Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Nach einem fürstlichen Frühstück machen wir uns gegen halb zehn auf und gehen an den Kiesteichen vorbei (Foto Seerosen) zurück zum Angelbecksteich, wo wir den Weg gestern verlassen hatten. Dort kommen wir in einer Holzhütte mit Aussicht auf den Teich ins Gespräch mit zwei betagten Brüdern aus der Gegend und der Frau des einen, die überrascht sind, dass wir die ganze Strecke von Hamburg bis Celle zu Fuß machen. Der eine Bruder ist vor 70 Jahren in den Ruhrpott gezogen und hat den Akzent angenommen. Unser Weg durch den Wald ist nun dreigeteilt. In der Mitte die Autopiste, links der geschotterte Weg für Radfahrer und Fußgänger, rechts der sandige Reitweg. Wir gehen meist auf der Piste, da es kaum Verkehr gibt und es dort am wenigsten Mücken gibt.

Wir kommen nun am Dehningshof vorbei, vor dem ein Mann eine Zigarette raucht, den ich aus der Ferne für eine Statue halte, weil er sich kaum bewegt. Wir befinden uns hier auf der im 19. Jahrhundert von Postkutschen viel genutzen Celler Heerstraße und der Dehningshof war eine Ausspannstation, wo die Pferde gewechselt wurden. Am Waldesrand stehen zwei Buchen (Foto), die, weil sie kein Harz enthalten, den Waldbrand von 1975 – bis heute der größte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – überlebt haben. Der Weg zieht sich weiter durch den Wald hoch zum Citronenberg. Hier ließ der Überlieferung nach ein Kreuzfahrer den Einheimischen seine kranke Tochter zur Pflege und brachte als Dank anschließend Zitronen mit. Nach den Wildecker Teichen kommen wir an einer weiteren Ausspannstation, dem Forsthaus Kohlenbach (Foto) vorbei, das von einem jungen Paar bewohnt wird. Direkt nach dem Krieg hatte sich hier Eichmann unter falschem Namen einquartiert und war als Waldarbeiter tätig gewesen.

Unsere Mittagspause machen wir in einer halboffenen Schutzhütte, die an einer Kreuzung von Waldpisten liegt. Wir sind gerade beim Essen unserer belegten Brötchen, da taucht aus dem Nichts ein Radfahrer auf. Er fängt sofort an, überschwänglich zu reden, guckt auf seinen Tacho bzw. das GPS-Gerät und meint, er hätte jetzt auf den Meter genau die Hälfte seiner Tour, 111 km absolviert. Es stellt sich heraus, dass er an Orbit 360 teilnimmt, einer in der Coronazeit gegründeten Initiative, die gravel Rundtrips vorsieht, die man nachfahren kann. Wer 10 Orbits geschafft hat, nimmt an der Verlosung eines sehr guten Backroadrades teil. Er scheint da ziemlich weit vorne zu liegen. Wir tauschen uns ausgiebig über Radferntouren und Fernwandern aus und nachdem er die Kette geölt hat, schwingt er sich wieder aufs Rad für die nächsten 111 km, die er heute noch vor sich hat. Er wusste übrigens gerade mal, dass er in der Lüneburger Heide war, ansonsten hatte er von der Außenwelt wenig mitbekommen. Ich gebe ihm noch den Tipp mit, in Wilsede zumindest den 1 Km-Abstecher zum Totengrund zu machen.

Kurz nachdem wir wieder auf unserem Weg sind, fängt es an zu regnen und hört bis zum Ende der Etappe auch nur noch kurz für 20 Minuten auf. Wir spannen die Regenschirme auf und stellen uns, als der Regen stärker wird, ein paar Minuten an einem Hochstand unter. Man hört nun in der Ferne großkalibrige Schüsse. Wir gehen direkt auf einen heute privat betriebenen Schießplatz zu. Neben uns ein Standortübungsplatz der Bundeswehr, vor dessen Betreten aufgrund von Blindgängern gewarnt wird. In Scheuen treten wir plötzlich aus dem Wald und stehen vor einer großen, kurz geschnittenen Wiesenfläche, einem Segelflugplatz. Durch eine Siedlung kommen wir – nach gut 20 Km rechtschaffen erschöpft – zu unserer Unterkunft, direkt an der verkehrsreichen Hauptstraße nach Celle gelegen. Eine junge Ukrainerin, die kaum deutsch spricht, öffnet uns unser Zimmer.

