Manafonistas

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2023 20 Aug.

Das dialogische Prinzip

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Vor Jahren, als ich mich nach der brutal guten Fernsehserie Sons of Anarchy fragte, warum wohl trotz des für Heinz und Heide Jedermann nicht gerade alltäglichen Ambientes im kalifornischen Rocker- und Drogenbandenmilieu alles so gefühlsecht rüberkam, recherchierte ich über den Macher und Regisseur Karl Sutter. Der war von dem Theater-Pionier Sanford („Sandy“) Meisner stark beeinflusst, der die Schauspieler einst dazu angeleitet hatte, unmittelbar und natürlich auf das Gegenüber zu reagieren und alles Gekünstelte in der Darstellung zu vermeiden. Diese Direktheit zeigte sich eben auch in einer Serie wie Sons of Anarchy, in der nicht nur die Charaktere ein tiefes, beim Betrachter Empathie erzeugendes Profil zeigten („more real than life“), sondern auch die Dialoge nah waren wie ein Boxkampf im Ring. Als mir später dann ein Video der Ärztin, Therapeutin und Buchautorin Mirriam Priess empfohlen wurde, dämmerte es bald: connective link muss das Stichwort „Dialog“ gewesen sein. Wie sehr doch Algorithmen mittlerweile unser Leben lenken! Nachdem ich nun ein Buch von ihr gelesen hatte, reflektierte ich ein wenig über das „dialogische Prinzip“, das sich ja nicht nur im alltäglichen Miteinander zeigt, sondern auch in inneren Dialogen. Humorvoll könnte man dann Szenen herausarbeiten, in denen beispielsweise ein internalisiertes und rigides Über-Ich die Restbestände kindlicher Unbescholtenheit regelrecht „fertig macht“. Eine persönlich beeindruckende Erfahrung in den Achzigern war ein Workshop des vom brasilianischen Theater-Theoretiker Augusto Boal konzipierten Theater der Unterdrückten. Man konnte eine vertraute Alltagsszene spielen, in dem dann Muster gegenwärtig wurden: eine Putzfrau etwa oder ein Handwerker bei der Arbeit. Dann tritt der cholerische Chef hinzu und fordert, man müsse aber schneller sein. Man achte auf die Körperhaltung! Heute hätte unsereins ja ein beherztes „Fuck you!“ parat, doch damals waren viele von uns Kinder einer Schwarzen Pädagogik. Wer mit sich selbst hingegen in den Dialog tritt, wie es die Therapeutin Mirriam Priess proklamiert, der wird vielleicht zunächst die Erfahrung tiefer Langeweile machen, in der erst einmal gar nichts passiert, bevor dann wesensgemässe innere Anmutungen frei werden. Auch hier geht’s zu wie beim Intervall-Fasten: ohne Abstandnahme bliebe der ganze Müll liegen.

 

2023 19 Aug.

Heidschnuckenweg

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File under shameless self-promotion: Für diejenigen, die noch Interesse an der Wanderung auf dem Heidschnuckenweg haben, hier geht es weiter. Ich wollte dieses Blog nicht mit Content vollballern, der nicht so richtig in das Konzept hier passt und zudem keine Resonanz gehabt hat.

 

 


 
 

 
 
 

Ich hatte zwar überlegt, über mein Erlebnis auf einer finnischen Sommerbühne zu berichten, allerdings war der Plan meiner Trägheit zum Opfer gefallen, bis ich Lajlas feinen Text über die musikverrückten Finnen und ihre Festivals gelesen habe. Da ziehe ich doch gerne nach: Im Juli hatte ich zum zweiten Mal die Gelegenheit, dass Odysseus Festival auf der Insel Lonna in der Bucht vor Helsinki an zwei von drei Tagen zu besuchen.

Lonna ist klein – ich vermute, man würde keine 10 Minuten brauchen, sie zu umrunden. Darauf befinden sich mehrere Gebäude, in denen ein Café, ein Restaurant, natürlich ein Saunabereich und eben eine Art Veranstaltungszentrum untergebracht sind. Zwei rote Backsteingebäude (mit jeweils einer Bühne) stehen parallel zueinander, zwischen Ihnen waren eine Bühne und ein Barbereich aufgebaut. Auf dieser Bühne ist es sicher nicht ganz leicht zu spielen, die Musiker sind dem kühlen Ostseewind ungeschützt ausgesetzt. Für die Zuschauer ist es magisch, einen freien Blick auf das Wasser zu haben. Es kommt dann auch zu skurrilen Situationen: So war das Ronald Langestraat Trio (Barroom Jazz from Outer Space) irritiert, als plötzlich und unvermittelt der Großteil des Publikums die Mobiltelefone zückte, um einen Dreimaster zu fotografieren, der gerade hinter ihnen segelte. Es gab noch eine ganz kleine Spielstätte, auf der ich eine Formation namens „Phardah“hörte, die Musik von Pharoah Sanders sehr beseelt und virtuos interpretierten.

