Manafonistas

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2012 27 Nov

Der Weckruf eines Schläfers

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags:  | Comments off

 
 

 
 
 

Kairos kam, der günstige Augenblick, und mit ihm eine Hörerfahrung. Man hatte da vorweg mal etwas schläfrig reingehört, doch bedurfte es schon dieses gewissen Moments. Nun öffnete sich diese Musik für ein unverfügbares Wahrheitsereignis. Jene Aufnahme eines Tokiokonzerts, das von Ecm spät und frisch getaufte Sleeper, klingt hochaktuell und zeugt von einer Ära, in der noch nicht gesamplet wurde und gesurft, stattdessen die Musik Raum gab für Transzendenz, Ergriffenheit und virtuelle Fluchten – ohne die reflektive Kühle und Abstandnahme postmoderner Zeiten, in denen man dank Google, Twitter, Spotify ja sowieso schon alles kennt. Das Keith Jarrett Quartett begab sich Anfang der Achtziger Jahre auf die Entdeckungsreise eines anderen Modern-Jazz: Grenzüberschreitung, Neuland, Spielfreude. Christopher Columbus nebst einigen Schamanen mögen Pate gestanden haben. Wie seine Begeisterung mit Worten andeuten? Ist doch der Fingerzeig zum Mond nie dem Erdtrabanten gleich. Nüchtern, nicht euphorisch, antizipiert man dieses fiebrig intensive, teils von afrikanischen Rhythmen durchsetzte Konzert-Klangwunder, das vor Formkraft, Einfühlungsvermögen und Virtuosität nur so strotzt. Es ist eine Huldigung, die keinen Schöpfer preist und keine Schöpferin, vielmehr im taoistischen Sinn religiös ist, als Hingabe und Wegbeschreitung.

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