Manafonistas

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Ab und zu erscheinen solche Alben wie aus dem Nichts. Vielleicht werden im Vorfeld bestimmte Schubladen bedient oder geöffnet: „Neue Musik“, Elektroakustische Musik, „imaginary soundtracks“ – und man macht sich ein Bild von dem, was auf einen zukommen könnte, bevor man einen Klang gehört hat. Oder man hört ein paar kurze Sequenzen und macht sich ein weiteres Bild von dem, was man da gerade auffängt, bevor man sich auf die Erfahrung des Lauschens eingelassen hat. Das „Reinhören“ ist bloss eine Umschreibung für rasche Einordnungen und reduzierte sinnliche Erfahrung. Kurz reinhören  geht hier gar nicht – Verweilen ist das Zauberwort.

Am Ende der CD (im November wird auch die Vinyl-Ausgabe erscheinen) treibt sich, in der zehnten Komposition, ein gewisser Loplop im Wald herum. Kennen sie Loplop? Ich bislang nicht. Auch nicht jene Bilder von Max Ernst, in denen er dunkle Wälder auf die Leinwand bannte, die menschliche Wesen besser nicht aufsuchen sollten. Allein dem magischen Vogel Loplop gelangen diese Streifzüge.

Und der Auftakt dieser zehn Exkursionen in rares, reales, surreales Terrain trägt den Titel „This Town Will Burn Before Dawn“. Als das Stück erste Gestalten  annahm, schwebte dem Komponisten, als dessen Instrumente „electronics & sampling“ gelistet sind, eine pulsierende, leuchtende Stadt voller Erfindungen vor, die von Barbaren niedergebrannt wird, ohne aber letzte Spuren der Hoffnung zu vernichten

Und dann das: man hört ja ab und zu etwas von Kometen, die sich unserem Planeten nähern. Wie ich aus einer kurzen Werknotiz erfahre, näherte sich vor Jahren ein Asteroid der Erde, der kurz vor dem Eintritt in unseren Orbit Halt machte, und in die umgekehrte Richtung davonzog. Selbst Wissenschaftler kamen zu keiner rundum einleuchtenden Erklärung, und so wurde das Internet überflutet mit Theorien, die natürlich auch extraterrestrisches Leben ins Spiel brachten. „Oumuamua, Space Wanderings“ ist der treffliche Name der Komposition eines Werkes, das sich thematisch anscheinend keinerlei Grenzen setzt.

Wir begegnen, wenn ich einzelne Titel als lockeren Leitfaden hernehme, unter anderem einer „kalten Front“, dem „Brief eines Verschwundenen“, einem Szenario „nach dem Sturm“. Der Autor lässt an anderer Stelle seiner Trauerarbeit angsichts des Todes eines Freundes so freien wie fokussierten Lauf. Eines scheint all diese asketisch angelegten Stücke zu durchdringen: das Gespür für Wandlungen, für Spuren von Licht in finstersten Zonen. Sowas kann leicht danebengehen, mit mollgetränkten Texturen, auffahrendem Pathos, schlicht gestrickter „New Age“-Requisite, und angestrengtem Grosskunst-Brimborium.

In keine dieser Fallen tappt Evgueni Alperine auf „Theory Of Becoming“, einem Album, das seinen fortlaufend überraschenden Kontrastierungen zum Trotz, jedem einzelnen Moment Raum und Tiefe gibt. Verzettelung ist ein Fremdwort für ein Werk, das sich, durchaus verführerisch Maske um Maske enthüllt, als dunkle Schwingung eines Kinderliedes, als verkappter Ohrwurm, als verlorene Partitur der Spätromantik, als Jules Verne-erprobte Weltraumfahrt, als Chronist realen Schreckens. „Theory of Becoming“ ist eine Art vollkommen klischeebefreiter Meditationsmusik. Und spannend geht es obendrein zu. Selbst da, wo die Klänge in Momenten denselbigen rauben, bleiben sie eine Schule des Atmens.

Es könnte ein neues Lieblingsalbum werden für Hörer, die die ureigenen Areale und Versunkenheiten von Steve Tibbetts „Life Of“ oder Arvo Pärts „Tabula Rasa“ schätzen, oder das Sololbum von Mark Hollis, wohl auch für solche, die gerne mal zu dem einen oder anderen Klassiker aus den Fundgruben von „Made To Measure“ und „Obscure Records“ zurückkehren, diesen historischen Labels und Spielwiesen für Undefiniertes von Marc Hollander und Brian Eno. Und sowieso trägt das Teil die Signatur „produced by Manfred Eicher“. Als etwas stillere Präsenz war gewiss auch der seltsame Vogel Loplop zugegen, in den Pariser Studios. Und der kennt die schnellen Wege, raus aus den Schutzzonen behüteter Hochkultur, und, wie aus dem Nichts, hinein in all unsere Wildnisse!

Gegen Ende der zweiten Staffel von MAD MEN unternimmt cloud of mystery Don Draper mit dem ehrgeizigen Peter Campbell eine Geschäftsreise nach Kalifornien. Kurz vor dem Abendessen mit möglichen neuen Kunden, dem Grund der Reise, verschwindet Don. Er steht am Eingang zu seinem Hotel, eine junge Frau sitzt im Sportwagen und fragt ihn, warum er nicht einfach tut, was er will, nämlich bei ihr einsteigen. Sie verbringen ein paar Tage in einem Haus mit Pool, er löst sich und reist mit dem Bus zu Anna, einer ganz besonderen (platonischen) Freundin und hier erleben wir Don verwandelt: aufrichtig, ehrlich, vertrauensvoll.

 

Anna: So what are you going to do?
Don: I don’t know. I have been watching my life. It’s right there. And I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t.

 

Anna ist eine Seele von Frau. Sie ist zerbrochen, hat sich aber geheilt. Sie liebt Don. Jetzt erfahren wir, dass sie diejenige ist, an die er am Ende der ersten Staffel den Gedichtband Meditations in an emergency von Frank O’Hara geschickt hat. Made me think of you, war seine Widmung, mit Füller geschrieben. Don hält das Buch in der Hand, Anna sitzt am Tisch und will ihm die Karten legen.

 

Anna: You don’t have to pick them. Just put your palm on the deck.
Don: This is an ink blot. You see what you wanna see.

 

Dies sind die Karten, die Anna gelegt hat.

 

 

 

Als ich MAD MEN vor sechs, sieben Jahren zum ersten Mal sah, hätte ich mir an dieser Stelle gewünscht, etwas von den Karten zu verstehen. Nun habe ich im Sommer eine Freundin besucht, die sich für Tarot begeistert und bei der ich vier Karten zu einer Frage von mir gelegt habe: das Kreuz. Ich habe mir ein Tarot-Einsteigsset gekauft, mehr zu den vier Karten recherchiert und bin, bei aller Skepsis und einer gewissen Abwehr, erstaunt darüber, dass diese vier Karten auf einer allgemeinen Ebene Details zu meiner Frage ausdrücken, die ich ausfüllen kann und die mich auf eine andere Art reflektieren und etwas erkennen lassen.

Anna hat für Don das Keltische Kreuz gelegt. Es ist eine umfassende Legemethode, die sich zur Erforschung von Hintergründen und als Vorausschau eignet. In dieser vielschichtigen Serie ist die Auswahl der Karten kein Zufall.

 

Hier die Nummerierung der Karten beim Keltischen Kreuz:

 

 

Und hier habe ich die Karten von Annas Wohnzimmertisch mit meinen Tarotkarten nachgelegt:

 

 

 

Don: What about the cards? Should I be worried?
Anna: It´s all here. You’re definetely in a strange place. But here’s the sun. Do you want to know what this means?
Don: No, I don’t.

 

But we do. And unlike Don, we know what’s going to happen in the next eight years. So let’s have a closer look. Background information about the tarot cards comes from the following books: Hajo Banzhaf: Tarot. Tarot für Anfänger. Renate Anraths: Tarot – dem Leben in die Karten schauen. Die Zahlen, Bilder und Symbole.

 

