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2020 12 Mai

7 1/2 x Kraftwerk

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Ich habe Kraftwerk siebeneinhalbmal auf der Bühne gesehen:
 
 

  • 1971 in der Fabrik in Hamburg;
  • im Sommer 1972 im Weserbergland;
  • Ostern 1974 in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg als Headliner eines Deutschrock-Festivals;
  • für den Oktober 1975 hatte ich Karten für die erste Reihe in der Musikhalle Hamburg, aber das Konzert wurde wegen zu schlechten Vorverkaufs abgesagt;
  • 1981 in der Musikhalle;
  • im November 1991 sah ich sie im Docks an der Reeperbahn;
  • im März 2004 im CCH (Hamburg);
  • im April 2012 bei der Eröffnung ihrer Videopräsentation im MoMA PS1 in New York (das war das halbe Mal);
  • und im März 2014 im Riviera in Chicago, IL.

 
 
Ich könnte nicht sagen, welches Konzert „das beste“ war. In gewisser Weise war jedes davon speziell.

1971 war ich 15 und hatte die Band noch relativ frisch entdeckt. Ich erinnere nur noch wenig. Ich meine, sie waren zu zweit. Hätte ich damals gewusst, dass ich fünf Jahrzehnte später darüber schreiben würde, hätte ich mir Notizen gemacht, und Digitalkameras hatten wir auch noch nicht. Damals war die Band noch eine von vielen Krautrockbands auf der Suche nach einer gewissen Bekanntheit, aber es war nicht absehbar, was aus denen mal werden würde.

1972 habe ich die Band während unseres Familienurlaubs in einem Jugendzentrum irgendwo im Weserbergland gesehen. Es könnte in Höxter gewesen sein, Michael Rother hat bestätigt, dass sie da mal gespielt haben. Es kann aber auch in Karlshafen gewesen sein; ich bin ziemlich sicher, dass heute niemand mehr genau weiß, wo man damals überall aufgetreten ist. Das Weserbergland war mir wohlvertraut aus diversen Familienurlauben in einem Nest namens Wahmbeck, ich habe diese wunderschöne Gegend aber auch mal drei Wochen lang mit meiner Pfadfindergruppe durchwandert. Auch das müsste 1972 gewesen sein. Ich erinnere noch das außerordentlich geschmacklose Konzertplakat, das überall klebte (ich bilde es hier nicht ab). Ich meine mich zu erinnern, dass Kraftwerk zu dritt auf der Bühne waren, Ralf, Florian und ein Bassgitarrist, sicher bin ich mir da aber nicht. Dazu gab es Diaprojektionen, aber keine Fotos, sondern einfach nur Farbflächen.

Bei diesen beiden frühen Konzerten war Kraftwerk noch eine komplett andere Band als später. Aber sie war seltsam, arbeitete irgendwie mit Elektronik und Klangeffekten, und die meisten Leute verstanden nicht, was das alles überhaupt sollte – Grund genug für mich, die Band zu lieben.
 
 

 
 
Das Osterfestival 1974 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle, einem Bruchschuppen, in dem sonst Boxkämpfe stattfanden, war denkwürdig. Autobahn war noch nicht erschienen, Ralf & Florian war das noch aktuelle Album. Kraftwerk war der Headliner des ersten Tages, weil aber alle anderen Bands ihre Zeit überzogen und die noch unerfahrenen Veranstalter die Zugaben und Umbaupausen unterschätzt hatten, konnte Kraftwerk überhaupt erst gegen halb elf beginnen. Ralf und Florian hatten nicht mal einen Roadie, sie bauten ihre Anlage selbst auf und fingen dann ohne weitere Umstände an. Nach einer Weile gesellte sich ein dritter Mann hinzu und klöppelte mit an Stricknadeln gemahnenden Sticks auf einem seltsam aussehehenden Pult, dem er damit elektronische Drumsounds entlockte. Er wurde nicht vorgestellt, aber es kann nur Wolfgang Flür gewesen sein. Die drei hatten gerade mal 30 Minuten gespielt (ständig unterbrochen von „Ruckzuck!“-Rufen einiger betrunkener Typen, die die Musik ohnehin zum Kotzen fanden), als plötzlich das Saallicht eingeschaltet wurde. Ich erinnere noch Ralf Hütters schüchterne Bitte, man möge es doch bitte wieder löschen. Es blieb an, und dann begannen die Ordner, das Publikum hinauszuwerfen: Die Halle hatte um 11 Uhr leer zu sein. Kraftwerk spielte weiter, für’s Reinigungspersonal (ich vermute, hätten sie es nicht getan, sie wären nicht bezahlt worden). Wir standen vor einem Seiteneingang und hörten durch die offene Tür noch eine Weile zu.

