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Archives: Keith Jarrett

Keith Jarrett lernte ich durch Jesus kennen. Und das, obwohl ich schon lang nicht mehr in die Kirche ging. Er brachte die dunkelgrüne Kiste „Concerts Bremen / Lausanne“ in die Schule mit. Jesus hatte eine sehr schöne kleine Freundin, die ich aus der Ferne bewunderte. Gegen den Archetyp dieses in sich ruhenden Hippies mit dem wallenden Haar wäre ich damals als eher nervöser Romantiker nicht angekommen. Aber er brachte uns die Musik – und da begann vieles! Lang ist es her. The times they are a’changin‘.

Ich hätte nie gedacht, das mich noch jemals ein Keith Jarrett-Trio aus den Schuhen hauen könnte, aber hier geschieht es – natürlich keine der arrivierten, ihren Dringlichkeitswert lang ausgereizten Standards-Erkundungen des ewigen Trios mit Peacock und DeJohnette, die in der Unsumme ihrer Veröffentlichungen vielleicht fünf essentielle Alben rausgehauen haben: Standards, Vol. 1, Standards, Vol. 2, Changes, Changeless (das fünfte will mir gerade nicht einfallen). Wie man auf die Idee kommen kann, als Künstler kaum noch die Tin Pan Alley (und andere museale Zonen) zu verlassen, und ein  halbes Leben der perfekten Version von Body and Soul hinterherzujagen, will mir genau so wenig in den Kopf, wie Alt-Hippies, die sich standhaft weigern, aus dem Hotel California auszuchecken und Radiohead für ein Ratequiz der BBC halten.

Aber hier, im Juli 1972, im Hamburger Jazzworkshop, mit Michael Naura im Hintergrund, reissen Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian ein Feuerwerk ab, in dem die Musik spürbar auf Entdeckungsreise ist. Kleinste Motive des noch in der Zukunft lauernden „Köln Concert“ materialisieren sich für Momente. Entstanden nach dem Soloklassiker „Facing You“, und vor der Gründung des „American Quartet“ (mit Dewey Redman und einem frühen Statement wie „Fort Yawuh“), durchdringen sich kollektive Improvisationen, Solotänze auf den Tasten, Hadens elementares  Melodiegespür und Motians Farbenspiele und Pulsierungen: Jarretts Lustschreie und Seitensprünge mit dem Saxofon (schräg und wundersam), Hadens ergreifender „Song For Che“, den sich später auch Robert Wyatt vornahm. Ach, es ist ein Fest. Als Bootleg kursierte es schon lang, so gut klang es noch nie, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug haben in Oslo das Bestmögliche rausgeholt.

Auf einem Schnappschuss während dieser kleinen Hamburger Sternstunde lächelt Keith Jarrett einmal wie ein grosser Junge. Er spürt, man ist aufregenden Dingen auf der Spur ist – die Zeit der Selbstinzenierung, der „Bayreuthisierung“ seiner Kunst und unnötigen Publkumsbelehrungen scheint weit entfernt: schade, daß Jahre des Aufbruchs so oft ihre eigene Restauration nach sich ziehen. Die „Hall of Fame“ ist ein totlangweiliger Laden der Fremd- und Selbstbeweihräucherungen. Ruhm ist eine Falle, die leicht satt macht. Hier in Hamburg springt einen der Lebenshunger aus jedem Ton an. Es war einmal. Weil das alles sowas von vorbei ist, Haden und Motian nicht mehr unter uns weilen, musste das Cover geradezu in schlichtem Schwarz daherkommen. Das war dem Zeitensprung geschuldet, schlicht ist hier nämlich gar nichts, nicht mal die einfachste folkloristische Melodie.

 
 
 

 

Ich fuhr mit einem Studienkumpel nach Hamburg, die Siebziger Jahre zeigten sich von ihrer besten Seite, ECM veröffentlichte reihenweise Meilensteine, und als wir die Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hinter uns hatten, hörte ich das beste Jazzprogramm, das es in der alten Bundesrepublik je gab. Michael Naura hatte Narrenfreiheit, holte alle möglichen Stars zum NDR, der Jazz boomte, ich war verliebt in Katrin E., und hatte vor, ihr Herz und ihren Körper zu erobern. Immerhin hatte ich die Einladung ins elterliche Herrenhaus “An der Glinder Au” in der Tasche.

