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The Gesture of Sound, the Gesture of Color: 

“Movements, Shifts, Displacements, Stillness” 

 

 

 

 

 

Einige Gedanken zum Erschaffen von Musik zwischen Notation und Gebärden nach der Erfahrung meiner Zusammenarbeit mit dem Chironomic Orchestra in Parma unter Leitung von Roberto Bonati beim Festival Parma Frontière Jazz 2022 am 16. Oktober

 

Zwei Seiten: Improvisation und Orchestration 

 

Improvisation ist die kreative Schöpfung im Hier und Jetzt, es ist Echtzeitkreation aus dem inneren Fundus von MusikerInnen. Orchestration ist die Abstimmung der Teile einer Kreation zu einem sich stimmig entwickelndem Ganzen. Beides sind zwei Seiten derselben Medaille musikalischer Schöpfungsprozesse. 

Im Zusammenhang mit Jazz wird üblicherweise das Improvisatorische – inzwischen immer nachdrücklicher – zum höchsten Wert ausgerufen und das unmerkliche Ineinander-Übergehen von Vorstrukturiertem/Notiertem und Extemporiertem als Idealfall gesehen. Man schaue neuere Rezensionen mal daraufhin und wird reichlich fündig werden, wobei nicht immer klar wird, wie sich beides in den jeweils besprochenen Fällen vollzieht (mitunter auch schlicht leere Behauptungen, weil’s zum guten Ton gehört).

 

Heisse Nadel

 

Stücke werden im Jazz häufig in Grundzügen notiert (lead sheets). Die Ausfüllung geschieht dann improvisatorisch. So ist den Musikern mehr Freiheit erlaubt und es kann zu überraschenden, nicht vorhergesehenen Wendungen und Entfaltungen kommen. Dies erhöht die Spannung bei MusikerInnen wie beim Publikum. Dem mit heisser Nadel frei in der Momentanität Gestrickte wird im Allgemeinen ein höherer, intensiverer Erlebniswert zugeschrieben. Auch können im lebendigen Zusammenspiel in Echtzeit  Klänge entstehen, die man im nachdenkenden und notierenden Modus des Komponierens schlichtweg nicht erreichen kann. Extrem gesagt können sich beide zueinander verhalten wie heisse Lava beim Vulkanausbruch und deren erkaltete geronnene Form. 

Das Zusammengehen von Vorstrukturiertem, unmittelbar Erkennbarem und erweiterndem Fabulieren kennen wir in unserem Kulturkreis von Kirchenorganisten, die meistens sehr gute Improvisatoren sind. Sie leiten bekannte Lieder phantasiereich einstimmend ein und/oder lassen sie durch eine Koda phantasiereich zum Nachsinieren ausklingen. Durch ihre starke Form und Struktur eignen sich Kirchenlieder wunderbar dafür. Auf der zuhörenden Seite fügt sich Bekanntes mit Hinführendem und Ausschweifendem. Nicht umsonst gebrauchten Jazzmusiker starke Evergreens aus der Unterhaltungsmusik für ihre Exkursionen und Transformationen. Man höre sich an, was z.B. John Coltrane aus Songs von Richard Rogers oder gar von Franz Lehar macht.

 

Kontinuum

 

Damit wird auch erfahrbar, dass Musik aus einem Kontinuum entsteht und in einem Kontinuum aufgeht, in das wir wieder und wieder eintauchen können, das wir wieder und wieder aufleben lassen können. Das heisst aber auch, dass sich Klänge fortwährend mischen – real und vor allem in unserer Wahrnehmung, die das Gehörte abdämpfen, aufschäumen oder strecken kann. Das betrifft sowohl den realen auditiven Intake als das, was unser Gemüt damit macht. Das Notierte ist eine phantasiegeladene erinnerte Form davon und eine intentionsgeladene Einritzung, die man lesen, interpretieren können muss. Zuhörer haben ihre eigene Dramaturgie bezüglich des Gehörten und Komponisten bzw. Musiker können das dann in eigene organisierte Klänge umsetzen.

 

Orchestration

 

Zurück zum Ausgangspunkt, der Beziehung von Improvisation und Orchestration. In einem einige Jahre zurückliegenden Gespräch mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen, äusserte dieser, dass für ihn beim Zusammenspiel Orchestration ebenso wichtig sei wie die immer wieder so hoch beschworene Improvisation. Nun beinhaltet jede Improvisation, und sei sie noch so offen und frei, immer auch unbewusst Orchestration, ein Abstimmen aufeinander bis hin zu weitgehender Negierung davon. Bei ‘Orchestration’ oder ‘Orchestrierung’ denkt man auch an eine höhere Instanz, die dem Ganzen ein bestimmendes Klangbild verleiht, das sich aus dem Miteinander bestimmter Klangelemente ergibt.  

Man achte im übrigen auf die Ausdrücke ‘stimmig’, ‘einstimmen’, ‘bestimmend’, ‘bestimmt’ und ‘abstimmen’. Dem Deutschen ist eine starke vokale Metaphorik eingeschrieben. Wenn wir dann zu ‘Stimmung’ kommen, haben wir einen Ausdruck, der sowohl die äussere Klangseite als die innere Klangseite kodiert. 

Arve Henriksen ist deutlich ein Musiker, der das Improvisierende mit dem Orchestrierendem intensivierend zusammenführt, sei es im Zusammenspiel mit anderen als auch im Solospiel. Der Gitarrist Ralph Towner ist auch ein gutes Beispiel dafür. Dasselbe kann in einem Kontrabass-Solo geschehen, wo sich tiefe Lagen mit hohen Stimmlagen, rauh gestrichenen, gerupften oder gekratzten Texturen wie feinsinnigem Arco und perkussiven Klängen mischen bzw. orchestral entfalten können.

 

Chironomie, Gregorianische Gesänge

 

Wie führt dies nun zum chironomischen Ansatz des Bassisten/Dirigenten Roberto Bonati? Auf der Suche nach Mischungen in dem Kontinuum, in dem Musik sich bewegt, war der US-amerikanische Trompeter Lawrence ‘Butch’ Morris (1947-2013) mit seinen Conductions, bei denen mit Handzeichen und Gesten im Zusammenspiel mit der Realisierung durch die Orchestermusiker in Echtzeit Musik geschaffen wurde, eine beeindruckende Inspirationsquelle. Ähnliches gilt für den Soundpainting-Ansatz von Walter Thompson (1952). Butch Morris als auch sein Schüler Dino J.A. Deane (1950-2021) arbeiteten beide auf dem Punkt Festival in Kristiansand.

Der Bassist und Dirigent Roberto Bonati aus Parma sah sich weiter in der Musikgeschichte um und entdeckte, dass solche Handzeichen auch im Mittelalter eine wichtige Rolle spielten, etwa bei der Steuerung von Chören bei Gregorianischen Gesängen. Unsere heutige Notenschrift existierte zu der Zeit ja auch noch nicht. ‘Chironomie’/‘chironomisch kommt vom Altgriechischen ‘χειρονομειν’ und bedeutet ‘die Hände/Arme in Kadenz bewegen’. 

 

Handzeichen/Gebärden

 

Zeichen-/Gebärdensprache ist ein uraltes effektives Mittel der Koordinierung von kooperativem Handeln etwa beim Jagen, Kletter, beim Bauen oder bei der Umzingelung von Feinden. Sie ist nahe an der Dynamik des Geschehens und hat eine hohe Impulsstärke, richtungs- und bewegungsweisende Kraft wie textur- und temperaturbeeinflussende Wirkung. Die Orchestermusiker haben bei dieser Herangehensweise die Freiheit, die jeweils angedeutete Klangqualität a l’improviso zu finden/zu gestalten, die Bewegung der Geste des Dirigenten in eine musikalische Bewegung auf/mit ihrem Instrument umzusetzen. 

 

Roberto und Butch

 

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Arbeitsweise von Butch Morris und Roberto Bonati. Butch Morris arbeitete grundsätzlich vom Nichts in ein neues Etwas. 

Roberto Bonati arbeitet mit seiner zeichensprachlichen Repertoire auf bestimmte Klangkonfigurationen hin, die über Noten oder offene, ungebundene Improvisation viel schwerer oder gar nicht erreichbar sind. Diese Konfigurationen sind vielfach kombinierbar, modellierbar, umkehrbar, verdichtbar, aufbrechbar und mit der Raumakustik zu vermählen, sodass sich eine groBe Variationsbreite von Realisierungen eröffnet. 

