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2020 17 Mai

25 Rückblicke

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In diesem allerfeinsten kleinen Film, in dem Bill Frisell von seinen Anfängen erzählt, dreht sich einiges um sein Debut-Album für ECM, „In Line“. Ein Solowerk, mit der Unterstützung von Arild Andersen bei einigen Stücken. Ein betörend unspektakuläres erstes Mal. Diese Produktion ist auch eine Story von Manfred Eichers Gespür und Geduld (aber hören, sehen Sie selbst). Ich fragte mich, wer dieser Gitarrist sei, als ich ihn das allererste Mal hörte, mit seinem Kurzauftritt auf Eberhard Webers Album „Fluid Rustle“, bei dem er auch Balalaika spielte. „In Line“ begegnete mir wieder, während eines Gesprächs mit Gavin Bryars. Da ging es um sein Album „After The Requiem“, mit Frisell an der E-Gitarre. Wir sprachen über die letzten Tage des Philosophen Immanuel Kant, wie er (daran erinnere ich mich, sicher lückenhaft) er aus dem Fenster seines Zimmers schaute, auf einen alten Turm gegenüber („The Old Tower of Lobericht“) – und Gavin Bryars schichtet die Klänge so wundervoll, dass Frisells Schwebungen sich elegisch und spannungsreich zugleich einfügen. Und Mr. Bryars erzählte mir, in einem kleinen Büroraum in Gräfelfing, wie sehr er „In Line“ als Album schätze. Ein Stück daraus spiele er seit Jahr und Tag immer wieder, wenn auf seinen Flügen die Maschine dabei ist abzuheben, und er damit eine leichte Flugphobie bestens in Schach halte. Es habe die perfekte Schwingung, und die perfekte Länge. Wer Frisells Musik kennt, wird, wenn er dem Amerikaner zuhört (in diesem Gespräch, das wie ein tief entspanntes Solo rüberkommt) ganz eigene Assoziationen entwickeln zur Musik, zur eigenen Hörgeschichte. Hier und da gönnt sich die Kamera einen Blick in die Umgebung, auf einen Spielplatz etwa. Für Frisell war die Musik stets ein „adventure playgound“, und hier erzählt er so ehrlich, so ruhig, dass man dieser Figur wirklich näherkommt, und hinterher grosse Lust hat, „In Line“ zu hören. (m.e.)

 

Tatsächlich zählte Bill Frisell zu meinen ersten Gesprächspartner-Ideen für diese 50-Episoden-Reihe über ECM (neben Mick Goodrick, der leider mit den Worten „I’m in the process of retiring in the next year or so, plus I broke the little finger of my left hand a couple of years ago“ freundlich, aber bestimmt absagte), und letztlich zog sich die Organisation zu einem Treffen mit Bill  über einige Monate hin, und es war bislang auch der einzige Musiker, mit dem die Planung nicht direkt persönlich stattfand, sondern ausschließlich zuerst über seine Managerin in San Francisco und dann mit seiner Tourmanagerin / Tonmeisterin. Leider ließ es sich nicht ermöglichen, ein Treffen bei ihm in New York zu machen. Ich bot dann irgendwann an, dass doch der Konzertraum hier in Berlin der Tour im letzten Herbst eine gute Option wäre, da ich quasi auf der gleichen Straße wohne, nur ein Stück weiter nördlich, was auch auf positive Resonanz zu stoßen schien. Ob eine Stunde den ausreichend sei? (Sicher. Mit Richie Beirach, Heiner Goebbels oder Boris Yoffe hatte ich deutlich weniger Zeit, und das Ergebnis kann man dennoch vorzeigen.) Doch von Seiten der Kontaktperson(en) wurde am Ende der Wunsch übermittelt, das Gespräch im Hotel durchzuführen. Ob ich denn auch mit einer halben Stunde auskäme? Naja, klar, sagte ich, schließlich hatte ich wohlahnend schon zu Beginn geschrieben, dass auch einige Minuten im Rahmen eines Soundchecks oder dergleichen möglich wären, sollte es zeitlich im Rahmen einer Tour nicht anders einzurichten sein. Meist ist ein Hotel keine wirklich gute Räumlichkeit für Interview-Filmereien, erstens weil es meistens stulle (so der Berliner) aussieht (siehe hierzu die Interviewvideos mit Heinz Holliger, wo wir immerhin ein dunkles Salonzimmer in einem Westberliner Hotel organisierten), und zweitens weil der Ton schwierig zu verwenden ist. Vor Ort zeigte sich dann auch, dass die Hotelangestellten (erwartungsgemäß) einem Interview nur unter der Bedingung zustimmten, dass wir uns ins Restaurant setzten – und keine Aufnahme gemacht würde.

Daher fand das Gespräch mit Bill am Ende in einem kleinen Park mitten in Friedrichshain statt, eine Minute vom Hotel entfernt  statt (ich hatte ja nur 30 Minuten); glücklicherweise war es akustisch gerade so noch okay, wenngleich dort auch einige Herrschaften unterwegs waren. Rechtlich gesehen darf man heute Menschen in der Öffentlichkeit nicht einmal mehr von hinten Filmen, wenn man nicht vorher ihre Erlaubnis einholt, mit Kindern ist es noch strenger… Ich wäre herzlich gerne mehr in die Tiefe gegangen und hätte gerne noch einiges mehr zu Bills Arbeit für/mit ECM erfahren, aber so ist der Fokus eben noch striker auf den Jahren bis zum ersten Album. Immerhin hatte er vorher schon mein Video mit Gavin Bryars gesehen (und das gleich positiv erwähnt), wo er ja auch thematisiert wird.

Heute habe ich sozusagen die Hälfte der Episoden der Reihe fertig; 15 weitere sind zumindest gefilmt (und manche in Teilen geschnitten, aber noch nicht ganz rund), ich hoffe, die über den Frühling und Sommer fertigzustellen. Und sobald es wieder möglich wird, Reisen anzutreten, hoffe ich, möglichst viele der zwischen März und Mai terminierten und dann abgesagten Treffen noch nachzuholen. Dies ist aktuell der Stand der gesicherten Rückblicke:

 

1961 Steve Swallow & Carla Bley on Jimmy Giuffre 3 

1969 Martin Wieland / Studio Bauer (Mal Waldron „Free at last“ / Version ohne Untertitel)

1970 Frieder Grindler (Wolfgang Dauner „Output“)

1971 Barre Phillips 

1972 Ralph Towner 

1973 Art LandeRed Lanta“

1974 Eberhard Weber

1975 Steve Swallow and Carla Bley on „Dreams So Real – Music of Carla Bley“

       ///   Enrico Rava The Pilgrim and the Stars 

1976 Lajos Keresztes (Egberto Gismonti „Dança das Cabezas“)

1977 Richie Beirach

1978 Wadada Leo Smith „Divine Love“

1979 Roberto Masotti

1981 Meredith MonkDolmen Music“

1982 Bill FrisellIn Line“

1983 John Surman „Such Winters of Memory“

1984 Friedrich Hölderlin

1985 Django Bates on First House

1986 David TornCloud About Mercury“ (+ Everyman Band)

1987 Hans KochAccélération“

1988 Heiner Goebbels / Heiner Müller „Der Mann im Fahrstuhl“

1989 Jean Guy Lathuilière (Alex Cline „The Lamp And The Star“)

1990 Gavin BryarsAfter The Requiem“

1991 Arild Andersen on Masqualero („Re-Enter“)

1993 Sidsel Endresen 

1994 Marilyn Mazur Future Song „Small Labyrinths“ 

1995 Pierre Favre „Window Steps“ 

1996 Juan Hitters (Dino Saluzzi „Cité de la Musique“)

1997 Barry Guy & Maya Homburger

1998 Jan Jedlička (Tomasz Stanko „From The Green Hill“)

1999 Mayo Bucher (Herbert Henck: Jean Barraqué Sonate / Björn Meyer „Provenance“)

2000 Marilyn Crispell

2001 Jon Balke

2002 Carla Bley „Looking for America“

2003 Caterina di Perri (Stefano Battaglia „Raccolto“)

2004 Susanne Abbuehl

2005 François Couturier & Anja Lechner / Tarkovsky Quartet „Nostalghia“ [muss überarbeitet werden; letzte Schnittfassung nicht freigegeben]

2006 Paul Giger & Marie-Luise DählerTowards Silence“

2007 Jan Kricke

2008 Mark Turner

2009 Boris YoffeSong of Songs“

2010 Ketil Bjørnstad & „La notte“ 

2011 Eberhard Ross (Mauseth/Valli „Over Tones“)

2013 Thomas Wunsch (Christian Wallumrød Ensemble „Outstairs“)

2014 Fotini Potamia (Savina Yannatou „Songs of Thessaloniki“)

2015 Gary Peacock Trio with Marc Copland and Joey Baron „Now This“ + Outtake

2016 Marc Sinan & Oguz Büyükberber „White“

2017 Sun Chung / Andrew Cyrille

2018 Gérard de Haro / Studio La Buissonne  

Hinzufügen für 2019 ließe sich noch die kleine Reihe von Gesprächsteilen mit Heinz Holliger, zu seinem 80. vor einem Jahr, wenngleich das stilistisch weitaus simpler ist und letztendlich in künstlerisch-gestalterischer Hinsicht nicht von mir entschieden wurde, und für 2020 die „Kurzdoku“ zu Erkki-Sven Tüürs Kammermusikalbum:

2019 Heinz Holliger über Kurtág, über Philippe Jaccottet und die Idee hinter dem Album „Zwiegespräche“

2020 Erkki-Sven Tüür „Lost Prayers“ 

Gerade als ich diesen Blogeintrag fertigstelle, erhalte ich eine Mail von Gary Peacock, „Whatever has a beginning has an end.“ Nachdem das Gespräch mit Peacock und Marc Copland viel positive Resonanz erhalten hat und auf Facebook zahlreiche Male geteilt wurde, habe ich noch ein „Outtake“ hochgeladen, wo die beiden konkret über ECM und Manfred Eicher sprechen. Das hatte in dem ohnehin schon recht langen 2015-Gesprächsvideo keinen Platz mehr gefunden. Daher hier als letztes Wort zum Sonntag.

2020 15 Mai

Alles in Allem

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Ich hatte es ja schon nicht mehr für möglich gehalten, aber die beste Band Deutschlands hat tatsächlich noch einmal ein Album aufgenommen, nachdem das „Auftragswerk“ über den Ersten Weltkrieg, Lament im Jahr 2014 als das abschließende Experimental-Epos einer facettenreichen, über 30 Jahre sich ziehenden Diskografie dastand, und dann nur noch „Greatest Hits“-Tourneen folgten, und das bei einer Band, die ja nie Hits hatte, also war das nun Ironie oder was? Ich war nie bei einem Konzert der Einstürzenden Neubauten, aber alle, die ich kenne, die die Band in den letzten zehn Jahren im Konzert erlebt haben, sei es bei dem Lament-Lärmspektakel oder der „Greatest Hits“-Tour, die letztlich, wie bei Bands über 30 ja üblich, seit mindestens zehn Jahren in jedem Konzert eine zu 80 bis 90 Prozent identische Setlist spielten, ja, die Freunde von mir äußerten sich positiv über die Konzerte.

Das letzte eigentliche Album der Einstürzenden Neubauten, Alles wieder offen, erschien allerdings vor knapp 13 Jahren, 2007. Zwischenzeitlich hat Herr Bargeld gleichwohl ein paar wirklich tolle Alben aufgenommen, sei es mit Teho Teardo, (Still Smiling, 2013, ist exzellent) oder mit Carsten Nicolai alias Alva Noto unter dem lustigen Bandnamen anbb, Mimikry (2010), noch großartiger. Bei Blixa Bargelds Projekten, speziell auch „den Neubauten“ kommt doch zuverlässig jedes Mal die Sorge auf, dass man enttäuscht wird. Warum eigentlich? Und dann wird man jedes Mal doch von der erwarteten Enttäuschung enttäuscht – so auch diesmal: Alles in allem ist tatsächlich wieder großartig.

Im Vorfeld dieses neuen Albums habe ich mir wieder einmal die letzten Neubauten-Alben angehört, etwa Silence is sexy, Perpetuum Mobile und Alles wieder offen, die drei „regulären“ Alben der 2000er. Sie sind noch immer keinen Deut langweilig oder enttäuschend geworden, sogar nach wie vor durchgehend überzeugend und voller Höhepunkte. Erwartungsgemäß knüpft Alles in allem dort an, nicht bei Lament, es geht noch ruhiger zu als bisher, geradezu balladesk. Interessant bei den Einstürzenden Neubauten finde ich auch immer wieder, dass man meist denkt, „das sind doch alles total normale Klänge und Instrumente, wo sind denn nun die einstürzenden Dinge und die experimentellen Geräusche?“, und dann liest man das Kleingedruckte durch, und entdeckt wieder die abwegigsten Gerätschaften, oftmals metallischer Natur, aber diesmal waren auch erstaunlich viele konventionelle Instrumente beteiligt, und die Metalle und anderen Geräte sorgen wieder für wunderbare Klangschichten, wenn auch nicht mehr so wunderbar eindrucksvoll wie bei „Greatest Hits“ wie Die Befindlichkeit des Landes oder Alles, die Klänge und Metalle brauchen wirklich niemandem Angst zu machen, der bei dem Bandnamen noch immer an den Krach der ersten drei, vier, fünf Jahre der Neubauten denkt. Selten wird es hier noch laut oder geräuschig, etwa bei Zivilisatorisches Missgeschick, und viele Berlin-Verweise sind wieder zu finden, allerdings legt Bargeld im Interview Wert auf die Feststellung, dass man doch Abstand davon genommen habe, ein Berlin-Album zu produzieren, weil das ja eh alle machen oder, naja, so richtig verstanden habe ich eigentlich auch nicht, was er da sagte, aber das ist voll in Ordnung, das gehört dazu, ich interpretiere, man habe vielmehr ein Berlin-Album mit Berlin als Leerstelle produziert. Eigentlich wiederum verstehe ich bislang jedes Neubauten-Album so. Silence is sexy (2000) schien eine Art Resümee des Berlin der Neunzigerjahre abzubilden, und wenn man (als Berliner) das heute hört, merkt man, wie sehr sich die Stadt in den tatsächlich 20 Jahren seither verändert hat. 2000 war nebenbei bemerkt auch das Jahr, in dem ich nach Berlin gezogen bin, also irgendwie passt das mit dem Grundgestus des Albums Silence is sexy zusammen; dieses Album hat für mich immer irgendwie gut vergegenwärtigt, wie Berliner, die schon länger vor Ort waren, die Stadt genau damals, ums Jahr 2000, erlebt haben und was zu jenem Zeitpunkt mit dem Ende der in Berlin umwälzenden 1990er der Stand war. Damals wurde ja auch der komplett neu gestaltete „Potsdamer Platz“ eröffnet, zuvor „die größte Baustelle Europas“, wo dann auch die Filmakademie (DFFB) ihre neuen Räumlichkeiten eröffnete (vom weiter im Westen gelegenen Theodor-Heuss-Platz herüber in die Ganz Neue Mitte gezogen), also war ich dann als Student dort Jahre lang neu-mittendrin. Und heute ist der Potsdamer Platz schon wieder ein alter Hut, vieles steht leer oder soll raus, und der „Platz“ (der eigentlich keiner ist) wird von keinem Berliner gerne gesehen (angeblich ist er ein Touristenanziehungspunkt, aber das ist irgendwie schräg, denn es gibt und gab dort nie etwas zu sehen).

20 Jahre Berlin, 40 Jahre Einstürzende Neubauten – wenn auch, selbstredend, manchmal von Besetzungswechseln geprägt, fehlt doch leider schon lange der spannende FM Einheit. Gegründet wurden die Neubauten, so geht die Legende, mit einem Auftritt am 1. April 1980, und ich weiß, dass sie in jenen Tagen auch in der Wohnung von Rosa von Praunheim spielten, das schrieb er auch in einem seiner zahlreichen autobiografischen Bücher; Rosas Wohnung, in der er seit den 70er Jahren lebt, war oft eine Begegnungsstätte typischer Berlin-Figuren aller Art. Ich habe, als ich nach Berlin kam, rund zweieinhalb Jahre als persönlicher Assistent für Rosa gearbeitet, und wie es der Zufall will, hatte ich gerade letzte Nacht einen Traum, in dem Rosa vorkam. Also, eigentlich kam er, glaube ich, nur insofern vor, dass er nicht mehr lebte. Und als ich aufwachte, war ich mir erst nicht sicher… lebt er nicht mehr? Nein, er geht zwar zügig auf die 80 zu, aber macht nach wie vor Filme und ist Teil der Berliner Kulturszene.

Es ist allein schon großartig, dass die Einstürzenden Neubauten im Jahr 2020 unverhofft noch einmal ein Album herausbringen. Der Titel „Alles in allem“ lässt befürchten, dass es nun wirklich das letzte sein wird. Es enthält keine „Hits“ – im Gegensatz zu den oben genannten drei Alben, die voll solcher Stücke sind, und in den 1990ern gab es auch nur zwei reguläre Alben, Tabula Rasa (1993) und Ende Neu (1996), die nicht ganz so herausragend sind wie die der 2000er (oder die der Achtziger bis zum genialen Haus der Lüge, 1989), bieten aber immer noch ein paar Höhepunkte. Kein Lärm, keine Hits, keine Überraschungen? Vielleicht ist zumindest überraschend, dass Alles in allem ein außergewöhnlich gutes Album ist. Wieder.

 
 

Die Monatstipps sind ja bereits, obgleich der Monat noch eine Woche geht, wieder im Mai angelangt, doch da der DHL-Bote mir vorhin überraschend von Ki&Wi das schon vor wenigen Wochen veröffentlichte Buch von Sibylle Berg überbrachte, soll dies für die verbleibenden Tage des Aprils auch noch ein Buchtipp sein. Ich habe für das Buch etwa die Hälfte der darin enthaltenen Gespräche übersetzt (und auch die Kommunikation mit einigen Gesprächs-partner/innen geführt) – eines der Gespräche hatte ich tatsächlich sogar in die Wege geleitet (Kontakt durch David Rothenberg vermittelt) und letztlich auch komplett vorbereitet und geführt. 16 Gespräche mit Wissenschaftler/innen aus unterschiedlichsten Feldern hatte Frau Berg für ihre monatliche Gesprächsreihe im Schweizer Online-Magazin Republik zusammengestellt, und diese fasst nun das Buch zusammen.