Ich war noch ein Teenager, und hatte Katrin auf einer Nordseeinsel kennengelernt, wir spielten in den Dünen, verschlangen ganze Backbleche Pflaumenkuchen, ohne ein Pfund anzusetzen, und jeden Tag hörte ich grandiose Jazzmusik im NDR: der junge Jan Garbarek, Art Lande, Chris Hinze, Gary Burton, Bill Connors, Volker Kriegel, Dave Liebman, Chick Corea. Und plötzlich, die Tore Hamburgs waren noch ein Stück entfernt, verkündete Michael Naura im Autoradio, dass der “Meister” just an diesem vorweihnachtlichen Abend im Congresszentrum der Hansestadt auftrete. Solo. Ahh! Als ich dann in 2 Hamburg 74 oder 14 eintraf, der Nachmittagstee aufgetischt wurde, machte ich den Vorschlag, die ganze Bande, Katrin, ihr Bruder, die Clique, solle heute Abend aufbrechen, um den Magier am Klavier zu erleben. Die Reaktion war reserviert. Hanseatisch unterkühlt. Stattdessen nahm das Grauen seinen Lauf.

Ich war einfach zu verknallt sonst wäre mir das nicht passiert. Mit der angehimmelten Katrin und den anderen trottete ich in eine Old Jazz-Kneipe namens Rempter oder so, wo trister Stimmungsdixie gespielt wurde, und sich eine biergetränkte Fröhlichkeit breitmachte. Die Nacht durfte ich im Zimmer des Bruders verbringen, der den Aufpasser spielte. Am nächsten Morgen, mit dem Katrin- und Jarrett-Blues in den Knochen, stellte ich mich noch überaus ungeschickt an beim Köpfen des Frühstückseis.

In dieser Story war die Vorfreude alles: wie ich in meiner Studentenbude, Wochen zuvor, Gato Barbieri hörte, das erste Kapitel seiner grandiosen Latin-Jazz-Platten (auf Impulse), und auch Fort Yawuh vom Keith Jarrett Quartet. „Facing You“, Jarretts 5-Sterne-Soloalbum kreiste unentwegt. Ich träumte von Katrin, und wie immer, wenn das Verliebtsein sich in mir ausbreitete, fuhr mir wiederholt ein Schmerz in die Fingerknöchel, ein Stechen, ein Ziehen. Ein paar Jahre später bedauerte ich noch, dieses Konzert verpasst zu haben. Und in den Neunziger Jahren arbeitete ich zehn Jahre mit dem grossartigen Jazz-Macho Michael Naura zusammen. Manchmal spielte er in seinem Büro Evergreens auf dem Klavier, und, als er einmal einen Jarrett-Akkord erwischte, fiel mir kurz jener Abend ein, in weihnachtlich geschmückten Einkaufsstrassen – und mein melancholischer Dixieland-Abend mit der schönen Kattrin.

