Manafonistas

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2021 12 Juli

Auszeit

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Vor zwei Tagen holte ich aus dem Postkasten ein Packerl, gefüllt mit feinen Überraschungen. Besonders angetan hat es mir ein Album mit dem Titel TIMEOUTTAKES. Robinson Crusoe hätte das bestimmt für ein seltsames Wort gehalten, diese Collage, diese Verklebung der Wörter ‚time out‘ und ‚outtake‘. Mit time out hätte Robinson sicher etwas anfangen können, hatte er doch auf einer namenlosen Insel eine Auszeit genommen – wenn auch unfreiwillig. Und outtake, Ausschuss, Gerümpel sammelt sich doch in jedem Haushalt an.

Man findet derzeit bestimmt Personen, denen TIMEOUTTAKES nichts sagt. Ach was, es gibt genug Leute, die an diesem Wort achtlos vorbeigehen würden, falls es ihnen überhaupt begegnet. Man muss schon Dave Brubeck und sein legendäres Quartett kennen, um den Hintergrund zu verstehen. Ich kenne das Dave Brubeck Quartet nicht nur, ich liebe es. Erroll Garner und Dave Brubeck waren die door opener zum Jazz als ich Teenager war. Die Alben jazz RED HOT AND COOL, Gone with the Wind und At Carnegie Hall waren meine ersten und jahrzehntelang einzigen Brubeck-Alben. Das wohl berühmteste Album des Dave Brubeck Quartets – Time Out – habe ich mir tatsächlich erst vor wenigen Jahren zugelegt. Im englischen Wikipedia-Artikel liest man darüber:

 

The album peaked at No. 2 on the Billboard pop albums chart, and was the first jazz album to sell a million copies. The album was selected, in 2005, for preservation in the National Recording Registry by the Library of Congress as being „culturally historically or aesthetically significant“.

 

Der Grund für den außerordentlichen Erfolg der Schallplatte war Take Five – ein Stück, das im Jahr 1961 im Bayerischen Rundfunk wochenlang auf Platz 1 der Schlager der Woche stand. Es werden damals nicht alle Schlagerfuzzies gemerkt haben, dass Take Five im 5/4-Takt daher kommt. Diesen Satz habe ich DeepL anheim gestellt und folgendes Resultat erhalten:

 

Not all Schlagerfuzzies will have noticed at the time that „Take Five“ is in 5/4 time.

 

Na also! „Time“ ist das englische Wort für „Takt“ und „Time Out“ bedeutet nicht „Auszeit“, sondern mit Verlaub frei übersetzt „Ausbruch aus den konventionellen Takt-Mustern“ des Jazz, als da sind 4/4-Takt wie in Blues March und 3/4-Takt wie in Jitterbug Waltz. So ist das Thema von Blue Rondo à la Turk im 9/8-Takt geschrieben, wobei die Binnenstruktur dieses Neuners (vorwiegend) 2 2 2 3 ist. Béla Bartók bezeichnet so etwas als ‚Bolgár Ritmus‘.

Time Out ist eines der rhythmisch innovativsten Alben der Jazzgeschichte. Aber heutzutage sind derartige rhythmische Strukturen nichts Ungewöhnliches mehr. Man möge sich nur umhören bei Nik Bärtsch, Jacky Terrasson, King Crimson, Gentle Giant, Don Ellis – meine heißesten Empfehlungen am 12. Juli 2021 …

 

 

 

 

 

 

Das Packerl vom 10. Juli 2021 hat für mich Dave ‚Dornröschen‘ Brubeck wieder erweckt. Das Quartet kommt auf dem Album TIMEOUTTAKES daher in blühender Schönheit, unverbrauchter Frische, auch aufnahmetechnisch vollendet. Kein Wunder! Der verantwortliche Toningenieur war der aus München stammende Fred Plaut, welcher auch für die brillante Aufnahmequalität von Miles Davis‘ Kind of Blue sorgte.

Die Musik des Dave Brubeck Quartet ist von wunderbarer Eingängigkeit und steckt doch voller raffinierter musikalischer Rätsel, die zu knacken mir ein Vergnügen ist, welches das Lösen von Kreuzworträtseln um das 1001-fache übersteigt. TIMEOUTTAKES ist ein Meisterwerk, das dem 1959 veröffentlichten Time Out in nichts nachsteht, es meiner Meinung nach sogar übertrifft. Das Showpiece Take Five gefällt mir in der Fassung des Outtake-Albums viel besser. Es ist zupackender wegen des deutlich schnelleren Tempos, es ist konsequenter im Featuring von Drummer Joe Morello. Sein Solo ist unbegleitet von Brubecks Piano Figur. Morello leitet das Stück ein mit einem Beckenrhythmus, der seine offensichtliche Simplizität in dem Moment verliert, wenn das berühmte 5/4-Lick im Klavier erscheint.

 

 

 

 

 

hier gibt es dies zu hören (falls man auf das weiße Dreieck links außen klickt):

 

– singing blackbird in front of my open window
– Beckenrhythmus (mittels copy/paste vervielfältigt)
– Beckenrhythmus (mit metronomischem beat unterlegt, 4 Zählzeiten !!!)
– Anfang Take Five (mit unterlegtem Zählen, leider teilweise unpräzise)
– Anfang Take Five (ohne Zutaten meinerseits)

 

 

TABU – Anderthalb Stunden Schlaf, zwei Stunden allergischer Schnupfen, zwei Stunden Übelkeit, zwischen drei und fünf Uhr nachts, von der zweiten Riesenportion Eziclen, Kenner der Materie wissen, dass es sich hier nicht um ein Aphrodisiakum handelt, meine Fresse, hart. Ich erinnere mich gut an Freunde der Literatur, die, wie ich einst, Peter Rühmkorf liebten, selbst wenn er in letzten Tagebüchern uns sehr detailliert Aufschluss gab über die Wege, die die Endoskopie beschreitet, wenn sie durch den Anus oder andere Körperöffnungen den Status innerer Organe ermittelt. Man trennt gemeinhin die sogenannte zeitlose Kunst vom alltäglichen zeitbegrenzten Körper, dass ich es mutig fand, wie Peter mit heiterer Ironie zwischen Darmspiegelung und bundesrepublikanischen Befindlichkeiten changierte. Nun hatte ich heute morgen auch das gemischte Vergnügen einer Koloskopie, und fleissig Vorbereitungen getroffen, dass die Wege durchs die Windungen des Darms nur von kamilleteefarbener Patina begleitet wurden. Wie gesagt, wer jetzt sagt, nun wird‘s aber eklig, den erinnere ich an einen gar nicht so dummen Bestseller vergangener Jahre, der sich detailfreudig der Poritze und dem Anus widmete (by the way eine supererogene Zone), oder an Rühmkorfs Reisen durch den eigenen Körper.

 

 

ASTRAL – Bevor nun die hier öfter aufflackernde Unlust am „navel-gazing“, am Tanz um den eigenen Bauchnabel, wieder um sich greift, packe ich das Thema gleich mal seitwärts bei den Hörnern. Als Joni Mitchell einst ihre Liebesgeschichte mit Graham Nash verarbeitete, auf einem der schönsten Liederzyklen des 20. Jahrhunderts, „Blue“, wurde das ganz und gar Private auf einmal universal, und als sie später in ihren Liedern andere Personen porträtierte, war es nicht weniger persönlich, und auf andere Weise universell. Randy Newman hielt es so von Anfang, schlüpfte öfter mal in die Rolle von Vollpfosten und Rednecks. Aber wie bei Joni war das Spektrum seiner Figuren breit wie eine Shakespeare‘sche Theaterbühne, es gab eben auch die Gescheiterten, die Weltenträumer, die Opfer der Geschichte. Van Morrisons Kreisen um eine grosse Liebe, auf „Astral Weeks“, öffnete Räume der Kindheit, für manch einen gar einen kosmischen Empfindungsraum: die Nabelschau wurde zum Spiegelkabinett, in dem wir unsere eigenen waidwunden Herzensgeschichten neu erleben konnten, Trauma- und Traumtherapie in einem. Das hinderte den guten Van  nicht daran, später in die Fallen von Scientology und anderen Konspirationsmüll zu tappen. Hölzchen auf Stöckchen, nicht wahr!?