2023 25 Aug.

Kant avec de Sade

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Die Lehr- und Zuchtanstalt des öffentlich rechtlichen Fernsehens hat nun hierzulande die Komik Ottos als despektierlich angesehen. Wahrscheinlich würde auch eine Serie wie Mad Men aus ähnlich pädagogischen Gründen niemals im Programm auftauchen – wenigstens aber mit den Untertiteln „Rauchen schädigt die Gesundheit“ und „Whiskey trinken zur Mittagszeit ist strafbar“ versehen. Vor gut vierzig Jahren erschien ein Buch der Psychoanalytikerin Alice Miller, in dem die Wortschöpfungen eines Neurotikers als Heilerfolg gewertet und aufgelistet wurden: eine auflockernde Kaskade phantasievoller Beschimpfungen, wie sie Peter Sloterdjk hätte erfinden können, wäre er versehentlich in die Badlands geraten. Eine kleine Perle ist die Komödie „Ein Tick anders“ mit Jasna Fritzi Bauer als Teenager mit Tourette-Syndrom. Sie landet sogar einen Schlager-Hit mit dem Titel „Warum Licht aus deinem Arsch kommt“ (steht schon auf der schwarzen Liste der massgeblichen Sender). Auch die genial-obszöne Wortkunst des Sprösslings Roman Roy in der Serie Succession, die als zynische Familienaufstellung neo-bourgeoiser Provenienz gelten könnte, würde es niemals in das deutsche Fernsehen schaffen. Muss sie auch nicht, denn bis die Damen und Herren dort geschnallt haben, dass Synchronisationen es nicht bringen, wird auf diesem Planeten eh kein Mensch mehr zu finden sein. Generell sei zu meinen Serien-Vergnügungen gesagt: wenn bei Slavoj Zizek Kant nur mit de Sade durchgeht und bei Cioran das Nirvana nur mit Kaffee zu ertragen ist, füge ich hinzu: Ted Lasso immer gerne, aber nur mit Breaking Bad.

 

2023 25 Aug.

Heidschnuckenweg 8. Etappe: Hermannsburg – Oldendorf. Auf Abwegen.

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Nach zwei Tagen, in denen wir verwöhnt wurden und Kräfte gesammelt haben sowie uns Hermannsburg angeguckt haben und zum Gaußstein am Breithorn gewandert waren, nun wieder eine Etappe, die uns auf dem Weg etwas vorwärtsbringt. Wobei wir uns am Ende gerade einmal 4 km nach Süden bewegen und uns dann auch noch rund 3 km vom Weg entfernen, wobei wir 15 km zu Fuß zurücklegen, der Weg macht einen ziemlichen Schlenker, der sich aber lohnt. Ein anderer Grund für diese Art von Echternacher Springprozession (zwei Schritte vor, ein Schritt zurück) ist die Tatsache, dass wir keine Unterkunft direkt auf dem Weg mehr gefunden haben, da ich mit der Reservierung erst im Juli begonnen hatte, was offensichtlich etwas zu optimistisch war, da wir jetzt ja auch Hauptsaison haben.

Wir kommen erst gegen 10 Uhr los, ein sonniger Sommertag ist da bereits im Gange. Innerhalb von 5 Minuten sind wir in der Natur, passieren einen Reiterhof mit Reitbahn, auf der ein Pferd mit Reiterin unter Aufsicht von zwei Lehrern im Kreise herumtrabt. Ein Maisfeld wird zum Testen verschiedener gentechnisch veränderter Saatguten genutzt, besonders hoch wächst die Sorte Monster (Foto). Auf einem anderen Hof liegt hinter dem Schafstall Heidschnuckenwolle (Foto), wir nehmen uns ein Büschel und entrichten einen Obolus. Wir kommen nun in die Misselhorner Heide (Foto), die durch einen 8 km langen Rundwanderweg erschlossen ist, der heute sehr gut besucht ist. Diese wunderschön violett blühende Heide zeichnet sich durch eine wellige Struktur und sandige, mäandernde Wege aus, die mit vielen Kiefernwurzeln bedeckt sind, eine Stolperfalle, die ich so gerade eben meistere. Auf den Wegen liegen zudem Kiefernzapfen und -nadeln und es riecht demgemäß stark nach Kiefer; es kommt Sommerurlaubsstimmung wie an der Ostsee am Darß oder auch in den Landes bei Bordeaux auf.

Nach einem Päuschen auf einer Bank im Halbschatten – die halboffene Schutzhütte im Vollschatten ist besetzt – verlassen wir die Heideschleife und befinden uns wieder in der Waldeinsamkeit. Die Wege sind wieder gerade, man kann gefühlt bis zum Horizont gucken und sieht nun wieder vereinzelt Menschen in der Ferne. Unser Blick schweift jedoch auch auf den Boden, wo wir das emsige Treiben der Kotkugeln drehenden Mistkäfer (Foto) beobachten. Als neue Schmetterlingsart in unserer Wahrnehmung begrüßen wir den Kaisermantel. Zwei Exemplare schwirren umeinander herum (Foto). Wir kommen zu einem großen Findling, der an den Brand in der Lüneburger Heide im August 1975 erinnert, bei dem 300 Feuer insgesamt 13.000 ha Fläche und damit einen großen Teil der Heide vernichteten.

Weiter geht es nun über zwei Straßen und wir sehen drei Autos, die auf der schnurgeraden mit 100 km/h und mehr befahrenen Straße zwischen Fahrbahnrandmarkierung und Grünstreifen parken. Hier ist ein Zugang zu den Oldendorfer Kiesteichen, die zum Angeln, aber auch zum Baden einladen. Wir gehen in den Schatten einer Kiefer zu dem recht einsam daliegenden See links und stürzen uns in die Fluten (Foto). Das Wasser ist an der Oberfläche angenehm temperiert, sobald man sich senkrechter stellt, ist es jedoch eiskalt für den Unterkörper und somit sehr erfrischend. Ein schöner Abschluss der heutigen Wanderung.

2023 23 Aug.

Regenhunde

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Kurz nachdem ich 1992 im zweiten Anlauf meine Führerscheinprüfung bestanden hatte, spielten die Beastie Boys in Vorprogramm von Public Enemy in der Leinemetropole. Das Album „Check Yo Head“ war gerade erschienen. Ich durfte mir das Auto meiner Eltern ausleihen und fuhr gemeinsam mit meiner Freundin dorthin. Übernachten konnten wir in der Asternstraße, bei einem Onkel und einer Tante von mir. Das Konzert war großartig: zwei Bands auf ihrem künstlerischen Zenith. Sehr beeindruckt waren wir auch von dem Publikum: die meisten waren älter als wir, wirkten unendlich cool – und dann wurde auch noch in aller Öffentlichkeit gekifft. Verrücktes Großstadtleben. Am nächsten Morgen blieben wir noch ein bisschen in der Altbauwohnung und waren auch da beeindruckt: meterweise Bücher, Schallplatten und CDs, schöne Bilder an den Wänden, schicke Möbel. Zum Frühstück legte ich ein Album auf, über das ich schon gelesen hatte, „Rain Dogs“ von Tom Waits. Wir haben nicht viel geredet, sondern uns von dieser merkwürdigen Musik einhüllen lassen. Das Album habe ich nie wieder gehört (im Gegensatz zu zahlreichen anderen Tom Waits Aufnahmen), nur das Stück „Clap Hands“ begegnete mir Jahre später auf einem sehr schönen Sampler. Das Foto auf dem Cover habe ich in diesem Jahr auf einer Ausstellung gesehen. Im nächsten Monat wird „Rain Dogs“ auf LP und CD wiederveröffentlicht. Ich bin gespannt.

 

 

10 Jahre muss es her sein, dass ich erstmals die Existenz von YouTubern oder Live Streams registriert habe. Mein Sohn spielte damals Minecraft und wir Eltern waren verwundert, dass er seine limitierte Bildschirmzeit darauf verwendete, anderen Menschen beim Zocken und Labern zuzuschauen. In den darauf folgenden Jahren habe ich zahlreiche Tutorials geschaut, über die Aufzucht und Verarbeitung von Chilis, Rezepte, Rezensionen, Sportübungen, usw. – das kennen ja heutzutage alle.

