Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2011 20 Sep

Gregor öffnet seinen Plattenschrank

von: Gregor Mundt Filed under: Blog,Gute Musik,Musik vor 2011 | TB | Tags:  | 2 Comments

In meiner Kindheit gab es eine Radiosendung, die nannte sich „Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank“. Der Musikgeschmack des Herrn Sanders sagte mir aber nicht so zu, und deshalb war ich, obwohl es für mich ungeheuer spannend war zu erfahren, ob nicht doch der eine oder andere Schatz gehoben werden könnte, nur für kurze Zeit sein Hörer.

Die ZEIT erinnerte an Herrn Sanders und schrieb im Juni 2005: „In Köln zum Beispiel, wo Heinrich Böll gerade Wo warst du, Adam? schrieb, leitete damals der in Breslau geborene Dirigent Franz Marszalek nicht nur das dortige Rundfunkorchester, sondern präsentierte auch eine Sendung, die den drolligen Titel Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank trug. Dieser Herr Sanders pflegte sein Publikum sehr geduldig auf das Abo Blau im Stadttheater vorzubereiten, wo es in der Pause Pikkolöchen von Deinhard gab. Und vorher und nachher Carmen.“

Seit Ende der fünfziger Jahren träume ich von einer Sendung, die den Namen trägt „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“. Im Unterschied zu Sanders sollte es in dieser Sendung keine musikalischen Grenzen geben und damit eben zu wirklichen Überraschungen kommen, Schätze sollten gehoben werden, an Vergessenes erinnert, Neues präsentiert werden. Ja, und nun kommt es auf manafonistas.de zu einer „Trockenübung“. Es soll in lockerer Folge unter dem Titel „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ an Musiktitel erinnert werden, die es lohnt, einmal wieder herauszukramen und aufzulegen.

Allerdings hat Michael mit seiner hier veröffentlichten „My 50 All Time Favourite Albums“ mein Konzept für die erste Folge von „Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ vollkommen durcheinander gebracht, denn nun kam mir die Idee, mit der Vorstellung von fünf meiner „100 All Time Favourite Titel“ zu beginnen (allerdings ganz ohne Platzierungsvorstellung). Mit der Vorstellung der nun folgenden Titel ist dann auch die Tiefe und Weite meines Plattenschranks abgesteckt:

1. 1973 im Herbst, erstes Semester meines Studiums in Bielefeld, ein Besuch in der Altstädter Nicolaikirche: plötzlich rauschen vollkommen fremde Orgelklänge von der Empore herunter. Nach dem Gottesdienst steige ich zum Organisten hinauf, ich muss unbedingt wissen, was für eine Musik da eben gespielt wurde. Es war französiche Orgelmusik, genauer, Musik von Olivier Messiaen. Diese Musik fesselt mich seitdem. Für heute wähle ich aus dem „Livre Du Saint Sacrement“ von Olivier Messiaen (1908-1992) das Stück: „La Resurrection Du Christ“ mit A. Rößler an der Orgel des Passauer Doms. Rößler spielte die Uraufführung des letzten großen Orgelzyklus, der Meister selbst konnte damals seine Komposition nicht mehr spielen.

2. „John Surman: Road to Saint Ives“ erschien 1990 bei ECM. John Surman spielte diese Platte solo ein (soprano, baritone saxophone, bass clarinet, keyboards, percussion). Auf dieser Platte befindet sich ein unglaubliches Stück, ein Musikstück, für mich ungeheuer mitreißend und tiefgründig: „Tintagel“! „Tintagel“, einer Ortschaft inmitten eines zerklüfteten Küstenabschnitts der Grafschaft Cornwall, wird hier ein musikalisches Denkmal gesetzt.

3. 1969 erschien das großartige Album „Miles Davis: In A Silent Way“ Das Titelstück „In A Silent Way“ begeistert mich besonders wegen der Spannung, die sich in diesem Stück aufbaut und die sich erst auflöst, wenn Tony Williams am Schlagzeug so richtig loslegt.

4. Smokey Robinson & The Miracles veröffentlichten im Juli 1970 „The Tears of a Clown“, am 12.9.1970 kletterten Sie mit ihrer U.K.version auf Platz 1 der britischen Hitparade. In Deutschland nahm man von dieser wunderbaren Platte kaum Notiz, aber der Musikbox-Aufsteller in der Milchbar meines Heimatortes hatte ein Einsehen und stellte die Platte ein. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Platte gedrückt habe, bis ich sie mir endlich für 4,75 DM gekauft habe. Heute hat sie einen unverrückbaren Ehrenplatz in meiner eigenen Jukebox.

5. Bei OWL Records erschien 1984 eine der wohl besten Platten des Pianisten Paul Bley. Produzent dieses famosen Werkes war Jean-Jacques Pussiau. Ein Werk aus der Stille kommend, sehr intensiv, ungeheuer konzentriert, auf das Wesentliche reduziert. Titel der Schallplatte „Tears“. Und, da es ja hier um Titel gehen soll: Das Titelstück „Tears“ stellt tatsächlich das Zentrum der Platte dar.

This entry was posted on Dienstag, 20. September 2011 and is filed under "Blog, Gute Musik, Musik vor 2011". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

2 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ich bin mal durch Cornwall gereist, auch nach St. Ives, und habe im Auto ROAD TO ST. IVES gehört, immer wieder. Habe einige Orte besucht, nach denen die Stücke benannt wurden. Das war was! Wird noch erzählt werden.

  2. Shantana:

    Und 1984 wurde noch eine Platte ganz anderer Natur geboren…Diese verschwand jedoch nie, büßte also auch nie Aktualität ein und ist lebendiges Zeugnis einer einzigartigen Melodie..Paul Bley liierte Carla,…


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz