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Archiv: David Byrne

2018 28 Nov

True Stories, A Film By David Byrne: The Complete Soundtrack

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Es war einmal ein Film: True Stories von 1986, gedreht unter der Regie von Talking-Heads-Mastermind David Byrne. Der präsentiert uns eine skurrile Rundfahrt durch Smalltown America am Beispiel des imaginären Städtchens Virgil, Texas — seine Mall, seine Bewohner, ihre Macken, ihre Unterhaltungsvorlieben.

Ich habe den Film seinerzeit auf Tele 5 in einer deutsch synchronisierten Fassung gesehen und fand ihn witzlos. Allerdings gab es dazu auch die Filmmusik, gespielt von den Talking Heads, und dieses Album gehörte mit seiner merkwürdigen Melodien- und gelegentlichen Walzerseligkeit schon bald zu meinen Heads-Favoriten. Ich mag die Scheibe noch immer.
 
 
 

 
 
 
Vor einem halben Jahr habe ich den Film zufällig als Netflix-DVD entdeckt und ihn erstmalig in der unsynchronisierten Originalfassung gesehen. Erst da ist mir bewusst geworden, wie verdammt gut dieser Film eigentlich war, wie scharf Byrne beobachtet, ohne jemals böse oder zynisch zu sein (das wäre leicht), was für eine melancholisch-absurde Komik dieser Film stellenweise besitzt, und wie wunderbar die Videoclips in den Film passen, die sich Jonathan Demme mit seinem Kunstköpfchen zur Talking-Heads-Musik hat einfallen lassen.

Und jetzt gibt es den ganzen Soundtrack des Films.
 
 
 

 
 
 
Und erst jetzt ist mir so ganz klargeworden, wie gut zum Teil diese Filmmusik war, nicht zuletzt auch die Originale, die nicht von der Stimme Byrnes geprägt sind. Erstaunliche Überraschungen kann man da erleben — z.B., dass im Titeltrack keine Geringere als Meredith Monk mitgewirkt hat (die 1986 ebenso wie David Byrne offenkundig ihren Philip Glass zum Frühstück genossen hatte), oder das Kronos Quartet in der „Dinner Music“. Abenteuerlich die „Mall Music“, gespielt von einem Carl Finch auf einem Hobbykeyboard (dem Sound nach wohl ein Yamaha-Gerät). Ein Titel wie „Wild Wild Life“, gespielt auf einer Pedal Steel Guitar, gewinnt eine völlig neue Dimension, und auch der „Dream Operator“, gespielt auf Gläsern, entwickelt einen unwiderstehlichen Charme.

Dazu kommen einige Talking-Heads-Songs in deren unveränderter Originalfassung, eine Reihe von Songs, die von anderen Originalinterpreten dargeboten werden und bislang auf keiner Platte zu finden waren. Sehr hörenswert zum Teil auch die Talking-Heads-Songs, die auf diesem Album mit den Interpreten zu hören sind, die im Film singen.

Was soll man sagen? Ein verblüffend gutes, hoch unterhaltsames Scheibchen. Hätte ich nicht erwartet.

 

 
 
 

David Byrne ist nicht nur ein begnadeter Musiker und ein kreativer Kopf, sondern auch ein leidenschaftlicher Radfahrer, der sich für fahrradfreundliche Städte engagiert – zudem einer, der das Handwerk des Schreibens beherrscht. Dies zeigt sich nicht nur in seinen poetischen, teils subversiven, Songtexten. Sein Buch Bicycle Diaries, das im November auch in deutscher Übersetzung erscheint, lese ich gerade mit Vergnügen und Erstaunen. Byrne erzählt, analysiert, recherchiert, strukturiert und philosophiert da, als wären auch die Geisteswissenschaften sein Metier. Unter anderem beschreibt er, was alle Radler wohl schon erfahren haben: Radfahren, egal ob man es sportlich betreibt oder gemütlich – die Landschaft erkundend, mit kontemplativen Pausen zwischendurch – ist generell eine ideale Möglichkeit, den Horizont zu erweitern; sich leibphilosophisch-phänomenologisch gesprochen „auszuweiten“ (Hermann Schmitz); sich auf eine gelenkschonende Weise fit zu halten; bei Besorgungen, das Auto stehen lassend, die Umwelt zu schonen; alles in allem Stress abzubauen.

 
 

Peter Sloterdijk habe ich stets bewundert ob seiner Fabulierkunst (sic!) – in einem wähnte ich mich ihm voraus: denn ich war einst topfitter Radsportler. Einen ganzen Sommer lang dann ließ ich das Sportgerät im Keller, fühlte mich schlapp. Da las ich ein Interview mit Sloterdijk im Spiegel, es ging um Profisport und Doping (die Tour de France lief gerade) und der Befragte erwähnte nebenbei, dass auch er seit Jahren ausgiebig diesen Sport betreibe, im Sommer mehrere Tausend Kilometer zurücklege und mit einem Trainer in Begleitung selbst den Mount Ventoux emporgeradelt sei. Ich war verdutzt: sitze in meiner Stube, mehr als zehn Jahre jünger als der Philosoph, vermutlich mehr als zehn Kilo leichter und Sloterdijk fährt mir nicht nur geistig davon. So wurde aus dem Philosophen dann also auch ein Motivationstrainer – und er hat ja mit einem therapeutischen Imperativ in Buchform („Du Musst Dein Leben Ändern!“) und Hochform ein phantastisches Regelwerk der Trainings- und Motivationskunst nachgeliefert. Askesis heißt übrigens „Übung“ – und wer nicht mehr übt, kann den Karren, in diesem Fall das Fahrrad, eigentlich gleich hinschmeißen.

 


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