unseres Staates, sondern halb Westafrikas, meist sogar besser als die Dorfmusiker, von denen sie lernen.“
Das „Ghana Dance Ensemble“ ist schon auf dem Weg nach Frankfurt, da erreicht uns ein Telex vom Flughafen Kairo, wo ein Stop für die Nacht vorgesehen ist. „Ghana Dance Ensemble wegen unzüchtiger Kleidung auf dem Gelände des Flughafens sistiert.“ Waren schwarzafrikanische Hüllen islamischer Moral nicht gewachsen? Nein, die Ägypter blufften. Und sie hatten gute Gründe. Fünfzehn schwarzhäutige Menschen vom Südrand der Sahara waren mit einem überbuchten Flug kollidiert. Man hat sie aus der startklaren Maschine geworfen, ihre Plätze weißen Touristen angewiesen. In Afrika, nördlich der Sahara.
 
Walter Bachauer

 
 

Am laufenden Band (5)

 
 

 

Diese Aufnahme wurde im RIAS am 29. März 1976 in Bachauers Sendung Musicarium vorgestellt, einige Monate vor dem Auftritt des Ghana Dance Ensembles beim Metamusik-Festival.

2017 5 Jan.

The films of my friends

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„There is a town in Northern Ontario …“, Neil Young sings in his homebounded song HELPLESS.

Timmins is a town in Northern Ontario, where my friends come from. We just spent New Years Eve together in Munich. We had lots of fun, drinking, singing along and watching the movie NOSTALGIA with the fabulous Scottish Annie Lennox. While we were watching the film, I asked my Canadian friends, what kind of movies they were watching when they were very young and so today.

With ten they watched bible effected films like Samson and Delilah or Ten Commitments. Then „Blue Hawai“ with Elvis Presley in it. Or Tom Thumb and the Walt Disney stuff. Few years later they liked films, which took place in a more or less poor envirement: Geory Girl, The L-shaped room, A Patch of Blue. With twenty they liked Midnight Cowboy, Guess who is coming for dinner, A man of all seasons, The Lion in Winter. Films which really shaped their lifes are: Easy Rider, The Ipcress File, Death in Venice, La Strada, The Ambrellas de Cherbourg, The Ship of Fools, Querelle (wow), Isadora, Wait until is dark, The Children’s hour, Two for the Road.

Best film ever: Who’s afraid of Virginia Wolf.

I asked which films since 2000 they would recommend: Crash, Broke Back Mountain, Cold Mountain, Ordinary People, Tinker Taylor Soldier Spy … I asked, if they watch series; „Oh yes, they are so much better made, they are to compare with Charles Dickens, who wrote weekly in a newspaper one chapter. That’s how we watch the series: Intreatments, Rectified, Fargo, Oliver Knitteridge, Damages, American Crime Story …

I was surprised that the Atlantic seems to part us in our selection of films. Some of the titles I’ve never heard before. When I mentioned, that I watched Winnetou movies, when I was very young and then as a student the French films like ‚Kinder des Olymp‘ or the Avantgarde Cinema with Rene Clair and Vigo or the Nouvelle vague, they were surprised.

2017 5 Jan.

Neulich bei Bugge …

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… Wesseltoft und seiner New Concepcion of Jazz 2016 Edition im Mousonturm in Frankfurt. Irgendwo aus der Dunkelheit kommt ein langgezogener Klang, dann noch einer und langsam baut sich ein Gebilde auf, dass irgendwie bekannt erscheint. Aber frischer, wie durch die Waschanlage gefahren. Und poliert, aber nicht aalglatt, sondern mit Ecken und Kanten, ja sogar mit unaufdringlich-chaotischen Strukturen, die ganz subtil eskalieren können. Dann fällt die Videoanlage aus, die zuvor versuchte ambiente Schneelandschaften auf die Leinwand zu bringen, was aber kein Nachteil ist, sondern die intime Atmosphäre viel mehr in den Vordergrund rückt. Es fehlen nur noch die Wohnzimmerlampen. Die Gitarristin ist in Socken auf die Bühne gekommen. Passt.

Bugge Wesseltoft hat zum zwanzigjährigen Jubiläum seiner New Concepcion of Jazz eine Frischzellenkur verpasst und hat sich vier junge Musikerinnen auf die Bühne geholt, die jede für sich einen sehr eigenen und erweiterten Umgang mit ihrem Instrument mitbringen. Ein auch mal perkussives Saxophon, eine Schlagzeugerin, die ihr Set singen, schreien und manchmal für Zehne toben lässt, eine Gitarre mit schleichenden, schwebenden und aus dem Versteckte hervorberstenden Klängen und eine Tablaspielerin, die ihr Instrumentarium gleich ganz neu zu erfunden haben scheint.

