Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Ich sitze in einem Strandkorb, eingemummelt, und erinnere mich an eine Stunde unseres freigeistigen katholischen Religionsunterrichts (auch so etwas gab es), in der auf einmal das erste oder zweite Kraftwerk-Album, das mit dem grünen Hütchen, zur Sprache kam. Keine Ahnung, ob das Album nur in den hinteren Reihen zirkulierte, oder ein Stück vorgestellt und besprochen wurde. Ja, im Religionsunterricht. Die fremden Töne faszinierten mich, und einige Leben später kaufte ich mir in einem Second Hand-Laden in Berlin eben dieses Album. Eine gepflegte ausländische Nachpressung. Diese beiden Debutwerke verschwanden rasch aus allen Recycling-Optionen, als hätte es sie nie gegeben, und die Kraftwerk-Geschichte erst mit „Autobahn“ begonnen. Dabei waren es ungemein facettenreiche Werke, die keine einheitliche Richtung hatten, aber so viele Quellen kreativ anzapften, wunderlich und unberechenbar.

Doch die Männer von Kraftwerk hatten anderes im Sinne, ein „corporate branding“, und da stand diese verquere Musik der Anfänge deutlich im Wege. Zudem wollte die Formation (Holger Czukay nannte sie mal in einem Gespräch eine „Firma“) „nicht in psychedelischer Hitze verbrennen. Sie suchen gerade nicht nach einer Entfesselung der musikalischen Mittel und einer Entgrenzung der künstlerischen Subjektivität in den endlosen Jams der erweiterten Kollektivbewusstseine – vielmehr wollen sie ihre Musik immer kälter werden lassen und immer weniger individualistisch.“ So schreibt Jens Balzer es in seinem Nachruf auf den einem Krebsleiden erlegenen Florian Schneider. Als ich die Nachricht las, wurde mir klar, dass die einzelnen Mitglieder der Gruppe, für mich jedenfalls, hinter dem Gesamtwerk verschwanden. Ich las keine Geschichten über sie, und bezweifle, dass sie besonders persönlich gefärbt gewesen wären.

Futuristisch war das Zauberwort, und Technik-Kritisches hörte ich in der Musik auch nicht heraus. Was mein Hören anhing, blieb die Faszination für ihre grossen Werke seltsam unterkühlt, bis auf eine Ausnahme. „Die Mensch-Maschine“ erschien 1978, ich kaufte das Album, es war die für lange Zeit erste und einzige Liebesbeziehung zu einem Opus der Band. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich diese Musik gerne beim Duschen hörte, im siebten Stockwerk eines Hochhauses nahe Würzburg, in einem Jahr aus Himmel und Hölle, wundere ich mich fast, dass die „Songs“ mir damals sehr sinnlich, sehr warm vorkamen, nicht nur wegen des später erst zum Hit sich mausernden Song mit dem „Modell“. Da erwachte all diese Künstlichkeit zum Leben und verströmte eine Energie, ja, eine Herzenswärme, die mich immer wieder neu belebte. Sicher ein wenig paradox.

Später wurden ihre Alben sorgsam remastert, und mich packte vor allem die CD „Trans Europa Express“. Ein Fest für jede dezente Stereoanlage, und ja, in den letzten zehn Jahren ist ihr Werk endlich bei mir angekommen. Ich höre den durch Europa rauschenden Zug nur laut, ich kenne keinen der Passagiere und den Zugführer auch nicht, die Musik kommt aus der alten BRD, ich bin auf einer Zeitreise, in einem Museum für Zeitgenössische Melancholie. Seltsam. 

 

2020 5 Mai

Zeitreise in ein altes Berlin

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BERLIN 1945 –  Tagebuch einer Großstadt

 

Musik: Ulrike Haage
 
 

Heute Abend in ARTE um 20.15 Uhr, und hernach in der Mediathek. Oder hier auf den Filmtitel klicken. Diese Filmerzählung zeigt das Jahr 1945 durch Tagebücher und Aufzeichnungen von (internationalen) Zeitzeugen, seltenen Fundstücken und Augenzeugenberichten, aber auch ganz neuem Bildmaterial. Die Geschichte wird neu geschrieben, neu gesehen und neu gehört. „Erzählen auf Augenhöhe, mit dem Horizont der Schreibenden“ (Volker Heise). Auch der Schnitt und die enge Zusammenarbeit mit der musikalisch klanglichen Ebene sind ungewöhnlich und intensiv. Ulrike: „Für mich ist der Film ein geschichtlich wichtiges Kunstwerk, das zutiefst emotional berührt.