 

9 Sekunden Nachhall

 

Das Konzert in Parma, bei dem ich mit live painting eingebunden war, fand statt in dem Kirchengebäude der alten Valserana-Abtei ausserhalb der Stadt. Dieser Raum hat einen Reverb/Hall von nicht weniger als 9 Sekunden. Es kam also darauf an, diesen Raum klanglich zu erfüllen ohne die Klänge zum Kippen, Schrillen oder zur Überhitzung zu bringen. Die Musiker mussten ihren Klang entsprechend abstimmen. 

Es waren nicht nur die Gesten des Dirigierenden und die sicht- und fühlbare Lebendigkeit der Musiker, sondern auch das Aufsteigen der Musiker, deren Ausdehnung, Umhüllung, Eruption im dynamisch-dramatischen Wechsel in dem groBen Raum, die ergriffen und faszinierten. Damit war es in gewissem Sinne auch eine Antithese zu heute vielfach üblicher Musikproduktion. 

 

4 Kontrabässe vs. leeres Papierblatt

 

Für mich als visuellem Umsetzer/Kommentierendem war die grösste Herausforderung der unmittelbar massive breite Orchesterklang, während ich noch vor einem groBen weissen Bogen Papier saB. Das 19-köpfige Orchester hatte 4 Kontrabässe, 3 Vokale, Bassklarinette, Klarinette, 3 Saxofone, Flügelhorn, Trompete, elektrische Gitarre und drei Violinen. Hier in Echtzeit meinen Ausdrucksweg darin zu finden, erforderte einiges, zumal ja auch alles auf groBer Leinwand (ca. 5,00 m x 2,50 m) hinter dem Orchester für das Publikum sichtbar und verfügbar war.

 

 

 

 

 

 

Das erste Album des Orchesters, “il suono improvviso” (2018), umfasste 45 MusikerInnen. 

 

2022 20 Okt.

schwantief

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Vom ersten bis zum letzten Ton ergreift mich Brian Enos neues Album, und das  mit äusserst asketisch in Szene gesetzten Worten (rätselhaft, verwunderlich, romantisch, traurig, archaisch). Was für ein Werk, das das Ende der Zeiten in dunkel funkelndes, fraktales Licht rückt, verstörend und human, oder sollten wir sagen „post-human“?

 

Das Feuer ist hier in seinem Element, von Glühwürmchen („fireflies“) über Flammen bis hin zur von Menschenhand geschaffenen Hölle. Nicht zu vergessen all die Dinge, die im Feuer unseres eigenen Lebens verloren gegangen sind (soweit wir uns erinnern können). Manchmal, aus der Ferne, fügt sich alles (die Verluste zuerst, und die Hände, die noch zu halten sind) an seinen Platz.

 

Keine Ohrwürmer, keine Singalongs, keine märchenhafte Suche nach Parallelwelten, keine Hooks, keine zukünftigen Evergreens, oh, halt, auf ihre ganz eigene Art und Weise schlagen diese Songs, die man als moderne Lamentos bezeichnen könnte, eine Sammlung zukünftiger „Everblues“ zumindest, eine ganz besondere, andere Note und Ecke in Brian Enos Liedschaffen an.

 

Seine Stimme ist gut gealtert, sie greift nach dem tieferen Spektrum. Sie hat etwas von ihrer Verspieltheit verloren. Aber so ist es: Wenn sich einige Tore schließen, öffnen sich andere. Jeder Song hat eine andere Intonation und Stimmung: nachdenklich, beschwörend, am Rande des Abgrunds, beharrlich, skeptisch, verwundert.

 

„And how then could it be / That we appear at all? / In all this rock and fire / In all this gas and dust / Are we not each a flame? / All born to live in light / All born to give our light“.

 

Eine andere Persona in jedem Stück. Hymnische Linien, stockender Sprechgesang, vom Verharren zum Verschwinden, eine Variation zu Krapps letztem Band, und dann wieder grosses Kino, wenn das flüchtige Ich ein einziges Mal „my love“ anspricht? Der Keim der Hoffnung lässt sich vielleicht im fremdartigen Gemurmel des Schlusstracks erkennen, dem alle vertraute Sprache abhanden gekommen ist.

 

Das Album ist ätherisch, erschütternd, weltverloren, eindringlich (ohne falsche Erhabenheiten), und seltsam tröstlich (aller Düsternis zum Trotz). Die Klänge, die Eno und sein innerer Kreis erzeugen, als „jenseitig“ zu bezeichnen, wäre ein Klischee. Vielleicht liegt die Kühnheit des Ganzen in der Kollision von Intimität und Ferne, Sehnsucht und Trauer. „Foreverandevernomore“ ist (wie Leah Kardos mir schrieb), „ein fantastisches Album, das zu seinen besten Arbeiten überhaupt gehört. Zutiefst bewegend und  faszinierend umgesetzt“.

 

 

 

Drew Daniel’s  solo project The Soft Pink Truth plays second fiddle to the records he makes as Matmos with partner MC Schmidt, but this full-bodied immersion into an entrancing world inspired by late-’70s/early-’80s  disco is somehow more appealing than Matmos’ recent foray into Polish mid-century avant-garde. Daniel peaks early after sumptuous opener “Deeper” with “La Joie Devant La Mort”, a carnivorous revamp of Grace Jones’ “La Vie En Rose” sung by Jamie Stewart aka Xiz Xiu. Thereafter he saunters around the afterparty, blissfully amiss. So, imagine it is after hours, and the year is 1981, early December.  Pett and Iso and Jann were the last guests at my party, and we watched the slightly flickering TV pictures of „The Man Who Shot Liberty Valence“. At the end, only Jann and I were left, and she put on „Eisbär“ by Grauzone on my record player. She slowly undressed me, and I slowly undressed her. In my memory, super slow motion was the modus operamdi, endlessly stretching every moment into our wilderness. Rod Stewart, Abba, nights in white satin, a whiter shade of pale, everything would have been perfect. But it was „Eisbär“, and „Come on, Eileen“. I was madly in love with Jann at the time (and a long time thereafter) – a fancier metaphor would be pure poetic hypocrisy. And we made love. And made love again. And I asked myself a question: Is it going to get any deeper than this?“ 

 

 

 

 

Ein unheimliches surreales Werk von Richard Dawson, der seinen Philip K. Dick kennt, und mit neuen Liedern eine Zukunft heimsucht, für die das Wort dystopisch eine leere Hülse wäre – das kommt noch in diesem Jahr. Wir werden „The Ruby Cord“ auflegen. Das Ende der Welt, wie wir sie kannten und sehen wollten, hat ohnehin schon lange begonnen. Widerstandsfähige Lieder sind auch eine Waffe. „And in the Darkness, Hearts Aglow“ – dieser treffliche Tirel des neuen Teils von Weyes Blood eröffnet den spätherbstlichen Reigen abgründiger Alben weiblicherseits. Alte Horizonte, die sich dem Vergessen verschliessen, bieten die zwei  Songzyklen „Sorrows Away“ und „A Tarot Of The Green Wood“  der exquisiten  Schottinnen von The Unthanks und Burd Ellen.

 

 

 

 

2023 geht dann gut los mit dem schottischen Barden James Yorkston und seinen Lieblingsschweden, mit einem neuen Album des Ex-Go-Betweens Robert Forster (da spielt die Familie mit wie in Enos „Wunderwerk“ (O. Westfeld)), mit einer neuen Arbeit von Vokalist, Elektroniker und Live-Sampler Jan Bang – und last, but not least, ein weiteres Opus von John Cale, der im März 80 wurde: „Mercy“ heisst es, und den Song Story of Blood (s.o.), welchen er mit Weyes Blood aufgenommen hat, finde ich nach erstem Hören (und Anschauen) bewegend und fesselnd. Am 20. Januar kommt dann endlich auch Wilcos „Cruel Country“ auf den Markt, als Vinyl und Cd. Morgen erscheint übrigens Bill Callahan‘s „Reality“. (m.e.)

 

 


 

2022 20 Okt.

Frühstück mit Kevin

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In the year 1982 we even made love to one another, too late to stop our wilderness, on a termite‘s hill an der blauen Donau – I slightly preferred the comfort of a multi-coloured summer bed in an old Wohngemeinschaft in Regensburg with patchouli hanging on the walls, at the night before we saw the band who did Monarchie und AlltagGeschichte wird gemacht … your were my queen of senses and I loved you forever in that year soundtracked by Talking Heads and Kevin Rowland and Abracadabra and discreet music and noises of two sweating bodies up on my hillside. Remember, too, that bathtub in good old München on a rainy evening. In that summer nothing was noir, come on, Eileen. Our carnival of souls, and now I may write my small time travel novel, around 235 pages. „Der schwarze Hund von Bergeinöden“. Easy-peasy, an experimental  little novel with ghosts, lovers, dogs and other strangers. Think of all those poems hanging in psychedelic air just waiting to drop from our marmelade tree. The end of many things to come comes with a campfire, a storyteller, and Too Rye Ay (As It Should Have Sounded).

 

Anfang April dieses Jahres erschien das literarische Debüt der in Heidelberg lebenden Schriftstellerin Elke Barker. Und zwischen uns das Meer enthält 24 Kurzgeschichten, erschienen als Band 1 in der edition Darmstädter Textwerkstatt im Axel Dielmann Verlag. Elke Barker ist seit vielen Jahren mit dem Zentrum für junge Literatur in Darmstadt verbunden. Von 2008 bis 2011 war sie Teilnehmerin der von Kurt Drawert geleiteten Textwerkstatt; seither arbeitet sie in der von Martina Weber geleiteten Textwerkstatt II an ihren Geschichten. Am 5. Oktober stellte Elke Barker ihr Buch im Literaturhaus Darmstadt vor.

 

 

 

 

Martina Weber: Was fast alle deine Geschichten gemeinsam haben, das sind Begegnungen von Menschen, die sich vorher nicht kannten. Plötzlich ist etwas da und die Protagonistinnen (meist weiblich) lassen sich auf etwas ein, sie lassen zu, dass etwas wirkt, was man auch ganz beiläufig wahrnehmen und schnell vergessen könnte. Der zweite Aspekt, der alle deine Geschichten verbindet, ist die starke Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die mit wenigen Sätzen aufgebaut wird, die sich verändert und nachhallt. Der dritte Punkt ist der Wichtigste und schwer greifbar. Es ist das, was nicht da ist: das Abwesende. Das, was du auslässt, ist das Entscheidende. Es ist das, was im Lesenden freigesetzt wird, das, was weiterwirkt, wenn man eine Geschichte gelesen hat. Welche Bedeutung hat für dich das Abwesende, das Nicht-Gesagte, in deinen Texten?

 

Elke Barker: In den letzten Wochen habe ich – nicht zuletzt auch in Vorbereitung auf die Lesung – zum ersten Mal bewusst über meinen Schreibprozess nachgedacht. Dabei ist mir klar geworden, dass Schreiben und über das Geschriebene Reden etwas gänzlich Anderes ist. Auch wenn es eine Gemeinsamkeit gibt. Die, dass für mich jeweils nur eine Annäherung möglich ist. Denn ähnlich wie beim Schreiben, wo sich der Text ab einem bestimmten Zeitpunkt meiner Kontrolle entzieht, geht es mir beim Reden über die Texte. Ich kann Einflüsse benennen, Personen, die mich inspiriert haben. Orte, Sätze, die gesagt wurden, ein Gefühl, eine Atmosphäre, die nach einem Text verlangen. Ich kann von einem Ideentagebuch sprechen aber nicht wirklich sagen, warum eine Geschichte so ist, wie sie ist. Das Abwesende in meinen Texten hat, so glaube ich, etwas damit zu tun, dass ich nicht aus der Fülle heraus schreibe, sondern aus einem Mangel. Die Geschichte als solche ist nicht schon da, sondern entwickelt sich größtenteils erst beim Schreiben.

 

Martina Weber: Die Geschichten, die du in dein erstes Buch aufgenommen hast, sind über einen langen Zeitraum entstanden. In dieser Zeit hast du sicherlich auch deine Arbeitsmethode verändert. Mein Eindruck ist der, dass vor allem eine Arbeit am Abwesenden stattgefunden hat. Zum Beispiel gibt es eine Geschichte mit dem Titel Veränderung, bei der es darum geht, dass eine junge Frau oder Schülerin etwas, was ich hier nicht verraten möchte, in ihrem Leben verbessern möchte. Um diese Geschichte schreiben zu können, musst du sie kennen. Ebenso bei dem Text Xylophon spielen, der in den 1930er Jahren spielt. Die beiden Geschichten kannte ich nicht; es sind sicherlich Texte, die zu den am frühesten entstandenen im Buch gehören. Hier kann das, was nicht gesagt ist, mehr erahnt werden. Im Lauf der Zeit hast du dann stärker darauf geachtet, dass das, was du nicht sagst, vielschichtiger und offener ist.

 

Elke Barker: Das ist richtig, dass die Geschichten über einen längeren Zeitraum entstanden sind, und in dieser Zeit verändert man sich natürlich – als Mensch wie auch als Autorin. Bei mir verlief diese Veränderung dahingehend, dass ich immer mehr weiß, dass ich nichts weiß. Dass die Realität nicht mehr ist als eine Vielzahl an Perspektiven, was natürlich eine Rückwirkung auf neue Texte hat wie auch auf die Überarbeitung von älteren.

 

Martina Weber: Bei der Zusammenstellung der Geschichten für dein Buch hast du eine intensive Phase der Überarbeitung eingelegt. Bei einer Geschichte kann man das sogar nachvollziehen, denn sie ist in einer früheren Fassung veröffentlicht. Es geht darum – Zuruf ans Lesepublikum: keine Sorge, kein Spoiler, nur ein Teil des äußeren Handlungsgerüsts – dass eine Frau eine Scheune erbt und sich die Scheune ansieht. 

An dieser Stelle möchte ich eine Anregung für eine Hausarbeit im Fach „Vergleichende Literaturwissenschaft“ anbieten: Vergleichen Sie die beiden Fassungen der Kurzgeschichte von Elke Barker Eigentlich ist nichts passiert, zuerst veröffentlicht in der von Kurt Drawert herausgegebenen Anthologie „Kasinostraße 3. 15 Jahre Darmstädter Textwerkstatt“, Poetenladen Verlag 2014, und in veränderter Fassung in Elke Barkers Debütband Und zwischen uns das Meer. Stellen Sie die inhaltlichen Unterschiede und die unterschiedlichen Wirkungen der beiden Fassungen einander gegenüber. Erläutern Sie das Prinzip des Doppelgängers anhand eines Beispiels aus der Literaturgeschichte und anhand der zweiten Fassung der Kurzgeschichte von Elke Barker.

In der zweiten Fassung der Geschichte wirft das Leben, das die Protagonistin führt, Fragen auf. Es bleibt einiges interpretierbar und auch der Titel der Geschichte kurbelt unsere Phantasie an, denn obwohl sehr viel passiert ist, lautet er Eigentlich ist nichts passiert.

 

Elke Barker: Ja, diese Geschichte habe ich grundlegend überarbeitet. Details über die Beziehung der beiden Frauen, wie sie sich kennenlernten und welcher Arbeit sie nachgingen, habe ich rausgenommen und auch den Schluss habe ich zu einem offenen Schluss umgearbeitet. Durch die Reduktion von Handlung und Information hatte ich das Gefühl, dass das Wesentliche besser zum Vorschein kommt. Die Frage nämlich, wie es um das Wissen über die Vergangenheit eines geliebten Menschen steht. Wie viel darf, muss, will man wissen, worauf auch hier die Antwort letztendlich offen bleibt. Denn die Geschichte endet mit der Frage: “Spielt das eine Rolle? Ich meine, spielt irgendetwas noch irgendeine Rolle?”

 

Martina Weber: Wir haben über den Überarbeitungsprozess gesprochen. Jetzt zurück zum Anfang, zum Inspirationsprozess. Was brauchst du an Überlegungen und an Material, um mit einer Geschichte anfangen zu können? Was ist als Erstes da? Wie viel weißt du vom Verlauf einer Geschichte, wenn du damit anfängst?

 

Elke Barker: Relativ wenig. Wie bereits erwähnt existiert am Anfang eine Atmosphäre, ein Gefühl, die nach einer Geschichte verlangen. Schreiben ist für mich also eine Art innere Suchbewegung nach Dingen, die zu einer Atmosphäre, einem Gefühl passen. Sie ziehen mich in die Geschichte hinein, und wenn ich Glück habe, kommt irgendwann ein Punkt – man könnte ihn auch magischen Punkt nennen -, wo sich der Text meiner Kontrolle entzieht und aus sich selbst heraus weiterentwickelt. Das empfinde ich dann als spannend, ja beglückend, da ich mich mit und durch den Text weiterentwickle.

 

Martina Weber: Hast du deine eigenen Lieblingsgeschichten aus dem Buch?

 

Elke Barker: In dem Moment, wo ich sie schreibe, ist jede Geschichte meine Lieblingsgeschichte, sonst würde ich sie nicht schreiben. Im Nachhinein habe ich aber schon Präferenzen. “Der Mönch” beispielsweise ließ mich darüber nachdenken, wie Menschen auf Krisen reagieren. Die Figur des Rick in “Zugabe” steht für die Fülle des Lebens, die er in jedem Moment zelebriert. In der Titelgeschichte “Und zwischen uns das Meer” wiederum ist mir die Metapher des Meers wichtig. Wasser hat ja eine doppelte Bedeutung: Einerseits ist es lebensspendend, lebenserhaltend, denn wir alle kommen aus dem Wasser, wir müssen trinken, um zu überleben, andererseits kann Wasser bedrohlich werden, kann Leben vernichten, man denke nur an Tod durch Ertrinken oder Flutkatastrophen.

 

Martina Weber: Welche Autorinnen und Autoren haben dich mit ihren Texten beeinflusst? Vielleicht kannst du ein oder zwei nennen, und dabei, wenn das möglich ist, etwas Konkretes, was du für deine literarische Arbeit mitgenommen hast.

 

Elke Barker: Das Schreiben fängt bekanntlich mit dem Lesen an, der Freude und Faszination an dem, was andere schreiben. Mich dabei auf ein oder zwei Namen festzulegen, fällt mir schwer.  Peter Stamm, Judith Hermann, Zsuzsa Bánk, Mariana Leky haben mich inspiriert, auch Raymond Carver oder Wolfgang Borchert. Bei ihnen habe ich den Eindruck, dass den Figuren irgendwann die Kontrolle über ihre Handlungen entgleitet, sie quasi zum Zuschauer ihrer selbst werden. Da kann ich als Autorin und Mensch gut mitgehen.

 

Martina Weber: In den Geschichten werden die Orte, in denen sie spielen, nicht genannt. Ich habe immer wieder einige Plätze aus Heidelberg, wo ich selbst einige Zeit gewohnt habe, erkannt. Wie ist für dich als Autorin dein Bezug zu Heidelberg? Heidelberg ist auch UNESCO city of literature. Wie wirkt sich das aus?

 

Elke Barker: Ich lebe seit 1993 mit kurzen Unterbrechungen in Heidelberg, habe in der Stadt studiert, meine journalistische Ausbildung in der Region gemacht, ich habe hier meine Familie, meine Freunde. Ich bin in Heidelberg oft zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, insofern entdecke ich immer wieder Orte, die mich inspirieren. Das Trafohaus am Neckar oder das alte Hallenbad in der Poststraße beispielsweise. Oft sind das Orte, die sich im Umbruch befinden oder solche mit einer wechselvollen Geschichte.

Dass Heidelberg im Jahr 2014 als einzige deutsche Stadt UNESCO City of literature wurde, ist ein großes Glück. Das internationale Netzwerk der 42 Städte ist toll, es gibt zahlreiche länderübergreifende Projekte, und auch auf lokaler Ebene versucht man, den Autoren eine Plattform zu bieten. So ging gerade das Festival “Heidelberger Literaturherbst” zu Ende, wo sich lokale Autoren und Gruppen in insgesamt 28 Veranstaltungen über einem vierwöchigen Zeitraum präsentierten.

 

Martina Weber: Das erste literarische Buch abzuschließen, kann man schon als das Ende eines Lebensabschnitts und als eine Art von Initiationsritual sehen. Dein Band ist vor sieben Monaten erschienen. Du hast mir schon verraten, dass du an weiteren Erzählungen arbeitest, dass sie jetzt aber vom Umfang her länger werden…

 

Elke Barker: Die erste Publikation, das erste Buch, das ist schon etwas Besonderes, eine Zäsur. Zuerst war da einfach nur die Freude, dass es geklappt hat, dass ich einen Verlag gefunden hatte und den ersten Band in der Edition Darmstädter Textwerkstatt bestücken durfte. Dann aber begann ich zu überlegen, wie es weiter geht. Aktuell arbeite ich an zwei Geschichten, die etwas länger werden, aber immer noch das Format einer Kurzgeschichte haben. Ich glaube, dass die Kurzgeschichte gemeinhin unterschätzt wird, oft nur als Vorspiel für einen Roman angesehen wird. Dabei vermag sie doch Großartiges, nämlich auf sprichwörtlich kleinem Raum Themen anzusprechen, die weit über den eigentlichen Text hinausweisen. Hemingway hat in diesem Zusammenhang einmal von der “Eisbergmetapher” gesprochen. Das gefällt mir sehr.

 

Martina Weber: Ich danke dir für die vielfältigen Einblicke in deinen Arbeitsprozess!

 

 

Foto: Tobias Schwerdt

 

Link zur Autorenseite von Elke Barker im Autorenlexikon von literaturport.de.

Link zur Autorenseite von Elke Barker auf der Website des Axel Dielmann Verlages.


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