Ich fuhr mit einem Studienkumpel nach Hamburg, die Siebziger Jahre zeigten sich von ihrer besten Seite, ECM veröffentlichte reihenweise Meilensteine, und als wir die Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hinter uns hatten, hörte ich das beste Jazzprogramm, das es in der alten Bundesrepublik je gab. Michael Naura hatte Narrenfreiheit, holte alle möglichen Stars zum NDR, der Jazz boomte, ich war verliebt in Katrin E., und hatte vor, ihr Herz und ihren Körper zu erobern. Immerhin hatte ich die Einladung ins elterliche Herrenhaus „An der Glinder Au“ in der Tasche. Ich war noch ein Teenager, und hatte Katrin auf einer Nordseeinsel kennengelernt, wir spielten in den Dünen, verschlangen ganze Backbleche Pflaumenkuchen, ohne ein Pfund anzusetzen, und jeden Tag hörte ich grandiose Jazzmusik auf NDR 2: der junge Jan Garbarek, Art Lande, Chris Hinze, Gary Burton, Bill Connors, Volker Kriegel, Dave Liebman, Chick Corea. Und plötzlich, die Tore Hamburgs waren noch ein Stück entfernt, verkündete Michael Naura im Autoradio, dass der „Meister“ just an diesem vorweihnachtlichen Abend im Congresszentrum der Hansestadt auftrete. Solo. Ahh! Als ich dann in 2 Hamburg 74 eintraf, der Nachmittagstee aufgetischt wurde, machte ich den Vorschlag, die ganze Bande, Katrin, ihr Bruder, die Clique, solle heute Abend aufbrechen, um den Magier am Klavier zu erleben. Die Reaktion war reserviert. Hanseatisch unterkühlt. Stattdessen nahm das Grauen seinen Lauf. Ich war damals noch etwas schüchtern, sonst wäre mir das nicht passiert. Mit der angehimmelten Katrin und den anderen trottete ich in eine Old Jazz-Kneipe namens Rempter oder so, wo doofer Stimmungsdixie gespielt wurde, und sich eine biergetränkte Fröhlichkeit breitmachte. Die Nacht durfte ich im Zimmer des Bruders verbringen, der den Aufpasser spielte. Am nächsten Morgen, mit dem Katrin- und Jarrett-Blues in den Knochen, stellte ich mich noch überaus ungeschickt an beim Köpfen des Frühstückseis. In dieser Story war die Vorfreude alles: wie ich in meiner Studentenbude, Wochen zuvor, Gato Barbieri hörte, das erste Kapitel seiner grandiosen Latin-Jazz-Platten (auf Impulse), und auch Fort Yawuh vom Keith Jarrett Quartet. Ich träumte von Katrin, und wie immer, wenn das Verliebtsein sich in mir ausbreitete, fuhr mir wiederholt ein Schmerz in die Fingerknöchel, ein Stechen, ein Ziehen. Ein paar Jahre später war ich nicht mehr schüchtern. Gut so. Und in den Neunziger Jahren arbeitete ich zehn Jahre mit dem grossartigen Jazz-Macho Michael Naura zusammen. Manchmal spielte er in seinem Büro Evergreens auf dem Klavier, und, als er einmal einen Jarrett-Akkord erwischte, fiel mir kurz jener Abend ein, in weihnachtlich geschmückten Einkaufsstrassen – und die unerträglichste Dixieland-Kapelle aller Zeiten!

 

 
 
 
Es gab natürlich eine Menge mehr Musik(er) zu sehen als die, die bisher im Blick- und Hörfeld waren. Bekanntes, Grosses, Populäres, Neues. Charles Lloyd spielte, Manu Katché, Tim Berne Snakeoil, Marcus Miller, Bryan Ferry, John Legend, Kendrick Lamar, Take Five, Susanne Sundfør. Für alle was, gut dosiert. Hier noch der Blick auf weitere Konzerte:
 
Jason Moran’s In My Mind
PNLU – Paul Nilssen-Love Large Unit
Maria Kannegaard Ensemble
European Sunrise – Take 5 Europe
Trondheim Jazzorkester
Trondheim Voices
Obara International Quartet
Bushman’s Revenge
Phronesis
Splashgirl
Hedvig Mollestad Trio
Anja Eline Skybakmoen
Angelika Niescier Trio
 
Norweger und Skandinavier in all diesen Gruppen. Einzige Ausnahme: das Trio von Niescier. So war es aber wohl von Anfang an auf diesem zweitältesten der europäischen Jazzfestivals. Vor fünfzig Jahren also.
 
Blick zurück

Die Besetzungslisten aus der Anfangszeit sprechen eine deutliche Sprache. Es wurde an verschiedenen Tagen in verschiedenen Besetzungen gespielt. Die Musiker wohnten in der Zeit zum Teil bei Einheimischen zuhause und man konnte auf der Strasse dann eben Dexter Gordon oder Jaki Byard begegnen. Letzteres änderte sich zwar im Laufe der Jahre, aber es herrscht immer noch eine ziemlich offene Atmosphäre dort.
1963 (Kino): Dexter Gordon, tenorsaksofon, Einar Iversen, piano, Erik Amundsen, bass, Jon Christensen, trommer. Christensen, der damals gerade 20 Jahre alt war, spielte in so gut wie allen auftretenden Gruppen! Jams fanden im Alexandra statt.
 
 
 

 
 
 
Eine der Jams im Jahr drauf, 1964: Jimmy Witherspoon, Big Chief Jazz Band, Jan Garbarek, Ditlef Eckhoff, Sture Janson, Tete Montoliu, Alex Riel. Garbarek war damals mal gerade 17 Jahre alt! HIER ein Video von Dexter Gordons Auftreten auf dem Molde Jazzfestival von 1964.