Es muss nichts mit diesem Auftritt zu tun gehabt haben, aber Kraftwerk ist danach jahrelang nicht mehr in Deutschland aufgetreten.

Für das Konzert, das im Oktober 1975, nach dem großen Autobahn-Erfolg in der Musikhalle stattfinden sollte, hatte ich Karten — erste Reihe! Das Konzert wurde wegen mangelnden Vorverkaufs abgesagt, wie überhaupt große Teile der Tournee in Deutschland. Das Konzertplakat habe ich mal irgendwann später auf einem Flohmarkt gefunden, es ziert heute gerahmt unser Wohnzimmer.
 
 

 
 
1981, mit der Veröffentlichung des Computerwelt-Albums, standen die Kraftwerker im Zenit ihrer Kreativität und Begeisterung. Wiederum hatte ich Karten für die erste Reihe in der ehrwürdigen Musikhalle. Die Bühne sah nun aus wie die Kommandokanzel des schnellen Raumkreuzers Orion; es ist zu sehen im Video zu „Das Model“ — die Konzertszenen stammen aus dem Hamburger Auftritt, ich sehe Emil Schult noch mit der Kamera auf der Schulter herumlaufen. Das gesamte Bühnenbild und der dramaturgische Ablauf waren auf Überwältigung getrimmt, und das hat funktioniert. Erstmals gab es auch Videoprojektionen. Der Sound in der Musikhalle war großartig, und die Band hinterließ ein glückliches Publikum. Eines der Konzerte, die ich nie vergessen werde.
 
 

 
 
Zehn Jahre lang traten Kraftwerk dann nicht mehr auf. Im November 1991 waren sie wieder da. Aus irgendwelchen Gründen war an diesem Abend Hamburgs Goth-Gemeinde vollzählig im Docks angetreten. Karl Bartos und Wolfgang Flür hatten die Band inzwischen verlassen, waren durch mir unbekannte neue Leute ersetzt worden, und überhaupt schien sich Kraftwerk in einer Art Übergangsphase zu befinden. Zwar war die Show nicht viel anders als schon zehn Jahre zuvor, allerdings fiel die Tendenz auf, Ideen bis zum Gehtnichtmehr auszuwalzen. Zudem war offenkundig, dass die vier nicht auf bestem Fuß mit ihrem Equipment standen, das zu diesem Zeitpunkt um ein Synclavier herumgestrickt war.
 
 

 
 
Als ich Kraftwerk 2004 wiedersah, hatten sie die Zeit zur kompletten Neugestaltung der Bühne genutzt. Die Herren traten jetzt im dunklen Anzug auf wie ein Streichquartett, die Keyboards waren ersetzt durch Laptops, die Show basierte jetzt hauptsächlich auf Videoprojektionen. Die Tendenz, die Ideen zu lange auszuwalzen, war zwar immer noch vorhanden, aber der Sound hatte jetzt einige Quadro-Effekte und gehörte zum besten, was ich je gehört hatte — und in der akustisch schauderhaften Beton-Umgebung des CCH-Saales 3 will das etwas heißen. Das Konzert war nicht ausverkauft, ein anscheinend vorgesehenes Mitternachtskonzert fand nicht statt. Einen Tag später hörte ich Hilary Hahn in der Musikhalle – umgekehrt wäre wohl besser gewesen.
 
