Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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1) Brian Eno and the words of Rick Holland : Drums Between The Bells
2) Duo Gazzana: Takemitsu, Hindemith, Jánacek, Silvestrov: Five Pieces
3) Pessi; Wallumrod; Ambosini; Achtmann: If Grief Could Wait
4) David Sylvian: Died In The Wool – Manafon Variations
5) Heinz Holliger/ Johann Sebastian Bach: Ich hatte viel Bekümmernis
6) Bill Callahan: Apocalypse
7) Francois Couturier: Tarkovsky Quartet
8) Nils Okland & Sigbjorn Apeland: Hommage á Ole Bull
9) PJ Harvey: Let England Shake
10) Alison Krauss & Union Station: Paper Airplane
11) Gillian Welch: The Harrow And The Harvest
12) Robert Schumann / András Schiff: Geistervariationen
13) Kate Bush: 50 Words for snow
14) The Unthanks: Last
15) Bill Frisell: All we are saying
16)Chris Watson: El Tren Fantasma
17) Beach Boys: The Smile Sessions
18) Cindytalk: Hold Everything Dear
19) Sarah Jarosz: Follow me down
20) Sea of Bees : Songs for the Ravens
21) Radiohead: The King of Limbs
22) Bon Iver: Bon Iver 
23) Marylin Mazur: Celestial Circle
24) Eddie Vedder: Ukulele Songs
25) Toshio Hosokawa: Landscape
26) James Vincent McMorrow: Early In The Morning
27) Release The Sunbird: Come Back To Us
28) Dave Davis: Hidden Treasures
29) Kammerflimmer Kollektief: Teufelskamin
30) Sylvie Courvoisier & Mark Feldman Quartett: Hotel du Nord

2011 22 Nov.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (6)

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Gestern lag bei mir im Briefkasten, zugegeben etwas verspätet, die neue CD von Thea Gilmore John Wesley Harding. The Guardian schreibt dazu und zitiert zunächst Gilmore: „Should one attempt to reinterpret a 40-year-old, somewhat legendary piece of work? Probably not,“ writes English folkie Thea Gilmore. Nonetheless, as Bob Dylan’s 70th birthday approaches, she has covered his album John Wesley Harding in its entirety as a tribute.“

 

 

Das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen, eine durchweg hörenswerte Platte. Besonders gespannt war ich auf die Interpretation von All Along The Watchtower. Na ja, sie klingt nicht gerade umwerfend, verführte mich aber dazu, einmal mehr in meinem Plattenschrank zu kramen und nach alternativen Versionen dieses vorzüglichen Songs zu suchen.

 

 

Zunächst fällt mir da in die Hände Werner Lämmerhirt, Sammy Vomácka, David Qualey, Klaus Weiland: Session with friends for friends, eine strahlend blaue Schallplatte von Stockfish Records, auf der Lämmerhirt mit seinen Freunden zu richtig losfetzt. Wunderbare Titel sind zu hören, unter anderen Long Way Back Home; Nobody Wants You When You’re Down And Out; If I Were A Carpenter; Alberta und eben auch All Along the Watchtower. Eine fabelhafte Version ist das … 1975 erschien diese Platte, die es natürlich schon lange nicht mehr zu kaufen gibt, allerdings gab es im Sommer 1992 einmal Neuauflage unter dem Titel Werner LämmerhirtDie frühen Jahre. Auf dieser CD findet der Hörer dann allerdings zum Trost statt acht, gleich sechszehn Lieder des Meisters vor.

 

 

Als ich im Sommer 1974 über den Piccadilly Circus in London schlenderte, hörte ich aus einem Plattenladen die neue Doppel-LP von Bob Dylan and The Band Before the Flood. Für mich war damals diese Platte ein ganz neues Dylan-Erlebnis, aber das ist bei diesem Musiker nun ja kaum zu vermeiden, zum Glück. Dieses neue Dylan-Erlebnis ereilte mich auch wieder vor vier Wochen in Mannheim, als Dylan dort in einem Doppelkonzert mit Mark Knopfler auftrat und mit einer Band in einer nie gehörten Härte spielte, das Gitarrenspiel anderen überließ und selber nur an Keyboards experimentierte. Herausragendes Stück auf Before the Flood ist natürlich All along the watchtower.

