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2022 1 Nov

Ein Keltisches Kreuz für Don

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | 6 Comments

Gegen Ende der zweiten Staffel von MAD MEN unternimmt cloud of mystery Don Draper mit dem ehrgeizigen Peter Campbell eine Geschäftsreise nach Kalifornien. Kurz vor dem Abendessen mit möglichen neuen Kunden, dem Grund der Reise, verschwindet Don. Er steht am Eingang zu seinem Hotel, eine junge Frau sitzt im Sportwagen und fragt ihn, warum er nicht einfach tut, was er will, nämlich bei ihr einsteigen. Sie verbringen ein paar Tage in einem Haus mit Pool, er löst sich und reist mit dem Bus zu Anna, einer ganz besonderen (platonischen) Freundin und hier erleben wir Don verwandelt: aufrichtig, ehrlich, vertrauensvoll.

 

Anna: So what are you going to do?
Don: I don’t know. I have been watching my life. It’s right there. And I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t.

 

Anna ist eine Seele von Frau. Sie ist zerbrochen, hat sich aber geheilt. Sie liebt Don. Jetzt erfahren wir, dass sie diejenige ist, an die er am Ende der ersten Staffel den Gedichtband Meditations in an emergency von Frank O’Hara geschickt hat. Made me think of you, war seine Widmung, mit Füller geschrieben. Don hält das Buch in der Hand, Anna sitzt am Tisch und will ihm die Karten legen.

 

Anna: You don’t have to pick them. Just put your palm on the deck.
Don: This is an ink blot. You see what you wanna see.

 

Dies sind die Karten, die Anna gelegt hat.

 

 

 

Als ich MAD MEN vor sechs, sieben Jahren zum ersten Mal sah, hätte ich mir an dieser Stelle gewünscht, etwas von den Karten zu verstehen. Nun habe ich im Sommer eine Freundin besucht, die sich für Tarot begeistert und bei der ich vier Karten zu einer Frage von mir gelegt habe: das Kreuz. Ich habe mir ein Tarot-Einsteigsset gekauft, mehr zu den vier Karten recherchiert und bin, bei aller Skepsis und einer gewissen Abwehr, erstaunt darüber, dass diese vier Karten auf einer allgemeinen Ebene Details zu meiner Frage ausdrücken, die ich ausfüllen kann und die mich auf eine andere Art reflektieren und etwas erkennen lassen.

Anna hat für Don das Keltische Kreuz gelegt. Es ist eine umfassende Legemethode, die sich zur Erforschung von Hintergründen und als Vorausschau eignet. In dieser vielschichtigen Serie ist die Auswahl der Karten kein Zufall.

 

Hier die Nummerierung der Karten beim Keltischen Kreuz:

 

 

Und hier habe ich die Karten von Annas Wohnzimmertisch mit meinen Tarotkarten nachgelegt:

 

 

 

Don: What about the cards? Should I be worried?
Anna: It´s all here. You’re definetely in a strange place. But here’s the sun. Do you want to know what this means?
Don: No, I don’t.

 

But we do. And unlike Don, we know what’s going to happen in the next eight years. So let’s have a closer look. Background information about the tarot cards comes from the following books: Hajo Banzhaf: Tarot. Tarot für Anfänger. Renate Anraths: Tarot – dem Leben in die Karten schauen. Die Zahlen, Bilder und Symbole.

 

Karte 1 beschreibt die Ausgangssituation. DIE SONNE, die auch am Ende jeder Episode der Serie nach dem Abspann kurz auftaucht, steht für einen spirituellen Weg zum Glück. Don hat, ganz offensichtlicht, alles, von dem es heißt, dass man es im Leben anstreben sollte: Er hat eine schöne Frau geheiratet, eine Familie gegründet, er ist erfolgreich und geradezu unentbehrlich in seinem Beruf, in dem er Freiheiten genießt und sich intellektuell-künstlerisch entfalten kann. Er hat ein großes Haus mit Garten in einem Vorort von New York. Die Karte steht auf dem Kopf. Vielleicht steht das für ein „und trotzdem“ (ist er nicht glücklich und pflegt seine kleinen Fluchten). Der hinzutretende Impuls ist Nr. 2 (ACHT KELCHE), was für einen Aufbruch von Vertrautem aus eigenem Entschluss steht. Damit ist vielleicht ganz aktuell die Reise nach Kalifornien gemeint und dann noch die Reise in der Reise (mit der jungen Frau ins Haus mit Pool). Nr. 3 (GERICHT) beschreibt, was der Fragende bewusst anstrebt: Lösung, Erlösung, Befreiung. Nr. 4 ist die unbewusst treibende Kraft. Der PAGE DER MÜNZEN steht für private oder berufliche Bereicherung. Nr. 5 beschäftigt sich mit der Vergangenheit. DREI KELCHE deuten auf dankbare Freude, allerdings ist die Karte umgedreht. Nr. 6 ist die erste in die Zukunft weisende Karte. FÜNF SCHWERTER deuten auf einen Weg, der in eine schwere Krise führt. Auf der privaten Ebene ist dies die unfreiwillige Trennung von Betty. Nr. 7 zeigt, wie der Fragende zur Ausgangssituation, wie sie in den Karten 1 und 2 skizziert wurde, steht. DIE WELT steht dafür, die richtige Einstellung zu finden und sich am richtigen Platz zu fühlen. Nr. 8 beschreibt die Sichtweise des Umfeldes. NEUN STÄBE symbolisieren Verschlossenheit. Don wird als abgeschottet wahrgenommen und die Außenwelt spiegelt dieses Verhalten. Er schützt sich und benutzt Lügen, um seine Fassade aufrecht zu erhalten. Überall, ob im Gespräch mit dem langjährigen Kollegen Roger, beim Arzt oder in seiner Familie zieht Don klare Grenzen, mauert sich ein. Nr. 9 beschäftigt sich mit Hoffnungen und Ängsten des Fragenden. Das RAD DES SCHICKSALS steht für das Rad der Zeit, das uns eine Aufgabe nach der anderen stellt. Nr. 10 schließlich steht für den langfristigen Ausblick in die Zukunft. ACHT STÄBE zeigen, dass etwas Gutes im Anflug ist und bald eintreffen wird. Geht diese Prognose bis zum Ende der Serie? Don lässt alles los oder verliert es, um schließlich an einem unbekannten Ort auf einer Wiese zu sitzen, mit Blick auf den Pazifik und einfach zu atmen.

This entry was posted on Dienstag, 1. November 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

6 Comments

  1. Ursula Mayr:

    Hey! Faszinierende Idee, das nachzulegen…

  2. Martina Weber:

    War ein schöner Anlass, die Karten aus Dons Keltischem Kreuz kennenzulernen.

  3. Jochen:

    Toll, Martina – a true detective ;)

    Erinnerungen werden wach: was mich ja rückblickend an Mad Men faszinierte, war diese Erzählung mit langem Atem hin zu mehr Modernität und Offenheit, die ja auch die Traumatisierungen und den „Charakterpanzer“ Don Drapers affizierte: a story of change.

  4. Martina Weber:

    Ich hatte vor einigen Wochen „einfach so“ nochmal die letzte, also siebte Staffel gesehen und dann die sechste. Dann habe ich beschlossen, nochmal die Staffeln eins bis fünf in der normalen Reihenfolge zu sehen. Es ist so vieles, was mich fasziniert an dieser Serie. In erster Linie natürlich Don Draper selbst, die vielschichtigste und für mich interessanteste Figur, deren Weg wir verfolgen. Dann die anderen Charaktere und ihr Zusammenspiel. Die Überraschungen. Die offene Erzählstruktur, also dass Motive abbrechen und nicht weitererzählt werden. Die Mode, die Räume, die Stadt, das Land, das Mobiliar. Die historischen Einschübe. Kuba. Kennedy. Gerade war die Hochzeit von Roger mit der jungen Jane, der ehemaligen Sekretärin von Don. Peter und Trudy Campbell legten einen Twist hin, so professionell und platzergreifend, dass alle anderen von der Tanzfläche verschwanden. Das hätte man den beiden nicht zugetraut. Am meisten liebe ich die Sprache, wie sie Blickwinkel verändert. Während der Hochzeit von Roger und Jane waren drei der „Creatives“ im Büro, um einen Werbespot für Rum zu entwickeln. Peggy bekifft sich und während der Dealer, ein sympathischer Typ, gern mit ihr aufs Dach des Hauses gegangen wäre, fiel ihr etwas für den Pitch ein, sie ist ganz woanders („I’m in a very good place right now“). Einer der anderen bekifften Creatives gibt einen rätselhaften Spruch von sich:

    This is the way the world ends
    this is the way the world ends
    this is the way the world ends
    Not with a bang but a whimper

  5. Jochen:

    … unvergesslich: Pete and Trudy do the Charleston

    Vielleicht auch ein Reiz der Serie, dass „die Werbung“ (advertisement) ja gleichsam Sprache, Kunst/Design, Philosophie und vieles mehr verbindet, und vor allem, dass sich in ihr der Zeitgeist von Epochen widerspiegelt. Auch in dieser Hinsicht war Mad Men eine geniale Idee.

    Es schwing ja, finde ich, auch immer eine gewisse Melancholie mit, weil einem das Leben als Ganzes, in epischer Breite, as a rise and fall, vor Augen geführt wird.

    „Trudy“, gespielt von Alison Brie, durfte unsereins ja dann nochmals erleben in der Serie Glow. Die Schauspielerin hatte auch mal eine Ausbildung zum Clown gemacht. Herrlich, wie sich der „alte“ Zyniker Marc Maron dann in die junge Alison verliebte, beispielsweise.

    Subtil comedy at it’s best.

  6. Martina Weber:

    Super, den Tanz nochmal zu sehen. (Gleich danach folgt der im Kiff dahingesagte, erwähnte Spruch.) Interessant dabei auch, wie andere Tanzende sich bemühen, etwas Vorzeigbares hinzubekommen, schnell aber merken, wie unsouverän sie neben Trudy und Peter wirken und sich zurückziehen. Und wie Betty kurz ihren Blick auf den Mann wirft, den sie später heiraten wird.

    Trudy ist eine bemerkenswerte Figur, sie agiert selbstbewusster als Betty. Wir erfahren aber weniger von ihr. Woanders als in MAD MEN habe ich sie nicht gesehen.

    Die Serie hat auch einen 60er Jahre Design Kult ausgelöst.

    Ja, und eine Dekade gerafft in ein paar Wochen vor sich vorüberziehen zu lassen, löst sehr gemischte Gefühle aus.

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