 

 
 

2012, inzwischen hatte ich Deutschland verlassen und lebe seither in den USA. Die Präsentation der Katalog-3D-Konzertreihe im Museum of Modern Art in New York musste leider ohne meine Anwesenheit stattfinden — jeder Kraftwerk-Fan wird sich an das Vorverkaufschaos erinnern. Immerhin war ich aber in der Lage, der Eröffnung der Video-Show im MoMA-Ableger PS1 beizuwohnen. Die entpuppte sich allerdings als eine latent enttäuschende Angelegenheit — eine Art Iglu im Hinterhof, darin acht im Kreis um ein großes Sitzkissen herumarrangierte Videoschirme, die dieselben Videos zeigten, die auf der Bühne liefen. Die Tonqualität war unbefriedigend mulmig, die Videos waren nicht einmal 3D-Projektionen.
 
 

 


 
 
 

 
 
Sehr viel spannender war eine Installation in einem anderen Raum des PS1: Thomas Tallis‘ vermutlich um 1543 herum entstandene Motette Spem in Alium für acht Chorgruppen zu je fünf Stimmen, die im Kreis um das Publikum herum angeordnet werden sollen. 40 Lautsprecher standen hier nun kreisförmig im Raum, jeder einzelnen Stimme war ein Lautsprecher zugeordnet. Man konnte von Lautsprecher zu Lautsprecher gehen und jeder einzelnen Stimme zuhören. Faszinierend.

Für mich war die Show 2014 im Riviera (einem ehemaligen Kino) in Chicago die erste Gelegenheit, Kraftwerks 3D-Show in Augenschein zu nehmen.
 
 


 
 
 

 
 
Es war immer noch alles da, was man von Kraftwerk erwartet — die kristallklaren Visuals, der Retrofuturismus, die kühle Präsentation; eher Performance-Art als Konzert. Am Anfang packt einen der 3D-Effekt, manchmal ist er wirklich verblüffend, beispielsweise, wenn Nummern durch die Luft schießen oder das Spacelab zur Landung in der Halle anzusetzen scheint. Im Laufe des Abends allerdings nutzt sich der Effekt ab — man kann ein Publikum nicht zwei Stunden lang mit 3D-Effekten in ständiges Erstaunen versetzen. Einige der neuen Videos sind leider schlicht langweilig (insbesondere einfallslos sind jetzt Trans Europe Express und Neon Lights, früher zwei ihrer magischsten Tracks). Der Sound war verblüffend unbefriedigend — unbalanciert, zu viel Bass, streckenweise war der Gesang kaum zu hören, es gab einige Quadro-Effekte, aber irgendwie gingen sie verloren.

Es ist ziemlich witzlos, über eine Kategorie wie „live“ zu philosophieren, wenn die Hauptinstrumente Computer sind. Dies war keine „Playback-Show“, mit Sicherheit nicht. Die Künstler tun irgendetwas auf der Bühne. Nach meinem Eindruck ist das Ganze eine Art Halbplayback, das ihnen die Möglichkeit zum Mitspielen gibt, und mit dem sie interagieren können, etwa, indem sie Echo- oder Filtereffekte hinzufügen. Einige böse Fehler fielen auf; so kam etwa der Gesang in The Man Machine durch das ganze Stück hindurch eine Viertelnote zu früh, gelegentlich erschienen kurz auch falsche Videoausschnitte.
 
 

 
 
Von der Bühne aus gesehen muss es seltsam sein, in hunderte von Gesichtern mit der 3D-Pappbrille auf der Nase zu schauen. Das Konzert war routiniert. Wie auch immer, das Publikum war happy, wir sahen erstklassige Unterhaltung. Alle Begeisterung allerdings kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kraftwerk, so wie sich die Band heute präsentiert, im wesentlichen Ralf Hütters Nostalgiezirkus ist. Aber das ist immer noch eine Menge.

Was man im Laufe eines Lebens so mit einer Band verbindet … Karten für das Juli-Konzert in der Radio City Music Hall New York sind bereits gekauft, aber wer kann sagen, ob und wann der Auftritt stattfinden wird … Das Wichtigste ist allerdings dies: Auf der (inzwischen längst eingeschlafenen, damals aber sehr aktiven) E-Mail-Liste über Kraftwerk, auf der sich Fans über Konzerte und sonstigen Kraftwerk-Klatsch austauschen konnten, habe ich meine Frau (Amerikanerin) kennengelernt. Und ohne sie wäre ich heute nicht in Pittsburgh.

Danke, Kraftwerk, danke, Florian.