 

 

Klar, Jimmy Hendrix fehlt noch mit seiner kongenialen Version des Meisters. 1968 erschien All along the watchtower auf der LP Electric Ladyland, und diese soll den Erfinder dieses Liedes schwer beeindruckt haben. So, die nicht weniger beeindruckten Versionen dieses Songs von Neil Young oder auch Richie Havens lasse ich für heute außen vor … und wenn ich jetzt diese vier Versionen des Dylan-Songs höre, ja dann …

Platz 1: J.Hendrix
Platz 2: Bob Dylan and the Band
Platz 3: Werner Lämmerhirt

… aber die Platte Thea Gilmore John Wesley Harding ist schon auch gut.

2011 7 Nov.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (5)

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Was für eine Sendung … also, die Klanghorizonte mit Michael Engelbrecht, das war heute in der Nacht einmal mehr ganz das, was sich der Radioliebhaber wünscht. Danke, Michael! Und mich hat diese Sendung auf die Schiene Beach Boys gebracht, erschien doch gerade eben, Michael berichtete davon und spielte daraus Heroes And Villains: Children Were Raised , Our Prayer „Dialog“ und Cabin Essence , die 120,00 Euro Box The Smile Sessions.

Für mich ein Grund in die Tiefen meines Plattenschranks zu tauchen. Waren da nicht noch andere, wirklich tolle Platten, die es wert wären, einmal wieder aufgelegt zu werden? Zunächst wäre da eine Original Emidisc Ausgabe der Platte THE BEACH BOYS GOOD VIBRATION.  Hier findet sich ein Hit am anderen, aber eben auch solche Kostbarkeiten wie Heroes an Villains, eine Komposition von Brian Wilson und Van Dyke Parks.

Die LP Bug-In dürfte sich in erheblich geringerer Anzahl von Plattenschränken finden, keine Hitparadenplatte, eher unbekannte, aber wunderbare Lieder finden sich hier, zum Beispiel With me tonight oder das Stevie-Wonder-Stück I was made to love her.

 

 

Diese LP erschien 1967, in dem Jahr in dem auch Wild honey den Weg in meine damals noch kleine Plattensammlung fand. Und das kam so: Im November des Jahres besuchte mich meine Cousine aus Amerika. Sie brachte das beste Geschenk mit, das man sich als vierzehnjähriger, begeisterter Musikhörer denken kann: zwei Single-Platten, Original US-Pressung.

In der einen Hülle steckte Wild Honey von den BEACH BOYS – ich glaube diese Platte erschien nie in Deutschland als Single, jedenfalls erreichte sie nicht die deutschen Hitparaden, aber auch in England kam sie nur auf Platz 29 und in den USA auf Platz 31 der Single Hitparaden – und in der anderen Daydream Believer von den Monkees. Beide Platten waren in Deutschland im November 1967 noch ziemlich unbekannt und so war ich in der Schule bei meinen wenigen musikinteressierten Freunden dieses eine Mal der richtig große MAX.

Noch eine Anmerkung zu Wild honey: Die B-Seite dieser Single enthält den Brian-Wilson-Titel Wind Chimes, Ausnahmemusik, sag ich nur. Aber zurück zu den BEACH BOYS LPs, 1970 brachten die Jungs Sunflower auf den Markt, auch eine sehr schöne Langspielplatte, auf der eher weniger bekannte Stücke zu finden sind, begeisternd finde ich das Stück Add some Music to your day.

 

 

Der Geheimtipp am Schluss: Surf´s Up. Auf dieser BEACH – BOYS – Platte kann man seltene, im Radio so gut wie nie gespielte Lieder entdecken, mich begeistert Feel Flows. Das wär´doch mal ein Stück für die Klanghorizonte, Michael, oder?