In den Seitengebäuden herrschte eine intime Atmosphäre. Am Samstag sah ich zunächst Teppo Mäkynen (einen meiner Lieblingsmusiker) und Petter Eldh als „Eldhrok“ gut gelaunt Jazz, Hip-Hop und elektronische Musik verschmelzen, am Ende des Abends verzauberten Jeremiah Chiu und Marta Sofia Honer mit einem analogen Synthesizer, einer Geige und Feldaufnahmen ihr Publikum. Am Sonntag spielte Petter Eldh in einem der Seitengebäuden als „Post Koma“ noch ein Solokonzert, dass ich deutlich besser fand als electronic pioneer Carl Stone, doch nicht ganz so gut wie die zähflüssigen und überwältigenden Klangtexturen von Fennesz. 

Auf der großen Bühne haben mich drei Konzerte begeistert: am Samstag Abend brannte die Marthe Lea Band – Entschuldigung – ein Feuerwerk aus Free Jazz und Nordischer Folklore ab. Sehr hohes Energielevel, unglaubliches Konzert. Deren Schallplatten waren hinterher leider ausverkauft, ich muss mir irgendwie eine aus Norwegen bestellen oder von F. mitbringen lassen. Am Sonntag war das Valteri Laurell Nonett der perfekte Start in meinem Tag. Die Musiker erzählten sich gegenseitig Geschichten, hielten Dialoge, spielten sich die Bälle zu. Rebirth Of The Cool. Es war eine Freude, genauso wie der Gig von Linda Fredriksson, die mit einem Program aus ihrem ja auch hier geschätztem Album Juniper das Festival beenden durfte.

 

2023 16 Aug.

Die zweite Etappe: die Maschine übernimmt

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Morgens gleich zwei Schocks. Die Klamotten sind nicht richtig getrocknet und heute Morgen ist Regen angesagt. Kein Spaß morgens in feuchte Socken zu steigen, aber was will man machen und außerdem schneller als auf dem warmen Körper trocknen die Sachen nirgends. Das heiße Teewasser tröpfelt langsam aus dem Automaten, Geduld ist angesagt. Es sind gefühlt Horden von Wanderern im Hotel und wir sind so ziemlich die letzten, die frühstücken und sich auf den Weg machen, als draußen schon fast die ersten Tropfen fallen. In Buchholz-Zentrum wird uns in einer Drogerie eröffnet, dass Bandagen schon seit längerem nicht lieferbar seien. Es trifft sich gut, dass das rechte Knie eigentlich nicht mehr schmerzt. Den Regen nutzen wir für eine Capuccinopause, drei rüstige Rentner, die im selben Hotel übernachtet hatten, tun selbiges. Wir treffen sie heute immer wieder, sie laufen etwa in unserem Tempo, man hört sie von weitem, da sie permanent reden, zwei Schwaben aus Göppingen (Märklin und Handball) bei Stuttgart und ein Bremer. Sie bleiben oft stehen und machen viele Pausen, sie machen es richtig, wollen heute bis Wesel (ca. 28 km), da sie vorher keine Unterkunft gekriegt haben.

 

Hinter Buchholz kommen wir in einen Mischwald und nähern uns der Höllenschlucht, einem periglazialen Trockental. Am Wegesrand wieder viele Pilze. Léo Gantelet, der einen sehr empfehlenswerten Verbindungsweg zwischen der Via Gebennensis (Genf – Le Puy) und der Via Tolosana (auch voie d’Arles) initiiert hat, schrieb mal davon, dass nach vielen Kilometern Wanderns irgendwann der Weg anfängt, unter den Füßen hinwegzugleiten. Das ist sozusagen das Satori des Wanderers. In diesem lichten Mischwald auf weichem Boden komme ich diesem Zustand schon recht nah. Ich würde es allerdings anders formulieren. Meine Beine gehen von alleine, die Wandermaschine übernimmt, ich werde gewandert. Kurz nach dieser umstürzenden Erkenntnis bin ich natürlich mal wieder umgeknickt, hingeflogen und weich gefallen.