 

Ich empfehle sehr Trollers Dokumentarfilm „Deutschland in den 70er Jahren.“ Immer wieder ist es ein jung machender, witzig gedrehter Film über meine besten Jahre. Ich mag das Interview, das er mit Gisele Freund gemacht hat, besonders. Mit welch herbem Charme die Fotografin ganz einfache Fragen von Troller wie z. B. „Konnten sie als Kleinkind aus dem Fenster gucken?“ mit enormer Aussagekraft beantwortet. 

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„Jazz“ in Hamburg hate lange Zeit die Pflege des Althergebrachten bedeutet. Damit hatte man sich abzufinden. Das „Birdland“ in der Gärtnerstraße, wo auch anderes möglich wurde, lag noch in weiter Ferne, und die Hamburger Jazzbands waren durchweg pflegeleicht und konnten alles, von der Jazzband-Battle im Schauspielhaus bis zur Möbelhauseröffnung Montag morgen um zehn. Die Jazzkneipen hatten den typischen 70er-Charme; der Wirt der „Riverkasematten“ war es schon gewohnt, dass regelmäßig im Frühling ihm der Fluss einen Besuch abstattete und der Laden dann wochenlang durchfeuchtet roch, im „Cotton Club“ dauerten Sessions manchmal bis in den Morgen, die Musiker schliefen dann auch gern mal dort und wurden morgens vom Wirt mit Schlehengeist geweckt. Vom Pö gar nicht zu reden.

 

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Mittlerweile war mein Traum von einer fangfrischen Forelle ausgeträumt, ich gab mich mit einem Stück altdeutschem Käsekuchen zufrieden, schoss noch ein Foto von der von jedem Windhauch befreiten Idylle des Hofes. Am Rand nahm ich wahr, wie verriegelt die Dorfpizzeria war (ein Schild mit der Aufschrift „GESCHLOSSEN FÜR IMMER“ hätte mich nicht aus dem Gleichgewicht gebracht) – doch erst im Nachhinein wurde mir klar, wie leicht ich hier, in Mellrichstadt, am Ende der Welt, die Zeit hätte anhalten können. Ein idealer Ort für Liebende und Verlorene. Hinter der Ortsgrenze hiess das erste Lied, das ich hörte, „Hawai“, von Neil Young, er sang es 1976, in einer Sommernacht, auf seiner kleinen Ranch nahe Malibu.

„It’s a pink moon
Hey, it’s a pink moon
It’s a pink, pink, pink, pink, pink moon.
It’s a pink, pink, pink, pink, pink moon.“

 
 

I purchased the first album when I was 14. I think it was the first LP I bought from my pocket money. I regularly listened to „das neue werk“ at NDR radio, so new sounds were something I knew and found interesting. But Kraftwerk, for me, hit a new bell: They amalgamated these esoteric avantgarde sounds and rock music. For me, this was an epiphany. (I also loved the cover grapic and the inside photo, by the way. I still do.)

 
 

Heute war ich in der Banksy Ausstellung. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich einige seiner Antithemen ansehen konnte. Marie war nicht mitgekommen, weil die App Affectiva ihr zu negative Emotionen zeigte. Sie führte das auf den gestrigen Besuch in der Lounge von radioeins zurück. Alle ihre Selfies zeigten ein frustriertes Gesicht. Zudem wären die 500g Reis plus Hähnchenspiess für ihre Vitalwerte verheerend gewesen. Ihre FitBit hätte rot angezeigt. Seltsam, dass sich Marie körperlich so vermessen lässt.

 
 
 

 
 
 

In Wirklichkeit heißt Bartos also Karlheinz. Zu Herrn Karl wurde er erst, als es darum ging,  seinen Namen für die Kraftwerk-Bühne in Neonrohr zu biegen: Da ist Karl eben nur halb so teuer wie Karlheinz.

 
 
Music, maybe it sometimes needs context like blood needs oxygen.

I remember getting the train from Warsaw to Łódź last year and (as luck would have it) I’d just downloaded a cracking Jesu album onto my Moto G4 (or was it Moto G3) and as the unfamiliar landscape fed my eyes, unfamiliar music bathed my brain.

 

It was a perfect winter afternoon. And Łódź was definitely my kind of town, and the music was the right accidental choice. Łódź, a perfect city.

