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2022 13 Nov.

„Mana Classics“: Ian McCartney on „Low“ (1977)

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Notes: If Station to Station was like plate tectonics – plate to plate, stationary-stationary – then Low is the place it hinted at trying to get to but never quite found the coordinates for. It may feel like there has been an eternity since the last truly great David Bowie record in this post, but a quick look at the above text, the calendar and some magical arithmetic on a Casio calculator puts the distance at ten years. 1967 is the debut LP year, 1977 is Low. I’ve checked twice with the Casio and it does compute. Only 10 years passed between 1967 and 1977. The weave of time and space must have a central fuck up, or crack up, or a whole book of crack ups. How did we get here? Via Sell Me A Coat and the Immigrant Song high-register honk? Maybe. By the way, I saw a Blood Transfusion Service van driving up the street on Friday. Ordinarily this would be unremarkable, of course, but then I saw a horde of vampires running after it. The blood van stopped at the red light, and the vampires sprinted close, within kicking distance of its number plate. Saliva dripping from their fangs. A blood frenzy. Then the lights changed to amber and the transfusion service van was off at 30 miles per hour into that generalised granular dark concrete greyness that is typical of your usual UK street. A literal disappearance, an unplayful camouflage. The vampires ran on in vain, in the drizzle.

2022 12 Nov.

Jazzmadrid22

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Oumou Sangaré ist eine starke Frau aus Mali. Heute Abend trat sie mit ihrer Band im Cultur de la Villa in Madrid auf. Das Konzert war ausverkauft, viele Afrikaner gaben der großen Stimme vom schwarzen Kontinent die Ehre. Oumou bringt einen Saal zum Wackeln. Sie spricht auf Französisch über die Kriege in der Welt und insbesondere über den in Mali. Henning und ich träumten mal davon, nach Timbuktu zu reisen. 2012 wurden zahlreiche Kulturschätze in Timbuktu von Rebellen zerstört. Oumou nennt ihr Album „Timbuktu“. Sie singt drei Lieder daraus. Die Texte gehen über die Erhaltung der afrikanischen Kultur und den Reichtum, den Mali im Herzen trägt. Sie mobilisiert uns mit ihren Worten, ihrem Gesang, ihrer ausgezeichneten, internationalen Band und ihren tanzenden Töchtern. 100 Minuten lang waren die Probleme der Welt draußen vor der Tür.

 

esmadrid.com 

 


Einer unserer zahlreichen Leser namens Olaf hat das erste Album erkannt (wir beginnen hinten und arbeiten uns nach vorne, einfach zwischendurch aufs Foto klicken), das mit dem Wiesengrün und zwei dunklen Einschüben: Dead Can Dance und The Serpent‘s Egg. 
Das Album ist allemal eine Einladung erster Klasse, Dead Can Dance kennenzulernen, oder sich wieder mal, nach langer Zeit drauf einzulassen.

Es folgt, unschwer zu erkennen, ein Album aus der Reihe „Ambient 1-4“  von oder zumindest mit Brian Eno, in diesem Fall Laraajis „Days of Radiance“. Man erkennt die Reihe und das entsprechende Werk leicht an der durchgängigen Textur des Covermotivs (Landkartenmotive, undefinierte Topographien).

Das Album Nr. 3 stammt aus der Mitte der Achtziger Jahre, und wartet auf seine ultimative Wiederkehr. Michael Brooks „Hybrid“ (Michael Brook, guitar / Daniel Lanois, percussion / Brian Eno, piano, synthetizer & effects). Nicht nur Lorenz auf Leinfelden sollte es sich unbedingt, z.B. über Discogs, zulegen. Es folgt Album Nr. 4, das Cover wurde wie bei Michael Brook von Russell Mills gestaltet: David Sylvians „Gone To Earth“.

Seltsam schwer war es für manche, die Antwort auf das 5. Coverfragment zu machen: es stammt von dem vielleicht besten und bekanntesten Album von Prince: Sign o The Times. Es folgen die letzten drei Cover: Benjamin Lew: Nebka / Shankar: Who‘s To Know (ECM, grandiose Platte von 1981), und – von dem Cover ist das meiste sichtbar – SUNN O))): Pyroclasts. Sowie, klar, der Gedichtband, Matthew Sweeneys Vermächtnis: „Der Schatten der Eule“. Aus all dem, und in genau dieser Sequenz, liessen sich zwei luftige Stunden Nachtradio fabrizieren. Mit zwei, drei Gedichten von Mr. Sweeney, und „Der Eiswagen“ wäre natürlich auch dabei! 