 

Von der Höllenschlucht geht es hinauf zum Brunsberg, dem Dach der heutigen Etappe mit 129 m. Wanderwege aus allen Richtungen laufen auf diese mitten in der Heide stehende Erhebung zu, es ist hier ein reges Treiben. Wir machen eine kurze Trinkpause, lauschen dem Wind, der durch die vereinzelt herumstehenden Birken weht. Wenn man genau hinhört, kann man ein ganz leises Summen vernehmen. Die kleinen Heidebienen schwirren von Erikablüte zu Erikablüte. Man sieht viele durch im Kreis aneinander befestigte Holzlatten geschützte Wacholdersträuche, die angepflanzt wurden und so nicht von den Schafen gefressen werden können. A propos, der Boden ist überdeckt mit den rundlichen, dunkelbraunen Hinterlassenschaften der Heidschnucken, sie können nicht so weit sein, wir sind ihnen dicht auf der Spur.

 

Unsere Mittagspause machen wir auf dem Pferdekopf (78 m), wo die rüstige Rentnertruppe kurz nach uns eintrifft. Eine Wolke über uns verliert einige Tropfen, ansonsten bleibt es für den Rest des Tages trocken. Hier sind wir wieder mitten in der violett blühenden Heide. Wir kommen an zwei Weihern vorbei, wo blaue Libellen unterwegs sind. Nun geht es auf einem breiten Sandweg durch das Büsenbachtal zum Schafstall, einem beliebten Café mit kleinem Laden, wo wir ein kleines Kopfkissen mit Kräutern und Duftpflanzen für ein Geschenk erwerben. Der weitere Weg ist wenig ersprießlich. Wir gehen neben Straßen auf hartem Untergrund zum Supermarkt in Handeloh und dann noch nach Höckel, unserer Airbnb-Unterkunft. Dort treffen wir unsere Gastgeberin, die gerade die Pferdekoppel „entäppelt“, damit der Boden nicht zuviel Stickstoff bekommt und die Pferde genug zu grasen haben. Wir lassen den Abend draußen auf der Terrasse vor unserer Einliegerwohnung bei Pizza und Bier ausklingen.

 

Diese Aufmerksamkeit hätte Jürgen Ploog gern noch erlebt: ein Foto von sich, wie er im Jahr 1974 als Enddreißiger lässig in Jeansjacke, mit vor der Brust verschränkten Armen und mit halb geschlossenen Augen gegen die Motorhaube eines Autos lehnt, hat es auf das Cover eines Essaybandes über die Beat- und Undergroundliteratur geschafft, und das Buch wurde am 17. Juni 2023 sogar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung besprochen. Doch in dem Buch „Gegen die Fußgängermentalität“ von Simon Sahner beschränkt sich die deutsche Beat- und Undergroundliteratur mit den Protagonisten Carl Weissner, Jörg Fauser und Jürgen Ploog auf die Zeit der sechziger und siebziger Jahre – wieder einmal, denn es war geradezu ein Trauma von Jürgen Ploog, dass seine Bücher immer wieder in dieser zeitlich begrenzten Schublade landeten und dass seine Arbeit seit 1980 oder 1990 kaum mehr in größeren Kreisen rezipiert wurde. Dabei war Jürgen Ploog mit seinen Publikationen seit 1980 in eine neue Schaffensphase eingetreten und hatte seine Arbeitsmethode auch seither immer wieder verfeinert. „Nächte in Amnesien“, 1980 erschienen, erlebte im Jahr 2014 sogar eine Neuauflage bei MOLOKO PRINT mit einigen neuen Kapiteln. Im Nachwort zu dieser Neuauflage schreibt Jürgen Ploog ein paar Sätze, die sich wunderbar zu einer einführenden Charakterisierung seiner Arbeit eignen: „Wenn der Leser sich fragt, in welches chronotopische Umfeld ihn diese fragmentarischen Episoden entführen (an welche Orte & in welchen erzählerischen Zeitverlauf also), ist er auf dem richtigen Weg. Er hat es mit einem System von Schnittpunkten zu tun, das nur mit einer Umorientierung der Vorstellung zu erfassen ist.“ Was ist mit dieser Umorientierung der Vorstellung gemeint? Es ist das Zentrum von Jürgen Ploogs literarischem Universum. Hier scheiden sich die Lesenden, die Literatur als Konsumgut betrachten, indem sie eine lineare Handlung nachvollziehen, von denen, die dazu bereit sind, die gängigen westlichen Wahrnehmungsmuster rationaler Logik zu verlassen, den Begriff der Realität in Frage zu stellen, und der unberechenbaren Kraft des Zufalls einen wesentlichen Stellenwert einzuräumen. „Europäer wissen nicht, dass sie sich in einem Labyrinth bewegen, dass sie Gefangene eines vorgegebenen Musters sind“, schreibt Jürgen Ploog in „Der Raumagent“. Mit seiner Art, die Welt, das Leben und vor allem sich selbst zu betrachten, ist Jürgen Ploog auch nach seinem Tod am 19. Mai 2020 ein hochinteressanter Autor. Für mich zählt er zu meinen wichtigsten literarischen Einflüssen.