 

Permanent sind wir mit Meldungen aus aller Welt konfrontiert, die wir weder einordnen noch anständig bewerten können. Und zum Handeln befähigen sie uns auch nicht. Was soll man gegen den aufkommenden Faschismus tun? Gegen schmelzende Gletscher? Gegen Überwachung und Verknappung des Wohnraums? Sibylle Berg versucht es in Gesprächen mit Wissenschaftler*innen herauszufinden. Während der Arbeit an ihrem Roman »GRM« sprach Sibylle Berg über zwei Jahre hinweg mit Expert*innen aus den verschiedensten Disziplinen – mit Systembiolog*innen, Neuropsycholog*innen, Kogni-tionswissenschaftler*innen, Meeresökolog*innen, Konflikt- und Gewaltforscher*innen. Über den Zustand in ihren Fachgebieten. Und über Ideen für eine Zukunft, die sich nicht wie ein Albtraum ausnimmt. Wie sich wehren gegen Parolen, die den Verstand beleidigen? Wie verhalten wir uns zu der Politik des Spaltens und Herrschens, die gerade weltweit ein Erfolgsmodell zu sein scheint? Was bedeutet die digitale Revolution, und gibt es eigentlich noch Hoffnung? Dieses Buch ist das Richtige für alle, die sich auch solche Fragen stellen und besser gewappnet sein wollen für das, was auf uns zukommt. (Info vom Verlag)

 

Selbst habe ich noch nicht alle Gespräche gelesen, aber all jene, die ich kenne (bzw. an denen ich mitgearbeitet habe), sind überaus lesenswert. Etwa das mit der Polit-wissenschaftlerin Valerie M. Hudson von der Texas A&M University in der Kleinstadt College Station (wo ich zufälligerweise eben dort selbst vor zwei Jahren Gespräche für ein politisches Gesprächsprojekt saufgenommen habe, siehe frühere Blogeinträge), die auf beeindruckend klare und nachvollziehbare Weise von der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Gesellschaft sowie von gezieltem Frauenmord berichtet und den Folgen auf z.B. nationale Sicherheit forscht. Oder die Forschungsergebnisse und Ansichten des Neurobiologen Iddo Magen, der in Israel zu ALS und Drogen forscht. Oder Abraham „Avi“ Loeb, Astrophysiker an der Harvard-Universität, spricht über die Suche nach außerirdischem Leben, und die Zukunft des Alls.

 

Der unsichtbare rote Faden aller Gespräche ist die Frage, wie man die Welt retten oder wenigstens in wichtigen Punkten verbessern und zukunftsfähig machen kann. Das ist ein gigantisches Anliegen, aber Berg bricht es jeweils auf die speziellen Kompetenzen ihrer Gesprächspartner herunter. Sie redet mit (…) dem Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, mit dem Astrophysiker Abraham Loeb über das All und das, was vor dem Urknall war oder nicht war, mit dem Neurophysiologen Jens Foell über die evolutionär neue Überforderung unser Gehirne durch digitale Technik.

Um einige werthaltige Fundstücke aus Sicht des Rezensenten zu erwähnen: Die Analyse des besagten Wilhelm Heitmeyer zu Rechts-Nationalismus und -Extremismus ist begrifflich enorm präzise, intellektuell im besten Sinne skrupulös und trotzdem leidenschaftlich; von der Medien-Soziologin Jutta Weber kann man sich prima seine Defizit in Sachen feministischer Technik-Forschung und Science-Fiction-Literatur aufzeigen lassen; von dem Männlichkeitsforscher Rolf Pohl, Autor des Klassikers „Feindbild Frau“, erfährt man wiederum Vernünftiges darüber, wie sich destruktive männliche Selbstbilder verändern lassen. (Arno Orzessek, rbbKultur)

Seit ich vor etwa zwei Jahren ein Album mit dem Titel Schwermut und Traurigkeit sind zu schätzende Gefühle (im schwedischen Original Svårmod och vemod är värdesinnen) der Band The End anfragte, finde ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal Musik vom Londoner Label RareNoiseRecords in meinem E-Mailfach. Aufgefallen war mir das 2008 von Giacomo Bruzzo und Eraldo Bernocchi gegründete Label vermutlich durch David Torns Zusammenarbeit mit der Schweizer Band Sonar. Für deren Album hatten sie Torn als Produzent angefragt; am Ende entstand nicht nur das kraftvolle gemeinsame Debüt Vortex, sondern zuletzt gleich noch ein weiteres (Doppel-)Album namens Tranceportation, von denen im vergangenen Herbst bislang nur Volume 1 erschien und den hypnotisch groovigen Progressive-Rock unverändert gelungen fortführt.

Hinter dem internationalen Quintett The End stecken die beiden nordischen Bariton- und Tenorsaxofon-Stars Mats Gustafsson und Kjetil Møster. Beide setzen wie Sonar gerne mal Elektronik ein, um ihren Sound zu verfremden und vor allem zu radikalisieren. Die weiteren Mitglieder sind der amerikanische Schlagzeuger Greg Saunier, bekannt etwa von Deerhoof und Xiu Xiu, der norwegische Krachmacher-Gitarrist Anders Hana und als jüngstes Mitglied und einzige Frau im Bunde, die 1983 in Äthiopien geborene Schwedin Sofia Jernberg (ebenfalls in Gustafssons Fire! Orchestra und im genreignoranten Quartett „The New Songs“), die ihre Stimme als Instrument einbringt, um gegen den streckenweise noisigen Heavy-Rock anzukämpfen. Als Interpretin der (von Männern geschriebenen und nicht so durchweg überzeugenden) Texte bietet sie dem schwelenden Klangrausch ein waches Gegenüber. In der Mitte der CD stehen zwei epische Viertelstundenstücke, von denen speziell das gemeinsam komponierte Translated Slaughter weitaus weniger martialisch auftritt, als es der Titel vermuten lässt. Jernberg klagt, kreischt und krakeelt, bekommt aber auch den Raum, den Text mal sanft und sensibel vorzutragen, während die düster enervierenden Instrumente um sie herumtanzen wie Hexen in der Walpurgisnacht. Erst zum Ende hin explodiert das vorwiegend angespannte Stück auch mal ins Rockige. Stark ist hier Hanas Gitarrensound-Vielfalt. Reizvoller wird es bei The End immer dann, wenn sich die Musik ins Freie, Aufgeputschte entladen darf. Da erinnerte manche Passage (natürlich) auch mal an Møsters und Gustafssons andere Bands Møster! und The Thing (inklusive dem tollen Album mit Neneh Cherry von 2012, zu dem dieses hier fast wie eine Fortsetzung anmutet).

Stilistisch zwischen diesen beiden Bands liegt Red Kite, eine Art „Supergroup“ diverser bekannter Namen der norwegischen Jazz/Rock/Prog/Psychedelic-Szene, die jeder für sich beim Label Rune Grammofon auf etlichen Alben vertreten war. Auch wenn ich ihre starke eigene Version von Alice Coltranes Ptah, The El Daoud mag, bin ich bin mit der gesamten CD nicht so rückhaltlos warm geworden, doch der Nordische-Musik-Kollege Stefan Vinaricky umso mehr. Er schrieb, im Verlauf des Albums zeige sich, „dass die Eigenkompositionen nicht weniger dicht, komplex und eindringlich, kurz gesagt hervorragend gelungen“ seien. Wer Musik mit „Dampfhammer – Fender-Rhodes und vor allem Stromgitarren-Soli inklusive“ möge, dürfte hier seine Freude haben. „Der tief aus dem Hard-Rock stammenden Rhythmusgruppe gelingt es dabei, den Flow stets aufrecht zu erhalten, so dass das das Dargebotene zwar heftig, aber nie zu anstrengend wird. Die dazwischen eingestreuten ruhigeren Titel folgen einem nicht weniger dichten Flow und erzeugen eine wohltuende atmosphärische Weite. Ein wunderbares, ein großartiges Album.“

 
 


 
 

Wenn man RareNoiseRecords nun allerdings aufgrund der Alben von Sonar, Red Kite und The End sowie aufgrund ihres gewählten Namens als Lärm-Label abgehakt hat, tut man ihnen sehr Unrecht. Laut Eigenaussage ist „die Mission des Labels, zeitgenössische Trends in progressiver Musik aufzuspüren und diesen eine Plattform zu geben“, mit der sie „unabhängig von Genre und ohne jede Voreingenommenheit, in Beziehung zur Geschichte der Artform gebracht werden. Das Label soll eine Inspiration sein für alle, die gefesselt sind von spannenden, gewagten und progressiven Sounds.“ So findet man im Katalog der letzten ein, zwei Jahre (frühere Alben sind mir allesamt unbekannt) nämlich eine ganze Menge anderer Projekte, darunter auch von Musikern, die sich bereits vor 40 bis 50 Jahren einen Namen gemacht haben, wie Saxofonist Dave Liebman, der mit den nur etwas jüngeren Perkussion-Kollegen Adam Rudolph und Hamid Drake ein sympathisch verspieltes Konzertalbum mitgeschnitten hat. Chi wurde angeregt von John Zorn, der in New York im Club „The Stone“ regelmäßig improvisierende Musiker aus aller Welt zusammenführt. Hier bringen Rudolph und Drake eine Vielzahl spannender Schlaginstrumente auf die Bühne, teils wurde auch mit elektronischen Mitteln verfremdet. Natürlich ist das trotz einer über weite Strecken reduzierten, gar skelettierten Form schon eher Free-Jazz, aber durch die vielfältigen und komplexen Rhythmuselemente, darunter aus afrikanischen Kulturen stammende Instrumente, gewinnt das Ganze einen sehr dynamischen Zug, der auch Liebmans Spiel ins eher Rhythmische treibt. Bekanntlich war Liebman als ganz junger Musiker auf Miles Davis’ stark rhythmusbetontem Album On The Corner vertreten, bevor er unter anderem in den frühen ECM-Jahren eigene kulturübergreifende Gruppen mit Congas, Bongos und Tablas (u.a. mit Collin Walcott) leitete. Da ist es also nicht ganz abwegig, wenn man in Chi eine Fortführung der Ideen von Codona erkennt. Ohne Frage wäre es spannend zu hören, wie die gleiche Besetzung in einer (von Manfred Eicher produzierten?) Studioaufnahme klänge.