 

2022 11 Nov.

Botanic Garden on Fire oder Wo einst Columbus stand

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2022 11 Nov.

Ach, Revolver!

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Es wird immer wieder zu den besten Alben alle Zeiten gezählt, aus fraglos guten Gründen – bei meiner privaten Beatles-Parade steht es nur auf Nummer 6: nach „Sgt. Pepper“, „White Album“, „Abbey Road“, „Rubber Soul“  und „A Hard Day‘s Night“. Letzteres eines der frühen Werke, auf denen das Studio noch nicht zum Instrument mutierte, und „Beatlemania“ und „Hitfabrik“ noch Hand in Hand gingen. Ich liebe nach wie vor die funkelnden alten Melodien, und gerade die Liebe zu den ersten Beatles-Alben gehört zu den kleinen Kunststücken, mittels derer wir humans fähig sind, Empfindungsräume der Kindheit / Jugend ins Erwachsenenalter zu transportieren, ohne frohgemut von Regression zu Regression zu stolpern. (Halten Sie eine Minute still, und rufen sich die Klangfolgen, die Melodielinien von „Girl“ ins Bewusstsein, egal wie fragmentarisch, und ohne Google – merken Sie was?! GUT!) Nun also ist meine Zuneigung zu „Revolver“ neu erwacht, durch wiederholtes Hören des Mono-Mixes, und der neuen, hochspannenden Stereo-Aufbereitung. „Revolver“ ist ein Sammelsurium von Stimmungen und Stilen: psychedelischer „Jangle“, orchestraler Pop, R&B-beeinflusster Rock und robuster Folk. Doch die LP repräsentiert auch den Beginn der Phase der Studiomagie – die schwindelerregenden Tonbandschleifen, die durch Tomorrow Never Knows wirbeln, sind so herrlich verwirrend wie eh und je – und die Umarmung von Nicht-Rock-Instrumenten; auf Love You To spielt George Harrison Sitar an der Seite des Gast-Tabla-Spielers Anil Bhagwat, während die sinkenden Figuren der Streichinstrumente Eleanor Rigby eine gewisse Schwere verleihen. Ich bin allein, ich drehe auf, ich tanze. Nummer 6 lebt!

 

 

2022 10 Nov.

Neues vom Verrückten Pferd

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Auf der Vorderseite des Albums „World Record“ ist ein Foto von Neil Youngs Vater, dem Schriftsteller Scott Young, zu sehen, wie er in Anzug und Krawatte, den Regenmantel über dem Arm, die Straße entlang schreitet. Es könnten die späten 1950er Jahre sein, und er sieht aus wie ein Mann, der dort etwas zu tun hat. Man muss das Gesicht nicht erkennen, um zu wissen, wer er ist: Das Bild ist wie ein Museumsexponat beschriftet. Im Innenteil sind Neils Bruder Bob, seine Mutter Rassy und Neil selbst abgebildet – die erste Familie, die Young kannte, bis er 12 Jahre alt war und seine Eltern getrennte Wege gingen.

 
 

 
 

Der 50er-Jahre-Style des Covers hallt im Opener „Love Earth“ nach, einer Aufnahme, die so warm ist wie ein Ernteabend. Während Nils Lofgrens Lap Steel mit Youngs Klavier flirtet und die Rhythmusgruppe Billy Talbot und Ralph Molina das Pferd zum Schlendern bringen, erinnert die Melodie an einen der größten Hits aus Youngs Kindheit, „Sh-Boom (Life Could Be A Dream)“, den die Jungs von The Crew Cuts aus Toronto 1954 aufgenommen haben. Auch der Text scheint eine Referenz zu sein, denn Young unterläuft seine Skizze einer idyllischen Erinnerungslandschaft mit einem bittersüßen Seufzer: „We were living in a dream“.