 

Es ist noch dunkel, pink moon, die lady liest, begeistert sich an dem, was in und unter der Struktur der Sprache liegt, sie macht Notizen, beschriftet 1 Blatt Papier und mehr, setzt sich an die Maschine, verwandelt ihr Material in Magie, montiert sie mit anderen, bereits vorhandenen Notizen, die in ihrer Wohnung in Wien in kleinen bunten Plastikkörben gesammelt sind …

 
 
Today Kraftwerk is dead like Mungo Jerry. No artistic ambitions anymore, perfect masters of earning much money with pasttime glories. This is totally okay with me. Their first two  statements are strolling through too many sideways for corporate identity issues. Being first class business guys today, they put these gems behind (they might be bothered thinking about their „old fire“). They are icons, put them on stamps!
 
 

„NO NO NO NO“ (the chorus of the other side of the coin)

 

 
 
 
In Wirklichkeit heißt der Mann also Karlheinz. Zu Herrn Karl wurde er erst, als es darum ging, seinen Namen für die Kraftwerk-Bühne in Neonrohr zu biegen: Da ist Karl eben nur halb so teuer wie Karlheinz.

Wenn das alles wäre, was man aus der soeben vorgelegten Autobiografie des Musikers Karl Bartos erfahren würde, wären 600 Seiten ein bisschen viel. Aber man erfährt doch eine ganze Menge mehr. Um falschen Erwartungen vorzubeugen, sollte man sich zunächst klarmachen, dass dies die Autobiografie Karl Bartos‘ ist, nicht die Story von Kraftwerk — die nimmt zwar den größeren Teil des Buches ein, und sie klebt, wie er selbst sagt, wie ein Schatten an ihm, aber sie ist nicht sein ganzes Leben.

Karl Bartos, geboren in Berchtesgaden, aufgewachsen in Düsseldorf, heute in Hamburg lebend, ist ausgebildeter klassischer Perkussionist, der in Schlager- und Tanzbands ebenso gespielt hat wie im Opernorchester. Zur Abschlussprüfung spielte er Gary Burtons nur scheinbar unauffällige Solokomposition „The Sunset Bell“ — aber wer das Werk mal konzentriert gehört hat, wird ungefähr einordnen können, auf welchem spielerischen Niveau er sich bewegt. Kraftwerk war denn zunächst auch nicht mehr als ein Job unter diversen, bis ihn die Kraftwerker ultimativ aufforderten, exklusiv für sie zur Verfügung zu stehen (man könne schließlich nicht gleichzeitig für Mercedes und BMW arbeiten). Dass sie ihn damit zu einem Unternehmer machten, der nur einen einzigen Kunden haben durfte, fiel ihm wohl selbst erst später auf — dann allerdings umso unangenehmer, denn klare Absprachen oder Verträge gab es nie. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten folgten auf dem Fuße.

Aber das ist ein Vorgriff. Bartos schildert zunächst mal seine Jahre mit Kraftwerk, die die Alben von Radioaktivität bis Electric Cafe umfasst. Man lernt Titel für Titel die Arbeitsweise der Gruppe kennen, die „Writing Sessions“, und seinen eigenen steigenden Anteil daran. Er war weit mehr als nur „der Drummer“. Wer Bartos‘ spätere Soloplatten kennt, kann seine Handschrift auch bei Kraftwerk ohne große Schwierigkeiten heraushören. Als Co-Autor genannt zu werden ist ihm schließlich gelungen; später sogar — was ich nicht wusste — haben ihn Ralf und Florian auch an den Plattenverkäufen beteiligt.

