Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Monats Februar 2016.

Archiv: Februar 2016

2016 26 Feb

„The Distance“

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

Es war irgendwann im Jahr 2001, aber ich habe keine Ahnung, zu welcher Jahreszeit. Auf jeden Fall war es nachts zwischen ein und zwei Uhr und das Stück begann mit dem Wort „okay“. Es hat mich umgehauen, mit welcher Ruhe und Lässigkeit das Wort ausgesprochen wurde. Geräusch von Besteck, Hantieren mit Tellern. Kurz darauf sagt ein Kind „hm … an ice“ und etwas, was ich immer noch nicht verstehe. Wahrscheinlich ist es die Tochter oder der Sohn von Brian Eno, denn eine Ebene von „Bloom“ ist das Erleben von ein paar Minuten entspannten Alltags zwischen den beiden. Das Ursprungsmaterial wird wohl eher nicht inszeniert gewesen sein; so ein kleines Kind, das mit dem Sprechen Lernen beschäftigt ist, lässt sich keine Vorgaben machen. Über den Gesprächsfetzen ein gleichmäßiger Rhythmus und auf der dritten Spur ein Voranschreiten einer gut gelaunten Melodie. Immer wieder ein paar Worte des Vaters, des Kindes. Vertrauen, Geborgenheit, und Harmonie. Ich hatte das Stück aus dem Radio aufgenommen, aus Michaels Sendung, und ich hatte es zwei Mal hintereinander kopiert und immer wieder gehört. Ich kam gar nicht auf die Idee, mir das Album „Drawn From Life“ zu kaufen, weil ich mich musikalisch vor allem aus allen möglichen Zusammenschnitten ernährt habe. Ich habe das Stück immer wieder gehört, es war gleichzeitig beruhigend und anregend, und ich hatte es an den Anfang einer Kassette aufgenommen, so dass ich genau wusste, wo es begann. Ich wohnte damals in einem Backsteinhaus und vor dem Fenster meines Arbeitszimmers stand eine Birke. Ich hatte gerade damit begonnen, mich mit Gedichten zu beschäftigen und versuchte, welche zu schreiben, hatte aber keine Ahnung, ob ich es überhaupt schaffen könnte, ein gutes Gedicht zu schreiben, und wie ich dabei vorgehen könnte. Dieses „okay“ – für mich steckte eine Haltung zum Leben darin, die ich damals nicht hatte. Ich baute das Wort in ein Gedicht ein. Ich hatte den Text in irgend einer Diskussionsrunde vorgestellt – und das „okay“ so ausgesprochen, wie Brian Eno es getan hatte – und ich erinnere mich an eine nächtliche Autofahrt mit J, – eines unserer Frauengespräche, das nur in der begrenzten Zeit einer Autofahrt möglich ist und das in 35 Minuten alle relevanten Lebensthemen in schonungsloser Offenheit abhandelt – in der sie mir sagte, das „okay“ in meinem Text hätte ihr gefallen. Erst vor ein paar Tagen habe ich mir das Album gekauft und ich habe es seither immer wieder gehört. Es ist wundervoll. Als ich vor 15 Jahren „Bloom“ zwei Mal hintereinander überspielt hatte, hatte ich die minutenlange Pause am Ende des Tracks einfach weggelassen. Heute würde ich sie mit überspielen. Sie gehört einfach dazu. Es ist ein Teil dieses „okay“.

2016 24 Feb

Lift me high!

