Manafonistas

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Vor drei Jahren schrieb ich in meiner minutiösen, kommentierten Diskografie des Gesamtwerks von Elton John, wie bedauerlich es sei, dass es (bis heute) kein echtes Soloalbum des Piano-Popstars gäbe, allenfalls das 2013er Album The Diving Board kommt dem halbwegs nahe; das MTV-Unplugged-Konzert aus dem Mai 1990 wurde bis heute leider nicht als LP veröffentlicht. Die neue Veröffentlichung eines Konzerts aus dem Jahr 1979 und andere Konzertalben-Reissues From the Archives wie 17-11-70 schüren neue Hoffnung, dass Unplugged womöglich doch bald auch mal erhältlich sein könnte.

Elton John spielte im Mai 1979 acht Konzerte in der Sowjetunion, was, soweit ich immer verstanden habe, für die damalige Zeit ein nicht unbedeutendes Ereignis war: Die kommunistischen Behörden erlaubten in den 1970ern erstmals Konzerte westlicher Rockmusik, zudem von einem reichen, auf der Bühne sehr extravaganten und offen homosexuellen Star, der in den 1970ern teils mehr Platten verkaufte als jeder andere. Im Anschluss wurde sogar Elton Johns LP A Single Man (1978), die den Rahmen der Tour vorgab, offiziell in der UdSSR veröffentlicht. Laut Informationen bei Wikipedia kostete eine Karte für eines der Konzerte 8 Rubel, was in etwa dem durchschnittlichen Tagesverdienst in der Sowjetunion entsprach. Allerdings wurden mehr als 90 Prozent der Karten von hohen Parteimitgliedern, Diplomaten und Militäroffizieren erworben. Der Rest kostete auf dem Schwarzmarkt das bis zu 25-fache des offiziellen Preises. Wie in vielen anderen Ländern des früheren Ostblocks war westliche Popmusik nur illegal und zu hohen Preisen zu bekommen.

Da die UdSSR-Konzerte Teil der Tour A Single Man waren, spielte Elton John jeweils die erste Hälfte des Abends solo am Piano, was ihm natürlich einige improvisatorische Freiheiten erlaubte, die man in den üblichen Bandkonzerten nicht zu hören bekommt; in der zweiten Hälfte kam Perkussionist Ray Cooper hinzu, der seit den frühen Siebzigern und bis heute immer wieder Teil von Eltons Konzertband war. Der oft extravagant aufspielende „Mad Ray Cooper“, bald 80 Jahre alt, spielte seit den Sechzigern mit The Who, Pink Floyd, den Rolling Stones, Eric Clapton oder auch George Harrison. Ich selbst hatte die Freude, ihn bei der Tour 1995 zu erleben, auf der Elton John nach Jahren der Keyboard-Lastigkeit erstmals wieder mit einem richtigen Flügel und einer elektronik-befreiten Rockband unterwegs war.

Eltons Idee der Tour war, auf die Extravaganz seiner früheren Auftritte zugunsten eines Fokus auf Piano und Gesang zu verzichten. Für die Russlandkonzerte erhielt er wohl jeweils eine Gage von 1000 Dollar. So wenig hatte er angeblich seit den Konzerten seines Durchbruchs im Troubadour in Los Angeles nicht erhalten.

Aufnahmen der UdSSR-Solotour waren bislang nur auf einer raren VHS-Veröffentlichung zu bekommen. Die BBC hatte das letzte Konzert am 28. Mai live aus Moskau übertragen, was laut BBC Radio 1 die erste Stereo-Satellitenverbindung zwischen der UdSSR und dem Westen war. (Hier ein kurzer Ausschnitt aus der Fernsehfassung der BBC.) Zum 40-jährigen Jubiläum gab es 2019 eine limitierte (und sehr teure) „Record Store Day“-Doppel-LP dieses Konzerts, die nun auch dem Normalbezahler erhältlich gemacht wurde, wahlweise auch als Doppel-CD.

Die Auftritte waren über zwei Stunden lang. Laut Wikipedia spielten John und Cooper bei diesem Konzert in Moskau rund 30 Songs – wobei Pinball Wizard (The Who) und die Beatles-Hits Back in the USSR und Get Back nur in Medleys im Zugabenteil mit Saturday Night’s Alright und Crocodile Rock untergebracht waren. Hier liegt – neben der mittelprächtigen Klangqualität der alten Aufnahmen – leider auch das größte Manko dieser Veröffentlichung: Ein Fokus wurde, wie so oft, wieder einmal auf die Hits gelegt. Brauchen wir die 78. Liveaufnahme von Bennie and the Jets, Sorry seems to be the hardest Word, Rocket Man und dem Schlager Daniel? Ja, die Performance ist toll, und auch Goodbye Yellow Brick Road und gerade improfreudige, aber seit 50 Jahren in nahezu jedem Konzert gespielte Piano-Rocknummern wie Take me to the Pilot und Saturday Night’s Alright (YouTube) sind immer wieder mitreißend. Die eigentlichen Schätze sind allerdings die längst aus dem Konzertprogramm verschwundenen Stücke wie Crazy Water, Tonight (sehr nahe an der Studioversion von 1976 gespielt, daher nicht allzu spannend), Better Off Dead und ein fröhliches Cover von I Heard It Through The Grapevine. Auch schön, dass Funeral For A Friend und das simplizistische Frühwerk Skyline Pigeon dabei sind.

Geradezu frustrierend ist allerdings, dass viele in diesem Konzert gespielte Raritäten, die ja nun locker auf einer Doppel-CD mit Spielzeit von bis zu 160 Minuten Platz gefunden hätten, weg gelassen wurden: die sympathischen Country-Songs Roy Rogers und I Feel Like a Bullet (In the Gun of Robert Ford), das grandios jazzige Idol und weitere tolle Stücke mit viel Piano wie Where to Now St. Peter, Ego, Part-Time Love, I Think I’m Going to Kill Myself, Sixty Years On und Song for Guy, die man kaum einmal wieder live zu hören bekam. Die CD bietet letztlich nur 16 Tracks, lässt also fast die Hälfte des Konzerts weg. Das ist eine große Enttäuschung. Nein, ein echtes Ärgernis.

von Ingo J. Biermann

This entry was posted on Sonntag, 5. Januar 2020 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

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