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2012 28 Feb.

Emily, allein

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Dienstags kam er immer, der lange, graue, fast fensterlose Bücherbus. An diesem Tag war von 14:00 bis 16:00 Uhr auf einer gekennzeichneten Stelle eines Parkplatzes in Hannover-Kirchrode absolutes Halteverbot, nur dieser, mit lesbaren Schätzen beladene Bus durfte hier stehen. Der Busfahrer, zugleich Bibliothekar, öffnete vorne die Tür und herein durften wir Kinder, in der Hand die braune Ausleihkarte, in der Autoren, Büchertitel und Leihfrist eingetragen wurden. Der Datumsstempel, der das Ende der Leihfrist angab, wurde stets auch auf die letzte Seite eines Buches gesetzt. Was für ein festliches Gefühl, wenn man ein stempelloses Buch erwischt hatte, eines, das noch nie jemand gelesen hatte … All das ging mir durch den Kopf als ich das neue Buch Emily, allein von Stewart O´Nan aufschlug. O´Nan widmet dieses Buch seiner Mutter, das wäre nun wirklich nicht ungewöhnlich, wenn da nicht ein Zusatz stünde Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm. Glücklich die Kinder, die von ihren Eltern auch heute noch mit zum Bücherbus genommen werden.

Und natürlich ist auch Emily, allein ein echter Stewart O´Nan. Der 1961 in Pittsburgh/ Pennsylvania geborene Schriftsteller ist nicht nur ein Meistererzähler, ein Meister auch darin, Menschen, die gemeinhin niemand sonderlich beachtet, ein Denkmal zu setzen. Dieser zutiefst menschliche Autor wendet sich immer wieder – im Grunde auch schon in seinem Erstlingswerk Engel im Schnee von 1993 – Menschen zu, die sich durch nichts besonders auszeichnen, die aber um ihr Leben und das ihrer Mitmenschen kämpfen. Jetzt ist es also Emily. Stewart O´Nan-leser werden sich erinnern: die Personen dieses Buches kennen wir aus dem großen Familienroman Abschied von Chautauqua (2005)

Hier in Chautauqua hatte die Familie ein Sommerhaus, damals wollte sich die ganze Familie nach dem Tode von Vater Maxwell noch einmal dort treffen, bevor das Haus verkauft werden würde. Und nun, sieben Jahre nach Abschied von Chautauqua, erzählt O´Nan weiter, im Mittelpunkt seines neuen Roman steht Emily, die Witwe, die allein in einem Haus voller Erinnerungen lebt, die sich zu trennen versucht von Dingen, die ihre Bedeutung längst verloren haben. Sie lebt auf Weihnachten, auf Ostern und Thanksgiving hin, weil dann ihre Kinder – Kenneth und Margaret, wir kennen sie bereits aus Abschied von Chautauqua – kommen, ihre Enkel, die sie verwöhnen möchte. Viel mehr gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Und manchmal holt Emily sich die Vergangenheit mit Hilfe von Fotos zurück und bleibt doch nicht dort stehen:

 

„Während sie die klebrigen, mit Plastikfolie umhüllten Seiten umblätterte und sich mit krauser Dauerwelle oder in grell bedruckter Bluse sah, fand sie es immer wieder beeindruckend, wie lang das Leben dauerte und wie viel Zeit verstrichen war, und wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen und sich bei allen, die ihr nahe standen, entschuldigen, ihnen sagen, dass ihr inzwischen vieles klar geworden sei. Das war unmöglich, und doch ließ das Bedürfnis, zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, niemals nach, sondern wurde immer stärker.“ (S.103)

 

Und so begleitet der Leser Emily während eines Jahres und wird sich vielleicht fragen, wie seine letzten Jahre aussehen, wird es genügend Dinge geben, für die zu leben es lohnt?