 

 

CHILL – Der Doc, der meine Darmspiegelung durchführte, und hinterher seine Entdeckungen mit mir besprach, war zum Glück einer dieser empathischen Ärzte, die das Gespräch suchen und eine besondere Atmosphäre kreieren. Ob ich die Reise auf dem Monitor mitverfolgen wollte, fragte er mich, und als Freund des italienischen Post-Neo-Realismus überlegte ich kurz, entschied mich aber für die Schlafspritze: da liebe ich das Empfinden, wie man in eine süsse Bewusstlosigkeit befördert wird, wobei ich stets versuche, diesen viel zu schnellen Übergang möglichst lang auszukosten. Hinterher brachte dieser wirklich herausragende Arzt / Mensch auch nur gute Neuigkeiten, und wer immer sich in Aachen einer Koloskopie unterziehen will, dem kann ich mit gutem Rat zur Seite stehen. Einmal mehr in 80 Welten um den Tag. Daheim legte ich, nach drei Stück Marmorkuchen, The Plateaux of Mirror auf, und das Lächeln auf meinem Gesicht war alles andere als eine Momentaufnahme. The Chill Air. Wind in Lonely Fences. Es wird Zeit, die Schwerkraft zu besiegen.

 

These two music lovers from the unbeatable team of The Manafonistas come to mind first after some deep listening of Masabumi Kikuchi‘s final recording. (Playing solitaire is nice, but I like sharing my enthusiasm from time to time.) Guys, you should listen to „Hanamichi“ in the next blue hour available (this album might  suit your taste for the unknown in the well-known). „Poo“ (as he was called by friends) had his influences reaching from the spheres of classical music to the phenomenal horizons of Keith Jarrett‘ s solo flights, but, with a very distinct, personal touch, he had never been just strolling old venues. I think you know some of his ECM recordings. This album, produced by Sun Chung in December 2013, is the pianist‘s final recording and has only now seen the light of day, being the first release on Red Hook Records. And what a beautiful one that is. Freewheeling and lyrical in equal measures, the music draws me inside, and even an old tune like Gershwin‘s „Summertime“ makes me stop in the tracks. Every solo piano album comes along with a decent amount of cultural baggage – a joy to hear Masabumi Kikuchi handling the weight of tradition with a perfect balance of forgetting and remembering. The sound is perfect, too, intimate, warm, and crystal clear. In my next radio night I will probably play a sequence of five tracks in a row – Masabumi‘s performance of that old movie tune, „Ramona“ at the centre, surrounded by two songs from the latest „Mountain Goats“ album, and two solo bass pieces by Marc Johnson, from his forthcoming album „Overpass“. Excellence guaranteed!

 

An hour of time travel activities on August 19. Japanese music of the past can still surprise. The latest offering is a wonderful mix of melodic lightness and experimental touch. In those old days „Made to Measure“ wrote music history made to measure unfamiliar horizons: „La douxième journée“ by Lew & Brown was instantly regarded as a classic of its own kind with its audacious melange of north african modes, jazz sensibilities and twilight zones in between. From Bruxelles with love! No doubt Alice Coltrane and her Ashram singing of more or less improvised Hindu chants has a deepness to it that transcends its once-upon-a-time target group of religious devotion and now can easily be perceived as a profound, human meditation on yearning and loss. In the middle of it all we’ll see, on the cover of „The Perfect Release“ a woman (Annette Peacock) on a couch (looking slightly indifferent) – and then there is this vocal delivery  on the state of the world, with a casual performance that doesn‘t outnumber at all the simple truth of all its lines and verses. A stone cold groove keeps her company.

 

Leftfield Japanese Music from the CD-Age / Benjamin Lew & Steven Brown (a classic from Made to Measure) / Alice Coltrane: Turiya Sings / A spoken word classic from Annette Peacock / Alice Coltrane again / Benjamin Lew & Steven Brown again / Leftfield Japanese Music again (closing all circles)      

2021 10 Juli

Blütenreise bei Vollmohn

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WHEN A POWERFUL ANIMAL COMES 

 

We’ve had the privilege of recording three albums so far with Matt Ross-Spang, who is an utter treasure and a gentleman all the way, and who, for these sessions, supplied me with a vocal mic I’ll be talking about forever, specifically a 58 that once belonged to the Nashville Network; I loved working with Shani Ghandi so much on „In League with Dragons“ that I asked her to do the mixing tagain, and as usual her work just knock me out. I don’t usually dedicate albums to anybody, but this one’s kinda special to me so I want to dedicate to Matt and Shani with endless gratitude for bringing these tunes to life.


TO THE HEADLESS HORSEMAN

 

Jeder mag so ein Lieblingsalbum haben, oder mehrere, wenn sie oder er auf das erste Halbjahr zurückblicken – nicht zuletzt die Sparte der Songalben hat so einiges anzubieten bislang. Taylor Swift, Nick Cave, St. Vincent, Lana del Ray, was immer. Als ich nun endlich, nach Trips zum Meer, nach meditativen Hotelnächten, und einigen unschönen Dingen, zuhause in der elektrischen Höhle ein Licht anzündete, einen alten Merlot öffnete (Two Left Feet, 2016 – Shiraz und Cabernet sind beigemischt, a perfect dance), hörte ich vor Mitternacht mein neues Lieblingsalbum, in aller Ruhe.

 

THE SLOW PARTS ON DEATH METAL ALBUMS 

 

Tatsächlich hatte ich mich bislang auf die einzelnen Lieder konzentriert, jedes mit DeepL übersetzt, denn dieser Singer/Songwriter haut nun mal erstklassige lyrics mit beneidenswerter Leichtigkeit raus. „Make camp by sundown, watchfire burning bright / Songs bloom in the dark and throb down in the night.“ Seit Jahren hat er zudem eine erstklassige Band. „12 Songs for singing in caves, bunkers, foxholes, and secret spaces beneath the floorboards“. Einen besseren Untertitel für mein neues Lieblingsalbum kann ich mir nicht vorstellen. Ich finde jeden dieser Songs aussergewöhnlich, die zwischen dem 9. und 14. März 2020 entstanden sind, in den legendären FAME Studios, Muscle Shoals, Alabama.

 

LET ME BATHE IN DEMONIC LIGHT

 

Die Musikkritik geizt nicht mit Respekt, versagt sich aber weitgehend jeden Überschwang, ganz im Gegensatz zu mir. „Dark In Here“ heisst das Werk der Mountain Goats. Bei allem Understatement, das John Darnielle ohnehin beherrscht wie wenige andere (nichts drängt sich in diesen Songs auf, sie verströmen eine Eleganz, die ihre Tiefe leicht kaschieren kann), möchte ich nur noch eins hinzufügen: „Hammer!“ John Darnielle: guitar, piano, vocals / Peter Hughes: bass / Jon Wurster: drums, percussion / Matt Douglas: woodwinds, piano, guitar / Spooner Oldham: Hammond B3, Wurlitzer / Will MacFarlane: guitar / Susan Marshall: vocal harmony / Reba Russell: vocal harmony. 

2021 8 Juli

Selbstmord in der Magmakammer

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I‘ m waiting for my man

 

Sie kamen um 5 am.