 


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1

Der November naht, Zeit sich an Heinrich Heines Gedicht Ein Wintermärchen zu erinnern. Weit hinten in meinem Plattenschrank habe ich heute eine Schallplatte ausgegraben, die 1977 erschienen ist und in dem damals zu den Top-Ton-Studios in Deutschlands zählenden Tonstudio Bauer in Ludwigsburg (gleich hier um die Ecke!) aufgenommen wurde (viele Jahre hat hier Manfred Eicher für ECM gearbeitet). Die Rede ist von der Gruppe Poesie und Musik, zu der neben René Bardet, Andreas Vollenweider und Orlando Valentini gehörten. Ein neues Lied, ein besseres Lied wird hier von Bardet in einer so eindringlichen Art vorgetragen und musikalisch so gut untermalt, dass mich diese Platte damals wie heute tief beeindruckt.

2

Nun war ja überhaupt in den siebziger Jahren Poesie und Musik angesagt. 1976 erschien bei ECM die Schallplatte Peter Rühmkorf: Kein Apolloprogramm für Lyrik. Mit dabei damals: Michael Naura, Wolfgang Schlüter und Eberhard Weber. Das letzte Stück der Platte hat es mir besonders angetan:

KOMM RAUS

Komm raus aus deiner Eber-Einzelbucht,
aus deiner Ludergrube.
Komm raus aus deiner kaskoversicherten Dunkelkammer!
Auch dein Innenleben
findet öfter statt, merk ich grade —
(Komm raus aus deinem Farbbandkäfig)
Im Prinzip — ja? — P r i n z i p
sind doch längst alle Schleusen geöffnet, Gitter gefallen …

Immer noch vierlerlei Lichter hier, wo sich
keine Anzeigenseite dazwischenschiebt,
keine Helium-Annonce –:
D I E S O N N E
unverwandt, mit angezogenen Strahlen —
(Komm raus aus deinem Leichen-Entsafter)
Vor dir das Meer und hinter dir
die Waschmaschine …
(aus deinem Metzelwerk, aus deinem Familien-Gefrierfach)
Hier nichts gewollt zu haben,
ist soviel wie verspielt, das weißt du, oder?

Heda, eingerahmtes Tier, du kriegst
den Kopf wohl gar nicht mehr raus aus dieser Pate, laß sehn!
Unbeugsam reflektierst du dich
an der Schreibtischkante —
(eisern nach innen blickend, ein Vesuv mit geschlossenen Augen)
Komm raus aus deinem handversiegelten Hockergrab!
A u c h K u l t u r
ist nur eine unmaßgebliche Schutzbehauptung.

Eine Schlacht im Sitzen gewinnen:
s c h ö n w ä r `s ! ?
Und schön der Gedankeda wer sich nicht rührt,
hat wenigstens Anspruch auf Schicksal — Aus deiner Tropfsteintruhe!

Komm raus aus deinem Todeskoben, überleg dir das Leben:
Die Morgenschiffe rauschen schon an —
Ein Tag aus Gold und Grau:
willst du mit rein? —

3

1978 folgte dann Phönix voran. Statt Eberhard Weber spielte hier der Saxophonist und Flötist Leszek Zadlo zusammen mit Naura und Schlüter. Beide Platten wurden übrigens in Ludwigsburg eingespielt. Mit Phönix voran wird die Scheibe eröffnet, vorgetragen natürlich vom Meister selbst, Peter Rühmkorf, und Naura schrieb dazu die Musik, den Melancholic Waltz.
.

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4

Abschließend sei noch auf die Naura-Box hingewiesen. Die Plattenkiste enthält sechs CDs: Naura lyrisch, Naura musikologisch, Naura trifft Rühmkorf, Naura in Ochsenhausen, Naura im Studio, Naura Live im NDR, erschienen ist das ganze 2009. Von der dritten CD würde ich jetzt die Ballade von der Silberhochzeit auflegen, die sich übrigens auch auf der ECM-Scheibe Country Children wiederfindet.

2011 17 Okt.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (3)

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Am 18.07.2011 war in der Sendung Klanghorizonte mit Michael Engelbrecht eine selten gespielte Platte zu hören. Ich besitze diese Scheibe schon sehr lange, sie gehört zu den ersten Langspielplatten, die ich mir gekauft habe. Und wie viele Jahre steht diese wunderbare schwarze Schallplatte ungehört in meinem Plattenschrank … Im Oktober 1966 erschien „Face to Face“ von den Kinks. Michael spielte damals im Juli „Too Much On My Mind“ und ich lege mir „Rosy Won´t You Please Come Home“, sowie den „Session Man“ auf.