Und noch eine andere von ECM wohlbekannte Meisterin ihres (perkussiven) Fachs, die wie Liebman als junge Musikerin etwa zwei Jahre lang bei Miles Davis spielte (viele, viele Jahre später allerdings), reüssierte im vergangenen Jahr bei RareNoise: Marilyn Mazur versammelte für eines ihrer vielen „All-Star“-Projekte zehn tolle Musikerinnen wie Lotte Anker, Lisbeth Diers und Hildegunn Øiseth der nordeuropäischen Improvisation. Über das „groovende World Jazz-“Album Shamania schrieb hier der Kollege Tim Jonathan Kleinecke.

Mit mehreren CDs ist der italienische Bassist, Gitarrist und Klangbastler Lorenzo Feliciati bereits bei RareNoise im Katalog: Zuletzt erschien im Oktober das hinreißende Duoalbum Antikythera mit seinem Landsmann Michele Rabbia und einer Handvoll Gästen. Uli äußerte bereits seine Begeisterung für diese wunderbar unvorhersehbaren und detailreichen Soundscapes, bei denen oftmals rein akustisch erzeugte und elektronisch verfremdete Klänge nicht voneinander zu unterscheiden sind – es sei denn, da taucht plötzlich Andy Sheppards magisches Saxofon oder das warme (teils präparierte) Klavierspiel von Rita Marcotulli auf. Wieder einmal spannend ist auch Trompeter Cuong Vu, der zwei Stücke bereichert. Bereits im Vorjahr erschien das treibendere Album Twinscapes 2 mit Colin Edwin (ehemals Porcupine Tree), der ebenfalls Bass spielt und „Rhythm Design“ programmierte. Wie der Albumtitel verrät, hatten die beiden bereits zuvor gemeinsam eine CD veröffentlicht, damals gastierte Nils Petter Molvær, hier wurde Schlagzeuger Roberto Gualdi vollwertiges Bandmitglied, und zusammen entwarfen die Drei A Modern Approach To The Dancefloor, wie die Platte im Untertitel unglücklicherweise heißt. Wirklich tanzbar sind die zehn Stücke nur bedingt, eher schon könnte man vielleicht an eine flotte bis latent kraut- und progrockige Lounge-Fusion oder dergleichen denken, dabei gibt’s einige Momente, die an die Achtziger erinnern, vielleicht vage an die Band Material bzw. Bill Laswell, bei zwei Bassisten nicht ganz überraschend. Die CD ist zwar jetzt keine spektakuläre Entdeckung und nicht so eindrucksvoll wie Antikythera (siehe hierzu auch dies), aber ich finde, da sind immer wieder gut gespielte Grooves, E-Gitarren und andere schöne Ideen zu finden, etwa wenn recht überraschend Chorgesang auftaucht.

Molvær gastierte unlängst noch auf einer anderen RareNoise-Platte, noch eine mit einem verweisreichen Titel: Hyperuranion. Chat Noir wurden 2001 als akustisches Jazztrio gegründet, doch mit ihrem siebten Album haben sie quasi nichts mehr mit Pianotriojazz gemein. Zunehmend wurden elektronische Elemente eingearbeitet, Keyboards spielen eine tragende Rolle, und mittlerweile zählt Gitarrist Daniel Calvi, der auch Synthesizer ins Klangbild der Band integriert, zum festen Personal. Die Gruppe pflegt einen spür- und hörbar gemeinschaftlichen Produktionsprozess, und mit ihrer Klangästhetik scheint sie mir bei einer zeitgemäßen Version von dem angekommen, was man in den 1990ern „Future-Jazz“ nannte, bald darauf auch „NuJazz“ (siehe Wesseltoft, Aarset und, klar, Molvær – Electronica, Techno, Ambient im Jazz), aber auch hier dachte ich wieder an Bill Laswell. Oder an Toshinori Kondo, der mit Laswell und Bernocchi in den Neunzigern ein für mich damals ohrenöffnendes Album namens Charged herausbrachte. So ist es also gerade mal konsequent, wenn Molvær auf Hyperuranion einige Stücke mit seinem markanten Sound veredelt. Solche Gastauftritte in progressiven Bands (Slim Marvel, Food, Dhafer Youssef) und Kollaborationen (Sly & Robbie, Trilok Gurtu, Moritz von Oswald) pflegt der Trompeter ja seit jeher gerne und regelmäßig, und oft sind die so toll wie hier auf dieser CD. Ein wenig dachte ich übrigens auch an The Comet Is Coming, die in diesem Blog im letzten Jahr ja öfters erwähnt wurden.

 
 


 
 

Auch über Eraldo Bernocchi hatten wir vor mehr als einem Jahr bereits ein wenig kommuniziert, und auch hier empfahl Uli dessen Album Like a Fire That Consumes All Before It. Mit Hilfe von Gitarren, „treated guitars“ und Elektronik gestaltet der Italiener ein knapp 75-minütiges Ambient-Epos, das eigentlich als Filmmusik für einen Dokumentarfilm über den amerikanischen Maler und Zeichner Cy Twombly entstand. Ich fand auch hier viel Schönes, muss aber auch zugeben, dass mir in Bernocchis warmem Klangbad doch irgendwie etwas die Kanten fehlen und ich endlich mal den Film – er trägt den Titel Cy Dear – sehen möchte, denn in meinen Ohren passt diese elegisch schwebende Stimmungsmusik, die in vielen Momenten an Harold Budd oder Michael Brook erinnert, nicht so wirklich zu den Bilden von Cy Twombly.

Vergleichbar ruhig und minimalistisch, aber noch näher am Genre der „klassischen Musik“ ist Francesco Guerris Album Su Mimmi Non Si Spara!, das mich ebenfalls weniger begeistern konnte als Uli, auf dessen eindrucksvolle Würdigung daher hier noch einmal verwiesen sein soll. Noch ratloser ließ mich indes das Quintett Sean Noonan’s Pavees Dance mit dem Album Tin Man’s Hat. RareNoise selbst schreiben, es gäbe hier Prog-Rock und Avantgarde-Klassik in Kombination mit afrikanischen Volkstraditionen sowie „ruckartige Infusionen von Psychedelien und Lagerfeuergeschichten“ (ich vermute, dass diese amüsante Formulierung in der Pressemitteilung in der Info-Mail durch ein automatisches Übersetzungsprogramm entstand) zu hören. Das klingt ohne Frage interessant, aber ich konnte die Musik nicht wirklich anhören.

Deshalb zum Abschluss und zur Schließung des Kreises noch der Verweis auf mein bisheriges Lieblingsalbum beim Label RareNoise. Bei Nordische Musik habe ich es bereits in den höchsten Tönen gelobt, es erschien Ende 2018 als Katalognummer 100 zum zehnten Geburtstags des Labels. Der Begriff „Supergroup“ oder „All-Star-Band“ wird ja oftmals allzu leichtfertig für Gruppen genutzt, die weder „super“ noch „Stars“ sind. Das ist beim Quintett Anguish anders: Hans Joachim Irmler von der Band Faust, Will Brooks und Mike Mare von der Hip-Hop-Gruppe Dälek aus Newark, New Jersey, dazu die beiden Schweden Mats Gustafsson und Anders Werliin, die nicht nur von Liebhabern Nordischer Musik seit vielen Jahren mit ihren zahlreichen Bands zwischen Rock und Jazz (FIRE! / Fire! Orchestra, The Thing, Wildbirds & Peacedrums usw.) geschätzt werden. Als Anguish verbanden diese Fünf nun eben diese verschiedenen Einflüsse zu einem energetischen, mitreißenden Strom aus Ideen und Intensität: Rauer Hip-Hop mit elektronisch verfremdeten Gitarren trifft auf Gustafssons variables Tenorsaxofon trifft auf den rollenden Synth-Krautrock der Faust-Schule trifft auf schwebende Industrial-Sounds und Noise-Rock. Und doch bleiben die neun Stücke des Albums stets eingängig, selbst in den feinen experimentellen Kanten fast Pop Art. An drei Tagen im Sommer 2018 wurde diese Scheibe in Irmlers Faust-Studio im schwäbischen Scheer an der Donau eingespielt und erinnerte mich in ihrer Power und der Kreuzung aus gegenwärtigem elektrischem Jazz und elektronisch durchsetztem Rock auch an David Bowies letztes Album mit der Band von Saxofonist Donny McCaslin, das immerhin ebenfalls von Hip Hop beeinflusst war. Vergleichbares muss man lange suchen; allenfalls das kollaborative Projekt „13 & God“ zwischen den US-Hip-Hoppern Themselves und der süddeutschen Band The Notwist kam mir in den Sinn, wenngleich das freilich am Ende anders klingt.

 
 

 

Da ich unlängst mal wieder Geburtstag hatte, aber aufgrund des Kontakt- und Reiseverbots seit Wochen kaum jemanden gesehen habe und auch etliche Gesprächsverabredungen mit Musiker/innen geplatzt sind, habe ich zur Feier des Tages mal wieder ein wenig Geld „investiert“, um ein paar ECM-Alben käuflich zu erwerben, nachdem mir schon etliche der Veröffentlichungen „fehlen“, die von anderen Autoren hier geschätzt werden, etwa die Trios von Carla Bley und Joe Lovano, Trio Tapestry. (Sowohl mit Lovano als auch mit Marilyn Crispell hatte ich darüber hin- und hergeschrieben, bei den Aufnahmen des Nachfolgealbums in Lugano als Dokumentarist dabei zu sein, nachdem zum Triodebüt ein Bekannter der beiden, ein New Yorker Filmemacher, eine kleine Doku zum Album gemacht hatte. Aber leider wurde nichts draus.) Der Postversand dauert ja derzeit deutlich länger als gewohnt; daher sind die Alben noch nicht bei mir eingetroffen.

Ein paar andere Labels schicken mir hingegen nach wie vor eine Auswahl oder den Großteil ihrer jeweils aktuellen Veröffentlichungen zu, selbst wenn es keinen „nordischen“ Bezug gibt. Über Edition habe ich ja bereits ein paar Mal geschrieben, über RareNoise schrieben ein paar andere Mitautoren mit Begeisterung, aber BMC fand auf diesen Seiten meines Wissens noch nie Erwähnung. „BMC?“ werdet ihr fragen… „Nie gehört.“ Ja, das Label Budapest Music Center Records bot mir etliche Male an, auf Wunsch Alben zu schicken; nun habe ich das Angebot endlich mal angenommen – und gleich eine ganz wunderbare Entdeckung gemacht: Miklós Lukács und sein Cimbiosis Trio spielen eine Art Jazz, mit dem sie deutliche Bezüge zu Volksmusik herstellen sowie darüber hinaus auch zu Bartók, mit dessen Kompositionen Lukács in der Vergangenheit ebenfalls ein Album in einer (anderen) Triobesetzung (mit Violine und Kontrabass) aufgenommen hat.

Bislang kannte ich Lukács nur (am Rande) aus der Band auf einem fantasievollen Konzertalbum von Charles Lloyd (auf dem nebenbei bemerkt auch der Grieche Sokratis Sinopoulos mitspielt), aber er hat zuletzt auch mit anderen ECM-Bekannten zusammengespielt, da gab es vor wenigen Jahren noch ein anderes Trioalbum (Cimbalom Unlimited) mit Larry Grenadier und Eric Harland, das ich mir nun auch noch besorgen muss. (Und in einem wieder anderen Ensemble spielt Miklós Lukács eine andere internationale Kollaboration mit Johnathan Blake, Román Diaz und Rogério Boccato.) Überhaupt hat sich Lukács in den letzten 20 Jahren eine beeindruckend umfangreiche und vielfältige Diskografie zusammengespielt, sein brandneues Album mit dem Cimbiosis Trio, das den sehr schönen Titel Music From The Solitude Of Timeless Minutes trägt, macht auf mich auch den intensiven Eindruck einer lange gewachsenen künstlerischen Verdichtung und Meisterschaft, die heitere kleine Geschichten ebenso wie dramatische Momente versiert innerhalb eines größeren erzählerischen Bogens verzahnt. Ohne dass ich viel von seinem bisherigen Schaffen kenne, scheint dieses Programm, das eine achtteilige Suite (zusätzlich noch in Part 1 und Part 2 unterteilt) von einer großen Klarheit der eigenen individuellen Klang- und Kompositionssprache gezeichnet Ich liebe sowas. Ich freue mich immer, wenn ich eine musikalische Klang- und Ideenwelt entdecke, die so vollkommen anders ist.

Einen wesentlichen Anteil daran hat natürlich schon die Wahl von Miklós Lukács’ Instrument: Das Zymbal (wahlweise auch Cimbalon oder Cymbalom) ist die auf dem Balkan, in der Folklore der karpatischen Landschaft verbreitete Abwandlung des Hackbretts. Für mich klingt es, vielleicht auch wegen der Spielmöglichkeiten mit einem Pedal, oft wie ein ins Surrealistische gleitender Cousin des Vibrafons. Jedenfalls dringen auf diesem Album, auf dem Lukács mit dem Kontrabassisten György Orbán und dem Schlagzeuger István Baló spielt, eine Vielzahl von Assoziationen ans Tageslicht. Für ein Stück wird übrigens auch hier eine kleine ECM-Verwandschaft erwähnt: György Kurtág Jr. wird für die „heartbeats“ gedankt.

 
 


 
 

Ein weiteres, ebenfalls ungewöhnlich besetztes Kammerensemblealbum einer mir bislang ebenfalls unbekannten Musikerin entdeckte ich durch eine nachdrückliche Empfehlung: Julie Campiche kommt aus der Schweiz und spielt Harfe – mit Effekten. Auf ihrem neuen Quartettalbum Onkalo (aufgenommen im Studio La Buissonne) spielt sie mit Saxofonist Leo Fumagalli, Kontrabassist Manu Hagmann und Schlagzeuger Clemens Kuratle, und auch die drei Musiker ergänzen ihre Instrumente mit elektronischen Effekten. Interessanterweise entsteht dadurch aber keineswegs ein aufgepeitschtes, gar noisiges Free-Jazz-Werk, sondern ein raffiniert unkonventioneller elektro-akustischer Klangspielraum mit viel Transparenz und Poesie zwischen Genre-Kategorien, wie man es gelegentlich speziell aus der norwegischen Szene kennt. Die weitgehend langen Stücke (zwischen 7 und 12 Minuten) sind ganz wunderbare Entdeckungsreisen in einen sehr gegenwärtigen Jazz, der mit Texturen arbeitet und seinen teilweise etwas treibenderen Passagen auch „Post-Rock“-Qualitäten hat. Sehr faszinierend, aber auch recht eingängig und melodisch geschickt.

Noch etwas ganz anderes ist das neue, bereits fünfte Album von Waxahatchee alias Katie Crutchfield aus Birmingham, Alabama, einer Stadt, die den meisten wahrscheinlich allenfalls für ihre zentrale Rolle in der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre bekannt ist (ansonsten kann man noch Sun Ra, Angela Davis, Condoleezza Rice und Emmylou Harris als Söhne und Töchter  Birminghams einordnen). Die 31-jährige Songwriterin lebt mittlerweile in Kansas City, nennt ihr Projekt seit 2010 nach dem Waxahatchee Creek aus ihrer Heimatgegend, und das gerade erschienene Saint Cloud ist das erste seit ihrem zweiten Album Cerulean Salt, das durchweg begeisterte Besprechungen bekommt. Nun muss ich mir doch mal die beiden Alben dazwischen, die ich ausgelassen habe, besorgen, denn der Weg von ihren rauen Low-Fi-Akustik-Songs auf dem Debüt American Weekend über den sehr eingängigen Alternative/Indie-Rock auf dem Zweitling, der sehr an die früheren Alben von Cat Power, an Sleater-Kinney und die Breeders, aber auch ein wenig an Velvet Underground erinnerte, ist doch ein recht weiter zu diesem souverän gesponnenen Songalbum der Kategorie Americana, Folk und Country-Rock.

 

Americana ist meiner Meinung nach aus einer rebellischen Haltung heraus entstanden. Leute wie Lucinda Williams oder Jason Isbell. Das sind Leute, die nicht in die Radio-Country-Schublade reinpassen. Weder musikalisch noch politisch. An sich ist das ja auch Punk. Ich bin mit Country von Loretta Lynn aufgewachsen. Dann kamen ‚teenage angst‘, Punk-Ethos und -Musik und ich begann viele Dinge am Süden zu verachten. Unter anderem Country. (…) Ich hatte bei ‚Saint Cloud‘ das erste Mal das Gefühl, nicht gegen irgendetwas ankämpfen zu müssen. Das war eine gewisse Rückkehr zur Ursprungsform. (Spex-Interview)

 

Ich habe mindestens vier sehr unterschiedliche Rezensionen gelesen, die von Saint Cloud aus mühelos Bob-Dylan-Parallelen ziehen. Der Musikjournalist des britischen Guardian nennt das Album sogar „the best album of the year so far“ und kommentiert: „With tracks that nestle in heartache and bask in hard-won wisdom, this is an artefact of American song that measures up to Dylan at his peak.“ Große Fußstapfen also, aber Crutchfield selbst war erklärtermaßen von Lucinda Williams großem Durchbruchalbum Car Wheels on a Gravel Road beeinflusst, über das sie anlässlich des 20. Jubiläums vor knapp zwei Jahren einen Ehrungstext schrieb; auch hat sie schon Songs von Williams gespielt, und eine erstaunliche Nähe zu der älteren, einflussreichen Kollegin entdeckt:

 

It’s hard to talk about this record without talking about Lucinda Williams. A lot of different songwriting and storytelling techniques on ‚Saint Cloud‘ are borrowed from Lucinda. Her ability to put you in a place that you’ve never been is pretty unparalleled. A lot of these songs jump around from place to place, they flash back to 10 years ago and then come to the present day. (Pitchfork-Interview)

2020 10 Jan.

Katie Gately: Loom

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Katie Gately hat aufgeräumt. Die klangliche Überdrehtheit ihres Debütalbums Color im Herbst 2016 konnte einen wahnsinnig machen, wenn man sich gerade nicht auf der richtigen Wellenlänge befand. Es hat ein paar Jahre gedauert, doch nun ist endlich der Nachfolger da – und die CD trägt den Titel Loom (Webstuhl). Wer in den frühen Neunzigerjahren jugendlich war und „Adventure“-Computerspiele am PC spielte, verbindet mit „Loom“ lebenslang das radikal besondere, märchenhafte Grafikadventure der Firma Lucasfilm, bei dem der Spieler die Handlung nicht mit den üblichen Aufforderungen in Verbform, sondern durch zu spielende Melodien vorantreibt, die man im Verlauf der Geschichte erlernen muss. Keine Ahnung, ob Katie Gately das Spiel kennt; ihr Albumcover zeigt eine komplett zerlegte Fabrikhalle, aber ob da einst Webstühle drinstanden…? Womöglich wurde das Foto aus eher ästhetischer Motivation gewählt. Letztlich ist es auch ein angemessenes Bild für den Tod ihrer Mutter im Jahr 2018. Die Diagnose der Krebserkrankung war wesentlicher Ausgangspunkt für die Arbeit an diesem Album.

Wie Color hat Loom eine Gesamtspielzeit von 42 Minuten, und wieder gibt es Songs mit kurzen Titeln, aber teils epischer Länge. Allerdings steht der Gesang diesmal mehr im Vordergrund; die komplexe Instrumentierung und die extravaganten Rhythmusbasteleien wurden deutlich vereinfacht und auch transparenter gemischt, doch die ambitionierte Erzählhaltung bleibt dieselbe. Gately möchte ihre ganz eigene, neue Art von Songs erarbeiten, die zwar Avantgarde sind, aber diesmal um einiges eingängiger als zuletzt. Es ist also viel passiert in den etwa drei Jahren. Zwischenzeitlich durfte sie Remixes für Björk und Zola Jesus machen und einen Teil des vielgelobten Debütalbums ihres Landsmanns Josiah Wise, der unter dem Alias serpentwithfeet in Erscheinung tritt, produzieren – und dabei hat sie dessen Gospel-/Soul-Songs mit ihrer wilden Soundästhetik aufgekratzt. Daher klebt auf der CD lustigerweise gleich der Hinweis, dass es sich bei Katie Gately um die serpentwithfeet-Producerin handelt – als wäre das eine entscheidende Verkaufshilfe.

 

 

Ein schöner Einstieg in den Kosmos von Loom ist der Song Waltz, früher hätte man gesagt: die Single – zu der es auch direkt ein eindrucksvolles Musikvideo von der jungen Regisseurin und Performerin Samantha Shay gibt, die schon mit Marina Abramovic arbeitete und auch sonst viel mit Musiker/innen macht. Auf ihrer Webseite steht, dass sie „multisensorische, poetische Landschaften schafft, die an lebendige Träume erinnern und wie eine willkommene Halluzination auf den Körper wirken.“ Auf Waltz trifft diese Beschreibung jedenfalls sehr gut zu. Der Song ist inspiriert von Leonard Cohens Take This Waltz, dem Lieblingslied ihrer Mutter, das Gately 24 Stunden lang in Schleife gehört haben soll, bevor sie ihr eigenes Stück ausarbeitete. Katie Gately zog für die Arbeit an diesem Album von Los Angeles zu ihren Eltern nach Brooklyn um, wo sie meist nachts an der Musik arbeitete. In den wenigen Presseinformationen, die ich finden konnte, ist zu lesen, dass die verschiedenen Stücke „Personifikationen“ seien oder „abstrakte Gefühle“ aus dieser Zeit beschreiben. Das kann dann aber auch mal die Sicht der Mutter einnehmen oder gar die Perspektive der Krebskrankheit oder der Medikamente. Liest man, dass Samples wie die Schreie eines Pfaus, heulende Wölfe, das Geräusch vom Schließen eines Sarges oder des Schüttelns von Pillenbehältern und sogar Erdbeben auf der Platte zum Einsatz kommen, wird man, gerade auch nach Color, ein weitaus geräuschhafteres und extremeres Album vermuten, als Loom, das oftmals sogar gerade poetisch und sanft schillernd songhaft geworden ist, tatsächlich klingt. Und vor allem ist es alles andere als derart düster.

Ich empfehle einen Ausflug in die musikalische Welt von Katie Gately jedem, der die Popmusik der Zukunft sucht. Ihre reiche, sehr zeitgemäße Songkunst könnte ein Weg dorthin sein.

2020 5 Jan.

Elton John with Ray Cooper: Live From Moscow 1979

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Vor drei Jahren schrieb ich in meiner minutiösen, kommentierten Diskografie des Gesamtwerks von Elton John, wie bedauerlich es sei, dass es (bis heute) kein echtes Soloalbum des Piano-Popstars gäbe, allenfalls das 2013er Album The Diving Board kommt dem halbwegs nahe; das MTV-Unplugged-Konzert aus dem Mai 1990 wurde bis heute leider nicht als LP veröffentlicht. Die neue Veröffentlichung eines Konzerts aus dem Jahr 1979 und andere Konzertalben-Reissues From the Archives wie 17-11-70 schüren neue Hoffnung, dass Unplugged womöglich doch bald auch mal erhältlich sein könnte.

Elton John spielte im Mai 1979 acht Konzerte in der Sowjetunion, was, soweit ich immer verstanden habe, für die damalige Zeit ein nicht unbedeutendes Ereignis war: Die kommunistischen Behörden erlaubten in den 1970ern erstmals Konzerte westlicher Rockmusik, zudem von einem reichen, auf der Bühne sehr extravaganten und offen homosexuellen Star, der in den 1970ern teils mehr Platten verkaufte als jeder andere. Im Anschluss wurde sogar Elton Johns LP A Single Man (1978), die den Rahmen der Tour vorgab, offiziell in der UdSSR veröffentlicht. Laut Informationen bei Wikipedia kostete eine Karte für eines der Konzerte 8 Rubel, was in etwa dem durchschnittlichen Tagesverdienst in der Sowjetunion entsprach. Allerdings wurden mehr als 90 Prozent der Karten von hohen Parteimitgliedern, Diplomaten und Militäroffizieren erworben. Der Rest kostete auf dem Schwarzmarkt das bis zu 25-fache des offiziellen Preises. Wie in vielen anderen Ländern des früheren Ostblocks war westliche Popmusik nur illegal und zu hohen Preisen zu bekommen.

Da die UdSSR-Konzerte Teil der Tour A Single Man waren, spielte Elton John jeweils die erste Hälfte des Abends solo am Piano, was ihm natürlich einige improvisatorische Freiheiten erlaubte, die man in den üblichen Bandkonzerten nicht zu hören bekommt; in der zweiten Hälfte kam Perkussionist Ray Cooper hinzu, der seit den frühen Siebzigern und bis heute immer wieder Teil von Eltons Konzertband war. Der oft extravagant aufspielende „Mad Ray Cooper“, bald 80 Jahre alt, spielte seit den Sechzigern mit The Who, Pink Floyd, den Rolling Stones, Eric Clapton oder auch George Harrison. Ich selbst hatte die Freude, ihn bei der Tour 1995 zu erleben, auf der Elton John nach Jahren der Keyboard-Lastigkeit erstmals wieder mit einem richtigen Flügel und einer elektronik-befreiten Rockband unterwegs war.

Eltons Idee der Tour war, auf die Extravaganz seiner früheren Auftritte zugunsten eines Fokus auf Piano und Gesang zu verzichten. Für die Russlandkonzerte erhielt er wohl jeweils eine Gage von 1000 Dollar. So wenig hatte er angeblich seit den Konzerten seines Durchbruchs im Troubadour in Los Angeles nicht erhalten.

Aufnahmen der UdSSR-Solotour waren bislang nur auf einer raren VHS-Veröffentlichung zu bekommen. Die BBC hatte das letzte Konzert am 28. Mai live aus Moskau übertragen, was laut BBC Radio 1 die erste Stereo-Satellitenverbindung zwischen der UdSSR und dem Westen war. (Hier ein kurzer Ausschnitt aus der Fernsehfassung der BBC.) Zum 40-jährigen Jubiläum gab es 2019 eine limitierte (und sehr teure) „Record Store Day“-Doppel-LP dieses Konzerts, die nun auch dem Normalbezahler erhältlich gemacht wurde, wahlweise auch als Doppel-CD.

Die Auftritte waren über zwei Stunden lang. Laut Wikipedia spielten John und Cooper bei diesem Konzert in Moskau rund 30 Songs – wobei Pinball Wizard (The Who) und die Beatles-Hits Back in the USSR und Get Back nur in Medleys im Zugabenteil mit Saturday Night’s Alright und Crocodile Rock untergebracht waren. Hier liegt – neben der mittelprächtigen Klangqualität der alten Aufnahmen – leider auch das größte Manko dieser Veröffentlichung: Ein Fokus wurde, wie so oft, wieder einmal auf die Hits gelegt. Brauchen wir die 78. Liveaufnahme von Bennie and the Jets, Sorry seems to be the hardest Word, Rocket Man und dem Schlager Daniel? Ja, die Performance ist toll, und auch Goodbye Yellow Brick Road und gerade improfreudige, aber seit 50 Jahren in nahezu jedem Konzert gespielte Piano-Rocknummern wie Take me to the Pilot und Saturday Night’s Alright (YouTube) sind immer wieder mitreißend. Die eigentlichen Schätze sind allerdings die längst aus dem Konzertprogramm verschwundenen Stücke wie Crazy Water, Tonight (sehr nahe an der Studioversion von 1976 gespielt, daher nicht allzu spannend), Better Off Dead und ein fröhliches Cover von I Heard It Through The Grapevine. Auch schön, dass Funeral For A Friend und das simplizistische Frühwerk Skyline Pigeon dabei sind.

Geradezu frustrierend ist allerdings, dass viele in diesem Konzert gespielte Raritäten, die ja nun locker auf einer Doppel-CD mit Spielzeit von bis zu 160 Minuten Platz gefunden hätten, weg gelassen wurden: die sympathischen Country-Songs Roy Rogers und I Feel Like a Bullet (In the Gun of Robert Ford), das grandios jazzige Idol und weitere tolle Stücke mit viel Piano wie Where to Now St. Peter, Ego, Part-Time Love, I Think I’m Going to Kill Myself, Sixty Years On und Song for Guy, die man kaum einmal wieder live zu hören bekam. Die CD bietet letztlich nur 16 Tracks, lässt also fast die Hälfte des Konzerts weg. Das ist eine große Enttäuschung. Nein, ein echtes Ärgernis.

2019 31 Dez.

The 50 Best Albums of the Decade

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Dozens of „best of the decade“ lists have been popping up all over the internet, many of which are quite inspiring. I just came across this one in a video by English music fanatic Oliver aka „Deep Cuts“. Oliver has been very actively publishing highly inspiring, extensive and knowledgeable „A Guide to …“ videos on lots of different bands‘ and musicians‘ discographies – Swans, David Bowie, Eno, Autechre, King Crimson, PJ Harvey, Tom Waits, Aphex Twin, and many others. Usually they result from a lot of research and attentive listening, like his most recent one on Miles Davis, which I haven’t finished watching/listening.

He presents a very nice and interesting list and overview, and I like his comments on some of the albums, even though quite a few of them would not be my own choices. I think it’s great that in his selection Oliver has been looking out for and choosing music and artistic views that are really contemporary and reflect on the present of the 2010s – instead of choosing music for some sort of hipness value or based on the respective musicians‘ work in the past. I can find my own opinion reflected in several of his selections, but I am severely missing the two albums that come into my mind instantly when thinking about the best records of 2010 to 2019: Poliça’s debut Give You The Ghost and Algiers‘ The Underside of Power. Two other albums without which a top 50 list of this decade would not be complete in my opinion are PJ Harvey’s Hope Six Demolition Project – her very best album among many great ones – and Low’s masterpiece Double Negative. Both of them are very much product and reflective of the cultural landscape of the past ten years.

Obviously this list does not care for anything jazz-related or „contemporary classical“, but I don’t consider that a downside. For jazz-related „best ofs“ The Free Jazz Collective’s Top 101 Recordings Of The 2010s is a good starting point. They actually include four albums by Wadada Leo Smith („It is the combination of innovative music, its creativity combined with its deep soul and universality, with the humanistic approach and human rights appeal that lift this album to a level that few albums can achieve.“), which I think is a great thing to do. So here are the best albums of the decade by Deep Cuts:

 

50. Oceansize – Self Preserved While the Bodies Float Up (2010)

49. Greg Ward – Touch my Beloved’s Thoughts (2016)

48. Mitski – Be the Cowboy (2018)

47. Death Grips – No Love Deep Web (2012)

46. Blood Orange – Freetown Sound (2016)

45. Weyes Blood – Titanic Rising (2019)

44. Flying Lotus – You’re Dead (2014)

43. Sophie – Oil of Every Pearl’s Un-insides (2018)

42. Carly Rae Jepsen – Emotion (2015)

41. Ghostpoet – Dark Days + Canapés (2017)

40. A Tribe Called Quest – We Got It from Here… Thank You 4 Your Service (2016)

39. Japandroids – Celebration Rock (2012)

38. Pinegrove – Cardinal (2016)

37. Converge – All We Love We Leave Behind (2012)

36. Beach House – Teen Dream (2010)

35. The National – Sleep Well Beast (2017)

34. Esperanza Spalding – Emily’s D+Evolution (2016)

33. Portico Quartet -Portico Quartet (2012)

32. Jlin – Black Origami (2017)

31. Deafheaven – Sunbather (2013)

30. Vince Staples – Big Fish Theory (2017)

29. Jeff Rosenstock – Worry (2016)

28. Jessy Lanza – Oh No (2016)

27. Alex Cameron – Forced Witness (2017)

26. Aphex Twin – Syro (2014)

25. Xiu Xiu – Forget (2017)

24. Swans – The Seer (2012)

23. William Doyle – Your Wilderness Revisited (2019)

22. Oneohtrix Point Never – Replica (2011)

21. Nick Cave – Skeleton Tree (2016)

20. Mica Levi – Under the Skin OST (2014)

19. The Field – Looping State of Mind (2011)

18. Scott Walker – Bish Bosch (2012)

17. Danny Brown – Atrocity Exhibition (2016)

16. Gang Gang Dance – Eye Contact (2011)

15. The Armed – Untitled (2015)

14. David Bowie – Blackstar (2016)

13. The Caretaker – Everywhere at the End of Time (2019)

12. Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly (2015)

11. King Krule – The OOZ (2017)

10. Joanna Newsom – Have One on Me (2010)

9. Oxbow – Thin Black Duke (2017)

8. Autechre – NTS Sessions (2018)

7. FKA Twigs – LP1 (2014)

6. Frank Ocean – Blonde (2016)

5. Tim Hecker – Ravedeath 1972 (2011)

4. Somi – Petite Afrique (2017)

3. Sun Kil Moon – Benji (2014)

2. Björk – Vulnicura (2015)

1. These New Puritans – Field of Reeds (2013)

Nun sind ja in den letzten Wochen des Jahres wie nicht selten noch einige tolle Platten herausgekommen (Function, Shed, MoE & Pinquins, Alva Noto & Ryuichi Sakamoto), und manch eine bereits früher im Jahr erschienene habe ich zwischenzeitlich entweder noch günstig erworben oder zumindest ausgeliehen oder anderswie zu Gemüte geführt bzw. zugesandt bekommenGleich zwei der besten Alben kamen im Herbst/Winter beim Avantgarde-Label Subtext Recordings heraus (Subtext Recordings was founded in 2004 in Bristol. Now based in Berlin, the label is curated by James Ginzburg and explores the numinous space between experimental electronic and composed instrumental music.): erstens das exzellente, aus Field Recordings, Ambient, Perkussion und Club Music verdichtete Album Carbon des Duos Ecker & Meulyzer, über das ich hier geschrieben habe. Zweitens Oratorio for the Underworld: Hinter dem Pseudonym PYUR verbirgt sich die Münchnerin Sophie Schnell, deren Lebensgefährte Olly Peryman aus Neuseeland unter dem Alias „Fis“ (schwer zu gugln) übrigens ebenfalls ganz famose, latent ambiente elektronische Musik veröffentlicht. Ich habe (und empfehle sehr) seine Alben From Patterns to Details (2016) und The Blue Quicksand Is Going Now (2015); mehr weiß ich über ihn nicht. PYUR veröffentlichte vor drei Jahren eine LP namens Epoch Sinus, die  sehr schön zwischen intuitivem Ambient und ästhetisch-natürlichem Drone/Noise wandelt. Ein frühes Interview mit der Künstlerin, Überschrift „I wanted the Listener to feel powerful“, fand ich hier.

Ihr zweites Album ist vielleicht ein Meisterwerk, jedenfalls eines, das über rund eine Stunde einen phänomenalen Sog ausübt, halluzinogen, poetisch, surreal, vielschichtig aus Elementen konstruiert, die ich nicht ausmachen kann. Frank P. Eckert bezeichnet die Musik als „topmodernen Hybrid aus Neoklassik, Industrial und Dark Ambient“ und führt in seiner monatlichen Kolumne bei Groove.de aus:

PYURs Soundtrack zu diesem Trip […] behält [seine] Quellen derart halbbedeckt und teilverfremdet, dass sich immer gerade nicht erahnen lässt, wo sie herstammen. Es bleibt das diffuse Gefühl, diese Klangfetzen schon zig mal gehört zu haben – und noch nie.  Das ist exakt das Geheimnis guter Popmusik. […] Bei PYUR kommt dazu ein brillantes, dynamisches Sounddesign, das adäquat zwischen notwendigem Schmutz und klärender Glanzpolitur zu vermitteln weiß.

 

 

 

In meinem vorläufigen Jahresrückblick vor ein paar Wochen habe ich Julia Kadels Trioalbum Kaskaden nicht erwähnt, das zu meinem Erstaunen niemand in seiner Jahres-Rückblickliste erwähnt hat (vielleicht weil es diesmal nicht bei Blue Note, sondern bei MPS erschien, das irgendwie niemand auf dem Schirm zu haben scheint; es wurde auch so gut wie gar nicht in  den Medien besprochen, sehr schade). Ich höre es sehr gerne; eine(s) dieser speziellen Jazztrio(alben), bei denen man immer wieder etwas Neues zu hören meint. Auch habe ich zwei elektronische Alben vergessen, die mich bereits sehr früh im Jahr 2019 begeistert haben; beide erschienen im Januar:

Die Musikerin/DJ Melika Ngombe Kolongo alias Nkisi stammt aus der Demokratischen Republik Congo, lebt derzeit in London und hat im Januar die LP 7 Directions herausgebracht, die auf seltene Weise elektronische Londoner Club-Kultur mit polyrhythmischer zentralafrikanischer Musiktradition verbindet, a stark exercise in rhythm and atmosphere, delivered in seven unnamed tracks. On each one, blunt drum loops are layered into shuddering polyrhythms, while more ambient sounds drift around them, forming shimmering, mirage-like structures (Resident Advisor). Und Moor Mothers eindringliches Analog Fluids of Sonic Black Holes ist auch ein Werk, das 2019 einen wichtigen Stellenwert haben sollte, finde ich: This dense, incredible LP blends jazz, modular synths and spoken word in a document of time travel as a conduit for black empowerment. (RA review) Wem die politische Dichterin, Aktivistin, Wort- und Klangkünstlerin aus Philadelphia bislang verpasst hat: Unbedingt nachholen! Und Moor Mothers (Camae Ayewa) andere Alben (u.a. Fetish Bones) sind nicht weniger empfehlenswert!