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 2 Kommentare

„Dark star Californian sirens who’ll destroy you with sweet narcosis.
Get ready to die.“

Nice invitation to David Holmes´s new band „Unloved“ and the don’t-give-a-damn title „Guilty of Love“. In fact, three records will appear on the same day (March 8th) that all signal time travel obsession with the wild part of the 60’s and (in parts) even the 50’s: Holmes´ smoky, sepia-tinged noir mix of coolness, emptyness and despair; the freewheelin‘ battle of moods from the Mersey River´s „The Coral“ on their wildest album to date, Distance In Between, that lays it all down: a touch of Hawkwind’s formative years, the darker moods of the slow-burning TV series Mad Men and other little worlds softly falling apart. Finally, M. Ward and „More Rain“. Believe it or not, this troubadour has no interest in restoring and rewriting lost nostalgia, it’s just dead serious business (and, oh, what a joy, too!) mixing time distortion with crafted songlines and ghosty textures: „Lift me high, so that I can see the dark shine beyond my darkest day.“ 

 

2016 23 Feb

Bruce II

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

Ich bin 23, es ist das Jahr 1978, ich wohne in Gerbrunn bei Würzburg, und meine Verlobte verlässt mich. Das Wort „Verlobte“ hört sich heute wie tiefes 19. Jahrhundert an. Ich habe definitiv Liebeskummer, und lese „Westwärts 1&2“ von Rolf Dieter Brinkmann. In jener Zeit stosse ich im „Spiegel“ auf einen Artikel zu Bruce Springsteen, der zum „neuen Dylan“ erklärt wird. Naja. Es ist Hochsommer, und ich habe verdammt noch mal Liebeskummer. Ich komme mit einer gutaussehenden Apothekerin ins Gespräch, bin gerne nett und oberflächlich, und  frage sie, ob wir uns treffen können. Sie sagt, dass sie einen Freund habe. Ein halbes Jahr später höre ich, dass sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Ich kaufe „Darkness On The Edge Of Town“, und es wird, rückblickend, aus der Erinnerung, neben „Nebraska“, meine Lieblingsplatte von Bruce S. werden. Ich höre die Platte oft, und versuche meine verlorene Liebe zurückzugewinnen. An einem Nachmittag. Wie gesagt, Hochsommer. Ich besuche sie mit dem Auto in Veitshöchheim, oder ist es doch ein anderer Ort am Rande von Würzburg? Sie wohnt in einem Appartment, blickt vom Dachgeschoss auf ein kleines Schwimmbad und eine Weide mit Schafen. Sie ist unheimlich schön (eine 10!), und ich bekomme keine Chance mehr. Alles ist Schmerz. Ich liebe sie noch (oder auch nicht), habe einen Ständer und sehe die Schafe im Abendlicht. Ich habe die Platte tatsächlich dabei, es ist die letzte Musik, die wir zusammen hören, und als ich leer zurückfahre, wird mir erst die Ironie des Titels deutlich: „Darkness On The Edge Of Town“. Seit 1978 habe ich das Album nicht mehr gehört.

Wie nun mittlerweile fast jeder Leser dieses Blogs weiss, habe ich jüngst den Schriftsteller Lou Berney für mich entdeckt. The Long And Far Away Gone ist einer der 20 besten Kriminalromane, die ich je gelesen habe. Und muss ich sagen, dass dieses Buch viel mehr ist als ein Kriminalroman?! Auf jeden Fall ist Lou Berney – dazu muss man kein Sherlock Holmes sein – ein „music lover“, der auf seiner Zeitreise in die 80er Jahre (es gibt immer wieder Rückblicke in die Mittachtziger, der Ort ist Oklahoma City, und, nebenbei bemerkt, Lou Berney kennt die Flaming Lips sehr gut!) die „Soundtracks“ jener Ära bestens und beiläufig einfliessen lässt. Ich freue mich schon auf das Interview mit ihm. (me)

 
 
 

 
 
 

It’s 1978, I’m 13 years old, walking down the street, a dicey neighborhood we lived in at the time, and some high school kids in a speeding car throw a full can of beer at my head. 

I get home covered in beer and blood and discover, insult to injury, that those dipshits at Columbia Record Club have screwed up my order. Instead of the Andy Gibb album I wanted, they’ve mailed me something called „Darkness on the Edge of Town.“ But then I look at the photo of the scrawny, greasy, dazed-looking guy on the album cover and I think: „Wow, that’s exactly how I feel right now.“ Side 1, Track 1: „Badlands“, and life made sense.

(Lou Berney)

Ich bin eine Gebirglerin. Ich besitze ein kleines Theater, das ich auf ausgesuchten Plaetzen aufstelle. 30 Personen finden darin Platz. Zum Einlass muss ein Organ gespendet werden, quasi als kleiner Obolus. Die gezeigten Auffuehrungen haben meist den grotesken Koerper zum Thema. Die Vorstellungen sind auf Wochen ausverkauft.

Einmal weinte eine Theaterbesucherin, weil sie ihr Herz als Eintrittspreis abgegeben hatte. Sie wollte es einer halbgelaehmten Schauspielerin schenken, die den gewuenschten Sex mit dem Armamputierten nicht erfuellen konnte. Manche Zuschauer erklaeren ihre innerliche Befindlichkeit auf Tafeln, die sie um den Hals tragen. Darauf stehen kleine Erklaerungen:
 
„Meine Leber gebe ich gerne.
Meine Sehnsucht ist die Ferne.“

 
oder
 
„Let me be your Trickster.“
 
Ich trage ein starkes Nervenkostuem. In meinen Genen sind Spuren von Till Eulenspiegel.
Das Buehnenbild wird uebrigens nie ausgewechselt. Immer zeigt es den „Garten der Lueste“ von Hieronymus Bosch. Das Publikum mag das Leihen und Borgen der Organe, am begehrtesten ist natuerlich das Herz. Aber der Darm ist auch sehr beliebt. Er bringt eine erstaunliche Dynamik in den Spielablauf. So kann es vorkommen, dass ein Schauspieler seine Koerpersaefte hasst und von der Buehne herunter bittet: „Wer hat eine Blasé fuer mich?“ Ist es nicht in zweierlei Hinsicht geradezu grotesk, jetzt Sloterdijk vorzustellen, wie er selbst in seiner Blasé sitzt mit einem Jongen an seinem Ruecken haengend.

Unerklaerlicherweise sind in den Theaterstuecken immer die Halbmenschen die Guten. Die Bad Boys sind meist die Zerstueckelten. Sie sind immer so laut und uebertoenen das ganze Ensemble mit ihren Urschreisuchen nach ihren abgehackten Gliedern. Manchmal mische ich mich in den Pausen unter das Publikum. Ich hoere dann, wie Vergleiche zu David Cronenberg’s Filmen gezogen werden. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Ich bin nur eine Theaterbesitzerin.

Neuerdings besitze ich auch eine Maschine. Sie ist nicht schwer, aber leider sperrig. Sie wird in den neuesten Stuecken gebraucht. Deformierte Koerper werden manchmal an sie angeschlossen. So wie in diesem neuen Tschechow Stueck. Diese daemonische Nase wagt sich einfach zu weit in die Welt hinaus. Sie wird dann mit Hilfe dieser Maschine wieder zurueckgefahren. Uebrigens komme ich alle drei Monate durch Ihre Stadt.
 
„Entrez Mesdames et Messieurs!“

2016 22 Feb

Zweiundzwanzig Zwei Sechzehn

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

Morgen findet in Hamburg die Trauerfeier fuer Roger Willemsen statt. Alle Nachrufe, die ich gelesen habe, wuerdigten ausreichend sein Schaffen als Journalist, Moderator und Buchautor; dem ist nichts hinzuzufuegen. Und selbst DER SPIEGEL schaffte es, nachdem er Willemsen Mitte der 1990iger Jahre mit Haeme uebergossen hatte, nun einen fuer SPIEGEL Verhaeltnisse sehr milden Nachruf zu schreiben.

