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Archiv: True Stories

 

 
 
 
Es war einmal ein Film: True Stories von 1986, gedreht unter der Regie von Talking-Heads-Mastermind David Byrne. Der präsentiert uns eine skurrile Rundfahrt durch Smalltown America am Beispiel des imaginären Städtchens Virgil, Texas — seine Mall, seine Bewohner, ihre Macken, ihre Unterhaltungsvorlieben.

Ich habe den Film seinerzeit auf Tele 5 in einer deutsch synchronisierten Fassung gesehen und fand ihn witzlos. Allerdings gab es dazu auch die Filmmusik, gespielt von den Talking Heads, und dieses Album gehörte mit seiner merkwürdigen Melodien- und gelegentlichen Walzerseligkeit schon bald zu meinen Heads-Favoriten. Ich mag die Scheibe noch immer.
 
 
 

 
 
 
Vor einem halben Jahr habe ich den Film zufällig als Netflix-DVD entdeckt und ihn erstmalig in der unsynchronisierten Originalfassung gesehen. Erst da ist mir bewusst geworden, wie verdammt gut dieser Film eigentlich war, wie scharf Byrne beobachtet, ohne jemals böse oder zynisch zu sein (das wäre leicht), was für eine melancholisch-absurde Komik dieser Film stellenweise besitzt, und wie wunderbar die Videoclips in den Film passen, die sich Jonathan Demme mit seinem Kunstköpfchen zur Talking-Heads-Musik hat einfallen lassen.

Und jetzt gibt es den ganzen Soundtrack des Films.
 
 
 

 
 
 
Und erst jetzt ist mir so ganz klargeworden, wie gut zum Teil diese Filmmusik war, nicht zuletzt auch die Originale, die nicht von der Stimme Byrnes geprägt sind. Erstaunliche Überraschungen kann man da erleben — z.B., dass im Titeltrack keine Geringere als Meredith Monk mitgewirkt hat (die 1986 ebenso wie David Byrne offenkundig ihren Philip Glass zum Frühstück genossen hatte), oder das Kronos Quartet in der „Dinner Music“. Abenteuerlich die „Mall Music“, gespielt von einem Carl Finch auf einem Hobbykeyboard (dem Sound nach wohl ein Yamaha-Gerät). Ein Titel wie „Wild Wild Life“, gespielt auf einer Pedal Steel Guitar, gewinnt eine völlig neue Dimension, und auch der „Dream Operator“, gespielt auf Gläsern, entwickelt einen unwiderstehlichen Charme.

Dazu kommen einige Talking-Heads-Songs in deren unveränderter Originalfassung, eine Reihe von Songs, die von anderen Originalinterpreten dargeboten werden und bislang auf keiner Platte zu finden waren. Sehr hörenswert zum Teil auch die Talking-Heads-Songs, die auf diesem Album mit den Interpreten zu hören sind, die im Film singen.

Was soll man sagen? Ein verblüffend gutes, hoch unterhaltsames Scheibchen. Hätte ich nicht erwartet.

2017 14 Mrz

1982

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Am Vorabend hatte John Peel Peter Tosh und The Fall aufgelegt. Wahrscheinlich war das die Stunde, in der ich den Einbruch plante. Ich bin kein Kirchengänger, mich lässt die Architektur des Monumentalen zumeist kalt, aber der Turm der Kirche St. Bride’s in der Fleet Street hatte es mir angetan, seit die Kinks vor dem ehrwürdigen Gebäude in Hosen mit Schlag auftraten und Ray „A Well Respected Man“ sang. Die nächstgelegene Underground Station ist Blackfriars (falls Sie mal vorbeischauen wollen). Angeblich hat der Turm mehrstöckige englische Hochzeitstorten inspiriert. In meinem ganz privaten Leben bin ich auf Scheidungstorten spezialisiert, die selten reissenden Absatz finden. Das kleine Monstrum ist 71 Meter hoch, besitzt fünf achteckige Geschosse und einen steinernen Obelisken. Sir Christopher Wren war der Baumeister. Ein Neuaufbau war nötig, weil 1940 die Brandbomen der Nazis nur wenig übrig liessen. Wrens 1675 geweihte Kirche hatte sechs Vorgänger. Der erste Bau wurde angeblich im von der irischen Heiligen St. Bride gegründet. Ich wollte einmal in Brighton mit einer Folksängerin namens Bridget schlafen, aber sie schenkte ihre Gunst einem anderen, mir blieb eine Single, die ich spielte, bis ihre herben Vokalisen nach Jahren ein Rauschen in der Ferne wurden. Der Chronist Samuel Pepys wurde in diesem heiligen Schuppen getauft, der Dichter John Milton gehörte zur Gemeinde. Spuren aller Epochen sind in der Krypta zu sehen. Ausgrabungen brachten vergessene Grüfte zutage, darunter ein mit 300 Skeletten bis zur Decke vollgestopftes Beinhaus, und ein weiteres, in dem Knochen und Schädel im Schachbrettmuster angeordnet lagen. Zur Ausstellung in der Krypta gehörte schon damals (als ich mir, Peter Tosh und The Fall im Ohr, heimlich Einlass verschaffte und eine Nacht unter der Kuppel verbrachte, im winterfestesten Schlafsack, den ich je besass) ein patentierter Eisensarg, der Leichendiebstahl verhindern sollte: bis 1832 war der Henker die einzige legale Quelle für medizinische Sezierübungen, und so entstand ein gruseliger Handel mit gestohlenen Leichen. Die Nacht dort oben im Winter 1982 war schon ein spezieller Thrill, ich lag über Stunden wach, und wurde morgens von einem Bediensteten entdeckt, der noch üblere Beschimpfungen für mich bereit hatte, als er merkte, dass ich „a fuckin‘ German“ war. Ich erinnerte den schmächtigen Gesellen daran, dass ich kein „fuckin‘ nazi“ sei, dass Flüche im Hause des Herrn keine gutes Licht auf seine Kinderstube werfen, und fragte ihn dann noch, ob er „fuckin‘ Maggie Thatcher“ gewählt hätte.


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