Neulich stieß ich in meinem Plattenschrank auf meine kleine Sammlung von CDs der Gruppe Midnight Choir aus Norwegen. Diese Gruppe existierte von 1992 bis 2005 und brachte einige wirklich feine Platten heraus. Waiting for the Bricks to Fall heißt eine CD der Gruppe Midnight Choir, die 2003 erschien, auf ihr findet sich das Stück „Motherless Child“ in einer ganz ungewöhnlichen Version. Producer dieser CD war übrigens Chris Eckman.
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Dieses verzweifelt in die Einsamkeit, in die Leere und Hoffnungslosigkeit hinaus gesungene Lied hatte es mir angetan und ich begann, meinen Plattenschrank zu durchwühlen, nach anderen Versionen dieses Songs zu schauen, nach dem Ursprung dieser Musik zu suchen. Bei wikipedia.org fand ich folgende Zeilen:

„Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ (or simply „Motherless Child“) is a traditional Negro spiritual. The song dates back to the era of slavery in the United States when it was common practice to sell children of slaves away from their parents. An early performance of the song dates back to the 1870s by the Fisk Jubilee Singers. Like many traditional songs, it has many variations and has been recorded widely (see partial lists of choral arrangements and covers below). The song is clearly an expression of pain and despair as it conveys the hopelessness of a child who has been torn from his or her parents. Under one interpretation, the repetitive singing of the word „sometimes“ offers a measure of hope, as it suggests that at least „sometimes“ I do not feel like a motherless child.

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Although the plaintive words can be interpreted literally, they were much more likely metaphoric. The “Motherless Child” could be a slave separated from and yearning for his African homeland, a slave suffering “a long ways from home”—home being heaven—or most likely both.
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Der 1925 in Cleveland geborene Sänger „mit der Sopranstimme“ James Victor „Jimmy“ Scott trägt das Lied geradezu himmlisch auf seiner Platte Source von 1970/2001 vor. Ganz nebenbei, Jimmy Scott nimmt fast ein kleines Regal in meinem Plattenschrank ein. Ich erinnere an die famosen Alben But Beautiful und Holding Back The Years. Auf letzterer CD befinden sich wirklich zu Herzen gehende Versionen von „Jealous Guy“ und „Nothing Compares 2 U“.
Aber zurück zum Thema  „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“.
Vielfach versteckt sich eine weitere kostbare Version dieses Stückes in einem anders lautendem Lied, erwähnenswert wäre hier Richie Havens, der auf dem Woodstock-Festival „Freedom“ sang und hier eben auch sein „Motherless Child“ hinausbrüllt.
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Oder, und jetzt muss ich wieder an eine enorm herausragende Platte erinnern, Erewhon vom David Thomas and The Two Pale Boys, auf dem Hammerstück „Morbid Sky“, dort findet sich, man sollte es nicht glauben, „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“.

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Zu Beginn dieses Jahres stellte ich hier die am 24.02.12 erscheinende CD Come Sunday von Charlie Haden und Hank Jones vor. In dem Zusammenhang erwähnte ich die erste Platte dieses Duos. Auf Steal Away, der 1995 eingespielten Platte,  kann man auch eine Version von „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ hören, mir gefällt sie ungeheuer gut.
Verschiedenste Versionen unseres Songs wurden  übrigens auf YouTube eingestellt, eine Entdeckungsreise lohnt, zwei Beispiele: Odetta singt „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ in einer ergreifende Acappella-Version. Ebenso interessant die Interpretation einer unbekannten Sängerin: „Sometimes I feel Like a Motherless Child“.

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Ich liebe Musik, die in Feldaufnahmen eingebettet, eine ganz eigene Atmosphäre ausstrahlt – Thema auch in „Gregor öffnet seinen Plattenschrank (11)“. Und jetzt gerade erst recht. Der Frost hat die Landschaft erstarren lassen, eine dünne Schneeschicht bedeckt die Felder; die Krähen mühen sich ab, etwas Eßbares zu finden … Krähen im Winter, einsam schreiend, genau das stelle ich mir vor, wenn ich Max Richter aus dem Plattenschrank hole, seinem Album The Blue Notebooks lausche und da dann den Titel „Shadow Journal“ auflege. Am Ende des Stücke kommen sie dann, die Krähen und krächzen in die Einsamkeit hinaus.

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Der 1966 in Hameln geborene Richter, dessen Musik ich in atemberaubender atmosphärischer Dichte erlebe, mischt gerne Feldaufnahmen seinen Kompositionen zu, auch wird die Grenze zum Hörspiel, bzw. Hörstück bei ihm fließend. Im oben genannten Album The Blue Notebooks etwa liest Tilda Swinton Tagebuchaufzeichnungen von Franz Kafka, auf der CD Songs From Before trägt Robert Wyatt Texte von Haruki Murakami vor. | Auf YouTube findet sich ein Interview mit dem Meister, „Gefühlsverstärker-Interview with Max Richter“, aber auch jede Menge Musik. Aufgenommene Geräusche, Klänge, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen, habe ich bei Luc Ferrari zum ersten Mal auf Presque rien No. 1 „Le Lever du jour au bord de la mer“ von 1967/70 kennengelernt. Hier hört man nun wirklich Vogelgezwitscher und nicht, wie etwa bei Olivier Messiaen, deren instrumentale Umsetzung.

