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2021 26 Juni

David Bowie: „Ashes to Ashes“ (1982)

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Leider habe ich viel zu viel vergessen von diesem Traum, und wenn ich es nicht sofort aufschreibe, werden sich noch die letzten flüchtigen Erinnerungen auflösen. Ich landete an einem Ort, an dem sich die Wege der Schulbusse von Volksschule und Gymnasium kreuzten, ein Knotenpunkt zwischen Kindheit und Jugend – und da, auf dem Bürgersteig zu nächtlicher Stunde, traf sich eine kleine Gruppe, um ihr Geheimwissen über David Bowie wachzuhalten, und dabei kleine Andenken zu verkaufen wie Blumenvasen und Kerzenständer.

Andenken ist vielleicht das falsche Wort, denn diese Gruppe war der Meinung, Bowie würde noch leben. Ich gab da gerne den Aufklärer, kam aber nicht sonderlich gut an damit. Und staunte schon etwas, dass diese Leute keine durchgeknallten Spinner zu sein schienen – einer sah geradezu wissenschaftlich und seriös aus (ein Diplom-Psychologe wie ich), und war sogar bereit, sich meine eher ernüchternden Mitteilungen anzuhören. Das änderte zwar nicht seine Sicht der Dinge, aber immerhin führten wir alle zusammen intensive David Bowie-Gespräche.

An dieser Stelle sei verraten, dass ich in diesem Traum meine gesammelten realen Erfahrungen mit Bowie und seiner Musik zur Verfügung hatte, ohne dass es mir auch nur einen Moment lang dämmerte, dass dies ein Traum sei. Sie hörten alle interessiert zu, als ich ihnen erzählte, dass ich ihn nur einmal live erlebt hätte, hier im Ruhrgebiet, auf seiner ersten Tour nach Erscheinen des Albums „Low“. Mein neuer Psychologen-Kumpel konnte sich für jene Konzerte Ende dér Siebziger Jahre (und das zugehörige Live-Album) nicht sonderlich erwärmen (er sagte, er hätte ihn damals in Köln gesehen), aber wir waren uns wenigstenes darüber einig, wie toll Bowie „The Moon Of Alabama“ von Kurt Weill vorgetragen hatte. Wie gesagt, intensive Bowie-Gespräche.

So ging das eine ganze Weile, und ich wurde von den andern zwar als komischer Vogel begrachtet, aber doch mehr und mehr in ihren Kreis aufgenommen. Ohne von meinen Standpunkten abzuweichen. Es war ein sehr langer Traum, und viele launigen Kleinigkeiten sind mir entfallen. Die Stimmung in der Gruppe war zwar leicht melancholisch, weil bislang alle Spuren, den lebendigen Bowie zu finden, ins Leere führten. Aber die Geschichten wechselten in der Gruppe hin und her, es war eigentlich wie eine schöne Party in jungen Jahren, nur dass keine Musik ertönte.

Was hatte diesen Traum getriggert? Eine Sache ganz sicherlich – ich hatte am Tage zuvor ein kleines Gespräch über Lieblingsplattem mit Danny Elfman gelesen. Er wurde darin gefragt: What, if push comes to shove, is your all-time favourite album? Und er antwortete: If push came to shove I’d have to choose David Bowie’s Scary Monsters (And Super Creeps). Nun, ich kenne Danny Elfman gar nicht, doch liess diese kühne Aussage meine Erinnerung springlebendig werden. Die LP blieb im Dezember 1982 in einem früheren Leben zurück, und ich hatte sie ungefähr so oft gehört, wie ich von Susanne Hengstbach flachgelegt wurde (ich liebte Susanne, und ich liebte Scary Monsters). Robert Fripp wirbelte grandios in den Liedern herum – vielleicht muss  manchmal ein grosses Album auf der Strecke bleiben wie eine grosse Liebe.

Dieser Traum war ziemlich hippiesk und groovy – es hing durchweg ein beonderes Flair in der Luft, von Detektivarbeit, Mysterien und toller Musik. Ich bin sicher, die besten Sachen (die Engel in den Details) sind mir entfallen. Aber ein Traum, der so gut unterhält, so eine fabelhafte Stimmung verströmt, dass seine Deutung darüber in den Hintergrund gerät, ist es allemal wert, auch in Fragmenten erzählt zu werden. Träumen Sie gut!

2021 25 Juni

Don Henley: „The Boys of Summer“ (1984)

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Diese scheinbar nie endenden Sommertage und -nächte haben etwas Wehmütiges an sich. The Boys of Summer erforscht die jahreszeitliche Romantik und das Vergehen der Jugend und fühlt sich an, als würde man durch sepia-getönte Erinnerungen an vergangene Sommer stolpern – mit taktilen 80er-Jahre-Drum-Maschinen und suchenden Gitarrenfiguren. Ich habe diesen Song nie besonders gemocht, aber gestern hat er mir, am Strand aus einem Radio kommend, zum ersten Mal seltsam gut gefallen – er tat fast ein wenig weh.

2021 24 Juni

Lou Reed: Coney Island Baby (1976)

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Ich habe mich, auch nach Jahrzehnten, nicht geirrt (was sonst gewiss häufiger vorkommt!) – es gibt einen hinreissenden Lovesong auf „Coney Island Baby“, der „Coney Island Baby“ heisst und nahtlos in den Kosmos von „Astral Weeks“ gepasst hätte, so gut ist er tatsächlich. Lou Reed war damals, 1976, auf den Hund gekommen, seelisch, körperlich, finanziell. Und was für Kinder des Ruhrgebiets die Cranger Kirmes war (auf der ja wohl auch die Geister dunkler Zeiten verscheucht wurden), war für waschechte New Yorker Coney Island, eine Ort, an dem es, wie Stuart Berman, schreibt, „immer 1953 ist, eine Jahrmarktsfantasie, die aussieht, als würde sie gleich von der imposanten, endlosen Weite des Atlantiks verschluckt werden. Coney Island fühlt sich an wie der letzte Halt vor dem Ende der Welt. Es ist unsere kollektive Vision des bevorstehenden Todes, groß geschrieben in Riesenrad-Lichtern und Zuckerwatte: Ein letztes Aufblitzen von Kindheitsnostalgie, bevor wir in der Leere verschwinden.“ Also etwas grösser und existenzieller angelegt als eine Kirmes mit Auto-Scooter und Geisterbahn im Kohlenpott – eine historisch verbürgte Schattenwelt. Und genau dort zog es den jungen Lou hin, um sich am eigenen Schopf, und mit einer formidablen Band, aus dem Sumpf zu ziehen. Es gibt auch hier nachtschwarze „Partysongs“, die aus billigem Sex, Koks und Todesnähe gebastelt sind, aber es gelingt dem Mann am Abgrund, eine Handvoll schwebend-leichte Lieder aus dem Ärmel zu schütteln, die nicht in Alpträumen versinken, sondern so etwas wie feinen Beobachtungsssinn an den Tag legen, die Gitarrenluftigkeit eines Eric Clapton, die Bereitschaft, sich der eigenen Normalität zu stellen, und vielleicht sowas wie Liebe zu finden. So kannte man ihn vorher nicht. Ich gebe dem Album, das ich heute zum ersten Mal seit 1976, 1977, 1978, um den Dreh rum, gehört habe, dreieinhalb Sterne, und ein Lächeln mit auf den Weg.

 

Ich springe aus meiner Haut
dieser winzige Sektor kann mich nicht fassen
blitzschnell einen Anzug anziehen
schlüpfe mutig in Symbole, mutig
gehe dorthin, wo ich nicht erwünscht bin
stehe, wo das Licht hart trifft
fast ausgewachsen
fahre allein nach Hause und lausche den langsamen Teilen

 

in einem neuen Universum
versuche, die Maske zu finden, die mir passt
den Fluch abschütteln
mich so zu verhalten, wie die Leuchtfeuer es mir befehlen
Denim und Leder
Silberne Riemen, um die Eingefleischten zu erfreuen
Lass mich tanzen, bis ich sterbe
dreh die Lautstärke hoch und
hör dir die langsamen Teile an

 

Außerirdische Schiffe aus uralten Welten
alterslose Kapitäne an ihren Steuerrädern
Wut aus dem Meer –
lass es mit mir beginnen

 

die Halbwertszeit meiner Gifte:
schwer zu berechnen
Vorrat an Mull für Unfälle
Versuche, meine Geschichte aufrechtzuerhalten
Dutzende wie ich
nie ganz frei, füllen unsere Tanzkarten aus
markiere meine Zeit an der Wand
antworte auf den Ruf und höre auf die langsamen Teile

 

 
 

Jetzt willst du es aber wissen, meinte Tom, die sympathische Nachteule, als ich halb vier im Zimmer des Leiters vom Dienst auftauchte. Genau, sagte ich, und wir hielten uns mit kleinen Geschichten wach. Er erzählte mir, wie einst ein Raubtier (ein Löwe, ich glaube, er erzähte von einem Löwen) aus dem Kölner Zoo ausgerissen war, und jemand nun ein Buch darüber geschrieben hatte, und ich ihm von der Lust, in ein paar Stunden, bei meinem Lieblingsfrühstücksitaliener (Ehrenstrasse, neben Zweitausendeins), zwei Spiegeleier mit Parmesankäse zu vertilgen, und einen doppelten Espresso. Dann war es vier Uhr, und die kleine Steve Tibbetts-Show begann, natürlich streikte zwischendurch wieder einer der Player, aber die Stunde verflog dennoch im Nu, wie immer, wenn gute Musik im Spiel ist. Die Ehrenstrasse ist noch wie leergefegt, der humorlose Kellner wird mir gleich die Spiegeleier mit dem köstlich getoasteten Weissbrot bringen. Normalerweise ging ich früher immer (nach dem Italiener) eine Strasse weiter, und plauderte in der Alibi-Buchhandlung mit Manfred Sarrazin über neueste Thriller, aber der Laden hat seine Pforten lange zu. Neben dem einstigen Laden für Experten von thrill, crime & noir steht heute ein Laierkastenmann, und ich komme mir vor wie im Berlin von Erich Kästner, im Schulterschluss mit  „Emil und die Detektive“. Eine Melodie klingt nach Zarah Leander, und wie immer nach durchwachter Nacht, gehe ich wie auf Wolken durch eine durchaus sonnendurchflutete Schmuddelstrasse.

 

2021 21 Juni

A propos Damon

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Eines der bewegendsten und schönsten Songalben des 21. Jahrhunderts stammt (für mich) von Damon Albarn und heisst „Everybody‘s Robots“. Bei allem Respekt für den Briten kam kein Album, an dem er beiteiligt war (ausser „Africa Express presents Terry Riley’s In C“, auch nichts von „Blur“), auch nur annähernd an die Wirkung heran, die dieser Songzyklus auf mich hatte und hat. Nun ist für November sein zweites Songalbum unter eigenen Namen angekündigt, und ein Lied daraus schon hörbar, anscheinend das Titelstück „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“. So gut wie alle Kommentatoren sind begeistert, aber gegen all meine hohen Erwartungen zündet das Lied überhaupt nicht, und auch das getragene Adagio lässt mich distanziert zurück. 

 

2021 21 Juni

Zurück

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Es wird auch wieder Zeit. Nicht nur Nachtradio, Nachtlandschaften, Nachtwanderungen, nein, auch Nachtfahrten haben ihren Reiz. Ich war so verwöhnt vom leeren Sylt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, die Insel im Volltouristen-Modus aufzusuchen, aber mir fehlte das Meer, und mir fehlen die Nachtwanderungen, was ich mal als neue Obsession bezeichnen würde. Mit dem Sonos Move richte ich mir nachts um zwei eine kleine Soundinstallation ein, mit dem Meer und mit Pauline (nicht die Frau an meiner Seite, sondern der Sound aus der Zisterne). So bleiben die alten Effekte meiner Robinsonade im Lockdown erhalten. Und die Uwe-Düne, morgens um sieben (wenn die Welt noch in Ordnung ist), eine solitäre Angelegenheit. Der Trick ist, acht Tage lang die leeren geräumigen Orte aufzusuchen, und als kleines Kontrasterlebnis, ein Trubelrestaurant pro Tag. Wer mal vorbeischauen will, Samstag um 6.45, auf der höchsten Düne der Insel. In solch dünner Höhenluft überlegt man sich jedes Wort. Abenteuer gibt es jede Menge: ich weiss, wer einen echten Chagall hat auf der Insel, und ich habe „Lupin“ gesehen, auf Netflix.

 

2021 20 Juni

The Mix #1

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Auch übernächtigt lasse ich mir solche späten Abende nicht entgehen. Wenn du den Lautsprecher aufdrehst, hörst du ganz verschiedene Quellen von Sound und Geräusch, alles in realer Zeit, keine Spielerei. Ich kann stundenlang dasitzen, und diesen Lichtern zusehen. Ganz im Hintergrund erkennst du vielleicht auch die leise Musik aus meiner elektrischen Höhle. Ich hatte im Dunkeln das Regal abgesucht, und bin dabei auf diese CD gestossen, die ich viel zu lange nicht mehr gehört habe, vielleicht ein Jahr. Und dabei ist sie eine der schönsten Platten meines Lebens.  Etwas mehr passiert auf Mix #2, den du etwas früher an diesem Tag findest, obwohl er fast zur gleichen Zeit aus derselben Laune heraus festgehalten wurde. Es ist das gleiche Album, und ich als ich die Musik hörte, hatte ich eine Idee.

 

 
 

Nik Bärtschs Buch ist nun erschienen, in klarer englischer Sprache, mit zahlreichen Fotos, Illustrationen und side-kicks. Der flapsige Untertitel „A useless guide for everything“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk bei all seinem Seitwärtstreiben, Stories und Reflexionen ein spannendes Handbuch ist, über Listening / Music / Movement / Mind. Ich mag solch mäandernden Erzählwerke, in denen man hemmungslos rumstöbern kann, aber auch linear, von vorne bis hinten, in einen mindestens „modul-artigen“ Sog gerät. Eine tiefere Sympathie für die Musik von Nik Bärtsch erhöht die Lesefreude und macht das Lesen zu einem „thrill of thoughts“. Eine Stunde darüber in den Klanghorizonten, im Oktober, ist in Planung.

 

2021 19 Juni

On Robert Ashley´s „Private Parts“, Part 1

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Im Laufe der Jahre gab es zwei Coverbilder: auf dem einen strahlendes Gelb, die Buchstaben in schwarz. Auf dem anderen Motiv geht es etwas psychedelischer zu: einige Planeten – darunter die Erde – schweben im schwarzen Weltall. Im Vordergrund wächst festes, dunkelgrünes Gras. Die Stimmung, die beim Betrachten entsteht, ist sphärisch, aber mit Bodenhaftung.

Das passt. Robert Ashleys spoken word-Album „Private Parts“ erschien 1978, ich habe es erst Anfang 2019 entdeckt, zur Zeit der Wiederveröffentlichung. Die Arbeit hat mich sofort in ihren Bann gezogen, vor allem die Stimme Robert Ashleys und der unglaubliche Sog der Texte der beiden zwanzigminütigen Tracks. Was passiert hier?

Ein Mann hat ein Zimmer in einem Motel betreten, er packt seine Taschen aus, sitzt auf dem Bett, beide Füße auf dem Boden. Das ist das zentrale Bild des ersten Teils „The Park“. Dieser völlig unspektakuläre Moment ist Ausgangspunkt eines faszinierenden Veränderungsprozesses, der das ein oder andere andeutet, letztlich jedoch nicht fassbar wird, – auch nicht nach vielfachem Hören oder Lesen des Textes. Immer wieder wird eine erwartete Logik durchbrochen. Bevor der Text greifbar wird, bricht er ab, gleitet ins Abstrakte oder setzt neu an: ein neues Bild, ein neues Thema, ein neuer Eindruck, eine weitere Überlegung, kleine Sprachspielereien.

Einmal heißt es „This is a record“ und später wird das Gegenteil behauptet: „This is not a record.“ Bilder, an die wir uns erinnern: ein altes Telefon mit Hörer, bläuliches Licht im Zimmer, ein Teller mit Pflaumen zum Frühstück, draußen eine Statue (ein Mann mit Pferd) sowie zwei Männer auf einer Bank. Ausgiebig reflektiert wird das Thema Übergang und Sterben.

Der Text wirkt spontan und assoziativ, ist jedoch fein komponiert und erzeugt bei jedem Hören einen anderen Subtext. Ich habe das Album mindestens 30 Mal gehört – die Konzentration auf den Text, die Stimme, Trommeln und Piano hat mir geholfen, meine Joggingstrecke zu verlängern – und ich habe jedes Mal etwas Neues entdeckt.

Robert Ashley zelebriert in „Private Parts“ die Faszination der Leere. Beim Hören wird man gelegentlich in eigene Gedanken abschweifen, man kann aber mühelos wieder einsteigen. Dieses Album ist ein Traum, in den man sich immer wieder fallen lassen will, um die Schwere des eigenen Ichs loszulassen und Teil des Ganzen zu sein.


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