Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 17 Mai

25 Rückblicke

von: ijb Filed under: Blog | TB | 3 Comments

In diesem allerfeinsten kleinen Film, in dem Bill Frisell von seinen Anfängen erzählt, dreht sich einiges um sein Debut-Album für ECM, „In Line“. Ein Solowerk, mit der Unterstützung von Arild Andersen bei einigen Stücken. Ein betörend unspektakuläres erstes Mal. Diese Produktion ist auch eine Story von Manfred Eichers Gespür und Geduld (aber hören, sehen Sie selbst). Ich fragte mich, wer dieser Gitarrist sei, als ich ihn das allererste Mal hörte, mit seinem Kurzauftritt auf Eberhard Webers Album „Fluid Rustle“, bei dem er auch Balalaika spielte. „In Line“ begegnete mir wieder, während eines Gesprächs mit Gavin Bryars. Da ging es um sein Album „After The Requiem“, mit Frisell an der E-Gitarre. Wir sprachen über die letzten Tage des Philosophen Immanuel Kant, wie er (daran erinnere ich mich, sicher lückenhaft) er aus dem Fenster seines Zimmers schaute, auf einen alten Turm gegenüber („The Old Tower of Lobericht“) – und Gavin Bryars schichtet die Klänge so wundervoll, dass Frisells Schwebungen sich elegisch und spannungsreich zugleich einfügen. Und Mr. Bryars erzählte mir, in einem kleinen Büroraum in Gräfelfing, wie sehr er „In Line“ als Album schätze. Ein Stück daraus spiele er seit Jahr und Tag immer wieder, wenn auf seinen Flügen die Maschine dabei ist abzuheben, und er damit eine leichte Flugphobie bestens in Schach halte. Es habe die perfekte Schwingung, und die perfekte Länge. Wer Frisells Musik kennt, wird, wenn er dem Amerikaner zuhört (in diesem Gespräch, das wie ein tief entspanntes Solo rüberkommt) ganz eigene Assoziationen entwickeln zur Musik, zur eigenen Hörgeschichte. Hier und da gönnt sich die Kamera einen Blick in die Umgebung, auf einen Spielplatz etwa. Für Frisell war die Musik stets ein „adventure playgound“, und hier erzählt er so ehrlich, so ruhig, dass man dieser Figur wirklich näherkommt, und hinterher grosse Lust hat, „In Line“ zu hören. (m.e.)

 

Tatsächlich zählte Bill Frisell zu meinen ersten Gesprächspartner-Ideen für diese 50-Episoden-Reihe über ECM (neben Mick Goodrick, der leider mit den Worten „I’m in the process of retiring in the next year or so, plus I broke the little finger of my left hand a couple of years ago“ freundlich, aber bestimmt absagte), und letztlich zog sich die Organisation zu einem Treffen mit Bill  über einige Monate hin, und es war bislang auch der einzige Musiker, mit dem die Planung nicht direkt persönlich stattfand, sondern ausschließlich zuerst über seine Managerin in San Francisco und dann mit seiner Tourmanagerin / Tonmeisterin. Leider ließ es sich nicht ermöglichen, ein Treffen bei ihm in New York zu machen. Ich bot dann irgendwann an, dass doch der Konzertraum hier in Berlin der Tour im letzten Herbst eine gute Option wäre, da ich quasi auf der gleichen Straße wohne, nur ein Stück weiter nördlich, was auch auf positive Resonanz zu stoßen schien. Ob eine Stunde den ausreichend sei? (Sicher. Mit Richie Beirach, Heiner Goebbels oder Boris Yoffe hatte ich deutlich weniger Zeit, und das Ergebnis kann man dennoch vorzeigen.) Doch von Seiten der Kontaktperson(en) wurde am Ende der Wunsch übermittelt, das Gespräch im Hotel durchzuführen. Ob ich denn auch mit einer halben Stunde auskäme? Naja, klar, sagte ich, schließlich hatte ich wohlahnend schon zu Beginn geschrieben, dass auch einige Minuten im Rahmen eines Soundchecks oder dergleichen möglich wären, sollte es zeitlich im Rahmen einer Tour nicht anders einzurichten sein. Meist ist ein Hotel keine wirklich gute Räumlichkeit für Interview-Filmereien, erstens weil es meistens stulle (so der Berliner) aussieht (siehe hierzu die Interviewvideos mit Heinz Holliger, wo wir immerhin ein dunkles Salonzimmer in einem Westberliner Hotel organisierten), und zweitens weil der Ton schwierig zu verwenden ist. Vor Ort zeigte sich dann auch, dass die Hotelangestellten (erwartungsgemäß) einem Interview nur unter der Bedingung zustimmten, dass wir uns ins Restaurant setzten – und keine Aufnahme gemacht würde.

Daher fand das Gespräch mit Bill am Ende in einem kleinen Park mitten in Friedrichshain statt, eine Minute vom Hotel entfernt  statt (ich hatte ja nur 30 Minuten); glücklicherweise war es akustisch gerade so noch okay, wenngleich dort auch einige Herrschaften unterwegs waren. Rechtlich gesehen darf man heute Menschen in der Öffentlichkeit nicht einmal mehr von hinten Filmen, wenn man nicht vorher ihre Erlaubnis einholt, mit Kindern ist es noch strenger… Ich wäre herzlich gerne mehr in die Tiefe gegangen und hätte gerne noch einiges mehr zu Bills Arbeit für/mit ECM erfahren, aber so ist der Fokus eben noch striker auf den Jahren bis zum ersten Album. Immerhin hatte er vorher schon mein Video mit Gavin Bryars gesehen (und das gleich positiv erwähnt), wo er ja auch thematisiert wird.

Heute habe ich sozusagen die Hälfte der Episoden der Reihe fertig; 15 weitere sind zumindest gefilmt (und manche in Teilen geschnitten, aber noch nicht ganz rund), ich hoffe, die über den Frühling und Sommer fertigzustellen. Und sobald es wieder möglich wird, Reisen anzutreten, hoffe ich, möglichst viele der zwischen März und Mai terminierten und dann abgesagten Treffen noch nachzuholen (Corea, Endresen, Brüninghaus, Surman, Bates, Abbuehl, Mazur, Roberto Masotti). Dies ist aktuell der Stand der gesicherten Rückblicke zur Halbzeit:

 

1961 Steve Swallow & Carla Bley on Jimmy Giuffre 3 

1969 Martin Wieland / Studio Bauer (Mal Waldron „Free at last“ / Version ohne Untertitel)

1970 Frieder Grindler (Wolfgang Dauner „Output“)

1973 Art LandeRed Lanta“

1974 Eberhard Weber

1975 Steve Swallow „Music of Carla Bley“

1976 Lajos Keresztes (Egberto Gismonti „Dança das Cabezas“)

1977 Richie Beirach

1978 Wadada Leo Smith „Divine Love“

1980 Rainer Brüninghaus „Freigeweht“

1981 Meredith Monk „Dolmen Music“

1982 Bill FrisellIn Line“

1984 Friedrich Hölderlin

1986 David TornCloud About Mercury“ (+ Everyman Band)

1987 Hans KochAccélération“

1988 Heiner Goebbels / Heiner Müller „Der Mann im Fahrstuhl“

1989 Jean Guy Lathuilière (Alex Cline „The Lamp And The Star“)

1990 Gavin BryarsAfter The Requiem“

1991 Arild Andersen: Masqualero „Re-Enter“

1995 Pierre Favre „Window Steps“ [geplant für 2. Juni]

1996 Juan Hitters (Dino Saluzzi „Cité de la Musique“)

1997 Barry Guy & Maya Homburger

1998 Jan Jedlička (Tomasz Stanko „From The Green Hill“)

1999 Mayo Bucher (Herbert Henck: Jean Barraqué Sonate / Björn Meyer „Provenance“)

2000 Marilyn Crispell

2001 Jon Balke

2002 Carla Bley „Looking for America“

2003 Caterina di Perri (Stefano Battaglia „Raccolto“)

2005 François Couturier & Anja Lechner / Tarkovsky Quartet „Nostalghia“ [muss überarbeitet werden; letzte Schnittfassung nicht freigegeben]