Geht es auf diesem Album um seine Familie, seine Kindheit? Nun, nein. Nichts hier ist so unverhohlen autobiografisch wie „Don’t Be Denied“ von 1973 oder so direkt wie „Heading West“ auf dem letztjährigen Album Barn. Andererseits, ja. Wie immer stehen Umweltbelange im Vordergrund, aber hier kommen sie als Erinnerungen an die Welt, die Young damals kannte, zum Ausdruck, als ungeschönte Beschwörungen von blauem Himmel und klarem Wasser, die sich in „Love Earth“, „Overhead“ (einem 12-taktigen Speakeasy-Stomp, der auf Burt Lancaster und die Beatles verweist), „This Old Planet“ (die Melodie von „Human Highway“ wurde mit dem Sound von „After The Gold Rush“ bearbeitet, hallelujah) und dem schlichtweg wunderschönen „Walkin‘ On The Road“ wiederholen.

Gleichzeitig wandert er (ein weiteres wiederkehrendes Motiv; allein wandernd, gemeinsam marschierend) durch die Welt der Gegenwart – im Gefühl der sich entfaltenden ökologischen Katastrophe, des Krieges, der Pest in der Luft – und er ist offen über seinen Platz darin: dass jetzt mehr Weg hinter ihm liegt als vor ihm. „Ich bin so dankbar, dass ich all diese Jahre gelebt habe“, erklärt er in „I Walk With You“.

Damit das nicht zu nachdenklich und herbstlich klingt, sollte man erwähnen, dass es auch auf diesem Musterexemplar eines Spätwerks voller Rückblicke ein, zwei Kracher gibt, ein herausragendes Beispiel dafür, wie Crazy Horse es diesmal oft schaffen, wie Crazy Horse zu klingen, obwohl sie gar nicht wie Crazy Horse klingen.

Nach Colorado aus dem Jahr 2019, das die jüngste Besetzung der Band vorstellte, da Lofgren nach dem Rücktritt von Gitarrist „Poncho“ Sampedro zurückkehrte, und Barn ist dies das dritte Album, das Young mit Crazy Horse in Folge aufgenommen hat – das erste Mal, dass das überhaupt passiert. Barn fühlte sich wie eine Konsolidierung von Colorado an, als sich das Lineup in den gewohnten Horse-Groove einlebte. Aber mit World Record wirft Young die Dinge in die Luft.

Über weite Strecken des Albums verzichtet er auf die Gitarre und damit auf den klassischen Horse-Sound und setzt stattdessen auf die Tasteninstrumente, vor allem die Pumporgel. Wenn er bei „The World (Is In Trouble Now)“ fröhlich ein Riff aus Herbie Hancocks „Watermelon Man“ schmettert und den Refrain mit Unterschall brummt, ist das glorreiche Ergebnis eine Art schlampiger, betrunkener, organischer Funk, der bei „The Wonder Won’t Wait“ wieder auftaucht.

Dieser Song bringt das Thema dieses verdammt schnell entstandenen Albums auf den Punkt: den Moment nutzen, oder sich zumindest dessen bewusst sein. Der Produzent Rick Rubin fängt sorgfältig einen Live-Sound ein, ein spontanes First-Take-Gefühl, das von „Break The Chain“, einem der beiden wichtigsten Gitarrensongs des Albums, veranschaulicht wird, einem Crazy-Horse-Drescher in der Tradition von „Welfare Mothers“ und „Fuckin‘ Up“, mit zusätzlicher Post-Covid-Unruhe. Neil nennt es seinen „flirt with death“ in dem Video, das man sich überall anhören kann. Und der Song IST ein Drescher.

Das epische Schlussstück heisst „Chevrolet“: ein 15-minütiger Horse-Jam, der es in sich hat, komplett mit der massiven, zerrissenen Horse-Harmonie, und kein Song über ein Auto, sondern über verschiedene Phasen in Youngs Leben, über Wege, die er gegangen ist, über Menschen, mit denen er zusammen war, über Fehler, die er gemacht hat. Die Epochen verschwimmen und kollidieren in den langen Instrumentalpausen, wenn er sich auf die Suche nach der perfekten Melodie begibt, die gerade unerreichbar ist. Hier vergeht die Zeit nicht; sie brennt und schmilzt.

(Damien Love Uncut, January edition 2023)

 

 

 

Bob Dylans erstes Buch seit der Verleihung des Literaturnobelpreises ist als Essay über Songs anderer Künstler angekündigt. Doch während er oft sehr eigenwillige Ansichten zu 66 Titeln von „London Calling“ bis „The Little White Cloud That Cried“ bietet, macht er noch viel mehr und legt eine, bei allem grimmigen Dreinschauen auf dem Cover, schelmische Weltsicht dar, die so autobiografisch sein könnte wie seine Memoiren Chronicles.

Wie ein Dylan-Album, ist dieses Erzählwerk voller Verzweigungen, Stories, Überraschungen – viel fesselnder als manch einer denken mag, wenn sich einer an den Songs anderer abarbeitet. Aber es ist eben Dylan, und Dylan in Hochform!  Ich höre mir vor den meisten Kapiteln den jeweiligen Song im Netz an, und wenn er mir richtig git gefällt, dann gleich mehrfach, zum Beispiel diesen hier

Dabei überlasse ich mich ganz und gar  eignen Empfindungen, und erst dann Mr. Dylan ran. Für mich ein hochspannendes vorweihnachtliches Vergnügen. Reich bebildert obendrein. (Und, was das Gewicht angeht, ein kleines Muskelaufbauprogramm für Finger, Hände umd Unterarme!)

 

 

 

Viel Verzweiflung steckt in der mühseligen Arbeit, für einen Themenabend über Selbstmordattentäter mit dem Referenten Wolfgang Schmidbauer (Der Mensch als Bombe – eine Psychologie des neuen Terrorismus, 2003) den passenden Film zu finden. Wie tickt ein Mensch, der sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen und den Zünder in die Hand drücken lässt?

Schmidbauer postuliert eine neue Form des destruktiven, oder – wie er es nennt – explosiven Narzissmus, wurzelnd in Ideologie, Glauben mit allem was dazugehört, überkommenen Ehrbegriffen, aber auch pubertärer Abgrenzung zum bisher gewohnten Milieu insbesondere westlich sozialisierter Jungdschihadisten – vielfältiges Material und spannend zu lesen.

Jetzt aber nicht mein Thema – vielmehr bewegt mich das Phänomen von Filmemachern, die Machwerke über Dschihadisten drehen (nicht schlecht gemacht und viel bepreist), aber über die Gottessoldaten beiderlei Geschlechts schlechthin nichts auszusagen haben.

Paradise now: Arabischer Regisseur, hoch bepreist, gut gemacht, Informationswert gleich null. Zwei Araber mit Sprengstoffgürtel tapsen durch die Landschaft, einer überlegt sich’s anders, beim anderen erfährt man bis zum Ende nicht, ob er den Anschlag durchführen wird. Moment der Komik, der das vorgelegte Pathos angenehm bricht: die flammende Abschiedsrede des künftigen Märtyrers vor der Kamera seiner Kameraden muss wiederholt werden, da die Kamera nicht eingeschaltet war. Bei den letzten Worten an seine Mutter hält er es noch für nötig sie darauf hinzuweisen, wo es günstige Wasserfilter zu kaufen gibt. Merke: Terroristen wissen auch nicht immer was sie wollen und warum und interessieren sich für den Haushalt.

The Attack: libanesischer Regisseur, gut gemacht, bepreist, Netzwerke dargestellt, Information über Täter gleich null. Merke: Frauen ist auch nicht zu trauen, auch was den Dschihad betrifft.

Die Welt wird eine andere sein: Deutsch – französische Regisseurin mit algerischem Vater. Man sieht, wie es der Ehefrau eines Dschihadisten geht. Merke: Terroristen sind dunkelhaarig, behandeln Frauen autoritär und sind selten zuhause. Irgendwann sind sie dann ganz weg.

Der Tag als ich ins Paradies wollte:  Doku von Esther Schapiro, einer Amerikanerin. Aufschlussreich, aber nicht wirklich erhellend. Ein bekehrter Dschihadist erzählt, wie es ihm ergangen ist, beschränkt sich aber auf die Schilderung von Äusserlichkeiten. Merke: Auch Dschihadisten können nach dem Knast ganz vernünftig werden.

Alles für meinen Vater: Dror Zahavi, auf palästinensischem Gebiet aufgewachsener Israeli, der auch für das deutsche Fernsehen arbeitet und diverse Tatorte zu verantworten hat. Humoristisch eingefärbter Film eines Selbstmordattentäters, der ein Wochenende in Tel Aviv verbringen muss, weil der Zünder seines Sprengstoffgürtels nicht funktioniert (den er auch nicht ausziehen darf), und er auf ein Ersatzteil warten muss und dann noch ein jüdisches Mädchen kennenlernt, das ihm irgendwann an die Wäsche will, worauf er auf einen Baum flüchtet. Der Film wurde als antisemitisch gebrandmarkt, da er auch die Intoleranz des konservativen Judentums zeigt. Merke : Auch Juden sind manchmal antisemitisch.

Zudem die Frage, ob man ernste Themen humoristisch angehen darf. Dann müssten auch Der grosse Diktator und Das Leben ist schön in den Orkus.

 

 

 

 

Und hier brechen nun die europäischen Filmemacher/innen in den Markt der Dschihad – Filme hinein, in westlich – analytischem Modus und ich muss sagen – die sind besser, klarer, aufschlussreicher. Nur: es sind westliche Dschihadisten, junge Leute aus braven deutschen oder französischen Familien stammend bzw aus in Deutschland lebenden liberal-muslimischen Familien, denen in einer freiheitlicheren Gesellschaftsordnung naturgemäss mehr Rebellion erlaubt ist.

 

Der verlorene Sohn
Der Himmel wird warten
Layla M.
Für meinen Glauben

 

Aus Gründen der Identitätssuche, oder pubertärer Abgrenzung vom Elternhaus, jugendlichem Hypermoralismus, Suche nach dem idealisierten allmächtigen Vater, Ekel über die Oberflächlichkeit und Brutalität des kapitalistischen Westens und Mangel an Spiritualität und haltgebenden Wertsystemen und Orientierungslinien, die Verlockungen von Exotismus und Sozialromantik (wir haben uns in unseren Jugendzeiten auch lieber mit den südamerikanischen Campesinos solidarisiert als mit oberbayrischen Bauern, falls die in Nöten gewesen wären; das klingt einfach besser und Guantanamera singt sich auch besser als das Liedgut der Bauernkriege oder bayrische Gstanzl) radikalisieren sich junge Frauen und Männer und scheitern oder sterben daran oder finden Wege aus dem Dilemma.

 

 

 

 

Die aus Nahost stammenden Machwerke bleiben über Motive und psychodynamische Bewegungen im Unklaren, Dunklen, geheimnisvoll raunend wie die Märchen der Scheherezade. Irgendwie hat es etwas mit Religion zu tun, manchmal geht es gegen die Besatzer, manchmal gegen alle Ungläubigen, also politisch oder religiös motiviert, auch das ein wichtiger Unterschied, mal geht’s um Familienehre oder die Rehabilitation eines entehrten Vaters, immer wieder geht’s ums Paradies und dessen Verlockungen, ein eher infantiler Belohnungswunsch, oder eine Gemengelage aus all dem. Man scheint ein Geheimnis bewahren zu wollen, das macht interessant, das wäre auch eine narzisstische Wurzel, ebenso wie überzogener Ehren-Kult.

Auch nichts über die Manipulationen militanter Gruppen, die jeden Jugendlichen, der gegen israelische Besatzer protestiert, sofort für den Märtyrertod rekrutieren. Vielleicht findet der arabischstämmige Zuschauer hier mehr heraus als unsereiner?

Oder andere Gründe: Scham? Kollektivscham, Fremdscham? Einem Volk anzugehören, das sich in Teilen noch als primitiv-fanatisch erweist? Angst, das Dämonische in sich selbst zu finden?

Bei uns wars nicht anders: Die Darstellung des Nazi-Täters im deutschen Nachkriegsfilm gelang nicht, in Staudtes Filmen sind es Hanswurste – da musste erst ein Tarantino erscheinen, um zu zeigen, wie man das wirklich Dämonisch-Böse darstellt, das Schmallippig-Aalglatte des Herrenmenschen. Die Deutschen konnten es lange nicht. Wir wollten es nicht wissen, vielleicht weil wir es viel zu gut wussten.

Nur ein paar Gedanken in die Kladde geredet, vielleicht hat jemand noch eine Idee dazu?

Wenn die realen Attentäter Bildmaterial ins Netz stellen, folgen sie einer wechselhaften Ästhetik, die zunehmend Elemente künstlerischer Gestaltung annimmt, eine Bandbreite von medialen Inszenierungen, sozusagen eine mörderische Kunst. Märtyrertestamente, reichlich im Netz zu finden. Hello Darknet, my old friend……

Das Bild als Drohung, als Kommunikationsstrategie und Waffe im Wandel der Kampfstrategien des IS. Ein Krieg der Bilder zwischen rivalisierenden terroristischen Splittergruppen – so wie sich früher an der Uni die K-Gruppen bekriegten; nur war das wesentlich gemütlicher.

Aber das ist jetzt eine andere Geschichte …

2022 9 Nov.

Mein erster Sun Ra-Rausch

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Mark Smotroff beschreibt in seiner feinen Rezension von „The Futuristic Worlds of Sun Ra“ (Savoy, 1962, s. Audiophile Review), wie er auf Umwegen zu der Musik des Jazz-Exzentrikers kam, und anfangs von einem Bekannten, für den das Wort „stoned“ erfunden schien, erstmal abgeschreckt wurde. Ich hatte da etwas mehr Glück, und fand mit  21 Lenzen mein erstes Sun Ra-Paradies in einem sozialistischen Plattenladen in Perugia. Die surrealen Cover sprachen mich an, die Platten, die ich dort anspielte, besorgten den Rest. Es waren Alben, die sich bald als Raritäten herausstellen würden. Und es war wohl das einzige  Mal, dass ich, an der Leine eines Kopfhörerkabel, in aller  Öffentlichkeit zu tanzen begann, so sehr ergriffen mich die Schwingungen der Musik (natürlich war mein Tanz „free-style“). Das passierte auf meiner  Verlobungsreise Mitte der Siebziger Jahre, auf dem Weg nach Venedig.

 

 

 

 

Leider war die Reise von einigen melancholischen Schatten begleitet. Alle paar Tage musste mir von wildfremden Ärzten eine mächtige Dosis Penicillin verabreicht werden, weil mir in Würzburg eine Hautärztin eine Syphilis diagnostiziert wurde – ein doppelter Test habe Gewissheit geschaffen, und wie soll das gehen, fragte ich, ich hätte  noch nie ein Bordell betreten oder sonstwie fragwürdige Begegnungen gehabt. Sie glaubte wahrscheinlich keine meiner Beteuerungen, diese dumme Kuh, und ich höre  ihre Stimme noch nachhallen: „man kann sich das auch auf einer Bahnhofstoilette in Frankfurt holen.“

 

Wie sich nach meiner Italienreise rausstellte, hatte ich gar nichts, und kam mit dem Schrecken, und etlich eingetrübten Wochen davon: das triste Venedig damals  mit seinen vielen Giftschildern schien mir der Vorbote eines nahenden Todes zu sein. Kurz bevor ein Arzt die komplette Fehldiagnose nachwies, sah ich auf der Kampstrasse in Dortmund, wie eine in der Blüte ihrer Jahre stehende Frau (ich bildete mir ein, ihr schreckenstarres Gesicht zu sehen) von einem Auto erfasst wurde, und hoch in die Luft geschleudert wurde. Sie wird das kaum überlebt haben – ich schloss die Augen und zitterte kurz.

 

Das Schreckliche, das Absurde, und das Wunderbare bilden in unseren Leben ein eigenartiges Knäuel, kaum zu entwirren, ausser, man neigt mit Pater Brown zu dem Glaubenssatz, die Wege des Herrn seien unerforschlich. Einige Momente jener Italienreise werde ich  nie vergessen, und dazu zu zählte, neben Christianas zauberischem Wesen, meine tollkühne Übersetzung einer langen italienischen Plattenbesprechung von Brian Enos „Another Green World“ (ich hatte  damals noch keinen Ton von dem Album gehört, aber wozu hat man das doofe grosse Latinum?), und meinen Tanz mit Sun Ra.

 

(in Erinnerung an Hartmut Geerken)


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