1964 war das Jahr, in dem Eric Dolphy in Hilversum seine letzte Plattenaufnahme mit Misha Mengelberg, Han Bennink und Jacques Schols machte. Dexter Gordon machte im selben Jahr seine Aufwartung in Holland mit einer französisch-schweizerischen Begleitgruppe bestehend aus Pianist George Gruntz, Bassist Guy Pedersen und Schlagzeuger Daniel Humair.

1965 rückte Garbarek noch mehr mit einer Gruppe ins Rampenlicht: Jan Garbarek, tenorsaksofon, Aage Venas, trumpet, Kenny Drew, piano, Niels-Henning Ørsted Pedersen, bass, Alex Riel, trimmer. Riel war zu dem Zeitpunkt 25 und Ørsted Pedersen 19. 1965 begegneten sich Garbarek und George Russell in Molde zum ersten Mal, was nicht folgenlos blieb.

1966 erlebte dann den Auftritt eines gerade gegründeten, legendären Quartetts: Charles Lloyd, tenorsaksofon /fløyte, Keith Jarrett, piano, Cecil McBee, bass, Jack DeJohnette, trimmer. Bei einem der Jams im Alexandra: Wayne Shorter, Lasse Sjösten, Roman Dylag, Rune Carlsson, Jan Garbarek, Terje Bjørklund, Per Løberg, Jon Christensen, Svein Thorsø, Stein Dyrkorn, Torbjørn Farstad, Gunnar Bergström. Oder ein paar Tage später: Stuff Smith, Charles Lloyd, Don Byas.
 
 
 

 
 
 
In diesem Jahr trat bereits ein erstes Jan Garbarek Quartett auf: Jan Garbarek, tenorsaksofon, Terje Bjørklund, piano, Per Løberg, bass, Jon Christensen, trommer. Garbarek war gerade mal 19. Das Eröffnungskonzert in dem Jahre: Wayne Shorter. Und die Besetzung: Wayne Shorter, tenorsaksofon Lasse Sjösten, piano, Roman Dylag, bass, Rune Carlsson, trommer.
 
Dieses Jahr

Aber zurück zur jüngsten Vergangenheit. In Jason Morans In My Mind spielte Morans Bandwagon dieses Programm in Erinnerung an Monks berühmtes Townhall-Konzert von 1959 zusammen mit norwegischen Musikern: Kåre Nymark (Trompete), Kristoffer Kompen (Posaune), Daniel Herskedal (Tuba), Atle Nymo (Saxophon), Frode Nymo (Altsax) und David Demedolg als Videograph. Hohes Niveau und alles noch relativ unbekannte, aber äusserst kompetente und selbstbewusste Musiker. Ausser Tubaist Daniel Herskedal, der sich bereits international einen Namen gemacht hat.

Das Trondheim Jazzorkester hat sich in den letzten Jahren auch international erheblich profiliert und ist inzwischen eine feste europäische Grösse. Es spielte diesmal nicht mit Grössen wie Joshua Redman oder Chick Corea, sondern realisierte ein Auftragswerk des norwegischen Wunderduos Albatrosh (Pianist Eyolf Dale und Saxphonist André Roligheten). Ein gross angelegtes Werk, feinste Sahne kompositorisch und von der Ausführung. Vielleicht etwas zu viel vom Hochfeinen.
 
 
 

 
 
 
Der vokalen Abteilung, den Trondheim Voices, fiel dieses Jahr die Realisierung des traditionellen Frühkonzertes am Samstagmorgen um 7:00 im Reknespark zu. Vor voll besetzter Tribune nutzten die acht Sängerinnen (Live Maria Roggen, Siri Gjære,
Torunn Sævik, Sissel Vera Pettersen, Tone Åse, Heidi Skjerve, Kirsti Huke, Ingrid Lode) nicht nur die Bühne, sondern vor allem auch den Parkraum drumherum phantasiereich mit allen möglichen Accessoires/Instrumenten für ihre Love Letters.

Von den übrigen passen ein paar in die Rockschiene (Bushman’s Revenge, das bereits sein zehnjähriges Bestehen feiern konnte, und das preisgekrönte Trio der messerscharfen Gitarristin Hedvig Mollestad), die Ambientschiene (Splashgirl) und die Popschiene (Anja Eline Skybakmoen Band). Alles in ihrer Art hervorragende Auftritte! Und dann bleibt noch eine Menge Nichtgesehenes: Lemaitre, Karpe Diem, Lidolido, Beady Belle, Lars Vaular&Kjetil Møster, ESP aus Molde selbst.

Phronesis, ein Däne, ein Schwede und ein Britte, ist die Rhythmusgruppe von Norwegens jüngstem Powersaxophonisten Marius Neset. Als eigenständiges Pianotrio kocht es ebenfalls hochdruckmäβig hoch und lässt es kein Gras drüber wachsen. Es setzt in seiner Klasse zweifellos neue Spielstandards. Dicht, schnell, farbenreich. Pianist Neame und Bassist Høiby bilden übrigns auch noch den Kern des bekannten britischen Kairos 4tet.

Paal Nilssen-Love spielt unablässig, intensiv, einfallsreich, mit enormer Dringlichkeit und Unnachgiebigkeit. Wie würde er bei dieser Large Unit die Möglichkeiten von elf Topmusikern nutzen? Eine Truppe mit zwei Schlagzeugern, zwei Bassisten, einem Gitarristen und dem Rest Bläser plus noch Brachialelektroniker Lasse Marhaug. Auch er hatte -genauso wie Stian Westerhus die Möglichkeit, sich im tiefen Wald von Sjøbygda vorzubereiten.
 
 
 

 
 
 
Hier wurde natürlich nicht ziseliert oder geschwadet. Es hatte die übliche geballte Energie , die aber mit grösster Klarheit einherging. They really nailed it, eine neue, ganz eigene Qualität in diesem Bereich! Einschliesslich der Rollenverteilung zwischen den beiden Schlagzeugern. Eine Gruppe mit Musik, die wir brauchen!
 
 
 

 
 
 
Vielleicht die grösste Überraschung: das Ensemble der Pianistin Maria Kannegaard mit einer Traumbesetzung: Ståle Storløkken (Synthesizer), Ola Kvernberg (Violine), Per Jørgensen (Trompete), Ole Morten Vågan (bass) und Thomas Strønen (Schlagzeug). Zu Beginn liess sich bei den repetitiven Figuren noch kaum erahnen, welche Brenn- und Schubkraft diese entwickeln würden. Mit enormer melodischer Energie geladen, die nach und nach frei kam, sich in Bahnen ergoss und immer wieder auf den Siedepunkt zustrebte. Intensiv, einzigartig. Melodic orbits, melodic outbursts. In aufgenommener Form gibt es sie noch nicht, diese bemerkenswerte Musik.

Dann Take Five Europe unter dem Nenner European Sunrise. Es ist schon aussergewöhnlich, wie diese Truppe in Molde spielte. Take Five Europe ist ein von der EU finanziertes einjähriges Coachingsprogramm (geschäftlich und künstlerisch) für bereits avancierte junge Musiker, an der Festivals und Musiker aus fünf eropäischen Ländern beteiligt sind (Grossbritannien (federführend), Frankeich, Niederlande, Norwegen, Polen). In jedem Land werden zwei Musiker ausgewählt und so entsteht jedes
 
 
 

 
 
 
Mal eine bunt zusammengewürfelte europäische Truppe: pianist Marsin Masecki, die Klarinettisten Arun Gosh und David Kweksilber, die Trompetterin Airelle Besson, der bereits eher erwähnte Tubaist Daniel Herskedal, der Gitarrist Chris Sharkey, Schlagzeuger Marcos Baggiani, Bassist Per Zanussi, Trompeter Pjotr Damasiewicz und Saxophonist Guillaume Perret. In diesem Jahr funktionierten Wille, Chemie und Gelingen aussergewöhnlich gut. Ich hatte die Gruppe bei ihrem ersten Auftritt im April beim Banlieue Bleue Festival im Pariser Le Dynamo spielen sehen und das war bereits beeindruckend.

Hier in Molde hatte die Gruppe eine Qualität erreicht, die für zusammengewürfelte Ensembles eher selten ist. Die Mitglieder gaben einander Raum und verstärkten sich wie selbstverständlich in ihren Könnensgebieten und kreieten eine derartig originelle Musik wie man sie gerne mehr hören möchte! Das Ganze mit Nino Rota und Frederico Fellini als heimlichen Gästen. Fazit: terrific musical waves these eight musicians evoked. Lively, present, enjoyable. If Europe works like this, we don’t have to worry!
 
 
 

 
 
 
Ein regelrechter Shock war dann das Konzert von Obara International, ein Quartett, das aus 3 Teilnehmern des letztjährigen Take Five Europe besteht: dem polnischen Altsaxofonisten Maicej Obara, dem norwegischen Bassisten Ole Morten Vågan und dem norwegischen Schlagzeuger Gard Nilssen plus dem polnischen Pianisten Dominik Wania. Alles, was man davon erwarten konnte, wurde übertroffen. Vor allem das Energieniveau, die Bewegungskraft und der Spielfluss waren nicht von schlechten Eltern. Zu hören auch auf dem ersten Album der Gruppe mit sechs langen live-Stücken von Komeda – auch ein deutliches Commitment (Obara International – Komeda (Fortune)).
 

alle Photos © FoBo–Henning Bolte, ausser Dexter Gordon, Jan Garbarek Group

2013 21 Juni

Das ewige Trio

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Seit nunmehr dreissig Jahren besteht das Keith Jarrett Trio (mit Gary Peacock am Bass, und Jack DeJohnette am Schlagzeug), das mit einigen Veröffentlichungen (Standards, Vol. 1 and 2, Changes, Changeless) Meilensteine des Piano-Trio-Jazz geschaffen hat. Aber mittlerweile ist diese, von wohltuenden Ausflügen in den Freien Jazz unterbrochene, permanente Abarbeitung amerikanischer Jazzstandards ein, gelinde gesagt, zweischneidiges Schwert: denn in eine hochgradige Kunstfertigkeit mischt sich mit den Jahren unüberhörbare Routine. „Somewhere“ heisst das neue Album. Und es ist keine Offenbarung. Wenngleich Jarrett wohl nach wie vor (irgendwo muss der Antrieb ja herkommen) von der ultimativen Fassung von (zum Beispiel) Body and Soul träumt, ist dieses langwährende Projekt, allen historischen Meriten zum Trotz, gründlichst, fast schon obsessiv, dokumentiert. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht weiterhin erfreuen kann (mich erfreut es nicht mehr!), an der Art wie, einmal mehr, Miles Davis‘ Solar neu erkundet wird, und es ist immer noch faszinierend, wie ein Standard – in diesem Fall Leonard Bernsteins „Somewhere“ – in einen dieser typisch Jarrett’schen Trancetänze mutiert, die man schon aus seiner Frühzeit im Charles Lloyd Quartett kennt. Irgendwie beschleicht einen dennoch das Gefühl, in einer Zeitschleife gefangen zu sein. Auch die Exstase kennt Rituale, und auch die wildesten Ausflüge folgen zuweilen einer vertrauten Route. Ach, wie unerhört wäre es, Jarrett würde seine auch schon ewig währende Abneigung gegen elektrifizierte Instrumente überwinden, und etwas so Tollkühnes wie ein Fender-Rodes-Piano-Soloalbum in Angriff nehmen!

2013 27 Apr.

Somewhere, Changes

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1  Deep Space / Solar
2  Stars Fell On Alabama
3  Between The Devil And The Deep Blue Sea
4  Somewhere / Everywhere
5  Tonight
6  I Thought About You

 

Das ist die Tracklist. Ein Ratespiel für Jazzliebhaber. Wenn dieses Trio ein neues Album rausbringt, bin ich, nach so vielen Jahren, in erster Linie gespannt auf die nicht auf Standards basierenden Stücke. „Changes“ von 1984 ist mein Lieblingsalbum der Gruppe (s. Cover). Bei dieser Tracklist hier wecken Track 1 und Track 4 diese Hoffnung. Oder ist „Somewhere / Everywhere“ ein „alter Hut“ aus der Tin Pan Alley? Der Schriftsteller Geoff Dyer, u.a. Verfasser eines spannenden Buchs über Jazz, erzählte mir mal, dass es ihm genauso ginge, besonders die hypnotischen Grooves des Trios haben es ihm angetan, an den fünf Abenden im New Yorker „Blue Note“-Club haben sie neben allen möglichen Evergreens auch dieses Groovemonster gespielt! Brad Mehldau sagte mal, er könne das gar nicht, so, wie Jarrett, mit extrem wenigen Noten eine Spannung über dermassen lange Zeiträume aufrecht halten. Da fällt mir auch das Titelstück der CD „The Out-of-Towners“ ein: überragend! Aber selten nur noch will ich mich einlassen auf die Suche nach der ultimativen Fassung von „Body and Soul“. Da verschaffen mir Jarretts Meilensteine aus den 70er Jahren weitaus mehr Freude. Am 24. Mai erscheint die CD SOMEWHERE von Keith Jarrett, JackDeJohnette und Gary Peacock.

