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2020 15 Mai

Alles in allem

von: ijb Filed under: Blog | TB | 8 Comments

Ich hatte es ja schon nicht mehr für möglich gehalten, aber die beste Band Deutschlands hat tatsächlich noch einmal ein Album aufgenommen, nachdem das „Auftragswerk“ über den Ersten Weltkrieg, Lament im Jahr 2014 als das abschließende Experimental-Epos einer facettenreichen, über 30 Jahre sich ziehenden Diskografie dastand, und dann nur noch „Greatest Hits“-Tourneen folgten, und das bei einer Band, die ja nie Hits hatte, also war das nun Ironie oder was? Ich war nie bei einem Konzert der Einstürzenden Neubauten, aber alle, die ich kenne, die die Band in den letzten zehn Jahren im Konzert erlebt haben, sei es bei dem Lament-Lärmspektakel oder der „Greatest Hits“-Tour, die letztlich, wie bei Bands über 30 ja üblich, seit mindestens zehn Jahren in jedem Konzert eine zu 80 bis 90 Prozent identische Setlist spielten, ja, die Freunde von mir äußerten sich positiv über die Konzerte.

Das letzte eigentliche Album der Einstürzenden Neubauten, Alles wieder offen, erschien allerdings vor knapp 13 Jahren, 2007. Zwischenzeitlich hat Herr Bargeld gleichwohl ein paar wirklich tolle Alben aufgenommen, sei es mit Teho Teardo, (Still Smiling, 2013, ist exzellent) oder mit Carsten Nicolai alias Alva Noto unter dem lustigen Bandnamen anbb, Mimikry (2010), noch großartiger. Bei Blixa Bargelds Projekten, speziell auch „den Neubauten“ kommt doch zuverlässig jedes Mal die Sorge auf, dass man enttäuscht wird. Warum eigentlich? Und dann wird man jedes Mal doch von der erwarteten Enttäuschung enttäuscht – so auch diesmal: Alles in allem ist tatsächlich wieder großartig.

Im Vorfeld dieses neuen Albums habe ich mir wieder einmal die letzten Neubauten-Alben angehört, etwa Silence is sexy, Perpetuum Mobile und Alles wieder offen, die drei „regulären“ Alben der 2000er. Sie sind noch immer keinen Deut langweilig oder enttäuschend geworden, sogar nach wie vor durchgehend überzeugend und voller Höhepunkte. Erwartungsgemäß knüpft Alles in allem dort an, nicht bei Lament, es geht noch ruhiger zu als bisher, geradezu balladesk. Interessant bei den Einstürzenden Neubauten finde ich auch immer wieder, dass man meist denkt, „das sind doch alles total normale Klänge und Instrumente, wo sind denn nun die einstürzenden Dinge und die experimentellen Geräusche?“, und dann liest man das Kleingedruckte durch, und entdeckt wieder die abwegigsten Gerätschaften, oftmals metallischer Natur, aber diesmal waren auch erstaunlich viele konventionelle Instrumente beteiligt, und die Metalle und anderen Geräte sorgen wieder für wunderbare Klangschichten, wenn auch nicht mehr so wunderbar eindrucksvoll wie bei „Greatest Hits“ wie Die Befindlichkeit des Landes oder Alles, die Klänge und Metalle brauchen wirklich niemandem Angst zu machen, der bei dem Bandnamen noch immer an den Krach der ersten drei, vier, fünf Jahre der Neubauten denkt. Selten wird es hier noch laut oder geräuschig, etwa bei Zivilisatorisches Missgeschick, und viele Berlin-Verweise sind wieder zu finden, allerdings legt Bargeld im Interview Wert auf die Feststellung, dass man doch Abstand davon genommen habe, ein Berlin-Album zu produzieren, weil das ja eh alle machen oder, naja, so richtig verstanden habe ich eigentlich auch nicht, was er da sagte, aber das ist voll in Ordnung, das gehört dazu, ich interpretiere, man habe vielmehr ein Berlin-Album mit Berlin als Leerstelle produziert. Eigentlich wiederum verstehe ich bislang jedes Neubauten-Album so. Silence is sexy (2000) schien eine Art Resümee des Berlin der Neunzigerjahre abzubilden, und wenn man (als Berliner) das heute hört, merkt man, wie sehr sich die Stadt in den tatsächlich 20 Jahren seither verändert hat. 2000 war nebenbei bemerkt auch das Jahr, in dem ich nach Berlin gezogen bin, also irgendwie passt das mit dem Grundgestus des Albums Silence is sexy zusammen; dieses Album hat für mich immer irgendwie gut vergegenwärtigt, wie Berliner, die schon länger vor Ort waren, die Stadt genau damals, ums Jahr 2000, erlebt haben und was zu jenem Zeitpunkt mit dem Ende der in Berlin umwälzenden 1990er der Stand war. Damals wurde ja auch der komplett neu gestaltete „Potsdamer Platz“ eröffnet, zuvor „die größte Baustelle Europas“, wo dann auch die Filmakademie (DFFB) ihre neuen Räumlichkeiten eröffnete (vom weiter im Westen gelegenen Theodor-Heuss-Platz herüber in die Ganz Neue Mitte gezogen), also war ich dann als Student dort Jahre lang neu-mittendrin. Und heute ist der Potsdamer Platz schon wieder ein alter Hut, vieles steht leer oder soll raus, und der „Platz“ (der eigentlich keiner ist) wird von keinem Berliner gerne gesehen (angeblich ist er ein Touristenanziehungspunkt, aber das ist irgendwie schräg, denn es gibt und gab dort nie etwas zu sehen).

20 Jahre Berlin, 40 Jahre Einstürzende Neubauten – wenn auch, selbstredend, manchmal von Besetzungswechseln geprägt, fehlt doch leider schon lange der spannende FM Einheit. Gegründet wurden die Neubauten, so geht die Legende, mit einem Auftritt am 1. April 1980, und ich weiß, dass sie in jenen Tagen auch in der Wohnung von Rosa von Praunheim spielten, das schrieb er auch in einem seiner zahlreichen autobiografischen Bücher; Rosas Wohnung, in der er seit den 70er Jahren lebt, war oft eine Begegnungsstätte typischer Berlin-Figuren aller Art. Ich habe, als ich nach Berlin kam, rund zweieinhalb Jahre als persönlicher Assistent für Rosa gearbeitet, und wie es der Zufall will, hatte ich gerade letzte Nacht einen Traum, in dem Rosa vorkam. Also, eigentlich kam er, glaube ich, nur insofern vor, dass er nicht mehr lebte. Und als ich aufwachte, war ich mir erst nicht sicher… lebt er nicht mehr? Nein, er geht zwar zügig auf die 80 zu, aber macht nach wie vor Filme und ist Teil der Berliner Kulturszene.

Es ist allein schon großartig, dass die Einstürzenden Neubauten im Jahr 2020 unverhofft noch einmal ein Album herausbringen. Der Titel „Alles in allem“ lässt befürchten, dass es nun wirklich das letzte sein wird. Es enthält keine „Hits“ – im Gegensatz zu den oben genannten drei Alben, die voll solcher Stücke sind, und in den 1990ern gab es auch nur zwei reguläre Alben, Tabula Rasa (1993) und Ende Neu (1996), die nicht ganz so herausragend sind wie die der 2000er (oder die der Achtziger bis zum genialen Haus der Lüge, 1989), bieten aber immer noch ein paar Höhepunkte. Kein Lärm, keine Hits, keine Überraschungen? Vielleicht ist zumindest überraschend, dass Alles in allem ein außergewöhnlich gutes Album ist. Wieder.

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8 Comments

  1. ijb:

    Berlin und Einstürzende Neubauten gehören zusammen. Schon immer. Die geteilte Stadt war Kulisse und Werkzeug, als alles begann. 40 Jahre sind seitdem vergangen. Die Mauer stand nur 28 Jahre lang. Dimensionen des Vergänglichen. (…) Bargeld schreitet durch seine Stadt. Er beobachtet und erzählt. Selbstverständlich verweilt er im Ungefähren. So richtet er in „Grazer Damm“ gleichzeitig den Blick aus dem Fenster und in die eigene Vergangenheit. Die Gedanken machen sich selbstständig, das Treiben draußen nimmt apokalyptische Züge an. Nur ein paar Akkorde und Percussion-Elemente begleiten die Reminiszenzen des Sängers. Zurück bleiben Ruinen, wie so oft.
    (…)
    Neben „Ten grand goldie“ ist „Taschen“ wahrscheinlich der größte Hit des Albums. Der Song nimmt sich viel Zeit. Wieder einmal meditiert Bargeld über das Warten, diesmal wird er dabei von zurückhaltend eingesetztem Schlagwerk und allerhand Geigen und Glockengeläut begleitet. (…) „Das meiste ist abgelaufen“, konstatiert Bargeld, ehe die Guillotine herniederfährt: „Wir leben hier nicht mehr / Schon lange nicht.“ Der Stand der Dinge ist leer.

    „Alles in allem“ ist ein Album von erstaunlicher Homogenität. Konzeptionell, klangtechnisch und textlich greifen die einzelnen Elemente in beeindruckender Manier ineinander. (…) Niemand klingt wie Einstürzende Neubauten. Wenige können die deutsche Sprache so schwirren lassen wie Blixa Bargeld. „Alles in allem“ ist dann auch der Song, in dem die Fäden zusammenlaufen. (…)

    (zitiert nach Christopher Sennfelder, plattentests.de)

  2. Jan Reetze:

    Eine der wenigen 80er-Jahre-Bands, bei denen ich immer noch neugierig bin — gerade auch, nachdem Blixa vor einigen Tagen in einem Interview seiner Genervtheit darüber Ausdruck verlieh, wie stereotyp inzwischen in Filmen und Büchern das Thema „Berlin-in-den-Zwanzigern“ abgefeiert wird.