Und dann das radikal intensive Album des US-Amerikaners Surachai Sutthisasanakul, einem Sound-Designer und Komponist, der seit zehn Jahren neben seinen Soundjobs für große Firmen dunkle Industrial-Klangmonster baut. Come, Deathless synthesizes live playing, field recordings, analog synthesizers, and heavy digital manipulation into a cohesive whole (…). This music finds the artist sometimes marching, sometimes dancing, sometimes weeping, sometimes praying, and sometimes screaming. The field recording sources range from the thick jungles and mountains of Thailand, California coastlines and various studios in Chicago. On the other hand, a lot of the synthesis comes from closed virtual environments or hulking immobile synthesizer systems. Thousands of sounds were networked and streamlined through several computers so I couldn’t get away or have an excuse not to work on the album. As a professional sound designer, mixer, and location audio engineer Surachai works tirelessly to ensure his releases meet the highest sonic standards. (aus dem Presseinfo; die kostspielige LP besitze ich leider nicht.)

 

 

 

Wenn ich mich also heute für eine „Top 20“-Liste meiner persönlichen im Jahr 2019 veröffentlichten Lieblingsalben entscheide, kommt folgendes dabei heraus:

 

  • 01. Mattiel  Satis Factory
  • 02. Burial  Tunes 2011-2019
  • 03. Little Simz  Grey Area
  • 04. Pyur  Oratorio for the Underworld
  • 05. Jamila Woods  Legacy Legacy
  • 06. FKA twigs  Magdalene
  • 07. Barker  Utility
  • 08. Kim Gordon  No Home Record
  • 09. Banks  III
  • 10. Moor Mother  Analog Fluids of Sonic Black Holes
  • 11. Cherry Glazerr  Stuffed and Ready
  • 12. Louis Sclavis  Characters on a Wall
  • 13. Julia Kadel Trio  Kaskaden
  • 14. Lena Andersson (Kyoka & Ian McDonnell)  Söder Mälarstrand
  • 15. Grischa Lichtenberger  re: phgrp
  • 16. Kate Tempest  The Book of Traps and Lessons
  • 17. SØS Gunver Ryberg  Entangled
  • 18. Fennesz  Agora
  • 19. Puce Mary  The Drought
  • 20. John Luther Adams  Become Desert

 

Ecker & Meulyzer und Surachai habe ich nicht als haptische Tonträger; deshalb lasse ich die mal raus aus der Liste. Ich höre die Musik einfach bewusster an, wenn ich sie über meine Stereoanlage und mit einer haptischen, altmodischen Verpackung genieße und durchdringe. Habe und höre ich etwas als MP3, ist das allerdings oftmals Anlass und Auslöser, eine LP noch real zu erwerben, so etwa bei Stuffed & Ready, der dritten Platte des kalifornischen Trios Cherry Glazerr um die gerade mal anfangzwanzigjährige Clementine Creevy. Das ist eigentlich das wunderbare neofeministische Alternative-Rockalbum mit verzerrten Gitarren und mitreißenden Refrains, das ich gerne von Sleater-Kinney gehört hätte (deren Comebackalbum Cities to Love fand ich 2015 super, auch wenn ich es erst 2016 so richtig „entdeckte“ und schätzen lernte, aber ihr neues Album erreichte mich nicht, zu glatt und unschlüssig). Nur weiß ich noch nicht ganz, wohin mit den Alben von Nick Cave (Ghosteen), Shed (Oderbruch), Function (Existenz), Klein (Lifetime) und Matana Roberts (Memphis) – alles Alben, die neue Wege gehen und Perspektiven in ihrem jeweiligen Genre öffnen und die ich daher ebenfalls sehr empfehlen kann.

 

 

Abschließend zum Jahresende hier noch rund ein Viertel meines zweistündigen Gesprächs mit David Torn in seinem Studio in Bearsville bei Woodstock (nur wenige Minuten von den Häusern von Marilyn Crispell, Carla Bley und Steve Swallow entfernt, zu denen in Bälde Interview-Videos online sein werden). Er erzählte ungemein viele spannende Sachen, über ECM, über Bowie, Madonna, Hendrix und das Woodstock-Festival (er fuhr damals als 16-Jähriger zum Festival, Hendrix war zentraler Einfluss für seine Laufbahn als Musiker), aber natürlich kann nur weniges davon in diesem Video Raum finden. Es ist ohnehin etwas lang geraten, aber ich fand es einfach zu toll, wie er diese Geschichten aus den Achtzigern erzählte.

2019 1 Dez.

Burial: Tunes 2011 – 2019 (From The Archives)

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Pünktlich zum Ende der 2010er bringt das renommierte britische Label Hyperdub, dessen Renommee wesentlich durch die 2006 und 2007 erschienen Alben von Burial (alias Will Bevan) geprägt wurde, am heutigen Nikolaustag – und im 15. Jahr seines Bestehens – Burials Kollektion Tunes 2011-2019 heraus. Klar, der Titel ist unmissverständlich: Hier gibt es 150 Minuten Musik, die quer durchs Jahrzehnt entstand, von einem Musiker, dessen zweite CD Untrue von nicht wenigen als eines der besten elektronischen bzw. „Dance“-Alben (wenngleich man dazu nur bedingt tanzen kann) überhaupt bezeichnet wird. Eigentlich gibt es hier also nichts Neues zu hören, denn alle Stücke sind zuvor auf EPs und Singles erschienen. (Bedauerlicherweise gibt es trotz der epischen Laufzeit und uneingeschränkten Qualität noch Mängel anzukreiden: Warum fehlt etwa die gelungene Single Rodent, die bislang nur auf Vinyl erhältlich ist?)

12 Jahre nach Untrue schließt Hyperdub damit eine Lücke – nämlich die, dass es in diesem Jahrzehnt noch kein Album von Burial gab. Nun gibt es also gleich eine Doppel-CD, und jeder, der die Meisterschaft Will Bevans wieder oder neu entdecken möchte, kann hier eines der besten Alben des Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts preisgünstig erwerben. Nur die Aufmerksamsten werden bereits alle Stücke im Plattenschrank haben; insofern ist für jeden was dabei.

Gerne wird über Burial gesagt bzw. geschrieben, dass man seit eben 12 Jahren auf ein neues Album von ihm warte; zugleich werden zwischen den Zeilen (berechtigte) Zweifel geäußert, ob einer, der im Jahr 2007 ein stilbildendes Meisterwerk ablieferte, das wie wenig anderes über die Grenzen von Genres und Milieus hinweg gleichermaßen verehrt wurde und nach wie vor geschätzt wird, nicht mit jedem Nachfolgealbum quasi zum Scheitern verurteilt ist. (Siehe auch: Massive Attack) Doch mehrere von Burials sogenannten EPs, also rund halbstündigen Tonträgern, sind eigentlich kurze Alben — Rival Dealer, Street Halo, Kindred; sie wurden nur nie als solche präsentiert (anders als das seit ein paar Jahren etwa Kanye West praktiziert). Die darauf vertretenen Stücke entwickeln sich über bis zu 14 Minuten;  Rough Sleeper, Come Down To Us oder Ashtray Wasp sind eher komplexe Suiten als gewöhnliche Dance-Tracks.

Tunes 2011-2019 bietet nun also die Gelegenheit, Bildungslücken zu schließen und die durchweg schillernd fantasievolle Musik und die überaus eigene, subtile und reiche Klangwelt, die Will Bevan alias Burial in den letzten neun Jahren immer weiter verfeinert und variiert hat, kennenzulernen. Es gibt nicht ein schwaches Stück auf diesem Album, wenngleich viele sich nicht unmittelbar, beim ersten oder beim Nebenbei-Hören erschließen – gerade eben die episch angelegten Erzählungen entfalten sich nach und nach. Es ist ein verzaubernd eindringliches und vor allem abwechslungsreiches Universum, das hier über zweieinhalb Stunden dargeboten wird. Im direkten Vergleich ist das meisterhafte Untrue zwar ein sehr viel homogeneres Epos; auf der anderen Seite zeigt Tunes 2011-2019 aber auch, wie man sich von Fesseln (der Erwartung / der stilistischen Prägnanz) befreien kann und seine Kunst in alle möglichen Richtungen ausstreckend gestalten kann, so sehr, dass der Zuhörer überall auf Ideen stößt, die es wert wären, auf Albumlänge vertieft zu werden. Burials Tunes packen immer wieder, emotional unmittelbar, auf überraschende Weise mit ungewohnten, durchweg schlüssigen Kombinationen scheinbar disparater Elemente. Und das tun sie auch beim x-ten Wiederhören noch, womöglich sogar mit der Zeit immer besser. Die ältesten Stücke des Doppelalbums vom Anfang des Jahrzehnts sind auch fast zehn Jahre später noch immer so bewegend wie einst. Die Kollektion bekräftigt, dass Burial auch in den 2010ern zu den Meistern seines Fachs gehört.

Burials Musik wird landläufig zwar dem Dubstep-Genre zugeordnet, doch diese Schublade ist nicht weniger irreführend als würde man bei Stichwort „Rockmusik“ an Bill Haley denken, aber dann Sonic Youth oder King Crimson hören.


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