While the dramatic opening to ‘Hymns’ is conventionally beautiful and ecclesiastical-sounding, Jarrett soon pulls out all the stops (well, half of them anyway) to create a beguiling soundscape that seems poised somewhere between Messiaen and Tangerine Dream. – Phil Johnson, Independent On Sunday

Utilising pitches and notes discovered outside of the tempered scale gives the music a heightened sense of drama and tension that is wonderfully released by Jarrett’s use of dynamics, showing as much control as he would over his more familiar instrument of choice. At the time of the original LP release critics made much of the comparisons with the music of Ligeti and Messiaen, but to these ears Jarrett approaches his music as if he too has the right to create organ music on his own terms. And this he does, with many of his familiar traits at the piano not being replicated on the larger keyboard, but being modified at the time of performance to produce music that is both dignified and absorbing. – Nick Lea, Jazz Views

2012 27 Nov.

Der Weckruf eines Schläfers

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Kairos kam, der günstige Augenblick, und mit ihm eine Hörerfahrung. Man hatte da vorweg mal etwas schläfrig reingehört, doch bedurfte es schon dieses gewissen Moments. Nun öffnete sich diese Musik für ein unverfügbares Wahrheitsereignis. Jene Aufnahme eines Tokiokonzerts, das von Ecm spät und frisch getaufte Sleeper, klingt hochaktuell und zeugt von einer Ära, in der noch nicht gesamplet wurde und gesurft, stattdessen die Musik Raum gab für Transzendenz, Ergriffenheit und virtuelle Fluchten – ohne die reflektive Kühle und Abstandnahme postmoderner Zeiten, in denen man dank Google, Twitter, Spotify ja sowieso schon alles kennt. Das Keith Jarrett Quartett begab sich Anfang der Achtziger Jahre auf die Entdeckungsreise eines anderen Modern-Jazz: Grenzüberschreitung, Neuland, Spielfreude. Christopher Columbus nebst einigen Schamanen mögen Pate gestanden haben. Wie seine Begeisterung mit Worten andeuten? Ist doch der Fingerzeig zum Mond nie dem Erdtrabanten gleich. Nüchtern, nicht euphorisch, antizipiert man dieses fiebrig intensive, teils von afrikanischen Rhythmen durchsetzte Konzert-Klangwunder, das vor Formkraft, Einfühlungsvermögen und Virtuosität nur so strotzt. Es ist eine Huldigung, die keinen Schöpfer preist und keine Schöpferin, vielmehr im taoistischen Sinn religiös ist, als Hingabe und Wegbeschreitung.

Morgen erscheint SLEEPER, ein Konzert des „Belonging“-Quartetts von Keith Jarrett, mit Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen. Der Titel des Albums bezieht sich darauf, dass dieses Konzert über drei Jahrzehnte in den Archiven ruhte. Live-Aufnahmen dieses viel zu kurzlebigen Quartetts gibt es schon, NUDE ANTS, ein Doppelalbum, das seinerzeit im Village Vanguard aufgezeichnet wurde, und PERSONAL MOUNTAINS, das ebenfalls auf der 1979er Japan-Tour entstanden ist. Keine neuen Kompositionen enthält SLEEPER, und ob diese Veröffentlichung nun als enorm wichtig anzusehen ist, wage ich nicht zu behaupten, ohne die anderen Platten gegenzuhören. Mir scheint die neue Abmischung, die Jan Erik Komgshaug und Manfred Eicher in Oslo bewerkstelligt haben, allerdings deutlich transparenter zu sein als die von PERSONAL MOUNTAINS, wenn mir meine Erinnerung hier keinen Streich spielt. Warum ich trotzdem diese Aufnahme voller Vorfreude in meinen CD-Player legte, liegt daran, dass es schlicht ein weiteres Dokument des künstlerisch kreativsten Jahrzehnts von Jarrett und Garbarek ist: die Musik ist wilder und freier als die beiden Studioaufnahmen BELONGING (nach wie vor ein Meilenstein der Jazzgeschichte) und MY SONG (ein ebenfalls großes Album). Und liebend gerne tauche ich ein in die Klangströme der Kompositionen „Oasis“ und „Chant Of The Soil“, die mich schlicht mitreissen in ihrem Spiel- und Ideenfluss.


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