 

 https://www.youtube.com/watch?v=E2Mii2GOwMA

Und wenn wir schon bei den vortrefflichen Kinks sind … Im Sommer 1970 kam ich über einen Schüleraustausch nach London und Edinburgh, aus jeder Pub tönte es L O L A, ja und in meiner Lieblingskneipe, dem „Crasy Elephant“ spielte eine Band diesen Titel so gut nach, dass man meinen könnte, yeah, The Kinks!

 

 

Übrigens erscheint am 31.10.2011 eine CD unter dem Namen Dave Davies das Album Hidden Treasures, das erste Stück dieser CD hatte es mir damals im Sommer 1967 besonders angetan „Susannah´s Still Alive“.

 

 

Wenn wir schon in den hinteren Bereichen des Plattenschranks einen Blick werfen, da steht auch meine allererste Schallplatte, ich kaufte sie als zehnjähriger für 4,75 DM in einem Radio- und Fernsehgeschäft in Hannover, es war „Speedy Gonzales“ von Pat Boone. 1962 erschien diese Platte, in diesem Jahr war sie hierzulande auch eine Nummer 1, aber ich hatte eben erst im Frühjahr 1963 das Geld für den Kauf beisammen. Stolz legte ich diese Scheibe auf meinen Perpetuum-Ebner Plattenspieler und lauschte der Musik über ein Blaupunkt Röhrenradio London H 4053. Was für ein Klang!

https://www.youtube.com/watch?v=iALGml0BQoI

Zum Schluss möchte ich an eine Gruppe erinnern, die wir alle eigentlich nur mit einem einzigen Titel kennen, es handelt sich um „Wooly Bully“, aus dem Jahr 1965, die Gruppe hieß Sam The Sham & The Pharaohs, dabei gibt es ganz andere durchaus hörenswerte Titel dieser Gruppe, zum Beispiel „Lil´Red Riding Hood“ aus dem Jahr 1966.

 

https://www.youtube.com/watch?v=MHF558u6Q_8

2011 8 Okt.

Herbstgedicht

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Vor ein paar Tagen nahm ich einmal wieder das SEPTEMBERBUCH von Robert Gernhardt zur Hand und zwar die Ausgabe mit „Zwanzig Zeichnungen zu zehn Gedichten“. Wenigstens an eines dieser wunderbaren September-Gedichte dieses viel zu früh verstorbenen Dichters möchte ich erinnern:

 
 

Schneiden und Scheiden

 

Ein guter Abend, um Pflaumen zu schneiden,
vorausgesetzt, es stimmt mit euch beiden.
Man kann beim Entkernen Gefühle erleben,
die schlichtweg erheben.

Zum Beispiel das, nicht allein zu sein.
Dann das Gefühl, zu zwein zu sein.
Sowie die Gewißheit: Was immer ihr tut –
Es wird gut.

Ich rede jetzt nicht von der Marmelade.
Wenn die danebengeht, ist es kein Schade.
Auch meine ich keineswegs euer Verschränken.
Daß das in Ordnung geht, will ich gern denken.

Nein:

Ich stell mir nur vor, wie ihr Pflaumen schneidet,
wie ihr sorgsam die Kerne vom Fruchtfleisch scheidet
und wie sich zwei Schalen nach und nach füllen
mit Kernen und Hüllen.

Solch Scheiden paarweis und stetig betrieben,
steigert das Leben und fördert das Lieben,
hindert das Meiden und mindert das Leiden
vorausgesetzt, es stimmt mit euch beiden.

 

Die erste Platte, auf die ich heute aufmerksam machen möchte, brachte der Postbote erst vorgestern. Das Duo Gazzana spielt Toru Takemitsu, Paul Hindemith, Leos Janacek und Valentin Silvestrov. Auch wenn die ganze Platte sehr zu empfehlen ist, möchte ich heute speziell auf den Ukrainer Valtenin Silvestrov eingehen und bei dieser Gelegenheit die älteren Veröffentlichungen von ihm einmal wieder aus dem Plattenschrank holen und das eine oder andere Stück auflegen. Aber zunächst zu dieser neuen CD: Die Fünf Stücke für Violine und Piano, die Raffaella und Natascia Gazzana hier erklingen lassen, wurden 2004 von Silvestrov komponiert. „Es ist ergreifend schlichte Musik, so still und zurückhaltend …“ (Wolfgang Sandner) und sie erinnern mich an mein Lieblingsstück dieses Komponisten, an Hymne 2001.