 

Es begann – mit einem Zufall. Ich fuhr mit dem Fahrrad auf der Bockenheimer Landstraße Richtung Alte Oper und entdeckte ein Plakat mit einem Portraitfoto von Jürgen Ploog, der Ankündigung einer Lesung für den 25. Juni 1998: „Schreiben ist eine grundsätzliche Demonstration. Katastrophenberichte eines semantischen Raumfahrers“. Jürgen Ploog stellte die zweite Auflage seines Buches über Burroughs vor („Strassen des Zufalls“). Ich hatte damals noch nichts von Burroughs gelesen, war mit der Lesung überfordert, Neonsplitter, ein viel zu großer Saal und im Publikum fast ausschließlich Männer mit einer Ausstrahlung von Underground, viel älter als ich, und sie wirkten wie Insider bedeutsamer Botschaften, die ich noch nicht begriffen hatte. Ich bestellte „Der Raumagent“ in der Deutschen Nationalbibliothek, ein Titel, der mir gefiel. Ich schlug das Buch im Lesesaal auf, las eine halbe Seite, schlug das Buch wieder zu und gab es zurück. Ich mochte die Stimmung nicht, die Begegnung, die Art, wie sich ein Mann gewaltsam Zutritt zur Wohnung einer Frau verschaffte, die Machtausübung, die aufgesetzte Coolness, der kurze Dialog. Jürgen Ploog war für mich erstmal abgehakt.

 

Fünfzehn Jahre später erschien mein erster Gedichtband. Im Feedback wurden immer wieder die Schnittstellen zwischen den Sätzen hervorgehoben. Ich beschloss, dem „Raumagenten“ eine zweite Chance zu geben. Diesmal sprang der Funke über und ich las mich in den folgenden Jahren durch das Ploog‘sche Universum. In „Facts of Fiction“, einer Zusammenstellung von Essays zu Literatur aus den Randzonen, formuliert Jürgen Ploog „die einzige & wichtigste Frage in der Auseinandersetzung mit jedem Schriftsteller (…): Wie sieht sein Universum aus, was geschieht, wenn man es betritt & wohin führt es mich?“ Im Fall von Jürgen Ploog ist es zunächst leichter zu sagen, was dieses Universum nicht ist: Die als „Stories“ („Nächte in Amnesien“) oder „Erzählungen“ („Raumagent“) betitelten Texte sind keine herkömmlich erzählten Geschichten. Andere Bücher wie „Pacific Boulevard“ oder „Ferne Routen“ sind schon nicht mehr mit literarischen Gattungsbezeichnungen versehen. Was üblicherweise in Kurzgeschichten oder Romanen im Vordergrund steht – das Erzählen einer Geschichte, eine genau austarierte Spannungskurve, faszinierende Charaktere, ein zentraler Konflikt –, das alles spielt in Jürgen Ploogs Prosa überhaupt keine Rolle. Die Storys brechen mit allen Regeln. Es gibt zwar meistens einen Icherzähler, die Erzählperspektive ist jedoch uneinheitlich und kann sich innerhalb eines Textes ändern. Personen werden eingeführt, die im weiteren Verlauf nicht mehr vorkommen. Bestimmte Namen tauchen seit Jahrzehnten in Jürgen Ploogs Büchern auf: Grips, Max, Kiki, Lorita, Maier, Johnnie, Luzi, aber ich wäre nicht in der Lage, besonders viel über sie zu sagen. Wurde Luzi nicht mit einem langen Schal gesehen? Die Figuren scheinen keine Geschichte zu haben, keine Persönlichkeit. Oder haben sie ihre Vergangenheit vergessen? Nur fragmentarische Erinnerungen, eine Begegnung von früher vielleicht. Ein Beziehungsding. Geschäfte. Oder beides zugleich. Jürgen Ploog über Grips, den Piloten: „Etwas hatte seine Erinnerung ausgelöscht, seitdem suchte er sie, er hastete von Ort zu Ort, dorthin, wo Orte miteinander verschmolzen.“ („Ferne Routen“). Das Unterwegssein ist eine Konstante. Verabredungen mit Personen, die einander nicht kennen. Reisen in einen imaginären Raum. Erinnerungen blitzen plötzlich auf. „Wenn ich vom Reisen spreche, dann meine ich eine meditative Übung.“ („Der Raumagent“).