Nun ist aber etwas neues in mein Leben getreten: der Livestream. Nicht über ein Event (wie eine Fußball-WM), sondern von einer Privatperson, wahrscheinlich ist hier „influencer“ der richtige Begriff. Freitag abends heißt es jedenfalls seit ca. 2 Monaten immer wieder „Sorry, I have Stunty Tonight.“ Unter dem Namen StuntrockConfusion streamt ein (ehemaliger?) Techno-DJ zweieinhalb Stunden aus einer kleinen Waldhütte in Schweden. Stunty scheint ein schier unerschöpfliches Wissen über Musik zu haben, plus eine geschätzt fünfstellige Plattensammlung, und spielt den Zuhörern seine Schätze vor: ein bunte Tüte aus allen Spielformen der elektronischen Musik, Avantgarde, Klassik, Musik aus allen Kontinenten, Dub, musique concrète, … – von obskur bis sehr obskur ist alles dabei. Ich kenne in ungefähr jedem zweiten Stream mal ein Stück.

Zum Beispiel scheint Stunty sich in den letzten Wochen und Monaten einen ganzen Stapel LPs von Asmus Tietchens gekauft zu haben, die er gerne auflegt. Der Fluxus Künstler Hermann Nitsch war auch zweimal dabei, oder die portugiesische Formation Telectu, ein Duo, Keyboard und Gitarre, das in den 80er Jahren in den Grenzgebieten zwischen Minimal Music, Jazz und elektronischer Musik unterwegs war. Das Album „Belzebu“ habe ich als Reissue relativ günstig aus England bestellt (und zum Glück keinen Zoll bezahlt). Auf jeder Seite gehen drei Stücke ineinander über, rhythmisch verzahnte Pattern setzen ein und aus, verändern allmählich ihr Verhältnis zueinander, bis sie sich wieder in das elektronische Grundrauschen zurückziehen. Die Musik bereitet mir viel Freude, leider sind die anderen Werke dieser Formation nur schwer zu bekommen und entsprechend kostspielig. Für solche und weitere Entdeckungen – zum Beispiel die wunderbaren Cello Interpretationen von Charles Curtis, von dessem Album „Performances & Recordings: 1998 – 2018“ ich gerade jeden Abend eine Seite höre – sage ich an Freitagabenden gerne hin und wieder „sorry, I have Stunty tonight.“

 

 


 
 

 
 
 

Nach einer durchschlafenen Nacht – irgendwann holt sich der Körper den nötigen Schlaf – ist heute auch die Wanderkluft vollständig getrocknet, neben dem ausreichenden Frühstück sowie dem Wetterbericht, der trockene 25 Grad verheißt, ideale Voraussetzungen für eine mit 20 km Länge optimal dimensionierte Etappe, deren Schlussstück eine Variante des Heidschnuckenwegs darstellt, da wir in Hermannsburg Verwandtschaft besuchen und dort drei Nächte verbringen werden.

Wir gehen aus Wietzendorf heraus und befinden uns bald in der berühmten Szene aus North by Northwest, rechts neben uns ein Maisfeld, vor uns ein Schild, das vor Flugzeugen warnt. Es ist dann – wie im Film – nochmal ganz knapp gut gegangen. Nach dem Verlassen der Straße landen wir in einer Landschaft, in der die Heide zum größten Teil abgestorben ist (Foto), da hat wohl lange niemand mehr geplaggt. Nun geht es auf breitem sandigen, schnurgeraden Weg, der auch viel militärisch genutzt wird, in den Wald. Mehrere Schilder untersagen dem Militär jedoch ausdrücklich, gewisse Seitenwege zu benutzen, die zumindest zum Teil in privater Hand sind. Wir kommen auf eine riesige, betonierte Kreuzung (Foto), wo sich sieben Wege treffen. Dort rasten wir auf einer Bank in der Waldeinsamkeit, die zunächst nur durch unsere bereits erwähnten beiden Wandergenossinnen gestört wird, die kurz nach uns eintreffen. Plötzlich wird die Ruhe unterbrochen durch ein Ungeheuer mit vier riesigen Rädern, ein Baufahrzeug, das zivile Zwecke erfüllt, das aus einem der Privatwege herauskommt, die für die Bundeswehr tabu sind.

Kurz vor dem Wietzer Berg sorgt eine große, hoch aufgehängte Holzschaukel für Abwechslung, die sich als schwierig zu beschaukeln erweist. Am Wietzer Berg befinden wir uns wieder in der Heide: sie blüht jetzt zu 100%, was lange nicht der Fall gewesen ist. Hier treffen wir auch wieder auf Menschen, die die herrliche Umgebung des Hermann-Löns-Denkmals (Foto) zu kurzen Eskapaden vom Parkplatz nutzen.

Anschließend nähern wir uns Müden, wo wir am Straßenrand auf einer Holzbank unsere Mittagspause machen. Kurz danach geht es durch den schönen Park an der Oertze. Der Ort mit seinen großen Fachwerkhöfen ist sehr großzügig angelegt, nachdem am Sonntag die Busse für volle Cafés gesorgt hatten, ist allerdings heute idyllische Ruhe angesagt, alle Lokale bis auf den Supermarkt sind geschlossen. Das soll uns recht sein. Die St. Laurentius-Kirche mit dem Holzglockenturm (Foto) ist wie alle Kirchen hier offen und zeichnet sich innen (Foto) durch zwei weiße Holzemporen aus, die für einen intimen Charakter sorgen. Wir tauchen unsere von den Wanderstrapazen und den Mückenstichen zerschundenen Beine an der Wassertretstelle (Foto mit Mühle im Hintergrund) in die Oertze. Nach einem Rundgang am Geländer fühle ich Eisblöcke unterhalb der Kniee, die Wassertemperatur dürfte knapp über 10 Grad sein. Eine bessere Erfrischung für die Füße ist kaum vorstellbar.

Die letzten 6,5 km nach Hermannsburg gehen wir mehr oder weniger geradeaus auf einer Piste durch den Wald, wir benutzen die Fahrbahn, Autos kommen keine, die Fahrräder fahren an der Seite auf dem schmalen eigentlich für Fußgänger und Radfahrerer vorgesehenen Weg. Wir erwehren uns der dramatisch zunehmenden Mückendichte mit biologisch abbaubarem Mückenspray. In Hermannsburg werden wir von weitem begrüßt.

2023 21 Aug.

Hinter Wietzendorf

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Hinter Wietzendorf
Best wishes from Alfred

2023 21 Aug.

„impro on a loop bug“

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Nach der 30 Km-Mammutetappe vom Vortag haben wir heute zivilisierte 18 Km auf dem Programm. Das Kerngebiet der Heide liegt hinter uns, ein Großteil der Strecke verläuft durch Mischwald, zum Teil an oder auf meist kaum befahrenen Straßen.

In Soltau flanieren wir durch die Fußgängerzone, die wir am Sonntagmorgen nahezu für uns alleine haben. Bis auf zwei Wandergenossinnen, die hier den zweiten Teil ihrer Heidedurchquerung beginnen. Eine Tafel an einer Hauswand (Foto) weist darauf hin, dass es in der Geschichte eine nicht vor Gewalt zurückschreckende Rivalität mit den Pfeffersäcken in Lüneburg gab. Der Weg aus dem Ort heraus führt uns durch die „Vorstadtromantik der Eigenheimsiedlungen“ (Wegbeschreibung).

Wir unterqueren mehrmals die Bahnlinie Berlin-Bremen, die auch als Amerikalinie bekannt wurde, weil sie im 19. Jahrhundert von vielen Auswanderern aus den östlichen Gebieten genommen wurde, um dann von den Nordseehäfen per Schiff den Sprung über den großen Teich zu wagen. Außerdem treffen wir mal wieder auf die A7, die wir dieses Mal überqueren. Der Verkehr nach Hamburg ist deutlich dichter als der Verkehr in die Gegenrichtung.

Ansonsten ist dieser Wandertag eher beschaulich und für die geplagten Füße entspannend. Hinter der Autobahn kommen wir zu einer idyllischen Badestelle an der Kleinen Aue, die eifrig genutzt wird. Wir treffen auf viele Jogger, einige Radfahrer, aber überhaupt keine Mountainbiker, die woanders häufig am Sonntag die Wälder unsicher machen. Ein junges Paar mit Hund hat um diese Jahreszeit sicherheitshalber immer einen Korb für Pilze dabei, sie haben ein paar Hexenröhrlinge gefunden. Etwas später sehen wir am Wegrand mehrere Prachtexemplare von Schopf-Tintlingen (Foto), eine ebenfalls essbare Pilzart, die mir auf den ersten Blick eher suspekt vorkommt.

Es geht nun an einer in hohem Tempo befahrenen Landstraße entlang, neben uns Artilleriefeuerstellungen (Foto), die Erinnerungen an meine unfreiwillige Bundeswehrzeit vor 40 Jahren wachruft. Heute herrscht hier allerdings Ruhe. Was auf diesem Weg irritiert, ist die mäandernde Wegführung. Es ist grundsätzlich so, dass unser Weg so gut wie immer länger im Vergleich zum Radweg bzw. der Straße ist. Die Differenzen sind bei kleineren Strecken manchmal knapp 50%, also z.B. 3,5 km statt 2,4 km. Häufig führt unser Weg dann wie heute idyllisch durch den Wald, das ist aber nicht immer so.

Kurz vor Wietzendorf sehen wir wie das Mähen der Wiesen abläuft. Im ersten Schritt wird die Wiese von der vom Traktor gezogenen Mähmaschine gemäht und anschließend zusammengekehrt, so dass am Ende lange Straßen von Grasschnitt auf der Wiese liegen. Nun kommt eine ebenfalls von einem Traktor gezogene Maschine zum Einsatz, die zum einen das Gras zu den bekannten zylindrischen Grasballen komprimiert, mit einem Strick befestigt und den Ballen sodann über ein rotierendes rundes Gestänge in Plastikfolie einpackt. Im Ergebnis gibt das die Plastikballen, in denen das feuchte Gras gären kann und im Winter als Futter (Silage) insbes. für die Rinder verwendet werden kann. Der Geruch dieser vergärenden Ballen ist etwas süßlich und erinnert mich an Dunhill-Tabak. Man riecht ihn viel auf allen Wegen, die durch landwirtschaftlich genutzte Wiesenflächen gehen. Ich liebe ihn.

In Wietzendorf überqueren wir die Wietze (Foto von Badestelle) und kehren im Eiscafé ein und trinken einen köstlichen Eiskaffee. Hier gibt es einen alten Glockenturm aus Holz (Foto) neben der Kirche sowie die Imkerstatue (Foto). Der Imker hat eine Pfeife im Mund, mit dem Rauch beruhigt er die Bienen.

 

 
 

Lars von Trier beschäftigt sich gern mit Frauen und ihrem Innenleben, beobachtet Frauen, dreht über Frauen, bildhaft und szenengewaltig. Aber er berichtet nur scheinbar über Frauen, in Wirklichkeit berichtet er über Männer und ihre Art, die Frauen zu sehen, zu fürchten und zu dämonisieren, vor allem das Letztere.

The Male Gaze, eine bekannte Sichtweise, aber diesmal nicht in Form einer voyeuristischen Ausbeutung, Idealisierung und Objektualisierung der Frau und ihrer Reize im Film und das Bedienen von Männeraugen durch Schönheit, sondern die Verzerrung der archetypischen Frauen-Imagines durch den geängstigten Mann. Da kennt er sich verdammt gut aus. Wobei er sich durchaus selbst auch in diese Gruppe subsumiert, das spürt man und das macht den an sich relativ dysphorischen Kerl doch um einiges sympathischer. Zumindest kann er mehr als antisemitisch oder sonstwie dumm daherschwatzen. Insbesondere seine späteren Filme (ich beziehe mich hier insbesondere auf Antichrist, Melancholia und Nymphomania, aber auch Dogville und Breaking the Waves fliessen mit ein), letztere arbeiten ebenfalls mit archetypisch-mythischen Bildern der verschlingenden, kastrierenden, kindermordenden Frau und ihrer durch nichts endgültig zu befriedigenden Lust, die auch mal über Leichen geht, wenn nicht gleich über einen ganzen Friedhof. Die phrygische Göttin Kybele verlangte die Kastration von ihrer männlichen Fanbase.

Justine in Melancholia, die sich masochistisch mit einem auf die Erde zurasenden Planeten zu paaren bereit ist und bei der Hochzeitsfeier im Brautkleid einen anderen Mann benutzt, um ihrer Depression zu entkommen, ist so eine Gestalt. Antares, der Planet, ist inzwischen auf der Zielgeraden – der Zuschauer erfährt einen Impact als Justine mithilfe ihrer Drahtschlinge nachmisst, dass das Dingens schon sehr viel näher gekommen ist – hier eine gelungene Ikonographie. Das fährt einem in die Knochen. Antares ist ein Antagonist zu Ares, dem männlichen Kriegsgott, somit könnte man ihn durchaus als weibliches Gegenprinzip verstehen, aber ein Stück überwältigende Weiblichkeit, die sich ebenso zerstörerisch verhält wie der Kriegsgott und damit den Frauengestalten LvTs durchaus das Wasser reichen kann – in diesem Fall eher das Feuer.

„SIE“ – die namenlose Frau in Antichrist – lässt ihr Kind fahrlässig zu Tode kommen, um bei ihrem Orgasmus nicht gestört zu werden, verstümmelt ihm vorher die Füsse; laut Freud auch ein Kastrationssymbol, verfällt dann dem Wahnsinn und zerquetscht ihrem Mann die Hoden, der vorher vergeblich versuchte sie mit den Mitteln von Logik und Wissenschaft – er ist Psychologe – zu heilen; fast tötet sie ihn.

Der zweite Impact ist die Schlusseinstellung: „ER“, auch namenlos und damit entindividualisiert und somit als der „Mann als solcher“ gezeichnet, taumelt schwerverletzt durch den Wald, ihm – und damit dem Zuschauer – kommt eine schwallartig zunehmende Horde gesichtsloser Frauen entgegen – überflutend und beängstigend, ausgestossen aus dem Schoss der grossen Mutter Erde, einer Büchse der Pandora, sich unendlich schnell vermehrend und damit erinnernd an Homo Faber, den  die Fruchtbarkeit des Urwaldes anekelte, die ständige Feuchtigkeit, Gärung und Vermehrung – „wo man hinspuckt keimt es!“ Die beängstigende Gebärpotenz der Frau. Damit entlässt uns der Regisseur wieder in unsere eigene Psychose, manchen Mann in die Frauenangst und den Frauenhass, manche Frau in die Betroffenheit darüber, wieviel Angst sie auszulösen imstande ist und wie das in ihre Beziehungen hineinwirkt. Und wieviel sie selber überhaupt dafür kann.

Wie Frauen wirklich sind, erfährt man bei LvT nicht und er ist klug genug das einzugestehen, wenn man ihn danach fragt.

In Nymphomania wird das Thema der unersättlichen Frau bis zum Überdruss des Zuschauers ausgereizt – die Frau als schwarzes Loch, das keinen Boden und keine Begrenzung mehr finden kann. In Dogville – ein Machwerk aus dem Rape-and-Revenge-Genre – ereilt Grace ihre verdiente Kollektivschuld, Strafe gleich im Vorfeld; sie wird als Sklavin gehalten, bis sie ihre Ketten sprengt und tabula rasa macht und in Manderlay dann nochmal einen Zahn zulegt. Die eher auf eine Theaterbühne passende Kulisse hebt den Film auf eine Ebene des Artifiziellen und Überindividuellen, erneut eher eine Parabel als ein Narrativ.

Die Frauen bleiben rätselhaft und ihre Sexualität hart an Abgründen manövrierend oder in diese hineinstürzend.

Schon Freud musste passen, wenn es um die Frage ging, was das Weib eigentlich wirklich will. Auf die naheliegende Idee, einfach mal seine Frau oder Tochter zu fragen, kam er nicht. Dabei sah man bei Anna sehr gut was sie NICHT wollte, nämlich noch einen Übervater an ihrer Seite, mit dem sie dann auch noch das Bett teilen und sechs Kinder grossziehen müsste. Das Besetztsein durch ihre Eltern und ihre Unterwerfungstendenz war bei ihr gravierend genug, die Herzensthrone waren gewissermassen schon besetzt; eine gesunde erwachsene Abgrenzung und Lösung ist in ihren Briefen nirgends zu spüren. So liebte sie nur Personen, die auch ihr Vater lieben konnte – Frauen.

Das hätte dem Alten zu denken geben können. Oder lieber eben doch nicht, man muss ja nun nicht alles wissen, was schmerzlich am eigenen Narzissmus kratzt. Da stochert man lieber weiter in Frauenseelen …

Somit ist jeder Film von LvT ein raffiniertes Vexierspiel mit doppelter Brechung und multiplen Verzerrungen von einem Betrachter der Betrachtenden der Betrachteten. Aber auch die Gutartigkeit und das Opferwerden der Frauen finden ihren Platz in manchen Filmen wie Breaking the Waves oder Dancer in the dark – hier sind wiederum die Männer toxisch und ihre Lynchjustiz sehr nahe. Man bleibt sich nichts schuldig, letztlich. Die Frauen verschwinden hinter ihren Bildern wie Nachbar Gott in dem bekannten Gedicht von Rilke, das von schmerzlicher Getrenntheit handelt, der letztlich nicht ganz zu eliminierenden Getrenntheit zwischen den Geschlechtern. Zu viele Bilder, als dass man sich noch sehen könnte.

 


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