Bevor ECM New Series 2002 die CD leggiero, pesante veröffentlichte, war Silvestrov für mich ein Unbekannter, doch nach dem Hören dieser Platte, war ich von der Musik dieses Komponisten begeistert. Hymne 2001 findet sich auf dieser CD und speziell dieses Stück spielt der Meister selbst.

 

 

2004 veröffentliche ECM New Series die Stillen Lieder von Valentin Silvestrov, ein Vokalzyklus nach Versen klassischer Dichter. Auf dieser Doppel-CD, eingespielt von Sergej Jakowenko (Bariton) und Ilja Scheps (Klavier), findet sich das Herbstlied:

 

 

Sergei Jessenin: Herbstlied

Die goldenen Schatten auf dem Herbstwald liegen,
Er sprach in seiner Birkensprache gern,
Die Kraniche, die traurig weiterfliegen,
Bedauern nichts und sind dem Schicksal fern

Ich bin allein. Ringsum der Ebne Stille,
Die Kraniche hat längst der Wind verweht,
Ich sehne mich nach meiner Jugend Fülle,
Und doch ist nichts, das mir zu Herzen geht.

Ich klage nicht um Jahre, die entlaufen,
Um Seelenblüten, duftig und verschwärmt,
Im Garten brennt ein großer Scheiterhaufen,
An dem sich aber keiner wirklich wärmt.

Wie auch die Flammen sich zusammenballen,
Das gelbe Ebereschenlaub bleibt fest,
Ich lasse meine Worte traurig fallen,
So wie der Baum die Blätter fallen läßt.

Bagatellen und Serenaden folgten dann 2007. Auf dieser Platte, auf der Silvestrov seine dreizehn Bagatellen und eine Variation selber auf dem Klavier spielt, findet sich auch die Stille Musik, die Silvestrov Manfred Eicher gewidmet hat. Die Stille Musik besteht aus drei Teilen: I. Walzer des Augenblicks, II. Abendserenade und III. Augenblicke der Serenda.

 

Der russische Pianist Alexei Lubimov versammelte auf der CD Der Bote Kompositionen, die der Musiker so beschreibt: „Melancholie – so könnte man dieses Programm nennen; Nostalgische Bilder – wird ein anderer sagen; Stille Meditation – so wird es ein Dritter empfinden.“ Das titelgebende Stück Der Bote wurde von Silvestrov komponiert.

 

2011 26 Sep.

Aufgabe der Literatur

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Im Sommer dieses Jahres galt mein Hauptinteresse dem großartigem Buch Stichwort Liebe von David Grossmann. Hierzulande ist Grossmann mit seinem Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, es erschien 2010, dem Jahr, in dem er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. 2008 erschien ein Aufsatzband Grossmanns, der die wichtigsten Stellungnahmen zu Politik und Literatur aus den letzten Jahren beinhaltet. In dem Artikel Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse finden sich folgende bedenkenswerte Sätze zur Aufgabe der Literatur:

„ … Die Literatur hat keine einflussreichen Repräsentanten in den Machtzentren dieser von mir beschriebenen Welt, und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie sie verändern kann. Doch sie vermag alternative Wege aufzuzeigen, wie man in dieser Welt nach einem inneren Rhythmus und mit einer inneren Kontinuität leben kann, die unseren natürlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen viel mehr entsprechen als das, was uns mit Gewalt von äußeren Systemen aufgezwungen wird.

Ich weiß, dass ich bei der Lektüre eines guten Buches ein inneres Aufklaren durchlebe: Das Gefühl meiner Einzigartigkeit als Mensch wird deutlicher. Die differenzierte, präzise Stimme, die von außen zu mir vordringt, bringt Stimmen in mir zum Sprechen, die vielleicht stumm waren, bis jenes bestimmte Buch kam und sie weckte. Auch wenn Tausende von Menschen in einem bestimmten Moment das gleiche Buch lesen wie ich, steht schließlich jeder von uns allein davor. Für jeden Einzelnen von uns ist das Buch ein Lackmuspapier von einer anderen Sorte.