 

Zentral in den Texten von Jürgen Ploog ist ein innerer Zustand, das Bewusstsein, ein Unterwegssein im Bewusstsein, besser noch: an den Rändern des Bewusstseins, an den Rändern dessen, was mit Worten ausgedrückt werden kann. Eine seltsame Art von Trance. Da sind sie wieder, die halb geschlossenen Augen. Drogen sind auch mit im Spiel. Ploogs Texte gehen über die Sprache hinaus, vor allem gehen sie über das westliche Denken hinaus, und sie beziehen das Schweigen mit ein. Bei all den manchmal etwas nervigen Piloten, Agentinnen, Replikantinnen, schrägen Typen und krummen Deals, überraschenden Wiederbegegnungen und unerwünschten Abenteuern ist es auch dies, was mich an Ploogs Prosa fasziniert: Man spürt, man erfährt, dass hier jemand schreibt, der sich schon in den sechziger Jahren an Orten aufgehalten hat, die gewöhnliche Bewohnerinnen und Bewohner Europas nicht erlebt haben: Indien, Nepal, Thailand, Malaysia, Marokko, Mexiko und Venezuela.

 

Reisen nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. „Wenn Zeit reißt, dann sind es die entfernten Bilder, die schlagartig näher rücken.“ („Der Raumagent)

 

Kennzeichen von Jürgen Ploogs Texten: Unberechenbarkeit, Widersprüche, Traumlogik, Magie, Poesie, ungesehene Bilder, etwas Wildes, Weisheit, ein filmischer Blick, ständige Brüche, kosmische Energie, keine „Greifbarkeit“, Genreübergreifend (meist wird Essay und Prosa gemixt), Mysteriöses, Bedrohliches, Unheimliches, Archaisches, Existenzielles, Flüchtiges, ein Freiheitsgefühl, Verunsicherung, Nebensächlichkeiten. Insgesamt eine Zersetzung des sogenannten Realen. An die Stelle des Ursache-Wirkungs-Prinzips tritt Synchronizität.

 

Jürgen Ploog hat seine Schreibmethode in fast allen seinen Prosaarbeiten reflektiert.  „Mein Ziel ist, jenseits von Sprache im schnellen Flacker der Bilder zu sehen. Dies ist im Film, die ist in der Schnitttechnik möglich.“ (Raumagent). Die Schnitttechnik oder Cut-up hat ihren Ursprung in einer zufälligen Entdeckung des Malers und Schriftstellers Brion Gysin in einem Pariser Hotel des Jahres 1959. Er hatte den Tisch, auf dem er malen wollte, mit Zeitungspapier bedeckt, zerschnitt die Zeitung, um den Tisch besser damit abdecken zu können, verschob also die Zeitungsspalten, und bemerkte das kreative Potential, das sich in den Schnittstellen verbarg. Es war dann zunächst W.S. Burroughs, der in seiner Literatur mit der Schnitttechnik arbeitete.

 

In seiner ersten Arbeitsphase hatte Jürgen Ploog Texte anderer auseinandergenommen und in harten Schnitten miteinander kombiniert. Im Lauf der Zeit hat er die Arbeit mit der Schnitttechnik stark verfeinert. Ein Beispiel dafür, wie aus einem längeren Text von Thomas Collmer ein typischer Ploog-Text entsteht, kann man in der #6 der Zeitschrift „Rollercoaster“ vom November 2009 bestaunen.

 

Das zentrale Anliegen von Jürgen Ploog besteht darin, mit Hilfe der Schnitttechnik Bilder, Gefühle und Zustände entstehen zu lassen, die bisher nicht artikuliert wurden, die vielleicht gar nicht artikulierbar sind.

 

„Sich niemals auf Sprache verlassen.“ (Unterwegssein ist alles).

 

Das ist der Durchbruch in den Grauen Raum. Das Reisen an imaginäre Orte. Es geht um die Fähigkeit, durch den inneren Raum zu navigieren und das Unmögliche zu denken. Dies ist auch von politischer Bedeutung.

 

Bereits im Jahr 1980 hat Jürgen Ploog seine Methode in dem Text „Showdown des Okzidents“ aus der von ihm herausgegebenen Anthologie „Amok Koma“ geschildert und seine Botschaft formuliert: „Max Lang, ein Pilot in meinen Texten, der selten Bodenberührung hat, kam mit der erstaunlichen Frage: Wohin führt Bewegung im Raum? Oft genug setze ich ihn an einen Ort mit unbekannten Koordinaten & verfolge dann so genau es geht, was passiert. Wenn es eine Botschaft seiner Erfahrung gibt, dann heisst sie wahrscheinlich: Schau dich genau um, wo du bist, sei dir klar, dass es keine Grenzen gibt, ausser dir … Raum ist keine Dimension, die ausserhalb existiert, Raum beginnt hier, um dich (…) Lass dich nicht festnageln, lass dir nicht vorschreiben, wohin die Strasse führt … (…)“

 

„Frage: Was ist das Ziel einer langen Reise?“

„Vergessen.“ (Ferne Routen)

 

Nur das Vergessen ermöglicht es, in den imaginären Raum vorzudringen.

Das ist der Grund, weshalb sich die Figuren im Ploog-Universum kaum an etwas erinnern.

Nächte in Amnesien.

 

Für die Lektüre von Jürgen Ploogs gilt das, was Burroughs über „Naked Lunch“ schrieb: Man kann sie an jeder Stelle aufschlagen und zu lesen beginnen.

2023 15 Aug.

Die erste Etappe ist die Schwerste

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Von Hamburg-Neugraben bis Buchholz-Steinbeck sind es nur rund 25 km auf dem Heidschnuckenweg, aber die hatten es gestern in sich. In der Fischbeker Heide schlängelt sich der Weg immer wieder von links nach rechts und zurück, das Höhenprofil ist leicht wellig. Nach dem Segelflugplatz wandern wir geradeaus auf der Grenze zwischen Hamburg und Niedersachsen, allerdings geht es nun in die Vertikale immer wieder recht steil rauf und runter, über Stock und Stein auf einem von Baumwurzeln übersäten Weg. Wir kommen ins Schwitzen. Ein etwa gleichaltes Paar kreuzt dauernd unseren Weg. Erst machen sie Rast auf einer Bank in Tempelberg, wir kommen vorüber und grüßen mit „Moin“, sie zurück, dann pausieren wir im Mischwald, sie gehen vorbei etc. Im Wald treffen wir auf drei Generationen einer ukrainischen Familie. Großvater und -mutter mit Tochter und Söhnchen. Die Großmutter hat einen Korb mit Pilzen. Reizker und Maronenpilze (mit Lamellen). Sie spricht gut deutsch, kennt die Pilznamen auf deutsch. Wir gucken beeindruckt in den Korb, was dem kleinen Jungen gar nicht gefällt, er fürchtet, dass wir die Pilze wegnehmen und insistiert, dass es ihre Pilze sind, er scheint verängstigt, guckt mich mit großen Kinderaugen an, ich muss daran denken, wo sein Vater wohl jetzt gerade ist. Später kommt aus einem anderen Waldstück ein mittelalter Mann, die Hände voller Pilze, mit einem selbstzufriedenen Lächeln auf den Lippen. C. fragt, ob es Steinpilze sind, er bejaht.

 
 

 
 

Mittagspause auf einer Bank mit Blick auf den Fernmeldeturm Langenrehm, der Wiesenweg zieht sich langsam links von uns den leichten Hang hinauf. Während unserer Rast kommen mehrere Wanderer vorbei. In Langenrehm ist Halbzeit, wir haben etwa 12,5 km hinter uns gebracht. Die zwei Liter Wasservorrat sind erschöpft. Unser Wasserverbrauch enorm, bei sommerlichen Temperaturen um die 25 Grad und viel Auf und Ab eigentlich nicht so erstaunlich. Mitten im Weiler der ausgedehnte Reiterhof der Familie Lücking, eine Art Abenteuerspielplatz für Kinder mit zwei echten Dampfloks, einem krokodilartigen Holzstamm etc. Wir treffen ein paar Kinder an, die uns in Richtung Reithalle weisen. Dort ist niemand während der Siestazeit. Wir sehen einen Gärtner, der uns den Weg zur Hauswand mit dem Wasserhahn unter dem metallenen Tornister weist. Dadrüber steht „Durstlöscher für Wanderer“.

 
 

 
 

Am Wegesrand treffen wir zweimal auf als Schutzhütten eingerichtete Bauwagen. Drinnen sieht es gemütlich aus, das Getränkeangebot ist vielfältig.

 
 
 


 
 
 

Am Wegesrand immer wieder Findlinge, meterhohe Steine vom Sand glattpoliert während des Schmelzens der Gletscher in der vorletzten Eiszeit. Das eindrucksvollste Exemplar der nach Karl dem Großen benannte Karlstein in den Schwarzen Bergen vor Rosengarten. Ein rund zwei Meter hoher und noch etwas breiterer Stein mit einigen Furchen, er erinnert etwas an ein Gehirn.

 
 

 
 

Im Wald kreuzt ein Prachtexemplar von Hirschkäfer unseren Weg. Während wir heute gut 10% der Länge des Heidschnuckenweges durchschreiten, schafft er es in Nullkommanichts den Weg einmal zu queren.

 
 
 

 
 
 

Vor Nenndorf ein infernalisches Tosen, vor uns die A261, unter der wir durchgehen. Danach sogar noch ein Stück, wo sie parallel zum Weg verläuft, kurz vor Dibbersen dann noch neben dem Autobahnzubringer – die Brombeeren am Rande mehr als reif – und dann über die A1, das war es dann heute erstmal mit dem Autobahnlärm. Wobei wir anschließend noch an einer Kiesgrube vorbeikommen, wo reger Lkw-Verkehr herrscht und die Landschaft völlig zerschnitten ist.

Im Wald vor Buchholz-Steinbeck, unserem Etappenziel, treffen wir auf einen Mann mit zwei Hunden, mit dem wir ins Gespräch kommen. Der eine Hund, der aussieht wie ein stämmiger Irischer Wolfshund stellt sich als altdeutscher Hütehund heraus, er braucht gerade eine Pause, legt sich hin, ein eher phlegmatischer Zeitgenosse, der uns an die Berner Sennenhündin erinnert, mit der wir regelmäßig Gassi gehen. Der zweite Hund ein aufgedrehter schwarzer Zwergpudel, der mich sofort adoptiert, sich hochstellt gegen mein Bein und Streicheleinheiten verlangt. Anschließend umtänzelt er den massigen Hütehund und schleckt sein Gesicht ab. Immer wieder schön zu sehen, Zärtlichkeit zwischen Tieren bzw. das, was wir dafür halten.

Gegen Ende werden die schweren Beine wieder etwas leichter, die zusammengeschrumpften Schritte wieder etwas länger, das vor uns liegende Ziel weckt noch einmal letzte schlummernde Kräfte. Insgesamt eine sehr abwechslungsreiche Etappe, ich ärgere mich etwas den Weg, was die vielen vertikalen Amplituden angeht, unterschätzt zu haben, die Wanderstöcke hätten uns gut unterstützen können. Beide Kniee schmerzen jetzt etwas, ich benötige auf jeden Fall noch eine zweite Bandage. Die beiden Stürze am ersten Tag wie meistens harmlos auf weichem Boden und perfekt wie ein Judoka abgefedert. ;-)

 

2023 15 Aug.

„a scent of blues“

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2023 13 Aug.

Prolog: Auf Schusters Rappen durch die Heide

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C. und ich haben unsere Wanderschuhe geschnürt, die 30 Literrucksäcke gepackt und sind mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Zum Aufwärmen für unsere Wanderung auf dem Heidschnuckenweg sind wir heute schon mal die Fischbeker Heideschleife durch die blühende Landschaft gegangen. Zu sehen waren viele Sonntagsausflügler, ein Teich mit ein paar gerade zu blühen anfangenden Seerosen – Monet lässt grüßen – ein Reh, der leere reetgedeckte Stall der hiesigen Heidschnuckenherde, Blaubeeren in rauhen Mengen, sandige Wege, aus den Endmoränen der vorletzten Steinzeit entstandene Hügel, Kanadagänse, Enten usw. Mit anderen Worten wir haben uns langsam akklimatisiert und können morgen die erste Etappe nach Buchholz angehen. Die nächsten zwei Wochen ist beschauliches Tippeln durch die Lüneburger Heide bis nach Celle angesagt.

 

2023 13 Aug.

Asbach Uralt

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Endlich einmal wieder sortierte ich den alten Papierkram aus, auch obsolet gewordene Bücher waren dabei, begleitet von der Frage „Was kann weg?“. Ist doch das Entmüllen immer auch ein Enthüllen dessen, woran man festhält und andererseits der Gegenpol zu überflüssigem Konsum: nicht, was man kauft, ist hier die Frage, sondern was loszulassen man bereit ist. Ich fand also im alten Kram ein handgeschriebenes Blatt, hatte ja des öfteren mal gute Textstellen auf diese Weise festgehalten, verinnerlicht und bekräftigt. Ich rätselte herum, von wem denn dieser Text, gut geschrieben und mir aus der Seele sprechend nun eigentlich war, musste die Quelle aufspüren. Sie ahnen es bereits, verehrte Leserin: der Text war von mir selbst. Wenn einem solches widerfährt, dann ist das mehr als einen Asbach Uralt wert: man sollte sich schleunigst von überzogener Selbstkritik befreien, nach dem Motto „Gut sind immer nur die Anderen“. Hierzu gab es kürzlich in dem lockeren Bühnengespräch zwischen dem Kabarettisten Florian Schroeder und dem Philosophen Peter Sloterdijk ein Analogum: der nordische Protestantismus sei ja immer auch mit dem mahnenden Fingerzeig verbunden, sich selbst nicht gut finden zu dürfen, Richtung Süden lockere sich das dann („Mir san mir!“). Bei selbiger Plauderei fand sich auch ein wunderbarer Hinweis zum Gebrauch der Sprache: senkrecht zum Sachverhalt wäre das Gesagte mit dem Ding identisch. Wenn Millionen ein schlechtes Länderspiel sahen, dann sagte der Tautologe Günther Netzer dazu: „Wir haben ein schlechtes Spiel gesehen!“ Wir anderen aber geben uns genüsslich dem schrägen und verspielten Sprachspiel hin, finden auch darin einen Sinn.