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Die 2001 erschienene Platte Sings Reign Rebuilder der Gruppe Set Fire to Flames ist für mich ein ganz besonders gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Feldaufnahmen und Musik. Da findet eine 13 Mitglieder zählende Band aus Kanada ein abbruchreifes Haus und bevor der Bulldozer sein zerstörerisches Werk beginnt, erweckt Set Fire to Flames das Haus zum Leben. Die Dielen, die Holztreppen dürfen noch einmal nach Herzenslust knarren und quietschen, die Wände, die Decke, sie erzählen ihre Geschichten, aber das Geschehen draußen, die Geräusche vor dem Haus wurden mit eingefangen, ein vorbeifahrender Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene zum Beispiel. Und hier wird Musik gemacht …

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Der Aufwecksender meines Vertrauens, DeutschlandRadio, brachte vor ein paar Tagen in aller Frühe eine Platte, bei der ich dachte, Crosby, Stills, Nash and Young hätten eine neue CD aufgenommen. Ein Blick auf die Tagesplaylist des Senders belehrte mich eines Besseren, Timothy Schmit war da am Werk. Aber, so konnte ich inzwischen in Erfahrung bringen, Graham Nash war bei dieser Aufnahme tatsächlich dabei. Das Stück: Parachate. Die Platte ist schon 2009 veröffentlicht worden, sie ging damals an mir vorbei, ist aber durchaus hörenswert. Jim Keltner und Van Dyke Parks sind auch mit dabei, Titel der CD Expando.
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Hab´ ich doch glatt eine ganz wichtige Platte aus dem Jahr 2011 vergessen, in meine Top 30 des Jahres 2011 aufzunehmen, dabei gehört sie zu den Favoriten des letzten Jahres. Die Rede ist von King Creosote & Tom Hopkins und ihrer famosen CD Diamond Mine. Die Platte hört sich an, als hätten die Musiker zunächst ein Hörspiel aufnehmen wollen, ich erinnerte mich sofort an die Geräusch und Musikplatte von Set Fire to Flames `Sings Reign Rebuilder´ . Es beginnt mit Geräuschen einer schottischen Pub, es folgt ein herzzerreißende Klaviermeldodie und, wenn der Meister dann erst singt, ist es um den Hörer geschehen. Und weiter geht es durch Schottlands raue Landschaft, Möwengeschrei, wunderschöne Songs… „We think the result is rather moving – let us know below whether or not you agree that Diamond Mine is a gem.“(The Guardian)
Und erst die Plattenhülle…..
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Und noch eine großartige Platte aus dem Jahr 2011 gilt es zu erwähnen: Hélène Grimaud´s Mozart Album. Zusammen mit dem Kammerorchester des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks unter Radoslaw Szulc spielte Hélène Grimaud zwei Klavierkonzerte Mozarts in München im Prinzregententheater auf einem Steinway D5 im Sommer 2011 live ein: Die Klavierkonzerte Nr. 19 und 23 (KV 459 und 488). Zusätzlich findet sich auf der CD noch die Konzertarie „Ch’io mi scordi di te“, gesungen von der Sopranistin Mojca Erdmann. Hélène Grimaud schreibt dazu: „Es ist eine Liebeserklärung mit Klängen anstatt mit Worten. Natürlich gibt der Text Hinweise, um was es geht. Aber für mich ist das zweitrangig. Die Musik muss ihre eigene Struktur und ihren emotionalen Gehalt erhellen. Wer an der Szenerie und dem Text klebt, reduziert die Musik. Man kann sich alles Mögliche vorstellen: das Klavier als männlichen Part, die Stimme als weiblichen – oder anders herum. Am Ende triumphiert die Liebe, sogar in der Resignation. Noch aus der Perspektive des gebrochenen Herzens bleibt die Liebe stärker – für mich eine schöne Botschaft.“
Wer mehr über diese fantastische Musikerin wissen möchte: die Süddeutsche Zeitung veröffentliche ein Porträt der Pianistin am 26.11.2011.
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Eigentlich sollte ja Gregor öffnet seinen Plattenschrank bedeuten, dass da jemand in seiner Plattensammlung stöbert und dann etwas Interessantes zu Tage befördert, nicht aber, dass da Musik angepriesen wird, die es noch gar nicht zu kaufen gibt. Heute allerdings sei eine Ausnahme gestattet: Ich bin begeistert! Ein Besuch bei npr.org brachte eine Überraschung! Npr unterbreitet seinen Hörern schon seit längerer Zeit die Möglichkeit unveröffentlichte Platten vorab zu hören, `first listen´ nennt sich das. Das Jahr 2012 wurde auf der `first listen´Seite mit folgender Platte eingeläutet:

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Charlie Haden und Hank Jones mit Come Sunday. Diese Platte wird bei uns in Deutschland erst am 24. Februar veröffentlicht werden, wir können uns aber die Musik zumindest schon jetzt auf
https://www.npr.org/2012/01/01/144319242/first-listen-charlie-haden-and-hank-jones-come-sunday
anhören. Classic spirituals, hymns and folk gibt es da zu hören und das in einer Intensität und Dichte, die mich sofort an die erste Platte des Duos Charlie Haden und Hank Jones erinnert, die sich mit derselben Thematik beschäftigte. Am 04. April 1995 kam diese CD heraus, ihr Titel: Steal away.

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Spirituals, Hymns and Folksongs gab es damals auf dieser Grammy-nominierten Platte zu hören und schon damals war ich von der Musik dieser beiden Musiker ungeheuer beeindruckt.
Die neue CD nun, Come Sunday, wurde in den Sear Sound Studios in New York City am zweiten und dritten Februar 2010 aufgenommen, Hank Jones war damals 91 Jahre alt, im Mai 2010 ist Jones gestorben. Eine wunderbare Duo-Platte, eine Abschiedsplatte.

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Und Charlie Haden? Er wurde am 6. August 1937 in Shenandoah/Iowa geboren. Der kleine Charlie war bereits im zarten Alter von 2 Jahren singend in der Country & Western-Radiosendung seiner Eltern in der Öffentlichkeit zu hören. Auf der CD Rambling Boy kann man das hören, Rambling Boy ist eine echte Familienplatte, eine CD, die uns Einblick gewährt in die Familie Haden. Unter dem gleichen Titel ist übrigens auch ein Film erschienen, der Interviews zeigt, unter vielen anderen mit: Charlie Haden, Ruth Cameron, Josh Haden, Keith Jarrett, Pat Metheny, Joe Lovano, Ravi Coltrane, Carla Bley, Bruce Hornsby, Kenny Barron und Steve Swallow. Es handelt sich um den 2009 herausgekommenen Dokumentarfilm von Reto Caduff.
Und wenn ich schon in meinem Plattenschrank vor einem Berg Haden-Platten fast verstumme, so möchte ich doch ein Meisterwerk nicht unerwähnt lassen:

Charlie Haden & Liberation Orchstra: The Ballad of the Fallen erschienen am 24.Januar 1984.

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2012 3 Jan.

Gegen die Welt

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Jan Brandt veröffentlichte im Sommer 2011 sein 927 Seiten starkes Buch Gegen die Welt. Es ist Brandts Erstlingswerk, ein unglaubliches Buch, ein fantastisches Buch. Es geht um die Welt des Daniel Kupers, geboren Mitte der 70er Jahre in einem kleinen Ort, Jericho, in Ostfriesland. Am Ende der ersten Klasse, 1983, beginnt der Roman mit der Erzählung von Daniels Kindheit. Das Buch endet 2010 in einer ganz anderen Welt als der, die uns Brandt, detailverliebt bis ins Letzte, vor uns ausbreitet: die Welt der achtziger und neunziger Jahre. Kein Auto wird genannt, ohne nicht gleich auch dem Leser das Baujahr und die PS-Zahl zu verraten. Kein Einzelhandelsladen geht zugrunde, ohne dass nicht der Leser auch gleich erfährt, wer denn die Aldis, Lidels. KIKs oder Schleckers sind, die den leeren Raum einnehmen. Wer mehr über die Detailverliebtheit Brandts erfahren möchte, dessen Wissbegier wird auf www.gegendiewelt.de erschöpfend gestillt.

 
 
 

 
 
 

Daniel Kuper kommt in seiner Jugend nicht klar mit dieser Welt und die Welt, seine nächste Umgebung, erst recht nicht mit ihm. Aber in dieser von Brandt beschriebenen Welt stimmt sowieso einiges nicht und das hat nicht unbedingt mit einer Kleinstadt in Ostfriesland zu tun, die Orte und Schauplätze sind austauschbar. Während des Lesens dieses wunderbaren Buches kam mir Musik in den Kopf, nicht unbedingt Musik von einer der 71 im Buch genannten Bands / Musiker, nein, Musik von von Asmus Tietchens, genauer, von dessen Platte: Das Fest ist zu Ende. Aus. Auf dieser ausgewöhnlichen CD, erschienen 1994,  fasste Tietchens einst seine Jugend zusammen. Stets mit dem Cassettenrecorder unterwegs, hat er aufgenommen, was das Zeug hält, kilometerlang Bandmaterial gesammelt. Die Essenz dieser Aufnahmen mit Klängen bearbeitet, ergibt Das Fest ist zu Ende. Aus.

Der CD ist ein Heft beigelegt, auf dessen Rückseite Tietchens ein Zitat aus dem Buch „Der zersplitterte Fluch“ von E.M.Cioran wiedergibt: „In jeder Altersstufe entdecken wir, daß das Leben ein Irrtum ist. Nur mit fünfzehn Jahren bedeutet dies eine Offenbarung, in der ein Angstschauer und ein Hauch Magie mitschwingen. Mit der Zeit schlägt diese Offenbarung, degeneriert, in eine Binsenwahrheit um. Und so trauern wir dem Alter nach, in dem sie eine Quelle von Unvorhergesehenem war.“ Ja, und das könnte auch ein Kommentar sein zu dem Buch von Jan Brandt „Gegen die Welt“ sein.

2011 31 Dez.

Zum Jahreswechsel

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Zum Jahreswechsel möchte ich an einige Zeilen von Kurt Tucholsky erinnern, die dieser 1926 geschrieben hat….

Neues Leben                                               von Kurt Tucholsky

Berlin, den 31. Dezember 1920
Berlin, den 31. Dezember 1921
Berlin, den 31. Dezember 1922
Berlin, den 31. Dezember 1923
Berlin, den 31. Dezember 1924
Berlin, den 31. Dezember 1925
(abends im Bett)

Von morgen ab fängt ein neues Leben an.
Der Doktor Bergmann hat einen ordentlichen Schreck bekommen, als er mich ansah, und ich bekam einen noch viel größeren. »Was machen Sie denn, lieber Freund?« fragte er leise. »Was … was ist denn, Doktor?« sagte ich. »Haben Sie etwas mit der Leber?« fragte er. »Ihre Augen gefallen mir gar nicht. Kommen Sie mal in den nächsten Tagen zu mir!« Natürlich gehe ich hin. Ich weiß schon, was er mir sagen will, und er hat auch ganz recht. So geht das nicht mehr weiter.
Also von morgen ab hört mir das mit dem Bier bei Tisch auf. Wenn mir Mutter wieder Hamann-Schokolade durch Emmy schicken läßt, gebe ich sie den Kindern. Und Edith darf nicht mehr so fett kochen. Gestern hab ich ihr noch gesagt … Nein, gestern hab ich gefragt, ob noch Stopfleber da ist – das ist wahr. Aber das hört mir jetzt auf.
Der Sandow-Apparat – wo ist der Sandow-Apparat? Er liegt auf dem Boden. Das Mädchen soll ihn morgen herunterholen. Von morgen ab fange ich wieder an, regelmäßig jeden Morgen zu turnen. (›Wieder‹ – denke ich deshalb, weil ich mir das schon so oft vorgenommen habe.) Und fünfzig Kniebeugen, wenn ich fleißig trainiere, kann ichs mit Leichtigkeit auf hundert bringen. Ich war doch ein sehr guter Turner, seinerzeit – wenn ich nicht gerade dispensiert war. Na ja, aber heute ist das ja ganz was anderes.
Von morgen ab stehe ich früh auf. Dieses ewige Lange-im-Bett-herum-Geliege – das führt ja zu nichts. Ich stehe einfach um sechs auf, turne ordentlich, dann schön brausen und frottieren – ah – darauf freue ich mich. Ob ich nicht doch anfangen soll, zu reiten … ? Na, das ist vielleicht zu teuer – aber ein Stündchen durch den Tiergarten – großartig! Ich werde ins Geschäft gehen! Das härtet ab – in drei Monaten bin ich ein anderer Kerl. Schlank, elegant, gesund – Bergmann wird sich wundern.
Von morgen ab nehme ich den spanischen Unterricht wieder auf. Jeden Tag abends im Bett ein halbes Stündchen Spanisch – das geht ganz gut und bringt einen auf andere Gedanken. Dann kann ich die Reise nach Südamerika machen – ich werde Edith nichts sagen – das wird eine Überraschung, wenn ich auf dem Dampfer so ganz lässig Spanisch spreche … Als ob sich das von selbst verstände … Hähä …
Übermorgen fängt ein neues Jahr an – ich werde ein anderer Mensch.
Von übermorgen ab wird das alles ganz anders. Also erst mal muß die Bibliothek aufgeräumt werden – das wollte ich schon lange. Aber jetzt gehts los. Von übermorgen ab mache ich nicht mehr diese kleinen Läpperschulden – eigentlich sind das ja gar keine Schulden –, aber ich will das nicht mehr. Und die alten bezahle ich alle ab. Alle. Von übermorgen ab höre ich wieder regelmäßig bildende Vorträge – man tut ja nichts mehr für sich. Ich will wieder jeden Sonntag ins Museum gehen, das kann mir gar nichts schaden. Oder lieber jeden zweiten Sonntag – den anderen Sonntag werden wir Ausflüge machen –, man kennt die Mark überhaupt nicht. Ja, und neben die Waschtoilette kommt mir jetzt endlich die Tube mit Vaseline – das macht die rauhe Haut weich, so oft habe ich das schon gewollt. Übermorgen ist frei – da setze ich mich hin und lerne Rasieren. Diese Abhängigkeit vom Friseur … Außerdem spart man dadurch Geld. Das Geld, was ich mir da spare – davon lege ich eine kleine Kasse an – für die Kinder. Ja. Das ist für die Ausstattung, später. Von übermorgen ab beschäftige ich mich mit Radio – ich werde mir ein Lehrbuch besorgen und mir den Apparat selbst bauen. Die gekauften Apparate … das ist ja nichts. Ja, und wenn ich morgens durch den Tiergarten gehe, da werde ich vorher Karlsbader Salz nehmen – so weit ist es bis zum Geschäft gar nicht …
Man kommt eben zu nichts. Das hört jetzt auf.
Denn die Hauptsache ist bei alledem: man muß sich den Tag richtig einteilen. Ich lege mir ein Büchelchen an, darin schreibe ich alles auf – und dann wird jeden Tag unweigerlich das ganze Programm heruntergearbeitet – unweigerlich. Von morgen ab. Nein, von übermorgen ab. Im nächsten Jahr … Huah – bin ich müde. Aber das wird fein:
Kein Bier, keine Süßigkeiten, turnen, früh aufstehen, Karlsbader Salz, durch den Tiergarten gehn, Spanisch lernen, eine ordentliche Bibliothek, Museum, Vorträge, Vaseline auf den Waschtisch, keine Schulden mehr, Rasieren lernen. Radio basteln – Energie! Hopla! Das wird ein Leben!
Anmerkung des ›Uhu‹: Wir wollen mal nächstes Jahr wieder vorbeifliegen….

2011 30 Dez.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (9)

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Der Ausnahme-Pianist András Schiff, geboren am 21.Dezember 1953, begann am 22.12.2011 seinen Bach-Zyklus im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle. Auf dem Programm standen die Goldbergvariationen von J.S.Bach. Von den zahlreichen Interpretationen, die ich bisher hören durfte, hatte mir bis zu diesem denkwürdigem Abend die von Grete Sultan am besten gefallen. Dann aber kam András Schiff, setzte sich an den Steinway-Fabbrini – ein unglaubliches Instrument, eine Klarheit, wie ich sie selten gehört habe – und spielte die 30 Variationen am Stück in einer solchen Intensität, dass das Publikum wie gebannt zuhörte und am Schluss dermaßen begeistert applaudierte, dass Schiff noch eine ganze Beethoven-Sonate zugab (op.109). Susanne Benda schreibt zurecht in den Stuttgarter Nachrichten: „ Zierwerk und Essenz gehen in eins, nichts Überkünsteltes oder Eitles drängt sich auf. Über seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Werk ist der Künstler zu einer Art zweiten Naivität gelangt: Wie ein Kind scheint er über hübsche Trouvaillen am Rande zu staunen und über die wiederholten Achtel und die Sechszehntel in der 20.Variation zu lachen …“
 
 
 

 
 
 
Tonträger von diesem Konzert gibt es natürlich nicht und wird es auch nicht geben, der SWR hat leider nicht mitgeschnitten. Trost bietet lediglich eine Aufnahme der Goldbergvariationen von Schiff aus dem Jahre 2003, erschienen bei ECM New Series und eine ältere Aufnahme aus dem Jahre 1991, remastered neu aufgelegt 2006 (Decca Universal).
 
 
 

 
 
 
András Schiff ist übrigens mit „Das Wohltemperierte Klavier“ Teil 1 am 17.Januar und mit „Französische Suiten und Ouvertüre“ BWV 831 am 14.März 2012 in der Stuttgarter Liederhalle zu hören.
Klar, dass jetzt in meinem Plattenschrank nach weiteren Schiff-Platten gesucht werden muss. Herausragend natürlich die in diesem Jahr bei ECM New Series erschienene Doppel-CD Robert Schumann / András Schiff: Geistervariationen , eine wunderbare Platte.
 
 
 

 
 
 
Über die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sagte Schiff einmal: „Für diese Musik könnte ich sterben“.  Auf acht CDs hat András Schiff alle Sonaten für ECM eingespielt. Wolfram Goertz schrieb in Die Zeit dazu: Mit Schiff ist es wahrlich ein einziges Entdecken…“ Eben! Wie beim Konzert am 22.12.2011 in der Liederhalle.
 
 
 

 
 
 
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass András Schiff nach seiner viel gelobten Beethoven-Zyklus – Einspielung bereits 2009 wieder zu Bach zugekehrt ist und bei ECM die Sechs Partiten BMV 825-830 veröffentlicht hat. Auch eine CD, die begeistert!
 
 
 

2011 20 Dez.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (8) Stille (2)

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Insel – Stille

Fluglärm in Frankfurt, in Stuttgart, in München, brülllaute Städte überall, Lärmkulissen in Kaufhäusern, Spielhöllen, schamloses Handygequatsche in Zügen, U-Bahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen, überall, von den Lärmpegeln in Schulen ganz zu schweigen. Der 1937 in Memphis (TN) geborene Trompeter Jon Hassell lebt ausgerechnet in einer Lärm-Stadt- New York- , die wohl nie zur Ruhe kommt. Jon Hassells Musikstücke strahlen für mich dagegen eine Ruhe aus, wie ich sie nur in der Natur erlebe. In meinem Plattenschrank finde ich, passend zur „Zeit der Stille“, eine echte Insel-Stille-Platte aus dem Jahre 1978: Jon Hassell – Vernal Equinox. Ich lege von dieser inzwischen als CD wiederveröffentlichen Platte Blue Nile und anschließend noch das Titelstück Vernal Equinox auf und entschwinde für über 30 Minuten dem Lärmchaos.

 

 

Natur-Stille

Der Kölner Musikjournalist Karl Lippegaus schrieb in seinem Buch Die Stille im Kopf : „Letzte Woche in Südfrankreich nahm ich die Natur um mich herum so differenziert wahr wie lange nicht mehr. Ich erinnere mich an die Zeit als ich ein kleiner Junge war, ganz für mich allein im Wald spielte und langsam die Welt entdeckte, die mich umgab. Einmal saß ich stundenlang unter einem Baum und schaute auf das weite Tal zwischen Saignon und St.Martin-de-Castillon. Während ich so dasaß und einfach nur vor mich hinschaute, entdeckte ich ganz allmählich viel Dinge, die ich zuerst gar nicht beachtet hatte.

Wie ein Kind staunte ich über einen Stein … Pilze … Insekten, … alle Nervosität fiel von mir ab … und ich fing an, die Geräusche um mich herum wahrzunehmen, sehr differenziert, zuerst dachte ich: Unglaublich, wie still es hier ist. Dann jedoch gewöhnte ich mich an die minimalen Lautstärken, die Geräusche der fliegenden Insekten, die weit entfernten Rufe der Vögel. Ich freute mich über die Schönheit der leisen Töne und konnte mich nicht satt daran hören … Je später es wurde, um so dichter flogen die Schwalben um mich herum. Ihre akrobatischen Flüge beim Mückenfang wurden immer gewagter und hektischer. Sie kamen so nahe heran, daß ich das Surren ihrer Flügelschläge hören konnte, während sie an mir vorbeizischten. Es klang wie Musik.“ 

Ich denke, es wird Zeit eines meiner Lieblingswerke von Luigi Nono herauszusuchen, das Streichquartett „Fragmente – Stille,  An Diotima“, 1980 wurde es uraufgeführt. Ein 35 Minuten Stück, äußerst zart, sehr leise Einzeltöne, sehr viele Pausen, gerade noch hörbar.