Ab und an schrieben wir uns Mails; keine grosse Sache – aber so war er: immer aufmerksam, immer von ansteckender Begeisterung. Irgendwann hatte er anfangen, mich in seinen Mails als „D e r Uwe Meilchen“ anzusprechen; das mochte ich. Zeigte er doch so: ich kenne Dich, ich erinnere mich an Dich.

In den Nachrufen war auch davon die Rede, dass wir nun nicht mehr viele haben, die zu gesellschaftlichen, politischen Themen ihre Stimme erheben. „Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten“, sagte Willemsen oft. Diesen Satz werde ich mitnehmen, in Erinnerung an ihn und als Mahnung fuer meine eigenen Tage und Jahre, die noch kommen.

2016 22 Feb

Year of the Monkey

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Kommentare geschlossen

 

 
 
 

 
 
 

 
 
 
Chinese New Year’s Parade
Pittsburgh, Feb 21, 2016
Happy New Year!
 

1914, 1917 – The First World War, the Battle of Verdun: faraway times with a birth mark that set the fabric of memory in motion. Soundtracks, novels, movies, documentaries, paintings: Anthony Durr’s All The Light We Cannot See comes to mind, another soundtrack by the Nottingham-Noir-combo Tindersticks – and not far from now, a record will see the light our somehow rather dark days called The Ship. „Inspired by the vast deep ocean where the Titanic sank and the battlefields of WW1“, the whole work „conspires to be immense and intimate at the same time“, James Oldham writes, and continues: „The first track, with its collage of echoing sonar electronics, radio broadcasts and chanted lyrics, is a suitably ambitious opener, but it’s more than matched by what follows. The reverberant atmospherics of `Fickle Sun´, a suite in three parts, are revelatory. The three parts conclude with a weightless cover of Velvet Underground’s `I’m Set Free´, which feels like a completing of a circle for the composer.“ According to Mr. Oldham, it is nothing less than „magnificent“. I would have loved reading a very long and detailed review. But I’m happy to read these lines at all. P.S.: Really great news on a day of complete sleeplessness after a night of full-time activity.

2016 20 Feb

Lesezeichen # 13

| Abgelegt unter: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 1 Kommentar

 

 
 
 

Jeder hat ja so seine persoenliche Blogroll; Internetseiten, die er regelmaessig besucht. Jeden Montag, schon seit vielen vielen Jahren gehe ich auf die Seite des Observer; denn dann ist die Sonntagsausgabe mit den neuesten Rezepten von Nigel Slater nachzulesen. Wobei ich sagen muss: Ich koche tatsaechlich viel zu wenig; abends reicht es dann, wenn man ermattet durch die Wohungstuer faellt zumeist nur noch fuer eine Portion Nudeln mit kleingeschnittenen, in Oel eingelegten Tomaten oder aehnlichem. Oder eine Bulgurreispfanne! Aber Nigel Slaters Rezepte „haben fuer mich etwas“, sind weitaus mehr sophisticated als die in den Grosskettenbuchhandlungen ausliegenden Grillbibeln oder aber Rezepte von zum Beispiel Johann Lafer – oder Jamie Oliver, um noch einen britischen Koch zu nennen. Ueber die Jahre sind schon einige Buecher von Nigel Slater erschienen; und Anfang Dezember 2015 erschien The Kitchen Diaries 3 – und da ein Anbieter in GB auch eine in Leinen gebundene (!), signierte (!) Ausgabe anbot, habe ich mir das Buch zu Weihnachten geschenkt. Das Kochbuch ist, wie der Titel schon sagt, dem Jahresverlauf angeglichen; d.h. es beginnt mit dem Neujahrsmorgen und geht weiter durch das Jahr bis wieder Weihnachten vor der Tür steht. Saisonale Produkte, die in den jeweiligen Monaten von der heimischen Scholle der Bauern auf die Wochenmaerkte kommen werden ebenso beruecksichtigt wie etwaige Abweichungen zu den Rezepten. Viele gute Anregungen fuer schmackhafte Mahlzeiten!

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz