Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Juni 2014

Ruth Ozeki war mir bis vor einigen Wochen kein Begriff, dann kam der Tipp von Michael, doch einmal das Buch Geschichte für einen Augenblick zu lesen, zwei Tage später war ich bereits im Bann dieses Romans. Der Fischer-Verlag schreibt über seine Autorin:
Ruth Ozeki ist Autorin, Filmemacherin und Zen-Priesterin. ›Geschichte für einen Augenblick‹ ist ihr dritter Roman; er wurde mit dem Preis der Unabhängigen Buchhändler in Großbritannien ausgezeichnet und stand auf der Shortlist zum Man Booker Prize 2013. Ruth Ozeki lebt in New York und auf einer kanadischen Insel. Sie kam 1956 in Connecticut zur Welt, als Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin.“
 
 
 

 
 
 
Es geht um drei Protagonisten in diesem 560 Seiten starken Buch: Nao, Ruth und Jiko. Nao ist ein japanischer Teenager, sie lebte mit ihren Eltern einst in den USA, in Sunnyvale/Kalifornien, wo ihr Vater als Programmierer einen sehr guten Job hatte. Später bekam er eine tolle Anstellung in Silicon Valley, allerdings ging die Firma, in der Naos Vater arbeitete, pleite und die Familie sah sich gezwungen, nach Japan zurückzukehren. Hier lebt Naos Dad mit seiner Frau und einzigen Tochter nun in Tokio in einer winzigen, ärmlichen Wohnung. Er ist arbeitslos, versinkt mehr und mehr in Depressionen, schließlich unternimmt er einen Suizidversuch.- Nao geht es in der Schule ganz grauenhaft, sie hat keine Freunde, Mobbing übelster Sorte ist an der Tagesordnung. Es gibt nur einen Trost in ihrem Leben und das ist die hundertundvierjährige Urgroßmutter, Jiko, die nach dem Tod ihres Sohnes – er war Kamikazepilot im Zweiten Weltkrieg – als Nonne lebt. Die Beziehung zwischen den beiden wird so eng, dass Nao eines Tages beschließt, über Jikos Leben und sich selbst zu schreiben. Aber für wen, wer würde sich dafür interessieren? Ein Internetblog wird schnell aufgegeben, weil ihr schnell klar wird, dass niemand die Zeit hat, ihre Geschichten zu lesen, „weil alle so mit Schreiben und Posten beschäftigt sind“.
 
 
 

 
 
 
Nao schreibt ihre Aufzeichnungen in ein altes Buch von Marcel Proust: A la recherche du temps perdu. Sie hatte nämlich in einem Laden Bücher entdeckt, die jemand so bearbeitet hat, dass die Buchdeckel, das äußere des Buches, erhalten blieb, die Seiten aber herausgeschnitten und leere Seiten eingeklebt wurden, eine gute Tarnung, ein Schutz vor neugierigen Lesern. Nao schickt dann eines Tages dieses Buch eingepackt in eine Hello-Kitty-Lunchbox und einen Gefrierbeutel auf die Reise. „Wie eine Flaschenpost, die auf dem Ozean von Zeit und Raum schwimmt. Absolut persönlich und auch wirklich, direkt aus der unvernetzten Welt von Jiko und Marcel. Das ist das Gegenteil von einem Blog. Das ist ein Antiblog, weil es nur für eine bestimmte Person gedacht ist, und diese Person bist du. … Wie cool ist das denn? Es ist als würde ich in der Zeit vorgreifen und dich berühren, und jetzt, da du es gefunden hast, greifst du zurück und berührst mich!“ Die Person, die das Buch auf der anderen Seite der Welt in einem von Seetang und Muscheln verschlungenen Gefrierbeutel findet, ist die Ruth, die mit ihrem Lebensgefährten, Oliver, auf einer einsamen kanadischen Insel lebt. Die Autorin Ruth Ozeki wechselt nun ständig zwischen den Tagebuchaufzeichnungen und dem Leben von Nao auf der einen Seite und dem Leben von Ruth und ihrem kranken Lebensgefährten auf der anderen Seite des Ozeans hin und her und zeigt, wie sich das Leben von Ruth und Oliver durch die fortschreitende Lektüre verändert.
 
 
 

 
 
 
Das Buch ist fantastisch, ich bin versucht zu sagen: LESEBEFEHL! Es ist hochinteressant, nicht spannend wie ein Kriminalroman, aber fesselnd ist es doch. Man erfährt ungeheuer viel über Japan, Religion, Kultur und Mythologie. In über 100 Anmerkungen werden japanische Schriftzeichen, Weisheiten, Wörter erklärt, auch ein Literaturverzeichnis findet sich am Ende des Romans.
Für die neugierig gewordenen Leser dieser Zeilen: es gibt zu dem im englischen Orginal erschienenem Buch A Tale for the Time Being einen dreiminütigen Official Book Trailer, dieser findet sich auf der ohnehin interessanten web-Seite der Autorin: ruthozeki.com.

Und zur Musik: Für mich war besonders passend zur Lektüre des Buches vor allem eine Platte:
Ensemble Economique: Interval Signals, aber auch Zeitblom mit Heaven And: Bye and bye I’m going to see the king, und Charcoal Owls von Tin Roof, natürlich auch Musik von Nick Drake. Ein lesenswertes Interview mit der Autorin, Ruth Ozeki, findet sich übrigens im Online-Magazin des S.Fischer-Verlages, hundertvierzehn.de
 
 
 

 

2014 6 Juni

Arrows Into Infinity

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Am 18. Juli erscheint der Dokumentarfilm Arrows Into Infinity von Dorothy Darr und Jeffrey Morse. Der abendfüllende Film, der im vergangenen Jahr seine Europapremiere auf dem Münchner Filmfest hatte, zeichnet das Leben eines großen Improvisators mithilfe von reichhaltigem (zum Teil nie zuvor gezeigtem) Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen und viel faszinierender Musik nach: Die Lebensgeschichte von Charles Lloyd ist wahrlich ungewöhnlich, und sie überschneidet sich immer wieder mit entscheidenden Momenten in der Historie des Jazz. Man erlebt Lloyd in diesem Film sowohl während der Jahre seines Rückzugs von der Szene als auch bei Konzerten vor und nach dieser Neufindungsphase. Gerade in den letzten Jahren hat Lloyd mit jüngeren Musikern wie Jason Moran, Reuben Rogers und Eric Harland und seinem Sangam Trio mit Harland und Zakir Hussain erneut frische Akzente gesetzt. Diese Musiker tragen ebenso ihre Gedanken zu der bemerkenswerten Dokumentation bei wie Herbie Hancock, Ornette Coleman, Robbie Robertson, Jack DeJohnette, Don Was, John Densmore, Jim Keltner, Geri Allen, Larry Grenadier, Stanley Crouch, Manfred Eicher, Michael Cuscuna und andere. Arrows Into Infinity wird als DVD und Blu-ray mit Untertiteln in Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch veröffentlicht.

 
 
 

 

2014 6 Juni

„p8“

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Das indirekte Licht noch eine Spur indirekter,
den Vorhang offen lassen, einen Spalt, für die Abendglut,
es gibt keinen Ersatz für Feuer, das Holz
für den Kamin ist ausgegangen, es tut mir so leid,
dieser gedimmte Wandstrahler heisst „Seidenlicht“,
was so blöd ist wie neue Worteinsamkeiten für Celanjünger,
der Dreher spielt meinen Teenagerohrwurmsong,
„Moon in June“, und jetzt vögel mich, bitte!
 

Everybody’s darling in the reviews. Her new record is highly recommended, but not from my side. Her intimate approach, her searching qualities, her handsomely-orchestrated confessionals! “I am a sinner, I have sinned”, Sharon Van Etten sings, drawing the phrase out for as long as possible: she likes repetitions, she even seems to like her own vulnerability. Are we not all (oh, so) vulnerable? The New York singer-songwriter, an indie favourite following 2012’s breakthrough album Tramp, specialises in emotional rawness that seems a little bit too polished in its unpolished way. The tone is unvarying, the small sorrow endless, the moments of luck a song-long exercise in relief, but, anyway, this record nearly bores me to death.

2014 5 Juni

God‘s Favourite Customer

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J
Another night on the straits
All bug-eyed and babbling
Out on the corner
Of 7th and 8th
I’m in the business of living
Yeah, that’s something I’d say
All I need is a new friend
I’m only five blocks away
Speak to me
Won’t you speak, sweet angel?
Don’t you remember me?
I was God’s favorite customer
Beware the man who has everything
Everything that he wants
You can spot him from a mile away
In his gold chain and only one pair of socks
I’m out here testing the maxim
That all good things have to stop
The bar closes at 5
But the big man is just opening shop
Speak to me
Won’t you speak, sweet angel?
Don’t you remember me?
I was God’s favorite customer
But now I’m in trouble
I need some company
I swear, just one more night longer

2014 5 Juni

„p7“

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Morgen schlage ich mich durch die Dörfer,
nur leichtes Gepäck, italienisches parlando,
kleine Wanderberge im Tessin, weitläufige Gemütlichkeit,
Reiseführer ade, jeder Abgrund darf starren – 
genug Zeit, einen Cocktail für die Seelenlage zu mixen:
willkommen, fremde Wesen, shitty places, heilige Böden,
wet dreams, kühle Kapellen, angel kisses:
„my summer vine is really made from all these things“.
 

 

 
 
 

Am Abend nach der intensiven Studioarbeit landeten bis auf Jan Bang (der ein Treffen mit einem Videokünstler aus der Umgebung hatte) alle im Ristorante Al Argentino. Manfred, Tigran und ein Freund, Arve, Eivind, der Toningenieur, meine Wenigkeit, und ein weiterer, für den reibungslosen Ablauf zuständiger Italiener (Bach-Fan und Zeuge vieler Produktionen vor Ort, von Andras Schiff bis Craig Taborn (dessen grandioses Soloalbum hier entstand, an einem Tag!), von Carla Bleys letztjährigem, von den meisten Manafonistas geliebten Album „Trios“ bis zu einer neuen Anouar Brahem-Aufnahme vor wenigen Wochen, u.a. mit einem 18-köpfigen Streichorchester). Dem Produzenten war anzumerken, wie erfüllt er war von dem Verlauf der Tage, und ohne dass der Rotwein in dieser Runde in rauen Mengen floss – die Ereignisse des Tages allein setzten Endorphine in munteren Portionen frei – schlüpfte Manfred immer mehr in die Rolle des Geschichtenerzählers. Tatsächlich ging es immer wieder um die alte Kunst des Musikmachens, aber auch um die, welche fähig waren, schon früh und gegen den Trend von Zeitgeistern, die Qualität solcher Produktionen zu erkennen, von Richard Williams bis zum viel zu früh von uns gegangenen  Konrad Heidkamp. Und statt hier bruchstückhaft die frei mäandernden Stories aufzutischen, einfach mal eine assoziative Auflistung etlicher ECM-Platten, die gestern ins Gespräch kamen, in einer munteren Runde, in der sehr viel gelacht wurde, und etliche Jahrzehnte wie ein Soundtrack gelebten Lebens vorbeirauschten: „Dis“ und „Places“, von und mit Jan Garbarek, Ralph Towners „Solstice“, „In Pas(s)ing“, von Mick Goodrick, Jarretts „Belonging“, Bill Connors‘ „Theme of the Gaurdian“, Edvard Vesalas früher Geniestreich „Nan Madol“ und sein fulminantes Spätwerk „Ode To The Death Of Jazz“, Trygve Seims „Different Rivers“ und „Sangam“, aber auch die Duo-Platte, die der bärige Saxofonist mit Andreas Utnem in einer norwegischen Kirche aufnahm, und immer noch als Geheimtipp gehandelt wird … Irgendwann wandte sich Manfred noch einmal zu Tigran, und sagte ihm, warum er sich ganz sicher sei, dass die Musik dieser Produktion „überleben“ werde. Von dem, was ich gehört hatte, konnte ich nur beipflichten. Am Ende lud ich die ganze Runde zum Eis ein, nachdem Manfred mir mit einem Blick auf die andere Seite der Plaza die beste Eisdiele Luganos gezeigt hatte. Und so standen wir in später Stunde, unter einem wohltuenden Frühlingsregen, und vertilgten nachtschwarzes Schokoladeneis und andere Köstlichkeiten.

 
 
 

 

Details of this year’s program will be announced soon!  As usual the Punkt Festival wiil take place in the early September days (probably 4-6 or 3-5). As far as  I’ve heared , it will be a solo performance from Laurie Anderson.

6903 Lugano Besso. Du kannst Magie nicht zwingen. Du kennst eine Unzahl von Tricks, du weisst, wie man Sackgassen entkommt, du weisst, wie man aus losen Enden geschlossene Gestalten formt, aber der magische Mehrwert bleibt unberechenbar. Widerspenstig. Es begann mit alten Banden zwischen Arve Henriksen (Trompete etc.), Jan Bang (Live-Sampling etc.) und Eivind Aarset (Gitarren etc.), es begann mit dem Punktfestival von Kristiansand anno 2005. Es begann mit Lieblingsplatten aus den frühen Jahren von ECM, die den armenischen Pianisten Tigran Hamasyan durch seine Teenagerjahre begleiteten. Es begann mit den weit zurückreichenden Erfahrungen des Produzenten Manfred Eicher mit armenischer Musik. Und es begann auch damit, dass Jan Bang mir für eine Ausgabe der JazzFacts (Deutschlandfunk) eine kleine Passage aus seinem Duo mit Tigran (Punkt 2013) schicken sollte: ein Kinderspiel für offene Ohren, hier, in furios inszenierten Dejavues und elektronischen Spiegelungen, den Basisstoff für eine zukünftige Unternehmung zu wittern! Ich tat das Nötige, damit Manfred diese paar Minuten zu hören bekam – und er hörte genug, um die Dinge in Gang zu bringen.

Und so entstand und entsteht in diesen Tagen in Lugano, im „Studio Grosso“ des RSI, eine Produktion mit vier Musikern, einem Produzenten und einem Toningenieur, von der man vieles erhoffen durfte und darf, aber nicht unbedingt solch eine konzentrierte, entfesselte Energie, solch einen Ideenfluss (voller Finessen und Widerständigkeiten)! Wer in naher Zukunft die beteiligten Personen auf diese Tage im Tessin anspricht, wird auf Blicke treffen, die Bände sprechen, auf Sätze, die mal holprig, mal elegant, das So-Nicht-Vorhersehbare ins Spiel bringen, einen Glücksfall. Als Zeuge (Ohren und Augen) atmete ich die Musik ein, hellwach verfolgte ich das Abhören, das Abmischen, die minimalen Korrekturen, die im grossen Saal (ohne Trennwände, ohne Kopfhörer) eingespielten drei, vier Takes einer alten Komitas-Komposition, die eine oder andere tänzelnde Bewegung des Produzenten, die kurzen Dialoge, das Spiel der Gesten und Mienen (für stille Freude gibt es eine ganze Palette) – und einmal, in einer Kaffeepause, blieb ich einfach sitzen vor der menschenleeren Bühne. 

 
 
 

 

2014 4 Juni

„p6“

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Die eigene Kaschemme an den Berg geduckt,
Frühstück des Grauens inklusive, guten Fusses
gehe ich in die Altstadt hinab, sammle Eindrücke,
Gesichter, Kommerzroutine, Tretbootangebote,
Mülltonnenromantik, Traumfetzen, Fischhändlerblues,
Und die Gewissheit kommt unter der Dusche,
eiskalt, „Too Late for the Sky“, das Lied bringt
Patchouli ins Spiel, und eine Jukebox explodiert.


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