Karte 1 beschreibt die Ausgangssituation. DIE SONNE, die auch am Ende jeder Episode der Serie nach dem Abspann kurz auftaucht, steht für einen spirituellen Weg zum Glück. Don hat, ganz offensichtlicht, alles, von dem es heißt, dass man es im Leben anstreben sollte: Er hat eine schöne Frau geheiratet, eine Familie gegründet, er ist erfolgreich und geradezu unentbehrlich in seinem Beruf, in dem er Freiheiten genießt und sich intellektuell-künstlerisch entfalten kann. Er hat ein großes Haus mit Garten in einem Vorort von New York. Die Karte steht auf dem Kopf. Vielleicht steht das für ein „und trotzdem“ (ist er nicht glücklich und pflegt seine kleinen Fluchten). Der hinzutretende Impuls ist Nr. 2 (ACHT KELCHE), was für einen Aufbruch von Vertrautem aus eigenem Entschluss steht. Damit ist vielleicht ganz aktuell die Reise nach Kalifornien gemeint und dann noch die Reise in der Reise (mit der jungen Frau ins Haus mit Pool). Nr. 3 (GERICHT) beschreibt, was der Fragende bewusst anstrebt: Lösung, Erlösung, Befreiung. Nr. 4 ist die unbewusst treibende Kraft. Der PAGE DER MÜNZEN steht für private oder berufliche Bereicherung. Nr. 5 beschäftigt sich mit der Vergangenheit. DREI KELCHE deuten auf dankbare Freude, allerdings ist die Karte umgedreht. Nr. 6 ist die erste in die Zukunft weisende Karte. FÜNF SCHWERTER deuten auf einen Weg, der in eine schwere Krise führt. Auf der privaten Ebene ist dies die unfreiwillige Trennung von Betty. Nr. 7 zeigt, wie der Fragende zur Ausgangssituation, wie sie in den Karten 1 und 2 skizziert wurde, steht. DIE WELT steht dafür, die richtige Einstellung zu finden und sich am richtigen Platz zu fühlen. Nr. 8 beschreibt die Sichtweise des Umfeldes. NEUN STÄBE symbolisieren Verschlossenheit. Don wird als abgeschottet wahrgenommen und die Außenwelt spiegelt dieses Verhalten. Er schützt sich und benutzt Lügen, um seine Fassade aufrecht zu erhalten. Überall, ob im Gespräch mit dem langjährigen Kollegen Roger, beim Arzt oder in seiner Familie zieht Don klare Grenzen, mauert sich ein. Nr. 9 beschäftigt sich mit Hoffnungen und Ängsten des Fragenden. Das RAD DES SCHICKSALS steht für das Rad der Zeit, das uns eine Aufgabe nach der anderen stellt. Nr. 10 schließlich steht für den langfristigen Ausblick in die Zukunft. ACHT STÄBE zeigen, dass etwas Gutes im Anflug ist und bald eintreffen wird. Geht diese Prognose bis zum Ende der Serie? Don lässt alles los oder verliert es, um schließlich an einem unbekannten Ort auf einer Wiese zu sitzen, mit Blick auf den Pazifik und einfach zu atmen.

2022 31 Okt.

There‘s a light that never goes out

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One time I was in a coffee shop at 10 at night, during a thunderstorm, when this song came on the radio. I put away what I was doing. I soaked in the experience. I’m pretty sure my life peaked at that moment. The music washed around me, harmonizing with the drama of the thunder and lightning surrounding the shop. All the others in the coffeeshop looked perfectly in place. I at that time was trying to escape an argumentative mother and a family too chaotic to enjoy. For the few minutes this song played, everything made sense.

(Allie‘s story)

 

2022 31 Okt.

Zitat des Tages

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Wenn Maschinen all das produzieren, was wir brauchen, wird das Ergebnis davon abhängen, wie die Güter verteilt werden. Jeder Mensch könnte ein Leben im Luxus führen, wenn der von Maschinen produzierte Wohlstand aufgeteilt wird, oder aber die meisten Menschen werden furchtbar arm, wenn sich die Besitzer der Maschinen gegen eine weltweite Verteilung wehren. Bislang deutete der Trend auf die zweite Möglichkeit hin, da der technische Fortschritt die Ungleichheit weiter befeuert.

(Stephen Hawking, zitiert in R.D. Precht: „Freiheit für Alle“)

2022 31 Okt.

Lichtmomente

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Seit ich im Dezember 1982 meinen ersten luziden Traum im Bayerischen Wald hatte, einen tiefgreifenden shock of recognition, der damals meinen Abflug nach London beschleunigte, habe ich etliche fantastische Klarträume gehabt (für die ich aber fleissig üben musste), doch das, was heute Nacht, nach meiner Liebesernüchterung (Traumtext in den Kommentaren zu Uschis allerfeinster Analyse von „Love Story“), in den Träumen passierte, war der reine schöne Wahnsinn.

 

[Kurzer Einwurf: luzide Träume (=Klarträume) sind Träume, in denen der Träumende erkennt, dass er träumt, und dann das Geschehen unter Einsatz seiner gesamten kognitiven und emotionalen Ressourcen lenken kann. Man kann dabei die abenteuerlichsten Dinge bei vollem Wachbewusstsein herbeiführen, existenzielle Probleme angehen etc etc, wohl wissend, dass der eigene Körper im REM-Schlaf ruht. Wissenschaftlich erforscht. A virtual reality  in your own mind. Conscious mond, sleeping brain.]

 

 

 

 

Nachdem mich im Traum meine Schöne verlassen hatte (normaler Traum, nichts Luzides), schlief ich nach einiger Zeit wieder ein, mit ein paar Autosuggestionen, dass ich entweder im nöchsten Traum erkennen möge, dass ich träume, oder bei vollem Bewusstsein – tibetan yoga-style – ins Traumgeschehen gleiten wolle (schwerer als es klingt), und es klappte. Ersteres.

Ich lasse die Inhalte aussen vor. Das Einmalige war: ich war bis zum frühen Morgen fast durchweg luzid, wurde öfter in meinen Schlafkörper reingezogen (kurzes Erwachen), um dann wieder in das nächste Szenario zu gelangen, stets  bei vollem Bewusstsein, im Traum zu sein. Ich hatte zwar zwei Tage zuvor abends einen Serotonin-Booster genommen (5 HTP Griffonia Simplicifolia) und vor der letzten Traumphase ein Nootropicum (Huperzine A), das intensive Träume und Luzidität befeuern kann (im Zusammenspiel mit Autosuggestionen, MILD- und WILD-Techniken), aber das war alles 24 Stunden zuvor verstoffwechselt worden. Eine solche Luzidität am laufenden Band hatte ich noch nie erlebt. Looking forward!

 

2022 31 Okt.

Making Berlin connection, digitally

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Since yesterday working in Berlin for the next 9 days. And sleeping under the eyes of Alfred, old school film world. Later today something under the title „WHO IS (AFRAID OF) ALEXANDER HAWKINS?“

 

 

 

 

Ein wenig verrückt bin ich wohl, mich von meiner Box „The Beatles In Mono“ zu trennen, es sind ja keine Geldsorgen im Spiel, warum also machte ich das Angebot: weil ich gerne mein Glück teile, weil ich in den letzten Jahren zu neunzig Prozent die Surround-Mixe von Abbey Road, Sgt. Pepper, und „The White Album“ hörte, gebannt ohne Ende, weil ich mein neues IPhone 12 mit air pods pro gegenfinanziere, weil es eine Übung im Loslassen ist, und, last, but not least, weil der Käufer ein „Rastafari at heart“ ist. Sonst würde ich wohl noch einen Rückzieher gemacht haben. Vier Stunden lange suchte ich „A Hard  Day‘s Night“, das war der casus cnactus, daran hing alles, und, meine Fresse, klingt die geil in mono.

 

2022 30 Okt.

Medical Grade Music

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Don’t ask me what this title means — I don’t know. But anyone who has ever dealt with snooker knows who Steve Davis is, and so do I. And Kavus Torabi? He’s not only a nicely chaotic guy, he’s the officiating head of Gong, and it was still Daevid Allen personally who has chosen Kavus to take the helm. And yes, Gong still exists (their latest sign of life is the live double album Pulsing Signals). 

Steve Davis OBE is known for having won everything you can win in snooker. But he’s also known for having a huge collection of soul records and being well-sorted in several other music genres, especially prog. And since several years he has a radio show on local station Phoenix FM, Brentwood and Billericay. Since he invited Kavus to be his guest on this show, the two of them are friends. They even run a sort of electronic band project together, The Utopia Strong, Steve also is deejaying sometimes.

 

 

 

 

Medical Grade Music is a sort of mail exchange between Kavus and Steve, discussing their personal music and record histories and preferences. A lot of this stuff is simply unknown to me, but there are chapters on Magma, Stray Cats, Gentle Giant, Zappa, Pink Floyd, Leonard Cohen, Die Laughing, Henry Cow, Cardiacs, and of course Gong. Even Neu! is mentioned somewhere. All this stuff is connected to their life, their growing-up and their musical progression, which especially on Kavus‘ side (who comes from Tehran originally) is colorful and sometimes adventurous — and fun to read anyways.

The book has 330 pages and comes with several appendices, listing their top records, favorite artists, last DJ sets, Steve’s rig rundown, and more. It’s available still as hardcover but now also as paperback and e-book. And it gives you many many opportunities to put your trusted streaming service through its paces.

 

Steve Davis and Kavus Torabi: Medical Grade Music
White Rabbit Books, London 2021
ISBN 978-1-4746-1849-3

 

 

 

 

Love Story (USA, 1970) Arthur Hiller, Roman von Erich Segal

 

Klar, der Film ist vorhersehbar und ein Tränenzieher, kein Nägelkauer. Die Kritiken lobten ihn überschwänglich als „Liebesfilm für die Ewigkeit„, „zeitloses Märchen„, und er spielte das 60-fache seines Budgets ein. Er wurde gepriesen als „aus der Zeit herausgelöste und an keinen gesellschaftlichen Kontekt gebundene romantische Liebesgeschichte„, die die Herzen der Menschen geöffnet habe. Und das mit dem gesellschaftlichen Kontext stimmt aber eben nun so gar nicht.

Die Liebesgeschichte ist nur scheinbar nach dem bekannten boy-meets-girl-Muster gestrickt, in Wirklichkeit ist es eine Love Story zwischen Vätern und ihren Kindern – ein gross angelegter Versöhnungsversuch in den Zeiten der unerwünschten Jugendrevolte.

Oliver, ein Jurastudent aus schwerreichem Hause, verliebt sich in das Aschenbrödel Jenny, Tochter armer italienischer Einwanderer. Er revoltiert gegen seinen Vater, einen schwerreichen Industriellen. Jenny steht in unbedingter Loyalität zu ihrem Vater, nach dem frühen Tod ihrer Mutter „war sie es, die für ihn sorgte!„. Zitat Vater! Eine rekrutierte Tochter, bereits als Kind dafür zuständig, den Emotionshaushalt der Erwachsenen zu regulieren, wie so viele Kinder, die dazu verdonnert sind und es erst im Erwachsenenalter bemerken, wenn überhaupt. Deutsches Nachkriegsphänomen unter anderem!

 

 

 

 

Natürlich ist sie als Schwiegertochter nicht erwünscht, eine Mesalliance. Natürlich bricht Oliver mit seinem Vater, lebt mit Jenny glücklich zusammen, inzwischen wurde geheiratet, ohne Anwesenheit von Olivers Eltern, und er verdient sein Geld als junger Anwalt. Jenny leidet unter dem Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, nimmt Oliver seine Härte übel – die Frau ist gemäss tradiertem Kontext für das Gefühlsleben zuständig, und ein Kind steht zu seinen Eltern, egal was sie damit anstellen – klar – sie ist Italienerin, viva la famiglia – und bleibt damit bei ihren Leisten. Und Musikerin. Ein Ingenieurstudium der weiblichen Hauptfigur war sogar damals noch degoutant. Und Oliver bleibt bockig.

Jenny stirbt an Leukämie, Oliver weint in den Armen seines Vaters, der doch noch ans Sterbebett eilt. Die Mutter Olivers tritt kaum auf, auch jetzt nicht. Die Funktion Jennys als Katalysator ist durch die Versöhnung erloschen, sie wird nicht mehr benötigt. In sich stimmig, dieser Tod.

 

 

 

 

Als Topos einer Spielwiese für Betuchtere fungiert hier der Central Park, in dem sich die Paare finden, übermütig herumtoben, Probleme knacken und sich schliesslich wieder verabschieden müssen – gleichsam eine Art Terrarium des akademischen Milieus von Manhattan für uns zum Hineingucken. Auf dem letzten Spaziergang des Paares sieht Jenny sichtlich stolz Oliver beim Eislaufen zu, übernimmt damit die Rolle des Vaters, der in einer Anfangssequenz Oliver  beim Eishockey zusieht, mehr besorgt als stolz über seinen wilden Ableger. Sie schafft somit die Übergabe Olivers aus dem Bereich der Partnerliebe wieder zurück in den Raum der Vaterliebe, die Old Stonyface, wie Oliver den Vater nennt, so schwer ausdrücken kann.

Aber es geht noch weiter mit dem subliminalen Geniesel von reaktionären Botschaften auf des Unterbewusstsein einer widerspenstigen Jugend:

 

Teil 2 naht:  Olivers Story, 1978, John Corty, Roman dito Erich Segal.

 

Der verlorene Sohn kehrt heim in das Haus des Vaters, die Betriebsübernahme winkt, das aber erst später. Zunächst lebt Oliver als trauernder Witwer und aufstrebender Junganwalt, engagiert sich für soziale Projekte. Die Partnerwahl, die er nun trifft ist jetzt eher comme il faut, man entwickelt sich. Marcie, die er beim Joggen kennenlernt – natürlich im Central Park – ist eine schwerreiche Erbin. Die Beziehung knirscht bald, da Oliver noch stark an Jenny gebunden ist, zudem wirft ihm Marcie vor, Jenny nur als „Eintrittskarte in die Unterschicht“ und als Kampfmittel gegen den Vater funktionalisiert zu haben. Ein durchaus kluger Gedanke, den man in diesem Film nicht erwartet hätte.