Das „Salvamento“ lag still schaukelnd im Hafen. In der Nacht waren keine Flüchtlinge in Seenot geraten. Der junge Käpt’n hätte selbst einer Rettung bedurft. Jemand aus dem Fischerdorf hatte ihn an die Guardia Civil von Teneriffa verpfiffen. Deswegen waren ihm die Drogenfahnder von der Nachbarinsel auf den Fersen. Sie konnten ihn zunächst nicht festmachen. Sie durchstreiften lautlos das Dorf, durchsuchten mehrere kleine Fischerhäuser. Ausgerechnet beim Vater des Kapitäns des Seenotrettungsschiffs wurden sie fündig. In seiner Garage fand die Polizei in einer Tiefkühltruhe unter den Petos, Bonitos und Tunas 100000 Euros und 1 Kilo Kokain. Die Beute hätte üppiger ausfallen können, hätte nicht jemand vorgewarnt. Der Preis der Fahndung war unkalkulierbar hoch. Der Vater, Präsident der Jagdgesellschaft aller Kanaren, nahm sein Jagdgewehr von der Wand und erschoss sich augenblicklich, als er von der Verhaftung seines Sohnes erfuhr.

Das Dorf erwachte durch das Getuschel. So muss es vor dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gewesen sein. Binnen kürzester Zeit wusste jeder, was in der Nacht geschehen war.

Das bisher idyllisch am Hafen gelegene Dorf bekam einen neuen Anstrich. Die geweißten Häusschen haben ihre Unschuld verloren. Über dem Hafenort liegt jetzt ein kriminell durchtränkter Smog.
 
 

I‘m searching for the philosophers stone

 

Sie kamen um 5 pm.

Ihre Rucksäcke waren prall gefüllt und wirkten schwer. Durch das Fenster der ehemaligen Nazivilla am Hafen konnte ich sehen, wie die beiden Männer ihre Beute auspackten: alles Lavaarten aus der Gesteinsschmelze der Magmakammer. Weshalb hatten sie so große Steine aus der Stricklava mitgeschleppt? Ich wurde Zeuge, wie der Eine einen sehr schönen schwarzen Obsidian gegen einen graugrünen Phonolithen schlug: „Sounds great“, sagte der Eine.  „Yeah, you can kill someone with it … , meinte der Andere.

Ich  freue mich insgeheim über die Begeisterung der Beiden. Sie geben Zeugnis von der „Re- Materialisierung der Welt“. „Wir beuten die Erde deshalb so brutal aus, weil wir die Materie für tot erklären und die Erde zu Ressourcen degradieren.“ (Undinge von Byung-Chul Han).

Zu dem Unverständlichen der hier auf der Vulkaninsel tatsächlich passierten Vorkommnissen lehrt uns die frühere Zeit, dass die Vulkane als Zeichen göttlichen Zorns galten, wo im feurigen Inneren Kriegswaffen geschmiedet wurden. Und – dass unsere zerbrechliche Sialschicht durch Machenschaften und Geldgier erschütterbar ist.

 

 

Neulich hörte ich mir das Gespräch zwischen Brian Eno und Rick Rubin an, in dem Eno quer durch sein Schaffen befragt wurde, und natürlich auch einige „Repertoire-Stories“ erzählte, unter anderem, wie sehr ihn in der Kindheit die Gitterbilder von Mondrian berührten, als er ihnen das erste Mal begegnete, und wie etwas so  Minimalistisches einen so immensen emotionalen Eindruck hinterlassen konnte. Genau diesen Aspekt verfolgte er ja auch mit etlichen seiner Alben. Was ich nicht wusste: er erzählte Rick Rubin auch, dass er als Kind unendlich viele Bilder malte, in denen Rot und Blau sich vermischten, weil ihn diese Zwischenzone (nennen wir es violett, es gibt sicher noch andere Namen) besonders faszinierte. Als hätte er irgendwann, bewusst oder unbewusst, den Entschluss gefasst, das Blau und das Rot der Mondrian-Bilder aus ihren schwarzen Umrandungen bzw. Einkastelungen zu lösen, zu befreien, um eine andere Zwischenwelt zu erforschen. „Instead of clarity / The  colors of rain / Bittersweet wooziness / What a romance“, ruft E.E. Cummings in einem berühmten Gedicht aus. Ein kreativer Akt, auch wenn meines Wissens keines dieser frühen Bilder erhalten geblieben ist, oder von besonderer Bedeutung gewesen wäre, ausser eben, einer ganz eigenen Fantasie auf die Sprünge zu helfen. Auch in seiner Ambient Music werden ja Sounds aus gewohnten Begrenzungen von Zeitmass und Melodie gelöst! Ich erinnere mich auch, wie Brian, als ich ihn nach seiner frühen Kindheit befragte, von seinem Grossvater erzählte, der in einer ehemaligen Kapelle lebte, in der ein Priester Suizid begangen hatte. Und die Räume waren,  statt von Tapeten,  von Orgelpfeifen umstellt, so dass man dort immerzu von (der Vorstellung von) Klängen umgeben war. Schon dieser Raum der frühen Kindheit versinnbildlicht die Idee der „Ambient Music“, lang bevor Brian im Krankenhaus, ans Bett gefesselt, die viel zu leisen Klänge walisischer Harfenmusik hörte, sie sich mit dem Licht des Tages und dem Regen mischten.

 
 

Gestern tauschten Jan und ich ein paar Faszinationen zu Laurie Anderson aus, und irgendwann bemerkte er in einer der hin und her wandernden „Laurie-Mails“, dass der Nachfolger von „Big Science“ doch ein wenig und fast sträflich in Vergessenheit geraten sei. Und wie ein fast verschollener Ohrwurm liessen sich Bruchstücke ihres Duos mit Peter Gabriel in meinen Ohren nieder, aus dem Stück „Dangerous Birds“ und ferner Erinnerung – am Tag darauf durchforstete ich mein Archiv nach „Mister Heartbreak“. Ich hatte „Mister Heartbreak“ einst, sofort nach ihrem Erscheinen, gekauft, das war früh im Jahr 1984, wie ich bei Wikipedia nachlese, und das Album fesselte mich genauso, wie zuvor ihr Klassiker „Big Science“, der schon ein Klassiker war, als er das Licht der Welt erblickte, vor 40 Jahren, und später das nicht minder fantastische Album „Bright Red“, das Brian Eno produzierte und mein Trio von Laurie Anderson-Lieblingsalben komplettiert.

 

A propos „Bright Red“. An einem heissen Sommertag des Jahres 1993 hockte ich bei Brian in seinem damaligen Londoner Studio in Kilburn, und er arbeitete gerade an einem „Rhythm Track“ aus einer New Yorker Session mit Laurie, und es erschien uns anfangs eine gute Idee, diese rohen Pulsierungen als Hintergrund für das Interview zu verwenden. Das ging ein paar Minuten gut, bis Brian rief: „Michael, ich kann, glaube ich, nicht klar denken wenn diese Musik läuft, ich finde das so spannend, dass ich immer wieder hinhören möchte, vielleicht dran feilen, vielleicht einfach nur hören.“ Schliesslich war das Thema des Besuchs auch „Neroli“. Ein Jahr später erkannte ich den Rhythmus wieder, als ich „Bright Red“ auf der guten alten Chrom-Kassette in der Toskana hörte. Das Promotions-Exemplar. Das Album verzauberte mich – in all seiner gesammelten Dunkelheit passte es herrlich zum sonderbar milden Licht der Hügelketten, wie ein Kontrapunkt.

 

Aber ich schweife ab. Ich durchforstete also das Archiv nach „Mister Heartbreak“. Nun halte ich nichts von alphabetischer Ordnung, aber es gibt Momente im Leben, in denen sich das bitter rächt. Eine geschlagene halbe Stunde suchte ich nach der CD, bis ich sie  schliesslich erblickte, aber, von wegen, Lohn der Mühe: als ich das Plastikteil öffnete, war keine CD darin. Mist. Und ich hatte ihr innerlich schon einen klar definierten Platz in einer sommerlichen Zeitreise im Nachtradio zugewiesen. Ich erinnere mich, ohne Google und Wikipedia, an Synclavier-Sounds, die sie da ausgiebig benutzte (ohne dass mir der Sound später veraltet schien), an die Stimme von William Burroughs (ist sie da wirklich einmal zu hören?), an seltsam tropische Stimmungen. Und wie sie ihre Stimme so lässig und konzentriert zwischen Sprache und Gesang platziert. Das Duett mit Peter Gabriel ist sicher nicht der einzige potentielle Ohrwurm. Die schönsten Laurie Anderson-Alben sorgen stets dafür, dass ich mich in die Landschaften der Songs hineingezogen fühle. Als könnte ich dort ein Zelt aufschlagen, zum Nachthimmel schauen, und die verspielten surrealen Texte mit jeder Pore aufsaugen. Ich werde geduldig warten, bis die Silberscheibe aus ihrem Versteck auftaucht, und keine billige Auffrischung auf spotify suchen. Sie soll irgendwann mit vollem Sound meine elektrische Höhle erfüllen, und mir noch mal die Sache mit Sharkey erzählen. Bis dahin ist „Mister Heartbreak“ in  meiner biegsamen und windschiefen Erinnerung bestens aufgehoben.