Das gute Buch – und es gibt nicht viele gute Bücher, denn auch die Literatur ist selbstverständlich den Verführungen und Hindernissen der „Massenmedien“ ausgesetzt – macht den Leser einzigartig und befreit ihn aus der Menge. Es gibt ihm die Möglichkeit zu spüren, wie aus unbekannten Regionen Seeleninhalte, Erinnerungen und Existenzmöglich-keiten in ihm auftauchen und an die Oberfläche steigen, die ihm allein gehören und nur ihm. Die ausschließlich die Frucht seiner Persönlichkeit sind. Das Ergebnis seiner intimsten Schlussfolgerungen. Denn im alltäglichen Leben, in der Vulgarität des Alltags, in der allgemeinen Beschmutzung des Intellekts, der flachen, undifferenzierten Sprache, haben diese Seelenstoffe es schwer, aus jenen inneren Tiefen aufzusteigen und zu Wort zu kommen.

Im Idealfall kann die Literatur unser Schicksal und das Schicksal anderer, die weit von uns entfernt leben und uns völlig fremd sind, verbinden. Sie kann uns zuweilen zum Staunen darüber bringen, dass wir nur mit knapper Not dem Schicksal fremder Menschen entgangen sind, oder Trauer darüber in uns auslösen, dass wir diesen Fremden nicht wirklich nah sind, nicht die Hand nach ihnen ausstrecken und sie berühren können. Ich sage nicht, dass diese Gefühle uns sofort zu irgendeiner Handlung motivieren, doch ohne sie ist sicher keine Solidarität, Verbindlichkeit und Verantwortung möglich.

Im Idealfall kann die Literatur uns die Gnade gewähren, die Kränkung der Entmenschlichung ein wenig zu überwinden, die das Leben in großen, anonymen, globalisierten Gesellschaften uns antut: die Kränkung, selbst in einer „groben“ Sprache beschrieben zu werden, in Klischees, Verallgemeinerungen und in Stereotypen; die Kränkung unserer Verwandlung in einen – wie Herbert Marcuse sagte – eindimensionalen Menschen.

Und die Literatur gibt uns auch das Gefühl, es gäbe einen Weg, die brutale Willkür unseres Schicksals zu bekämpfen: Selbst, wenn am Ende von Kafkas Prozess die Behörden Josef K. „wie einen Hund“ erschießen. Auch wenn Antigone hingerichtet wird, auch wenn Hans Castorp im Zauberberg am Ende stirbt, haben wir, die wir sie in ihrem Kampf begleitet haben, die Macht des Einzelnen entdeckt, menschlich zu bleiben, auch unter schwierigsten Bedingungen. Das Lesen – die Literatur – gibt uns unsere Selbstachtung zurück und unser ursprüngliches Gesicht, unser menschliches Antlitz, bevor es in der Masse verschwamm und ausradiert wurde. Bevor wir von unserem Selbst enteignet, vergesellschaftet und als Massenware zum billigsten Preis verkauft wurden.“
 
 

David Grossman, Die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse, in:David Grossman, Die Kraft zur Korrektur – Über Politik und Literatur, Frankfurt a.M. 2010, S.95ff

 

In meiner Kindheit gab es eine Radiosendung, die nannte sich „Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank“. Der Musikgeschmack des Herrn Sanders sagte mir aber nicht so zu, und deshalb war ich, obwohl es für mich ungeheuer spannend war zu erfahren, ob nicht doch der eine oder andere Schatz gehoben werden könnte, nur für kurze Zeit sein Hörer.