Und fast wie am Rande der Chef, der einfach nur Spaß hat, fast nur am Lachen ist und gelegentlich mit einem heiteren Blick etwas dirigiert. Und so kommen neben einigen Klassikern wie „You say“ und „Existence“, einigen neuen Stücken mit viel komplex verschränkten Improvisationen auch ein Stück aus dem hörenswerten Sideprojekt „Moksha“ auf die Bühne. Schon habe ich ihm „OK World“ verziehen, denn die Welt ist gerade wieder OK und Fon für Fon (Danke Micha!) tropft das Manna von der Bühne und zum Glück konnte ich ganz vorne sitzen …

 
 
 

 
 

Konzertinfo Mousonturm

Es geht um Seelennahrung (in jeder Form, sagen Sie nicht Bio), um Manna, um die Welt der Töne, und das Leben sowieso. Und entlegene Quellen der Inspiration. Oder so: Das Manna (im Alten Testament, einem kruden Textgemisch voller Wirrnis!) geht auf eine natürliche Erscheinung zurück. In einigen Gegenden der Halbinsel Sinai saugen zwei Schildlausarten in der Zeit von etwa Ende Mai bis Juli aus der Manna-Tamariske Pflanzensaft zur Versorgung ihrer Larven. Da er nur wenig des für die Larven notwendigen Nitrogens enthält, benötigen die Schildläuse eine große Menge Saft. (Sie können noch folgen, gut!) Den Überschuss sondern sie als Tropfen ab, die als kleine, weißlich-gelbliche Kugeln auf den Boden fallen. Die Kügelchen werden von Beduinen am Morgen aufgesammelt, da sie während des Tages schmelzen. Manna gibt es auch von dem Wüstenstrauch Hammada salicornica („Weiße Hammada“). Das Manna ist süß und wird als Honigersatz verwendet. (Wäre es nun nicht an der Zeit, sich zu fragen, ob Sie träumen oder wachen?) Bis zur Neuzeit wurde das Manna mit dem Tau in Verbindung gebracht, von dem man annahm, dass er vom Himmel fiel. Der Ausdruck „Phon“ („Fon“) an sich ist mehrdeutig. Er bezeichnet a) eine konkrete Lautäußerung: ein durch einen konkreten Sprecher verursachtes konkretes raumzeitliches Schallereignis, und b) eine abstrakte Lauteinheit: ein abstraktes Schallmuster oder Schallform. Das Phon im Sinne einer abstrakten Lauteinheit ist (aufgepasst, jetzt wird es „tricky“!) empirisch nicht beobachtbar und wird jeweils durch eine empirisch wahrnehm- und messbare konkrete Lautäußerung realisiert. So entstand (aus Manna wurde Mana) und aus Phon Fon der Name der Manafonisten. Und, in dieser Version der Geschichte, macht es ja auch Sinn.

Ich gehe in tiefer Dunkelheit, und bei strömendem Regen, auf dem Bürgersteig der Sachsenwaldstrasse in Dortmund. Da wird mir plötzlich klar, dass ich träume. (Vielleicht habe ich den Realitätscheck gemacht). Ich sage mir: „Gut, ich will jetzt wie eine Rakete durch die Wolken schiessen, und blauen Himmel sehen.“ Etwas irreal in der Realität, doch es passiert genau das. Mit immensem Tempo schiesse ich durch Regenmengen, durch dunkle Wolken, bei vollem Bewusstsein, bis im Zeitraffer der Himmel hell wird und blau leuchtet. Ein hinreissendes Erlebnis. Ich behalte das Bewusstsein und mache mit klarer Stimme die Ansage, dass ich jetzt über den Atlantischen Ozean fliegen möchte. Richtung Ostküste USA. Bald liegt das Meer unter mir. Es ist etwas kühl, und ich wünsche mir den Luftstrom wärmer. Im folgenden gleite ich ungefähr zwanzig Minuten bei vollkommen klarem Bewusstsein, dass ich träume, ca. 300 Meter über dem Meeresspiegel. Das Meer ist ruhig. Im Klartraum kommt es kaum zu Zeitverzerrungen, weil du mit voller Klarheit „anwesend“ bist. Auf einmal sehe ich die Skyline einer grossen Stadt an der Ostküste der USA. Ich überlege, was ich machen möchte, und beschliesse, in ein offenes Fenster eines Hochhauses zu fliegen. Abenteuer! Ich verlangsame das Flugtempo, entdecke ein Fenster und lande zu meiner Überraschung in einer Verhandlungssitzung, in der Länder Mittelamerikas Handelspreise von Kaffee diskutieren. Ich denke innerlich, das ist ja absolut verrückt, lache, und leider verliere ich rasch die Klarheit. (1998)


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