1  „a rainy day in bankok“  

2  „fearless“ (covered from taylor swift)

3  „mahavishnu folk“

 

 

Ein ganz normaler Tag im Paradies begann damit, dass man sich zunächst happy fühlte, weil man frühmorgens in der Zeitung las, dass just jener Impstoff, den man wählte, zuverlässig vor Delta schütze. Ein Gewitter wurde angekündigt und so schnappte man sich schnell das Fahrrad, um auch in sportlichen Belangen noch die notwendige Dosis zu erlangen. In schwül-hitziger Luft durch die Stadt radeln zählt unsereins zur Kategorie „Glückserleben“. Rast gemacht an einem meiner Lieblingsplätze, schillerte die Graffiti rundum – auf Mauer, Bänken und Häuserwänden – so subtropisch farbintensiv, dass ich wieder einmal bedauerte: „Damned, you miss the camera!“ Ich denke tatsächlich oft auf Englisch und möchte in diesem Kontext gleich mal nebenbei die siebte und finale Staffel von Bosch erwähnen. Dringend sei empfohlen, sie keinesfalls mit deutschen, sondern mit englischen Untertiteln zu geniessen, ansonsten versteht man weder Wort noch Sinn – dann aber wird es grandios. Weiter im Text: der Tatbestand der vergessenen Kamera liess mich dann auch gleich erneut über das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit nachsinnen, wie es ja schon Dietmar Kamper oft thematisierte: „Ohne Körper geht es nicht“. Wobei zum Körpererleben ich auch das Atmosphärische zähle: auch dieses lässt sich nur bedingt durch Bilder repräsentieren. Das mag auch ein Grund sein, noch die beste Fernsehserie skeptisch zu betrachten, weil es eben nicht die Wirklichkeit ist. Wieder zuhause, fing es an zu regnen, und ich fand den Mut, mein musikalisches Equipment anzuschliessen. Das ist immer ein zeitfressendes Wagnis, denn, wie Peter Sloterdijk treffend feststellte: „Musik ist dämonisches Gebiet.“ So und nicht anders kann ich es erklären, wenn man nach sechs Stunden am Stück immer noch nicht aufhören will. Gut, Ben Monder übte bis zu sechzehn Stunden, so die Sage. Jedesmal aber fallen mir zwei Dinge auf. Das Erlebnis des Spielens ist wesentlich intensiver als dessen Repräsentation, will sagen: die Aufnahme. Hinzu kommt das Reinhören, Aussortieren, Reflektieren. Zum anderen wird einem bewusst, wie wichtig doch die Gabe wäre, Details in Noten festzuhalten, um Struktur zu bilden. Mir fällt jedenfalls auf, dass die meisten Jazzmusiker, zumindest stellenweise, aufs Notenblatt fixiert sind, wenn sie spielen. Nun war es wieder Abend geworden nach gefühlten dreissig Minuten und tatsächlich vergangenen sechs Stunden. Eigentlich geplante Aktivitäten wurden auf den nächsten Tag verschoben. Bei einem zufällig entdeckten Vortrag über Schopenhauer fühlte man sich spät noch gut aufgehoben: nach dem homegrown folgte tröstlich ein homecoming. Wieder einmal bot die Philosophie ein unerlässliches Gegengewicht.

 


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