 

2023 12 Aug.

Auf den Sommerbühnen der finnischen Musik

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Finnen von Sinnen 

(Eilenberger)

 
 

Musikverrückt sind sie sicher. Erst Ende des 19. Jahrhunderts haben die Finnen die Anerkennung ihrer schwierigen Sprache erhalten, davor ging nur Schwedisch. Und wenn die These stimmt, dass der Mensch erst durch die Sprache zu singen begann, dann können sie ihrem intellektuellen Nationalhelden, Johan Vilhelm Snellman wirklich dankbar sein. Dieser Philosoph, ein Hegelianer, machte sich im 19. Jahrhundert viele Gedanken über die finnische Persönlichkeit und deren Nationalcharakter. Seine These war: nur mit einer gemeinsamen Sprache lässt sich etwas bewirken. Als Finnisch Amtssprache wurde, änderten einige ihren schwedischen Namen ins Finnische. Für mich ist das Schwedische, jetzt als Zweitsprache, eine große Hilfe in der öffentlichen Logistik.

Im Sommer ist Finnland für Musikliebhaber sehr attraktiv. Natürlich ist Janne Sibelius all around. Aber dieses Mal achtete ich auf andere Musikii. Im traditionsreichen Café Kappeli sitze ich immer gerne. Ihm gegenüber ist eine Bühne aufgebaut, auf der gerade das ESPANLAVA Festival läuft. Das ist ein von Kulturleuten organisiertes Jazzfestival mit hochkarätigen Jazzmusikern. Der Eintritt ist frei. Als ich vorbeikam, spielte gerade der finnische Bassist Jukka Havistoo. Ein großes Talent. Ich blieb auf den musikalischen Stühlen sitzen.

 
 


 
 

Ich besuchte Rauma, eine kleine Stadt im SW von Finnland. Aufgrund ihrer toll erhaltenen Holzhäuser wurde sie ins Weltkulturerbe aufgenommen. Jedes Jahr im August gibt es hier das FEEL GOOD BLUESFESTIVAL. Es ist eines der größten Festivals in Finnland. Hier hatten große Musiker bereits ihren Auftritt: Canned Heat, John Sebastian, Erja Lyptinen, die Finnin ist auch dieses Jahr wieder on stage. Aktuell spielen außerdem Robert Finley und die große Blueslady Nora Jean Wallace.

90 km nach Norden liegt die Jazzhauptstadt PORI. Im Juli findet dort seit 1966 eins der am besten bekannten Jazzfestivals statt. Es dauert mehrere Tage, der Eintritt zu den über die Stadt verteilten Konzerte ist frei. Über eine Fussgängerbrücke gelangt man vom Zentrum zur Hauptbühne, die auf der “Jazzinsel” Kirjurinluoto liegt. In den vielen zurück liegenden Augustii trafen sich hier die Maestros of the Music: B.B. King, Miles Davis, Carla Bley, Oscar Peterson, Terve Rypdal, Herbie Handcock. Auf dem Catwalk erlesenster Jazzmusik durften dann auch Nonjazzer auftreten: Björn, Nora Jones und in diesem Sommer Robbie Williams.

 
 


 
 

In dem herrlichen Jazzcafé Pori hatte ich in einer Zeitschrift geblättert und aus GUITAR diese Noten abfotografiert. Monatlich erscheint dieses Heft und monatlich werden 3 Gitarrenstücke zum Nachspielen veröffentlicht.  Ich wählte den Song “You never give me your Money“ von den Beatles aus, weil John Lennon lays down some funky rhythm guitar … . Das letzte Foto widme ich Robert Robertson. Ich fand es in einer Biografie über Levon Helm. Die beiden waren wie Zwillinge, heißt es da.

 
 


 
 

Wenn man in Finnland Gelegenheit hat, fernzusehen, dann fallen die vielen Musiksendungen auf. Hunderte Finnen sitzen irgendwo zusammen und singen “all sång”. Die Energie dieses Rudelsingens springt ja geradezu über aus dem Bildschirm, wie damals die Flying Toasters im Störprogramm.

 


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