2006 Paul Giger & Marie-Luise DählerTowards Silence“

2007 Jan Kricke

2008 Mark Turner

2009 Boris YoffeSong of Songs“

2010 Ketil Bjørnstad & „La notte“ 

2011 Eberhard Ross (Mauseth/Valli „Over Tones“)

2013 Thomas Wunsch (Christian Wallumrød Ensemble „Outstairs“)

2014 Fotini Potamia (Savina Yannatou „Songs of Thessaloniki“)

2015 Gary Peacock Trio with Marc Copland and Joey Baron „Now This“ + Outtake

2016 Gérard de Haro / Studio La Buissonne

2018 Marc Sinan & Oguz Büyükberber „White“

 

Hinzufügen für 2019 ließe sich noch die kleine Reihe von Gesprächsteilen mit Heinz Holliger, zu seinem 80. vor einem Jahr, wenngleich das stilistisch weitaus simpler ist und letztendlich in künstlerisch-gestalterischer Hinsicht nicht von mir entschieden wurde:

 

2019 Heinz Holliger über Kurtág, über Philippe Jaccottet und die Idee hinter dem Album „Zwiegespräche“

Für 2020 wird es außerdem noch ein Video mit Interview mit Erkki-Sven Tüür geben, zu seiner Kammermusik.

Gerade als ich diesen Blogeintrag fertigstelle, erhalte ich eine Mail von Gary Peacock, „Whatever has a beginning has an end.“ Nachdem das Gespräch mit Peacock und Marc Copland viel positive Resonanz erhalten hat und auf Facebook zahlreiche Male geteilt wurde, habe ich noch ein „Outtake“ hochgeladen, wo die beiden konkret über ECM und Manfred Eicher sprechen. Das hatte in dem ohnehin schon recht langen 2015-Gesprächsvideo keinen Platz mehr gefunden. Daher hier als letztes Wort zum Sonntag.

This entry was posted on Sonntag, 17. Mai 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

3 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ich war so fasziniert vom breiten Bogen, den Bill F hier schlägt, von seinem Jahr 1969, bis hin zu seiner Sache mit dem Selbstvertrauen, dass ich dachte, das ganze habe in New York stattgefunden. Und wenn ich dran denke, was das für eine Anstrengung war, dieses kleine Zeitfenster für ein Interview zu öffnen, ist es noch erstaunlicher, wie hier die Zeit fast stehen zu bleiben scheint.

    Und was für ein Tableau, der Blick auf 50 Jahre. Vollendet scheint die Arbeit erst zu sein, wenn für jedes Jahr ein Film entstanden ist. Schade, dass es mit Steve Tibbetts nicht geklappt hat. If you‘ll ever be in Minnesota, Ingo, his doors will be open, I‘m sure. And Brian W. will find some great stuff here, too, we both wait with curiosity for the Art Lande memories here😉

    Over decades I sent Brian E. well-chosen ECM albums, and he became a huge fan of Heiner Goebbels‘ Landscape with Argonauts, David Darling‘s Cello, and Eleni Karaindrou‘s debut, Music for Films.

  2. ijb:

    Ich hatte im letzten Jahr ja einige Male Kontakt mit Steve, wollte ihn auch unbedingt in St Paul besuchen, aber am Ende führten unsere Wege in verschiedene Richtungen. Er war nach anfänglicher positiver Rückmeldung zu dem Projekt dann sehr zurückhaltend, was Gefilmtwerden und Interviews betrifft. Tatsächlich habe ich „noch“ Flugtickets nach Amerika in diesem Sommer, wieder in genau diese Gegend, nehme aber nicht an, dass die Reise wie geplant stattfindet, womöglich sogar nicht einmal mehr dieses Jahr. Da hatte ich mir aber im Hinterkopf gehalten, ihn noch einmal zu kontaktieren. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

  3. Olaf:

    Wie schon geschrieben, die wunderbar ruhige Atmosphäre gefällt mir sehr und passt zu der Musik. Danke für die Übersicht.

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