Man erfährt, dass das Radio-Aktivität-Album auf einer geliehenen Achtspurmaschine aufgenommen wurde und Trans Europa Express in den angesagtesten Studios der USA gemischt, die Mischung dann aber doch verworfen wurde, weil sie zu amerikanisch klang. Zu den interessantesten Teilen des Buches gehört das jahrelange Drama um das Electric Cafe-Album. Das begann schon damit, dass die EMI die Platte unabgesprochen angekündigt hatte und daraufhin überstürzt die „Tour de France“-Single veröffentlicht wurde. Dass das Album dann jahrelang nicht fertig wurde, lag daran, dass die Gruppe ihr Equipment auf digitale Technologie umstellte, was einen Umbau nicht nur des Studios bedingte, sondern — und das war der eigentliche Knackpunkt — die bis dahin praktizierte Arbeits- und Kompositionsweise unmöglich machte. Diese nämlich beruhte auf unmittelbarer Kommunikation im Studio. Durch die Digitaltechnik war plötzlich jeder der Musiker auf sich selbst bezogen, und die Band fand keinen Weg, damit umzugehen. Es stellte sich heraus, dass Musik nicht zwangsläufig dadurch besser wird, dass man das jeweils modernste Equipment verwendet. Es gibt wichtigere Faktoren, zu denen sie aber den Rückweg nicht mehr fanden.

Karl Bartos verließ die Band während der Arbeit am Mix-Album, weil er schlicht nichts mehr zu tun hatte. Bezeichnend ist das Unverständnis, das ihm dafür von Hütter und Schneider entgegenschlug. Und es spricht für ihn, dass er das Buch nie dazu nutzt, irgendwelche Schmutzwäsche zu waschen, obwohl der Frust nicht selten zwischen den Zeilen steht. Und auch viele Fans nahmen ihm seinen Weggang übel. Das zum Teil wirklich widerliche Bartos-Bashing jedenfalls, das in einigen Kraftwerk-Foren im Internet bis heute losbricht, wenn nur sein Name erwähnt wird, spricht Bände. Aber das ist nur ein Teil der Fans; die meisten wissen seinen Anteil an der Gruppe sehr wohl einzuordnen.

Nach seinem Weggang machte Bartos zunächst die unangenehme Erfahrung, dass etliche Türen, die ihm als Mitglied von Kraftwerk stets geöffnet worden waren, jetzt verschlossen blieben. Es ist interessant zu lesen, wie er sich dann doch irgendwie mit der Situation arrangierte, bis heute. Mehr erfahren hätte ich gern über seine Gastprofessur an der UdK in Berlin, aber da bleibt es bei wenigen Seiten.

Bartos ist kein professioneller Autor, dennoch liest sich das Buch gut und flüssig. Gelegentlich hätte man ihm ein besseres Lektorat gewünscht (falsch geschriebene Namen, gelegentliches Namedropping und die eine oder andere Stilblüte wären so vermeidbar gewesen), aber das ist Kleinkram. Ein kleines bisschen mehr analytische Tiefe hätte manchmal auch nicht geschadet, das Buch verbleibt doch stark auf der rein deskriptiven Ebene. Aber während die 1999 erschienene Autobiografie von Wolfgang Flür mir über weite Strecken eher „wishful thinking“ gewesen zu sein schien, liest man Bartos‘ Buch in jedem Fall mit Gewinn.

 

2017 16 Jul

Kraftwerk: 3-D The Catalogue

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Acht CDs liegen da vor einem, jede davon verpackt in einem grafisch exzellent gestalteten aufklappbaren Pappcover, und dazu noch ein 16-seitiges Gesamtbooklet.

Ob man so ein Paket braucht, kann nur jeder für sich entscheiden. Was man bekommt: sozusagen The Mix 2, diesmal aber das gesamte Repertoire von Kraftwerk von Autobahn bis Tour de France Soundtracks umfassend. Die Aufnahmen sind angeblich Live-Mitschnitte. Überprüfen lässt sich das nicht, da an keiner Stelle Publikum zu hören ist. Sicher ist lediglich, dass die CDs die Stücke so wiedergeben, wie Kraftwerk sie heute auf der Bühne präsentiert. Es ist nicht ganz unwichtig, das zu betonen, weil Hütter und seine Mitstreiter ihr Repertoire über die Jahre hinweg immer wieder variiert, neu arrangiert und umgestellt haben, und die Unterschiede sind zum Teil beträchtlich. So waren z.B. die „Autobahn“-Motorengeräusche auf dem originalen Album von 1974 synthetisch nachgestellt, was ihren eigentlichen spielerischen Charme ausmachte. Auf der „Autobahn“-Version vom Mix-Album (1991) ging dieser Charme verloren, weil man die Motorengeräusche durch gesampelte Originalklänge ersetzt hatte. Das sieht die Band inzwischen anscheinend selbst so, deswegen sind nun wieder die synthetischen Imitationen da, der Beat allerdings ist der von 1991.

Generell fällt auf, dass gegenüber den Aufnahmen aus der Mix-Ära die Rhythmik verändert wurde und sehr viele Samples aus den Originalaufnahmen integriert wurden, und in fast allen Fällen hat sich das gelohnt. Da etliche der Stücke über die Jahre hinweg kräftig eingekürzt und einige der Tracks zu Medleys zusammengefasst wurden, sind einige der CDs erstaunlich kurz geraten. Autobahn beispielsweise besteht, obwohl alle der ursprünglichen fünf Originaltitel verarbeitet wurden, nur noch aus zwei Tracks und dauert 26 Minuten. Trotzdem ergibt es Sinn, dass jedes Album wieder eine eigene CD ist, denn alle Kraftwerk-Alben waren in sich geschlossene Werke und sollten das auch bleiben.

Es lässt sich schwer sagen (weil subjektive Einschätzung), ob die neuen Fassungen „besser“ oder „schlechter“ als die Originale sind. Klanglich sind sie kristallklar und streckenweise im Bassbereich durchschlagend. Manche Tracks sind mir ein bisschen zu kirmeshaft geraten, andere erinnern an den Alleinunterhalter auf Hochzeitsfeiern, andere sind sehr gelungen. Ich für meinen Teil würde in den Fällen Autobahn, Radio-Aktivität, Trans Europa Express und Computerwelt die Originale bevorzugen, in anderen Fällen hält es sich die Waage; im Fall Tour de France Soundtracks hat die neue Version sogar deutlich gegenüber dem Originalalbum von 2003 gewonnen.

Besonders interessant ist die CD 7, die das Repertoire des Mix-Albums plus die „Planet of Visions“-Single enthält. Diese Scheibe ist nämlich in Headphone-3D abgemischt. Dass Kraftwerk live oftmals mit dem Wellenfeldsynthese-Verfahren arbeitet und dadurch ein Klangerlebnis bietet, dass das Publikum von allen Seiten mit 32 Tonkanälen einschließt, wird mit diesem Verfahren für ganz normale Kopfhörer simuliert. Das erinnert ein bisschen an Kunstkopf-Stereophonie, wie sie etwa Can oder Tangerine Dream schon in den 70er Jahren geboten haben, beruht nun allerdings auf einer elektronischen Simulation des Kunstkopfes. Das funktioniert tatsächlich, klingt im Kopfhörer sehr gut, über Lautsprecher allerdings funktioniert es nicht vernünftig (wie damals schon Kunstkopfaufnahmen).

Die ersten drei Alben sind nicht dabei; Ralf Hütter hat irgendwann mal entschieden, dass er sie nicht zum gültigen Repertoire rechnen möchte. (Wie ich aus gewöhnlich gut informierten Kreisen höre, sind die ersten drei Alben bereits remastert und sollen als 2-CD-Box mit viel grafischem Material veröffentlicht werden, aber keiner weiß, wann. Und ob überhaupt.) Über diese Entscheidung kann man streiten. Ich finde ja, dass Autobahn noch deutlich dichter an Ralf & Florian anknüpft als an, sagen wir: Trans Europa Express, aber Hütter hat das so entschieden. Er hat sich offenkundig in die 12345678-Idee verliebt, und da er uns nichts schuldig ist, kann man das nur akzeptieren oder nicht. Deswegen übrigens glaube ich an kein neues Kraftwerk-Album mehr; eine 9 würde nicht mehr ins Konzept passen. Satt dessen hat sich Hütter für eine Art Never-ending-Tournee entschieden und uns davon jetzt eine Ansichtskarte geschickt — auch nicht schlecht. Immerhin jedenfalls sind die Konzerte innerhalb von Minuten ausverkauft, und die Besucher sind durchweg begeistert, also macht er offenbar irgendetwas richtig.

Es ist noch darauf hinzuweisen, dass es dieses Paket auch auf Vinyl gibt. Außerdem gibt es das Gesamtpaket als 3D-Blue-Ray mit entsprechendem Sound, und alle, die das Ding in meinem Umfeld bisher gehört bzw. gesehen haben, sind begeistert. Ich kann dazu mangels Anlage nichts sagen.


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