In der Zwischenzeit entwickelt sich ein Handlungsstrang, in dem Oliver seinen Vater näher kennenlernt. Dieser interessiert sich auch für alte Industriedenkmäler und -kulturgüter, und sei ein – laut Auskunft eines Angestellten –  verständnisvoller Arbeitgeber gewesen,  mit dem man immer über alles reden hätte können.

Vater und Sohn versöhnen sich, Oliver übernimmt den Betrieb, trennt sich aber von Marcie. Es endet mit dem Satz: Wenn Jenny noch leben  würde, würde ich auch noch leben. Hier wird der bürgerlich-romantische Mythos der ewigen Treue beschworen, also keine Abgrenzung, kein Abschliessen, kein Neuaufbruch.

Somit transportiert der Film seine Botschaften:

 

 

Kapitalisten sind im Grunde nette Kerle, die sich um ihre Angestellten kümmern.

Es gibt eine grosse Liebe und die ist ewig.

Es muss in jedem Fall geheiratet werden, weil’s einfach romantischer ist.

Liebe und ehre Deine Eltern, egal wie sie sich aufführen.

Nimm den Platz ein, der vom Leben oder vom Papa für Dich vorgesehen ist.

 

 

Mit letzterem hat man unsere Kinder und Enkelkinder schon im „König der Löwen“ gepestet, bei der Forderung des Einfügens in den eternal circle für den jungen Simba, der mit seinen Freunden Timon und Pumbaa ein fröhliches Hakuna-Matata-Leben im Busch führt. Dann erschien aber Evas Fluch in Gestalt seiner Jugendfreundin Nala, die ihn an seine Pflichten als Thronfolger erinnerte und der grollende Geist des Vaters wurde aus den Wolken beschworen, bis der lustige Bursche die Bürde auf sich nahm. Als ob es keine anderen Löwenmännchen gegeben hätte, die vielleicht eher Lust darauf gehabt hätten. Tatsächlich tauchen im Film auch keine auf, das Rudel scheint nur aus Damen zu bestehen, die die Situation offenbar nicht bewältigen können bzw gar nicht erst auf diese Idee kommen. Ein zusätzlicher Druck für den jungen Alleinretter. Disney unter pädagogischem Gesichtspunkt betrachtet kann ganz schön übel sein, oder wie ich zu sagen pflege: Brutale Einnordungsmaschinerie.

Offenbar bekam die Company dann 1994 doch Druck, denn Simba bekam im Teil 2 eine Tochter, Chiara, als Quotenfrau, die die Thronfolge übernahm an der Seite eines jungen Löwenfreaks und Drop-outs, der dem Papa zuerst so gar nicht gefiel, sich aber später als wackerer Prinzgemahl entpuppte.

 

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Das ganze ist jetzt nicht meine Privatparanoia, es ist bekannt, dass bei vielen Filmen – vor allem Militaria – das Pentagon als Produktionspartner mit im Spiel ist und Gelder zur Verfügung stellt, insbesondere im Vorfeld militärischer Aktionen – und natürlich entscheidet, welche messages transportiert werden sollen. Damit im Hinterkopf ist das Konsumieren von Machwerken wie „Top Gun“ ein sehr bittersüsses Vergnügen, da kann sich Tom Cruise noch so sehr anstrengen, gnadenlos gut auszusehen.

Oder „Der Gladiator“ von 2000, nach der Afghanistaninvasion und im Vorfeld des Irakkrieges, der ständig den Imperialismus feiert („Es gab einmal einen Traum von Rom!“). Mit einem guten Imperator vorndran ist der nämlich eine prima Sache. Insbesondere die Macher populärer Filme können auf kostenlose und kompetente Beratung der Militärbehörden hoffen, vorausgesetzt, der Film folgt propagandistisch den Linien der laufenden oder geplanten US-Militäroperationen. Oder lässt sich dementsprechend hinpfriemeln.

Wer bei Love Story mitgepfriemelt hat, wurde leider nicht publik, vielleicht gab’s damals ein entsprechendes Sitten- und Erziehungsdezernat zur Bekämpfung von Hippies.

 

Hierzu auch: Peter Bürger – Kino der Angst (2006).


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