 



Musik aus der Stille

Peter Handke hat gegenüber der französischen Tageszeitung Liberation 1986 etwas geäußert, was man, denke ich, so auch auf die Musik übertragen kann: „Ich fühle, daß es immer anormaler wird zu schreiben, Ich weiß nicht genau zu sagen, warum. Aber es ist, als überschritte man eine verbotene Schwelle. Man muß dabei schweigen, die Stille finden, und in dieser Stille … beginnt das Schreiben.“

Musik aus der Stille – da fällt mir natürlich sofort Paul Bley, der Meister, der aus der Stille kommt, ein, für dessen Klavierpiel gerade die Pause so wichtig ist. 1972 erschien sein Meisterwerk Open, To Love (Solo piano) bei ECM. Ich wähle das Stück Seven und wünsche allen Lesern „Stille Tage“.

 


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2011 9 Dez.

Gregor öffnet seinen Plattenschrank (7) Stille (1)

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Vor ein paar Tagen veröffentlichte Jochen Siemer Kleine Fluchten – ein Lob der Stille und des Zweifels. Mich erinnerte Jochen damit in diesen „stillen Tagen“ an das Thema Stille in der Musik. Diesem Thema möchte ich die heutige und die nächste Ausgabe des „Plattenschranks“ widmen.

Komponierte Stille:
1952 komponierte John Cage sein viel diskutiertes, nur aus Stille bestehendes Stück 4´33: „Ich war dabei die MUSIC OF CHANGES zu schreiben, was in einer komplizierten Weise vor sich ging, es gab viele Tabellen für Tonhöhen, Tonumfänge. Das ganze Werk entstand aufgrund von Zufallsoperationen. Im Falle von 4´33 benutzte ich tatsächlich dieselbe Arbeitsmehtode und baute die Stille in jedem Satz auf,  jeder Satz besteht aus kleineren zusammengefügte Stille-Einheiten, die drei Sätze ergeben 4´33.“ (John Cage)

Vor einem Jahr geschah dann das Erstaunliche, Cage-Fans?, Stille-Fans? versuchten das Stück in einer „Neuaufnahme“ als „Cage Against The Machine – 4’33“ in die englische Weihnachtshitparade zu bringen. Ich war im Internet dabei, als plötzlich der unglaubliche, brülllaute Trubel einer BBC Christmas-Charts zum Schweigen gebracht wurde. Wenn ich mich recht entsinne, kam die Single bis auf Platz 21. Klar, dass in dieser stillen Zeit wieder Cage 4:33 aus dem Plattenschrank genommen wird.

Klagende Stille:
Als Giya Kancheli 1998 Lament – Trauermusik für Luigi Nono veröffentlichte, hatte er ein „extrem stilles Werk“ geschaffen, eine dreiviertelstündige Klage von hoher Intensität. Es entstand eine Klangwelt des Leisen, vielleicht auch des Verlorenen.

 

 

Funkstille:
Ich glaube Alan Bangs hat diese Geschichte einmal erzählt: „Es gab in England einen bekannten Moderator mit einer populären Show, die jeden Tag live über den Sender ging. Irgendwann hatte der Mann die ewige Routine, mit der seine Show ab lief, gründlich satt. Er sagte eines Tages völlig unerwartet zu seinen Hörern: „Ich will nicht mehr so weitermachen. Mir steht´s bis oben hin. Immer das gleiche Spielchen. Ihr sitzt da draußen, während ich hier mutterseelenallein in meinem Studio hocke und zu Euch rede. Ich sag´ euch, was ich jetzt tun werde. Ich steh´jetzt einfach auf und geh´raus!“ – und genau das tat der Mann. Bei offenem Mikrophon konnte man hören, wie er seine Papiere zusammenpackte, aufstand, zur Tür lief und verschwand. Fünf Minuten lang blieb er draußen. Das Mikrophon blieb geöffnet, und es passierte nichts, es herrschte totale Funkstille … Dann kam er wieder und machte weiter, als sei nichts gewesen.“

Erinnern Sie sich noch? Es gab im Rundfunk früher Sendepausen und auch das Fernsehen hatte Sendeschluss. – Stille eben.

 


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