Die ZEIT erinnerte an Herrn Sanders und schrieb im Juni 2005: „In Köln zum Beispiel, wo Heinrich Böll gerade Wo warst du, Adam? schrieb, leitete damals der in Breslau geborene Dirigent Franz Marszalek nicht nur das dortige Rundfunkorchester, sondern präsentierte auch eine Sendung, die den drolligen Titel Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank trug. Dieser Herr Sanders pflegte sein Publikum sehr geduldig auf das Abo Blau im Stadttheater vorzubereiten, wo es in der Pause Pikkolöchen von Deinhard gab. Und vorher und nachher Carmen.“

Seit Ende der fünfziger Jahren träume ich von einer Sendung, die den Namen trägt „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“. Im Unterschied zu Sanders sollte es in dieser Sendung keine musikalischen Grenzen geben und damit eben zu wirklichen Überraschungen kommen, Schätze sollten gehoben werden, an Vergessenes erinnert, Neues präsentiert werden. Ja, und nun kommt es auf manafonistas.de zu einer „Trockenübung“. Es soll in lockerer Folge unter dem Titel „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ an Musiktitel erinnert werden, die es lohnt, einmal wieder herauszukramen und aufzulegen.

Allerdings hat Michael mit seiner hier veröffentlichten „My 50 All Time Favourite Albums“ mein Konzept für die erste Folge von „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ vollkommen durcheinander gebracht, denn nun kam mir die Idee, mit der Vorstellung von fünf meiner „100 All Time Favourite Titel“ zu beginnen (allerdings ganz ohne Platzierungsvorstellung). Mit der Vorstellung der nun folgenden Titel ist dann auch die Tiefe und Weite meines Plattenschranks abgesteckt:

1. 1973 im Herbst, erstes Semester meines Studiums in Bielefeld, ein Besuch in der Altstädter Nicolaikirche: plötzlich rauschen vollkommen fremde Orgelklänge von der Empore herunter. Nach dem Gottesdienst steige ich zum Organisten hinauf, ich muss unbedingt wissen, was für eine Musik da eben gespielt wurde. Es war französiche Orgelmusik, genauer, Musik von Olivier Messiaen. Diese Musik fesselt mich seitdem. Für heute wähle ich aus dem „Livre Du Saint Sacrement“ von Olivier Messiaen (1908-1992) das Stück: „La Resurrection Du Christ“ mit A. Rößler an der Orgel des Passauer Doms. Rößler spielte die Uraufführung des letzten großen Orgelzyklus, der Meister selbst konnte damals seine Komposition nicht mehr spielen.

2. „John Surman: Road to Saint Ives“ erschien 1990 bei ECM. John Surman spielte diese Platte solo ein (soprano, baritone saxophone, bass clarinet, keyboards, percussion). Auf dieser Platte befindet sich ein unglaubliches Stück, ein Musikstück, für mich ungeheuer mitreißend und tiefgründig: „Tintagel“! „Tintagel“, einer Ortschaft inmitten eines zerklüfteten Küstenabschnitts der Grafschaft Cornwall, wird hier ein musikalisches Denkmal gesetzt.

3. 1969 erschien das großartige Album „Miles Davis: In A Silent Way“ Das Titelstück „In A Silent Way“ begeistert mich besonders wegen der Spannung, die sich in diesem Stück aufbaut und die sich erst auflöst, wenn Tony Williams am Schlagzeug so richtig loslegt.

4. Smokey Robinson & The Miracles veröffentlichten im Juli 1970 „The Tears of a Clown“, am 12.9.1970 kletterten Sie mit ihrer U.K.version auf Platz 1 der britischen Hitparade. In Deutschland nahm man von dieser wunderbaren Platte kaum Notiz, aber der Musikbox-Aufsteller in der Milchbar meines Heimatortes hatte ein Einsehen und stellte die Platte ein. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Platte gedrückt habe, bis ich sie mir endlich für 4,75 DM gekauft habe. Heute hat sie einen unverrückbaren Ehrenplatz in meiner eigenen Jukebox.

5. Bei OWL Records erschien 1984 eine der wohl besten Platten des Pianisten Paul Bley. Produzent dieses famosen Werkes war Jean-Jacques Pussiau. Ein Werk aus der Stille kommend, sehr intensiv, ungeheuer konzentriert, auf das Wesentliche reduziert. Titel der Schallplatte „Tears“. Und, da es ja hier um Titel gehen soll: Das Titelstück „Tears“ stellt tatsächlich das Zentrum der Platte dar.


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