  3. Michael Engelbrecht:

    Ich kann Jan mit Ersterem nur zustimmen: ihre späteren, elegischen Alben waren das berüchtigte „grosse Kino“ für mich: das schönste Stück werde ich in der Nacht spielen, dazu DIE WLDE JAGD, Ulrike Haage … jede Menge Berliner Horizonte… und, mhm, sie Zwanziger werden stereotyp abgefeiert? Okay, Berlin Babylon ist gar nicht meins. Aber sonst habe ich das nicht mitgekriegt. Ist das jetzt zum Jubiläum?

  4. Babylon Berlin:

    Die Berliner Zwanzigerjahre sind überall:

    https://www.suedkurier.de/ueberregional/kultur/Ganz-Berlin-feiert-die-20er-Jahre-bloss-Was-gibt-es-da-ueberhaupt-zu-feiern;art10399,10416643

    https://shop.zeit.de/sortiment/buecher/zeit-editionen/3811/zeit-bibliothek-der-goldenen-zwanziger

    https://www.perlentaucher.de/stichwort/zwanziger-jahre/buecher.html

    https://www.youtube.com/watch?v=aiLwKbFIMnU

  5. Lorenz:

    1981 waren wir mit der Schule in Berlin. Da habe ich im Metropol die Einstürzenden Neubauten gesehen. Die beiden anderen Bands des Abends waren die Neonbabies mit der jungen Inga Humpe als Sängerin und Unknown Gender. Selbst das coole Berliner Publikum war teilweise überfordert und gespalten beim Auftritt der Neubauten. Es gab immer wieder Buhrufe bis sie abrupt abbrachen, die Drumsticks ins
    Publikum warfen und die Bühne verließen. Dann kam es zu
    Zugaberufen. Das Publikum war gespalten. Nach einer ganzen Weile kehrten sie wieder auf die Bühne zurück und einer der Musiker fragte: “Sollen wir jetzt aufhören oder weiterspielen? Ihr müsst euch schon entscheiden.“

    Unvergesslich!

  6. ijb:

    Metropol: sehr beeindruckend. Ich war da tatsächlich noch nie drin, obwohl ich seit vielen Jahren ganz in der Nähe wohne und bestimmt jede Woche zwei, drei Mal dran vorbei komme, erst vorhin wieder.

    Die Berliner Zwanzigerjahre sind tatsächlich auch bei meinen Schwiegereltern (die seit immer in Ost-)Berlin leben) total en vogue, speziell wegen der „Babylon“-Serie; sie hatten auch schon vor, zu solchen 20er-Jahre-Veranstaltungen zu gehen; weiß jetzt aber nicht, ob sie das dann auch gemacht haben.
    Meine Mutter hingegen findet die Bücher von Volker Kutscher sehr gut, die allerdings eigentlich ja eher Anfang der 30er spielen; sie findet hingegen die Serie nicht so richtig überzeugend (geht mir ähnlich), und zwar vor allem deswegen, weil wohl die Stärken der Bücher in der Serie zugunsten von massiven Schaueffekten und Berlinklischees außen vor gelassen wurden. Wir haben uns kürzlich über „Mindhunter“ unterhalten, und nachdem ich da online auch ein paar Videoessays dazu gesehen habe, verdeutlicht sich noch mehr: Während „Mindhunter“ versteht, welche Qualitäten im authentischen Erzählen gut recherchierter Zusammenhänge und Figuren, aus dokumentarischem Material erarbeiteten Drehbüchern gewinnen können, und auch welche Spannung und Faszination sich daraus ziehen lässt, scheinen die Macher der „Babylon“-Serie leider genau diese Qualitäten der Kutscher-Vorlagen als komplett uninteressant zu empfinden und wischen sie daher beiseite. Stattdessen bleiben alle Figuren Abziehbilder und alles völlig überladen und bombastisch und deshalb zunehmend langweilig und inhaltsleer wie Seifenblasen. Durch die Folgen der Babylon-Serie musste ich mich zunehmend durchkämpfen, es wurde alles total oberflächlich und ohne Glaubwürdigkeit. Bei „Mindhunter“ genau das Gegenteil.

  7. Michael Engelbrecht:

    Lesenswert, und ein tolles Foto von einem Konzert anno 1982.

    theguardian.com / blixa-bargeld-interview-einsturzende-neubauten …

  8. Adam Lehrer:

    Während der frühen Karriere der Neubauten signalisierte die Gruppe das, was sie als das Ende … der Musik … der westlichen Zivilisation ansah. Wie Simon Reynolds einmal über die Band schrieb:

    „Der logische Schritt für die Neubauten wäre gewesen, zu verschwinden oder zu sterben.“

    Und während das Ende der Welt ein hartnäckig langsames Rollen war, kommen die Neubauten immer weiter voran. Der Tod der Zivilisation muss nicht mit dem Tod der Kreativität zusammenfallen. Dies ist eines der eindringlichsten Alben, das die Neubauten jemals produziert haben, und die Band schafft es immer noch, ihre Zuhörer mit einer verwirrenden Reihe von jenseitigen Klängen zu erschüttern und zu schockieren. Zugänglich bedeutet nicht immer sicher oder langweilig. Neubauten ist immer noch ein Genre-Bastard, und ich wage es, eine andere Band so weit in ihrer Karriere zu nennen, die ihre Palette immer noch in einem so extremen Maße erweitert.

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