 

Ulrike Haage hat jüngst ein faszinierendes Solo-Piano-Album veröffentlicht, „Himmelsbaum“, aus dem ich einige Stücke vorstelle, in den Klanghorizonten am 20. Juni. Sie wird in der Radionacht auch selbst einiges dazu erzählen. Nicht nur in der Abteilung der Neuerscheinungen, auch in der Themenstunde, mit dem Titel „Die etwas andere Klavierstunde“. Natürlich wird dabei Rosato im Hintergrund aktiv sein.  (me)

 
 

Was ist der Name deines Lieblings-Podcasts? Wenn Du derzeit einen Teil des Tages damit verbringst, Coronavirus-bezogene Inhalte zu lesen und zu hören, ist Tiefenentspannung nicht so naheliegend. Etwas rumort, und abschalten ist nicht so leicht. Gib GABA ein – eine seltsame, aber fesselnde Mischung aus Klanglandschaften, gesprochenem Wort und Meditation.

Glücklicherweise gelingt es der Show, dem weit verbreiteten Popular-Kitsch dieser drei Bestandteile zu entkommen. Moderator Adam Martin textet in Richtung einer Erzählung, indem er Szenen und Gefühle poetisch beschreibt, während sich Samples aus Filmen, Nachrichtenaufnahmen, Interviews und alten Liedern ein- und ausschlängeln. Es ist nicht immer so beruhigend, aber GABA wird dich in seine Welt entführen, wo auch immer Du liegst oder sitzt (in meinem Fall ist es gerade ein Strandkorb am roten Kliff, ein idealer Ort für Meditatives, wenn alles konventionelle Strandleben erloschen ist. Heute wird allerdings der erste Schritt „back to normal“ geprobt, die Zweitwohnungsbesitzer dürfen zurück in ihre Behausungen.)

Es ist eine Meditation für Menschen, die es nicht mögen, wenn man ihnen sagt, dass sie ihren „glücklichen Ort“ besuchen sollen, oder wenn sie die Art von Hintergrundmusik hören, die Sie in Ihrem örtlichen Heilbad erwarten würden. Es gibt viele Episoden, die man sich kostenfrei anhören kann,  und es gibt kein Flüstern von Panflöten. Meine Journalistenkollegin Madeleine Finlay beklagt allein „eine ernsthafte Überbeanspruchung des Vogelgesangs – obwohl das vielleicht von außerhalb meiner Kopfhörer kommt.“ Damit habe ich als Hobbyornithologe auf Sylt gar keine Probleme, und werde mich heute eine Weile im „Sylter Urwald“, der Vogelkoje bei Kampen, umtun.

Wenn ich ein kleines Problem habe, mit diesen hervorragend produzierten Collagen, ist es, neben dem leicht beknackten Bilderlogo, der spirituelle „vibe“, die Neigung, kleine, positive Affirmationen zum Ich, zum Leben, zur Annahme von allen Yin und Yangs unserer Existenz einzubinden. Auf der anderen Seite ist dieser dezent kalifornische New Age-Faktor auch nicht weiter wild, weil man ihn in dezent holistische Privatphilosophien verwandeln kann – die hochinteressante Fusion diverser Texttypen ist herrlich trancefördernd und, spät abends, „Baldrian for the soul“. Zudem sind die Soundtracks der Episoden durchdacht, und Horizonte öffnend. Die Autoren nennen ihre besinnlichen Trips „next generation meditation that unfolds like a beautiful dream.“ 

 

geschrieben & remixt von M.F. und M.E. 

2020 3 Mai

Fauxpas an der Sansibar

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Michael: Hallo, Helga, Herr Seckler. Der Deutschlandfunk bleibt noch ein paar Tage vor Ort. (Auf dem Parkplatz war mein Toyota wieder das einzige Auto. Ich trete auf den Chef der Sansibar zu, und will ihm die Hand reichen.)

Herr Seckler: Oh, oh (er hebt die Arme zügig in die Luft)

Michael (eine hoffentlich charmante Version meines Verlegenheitslachens): Oh, sorry  ein unbewusster Reflex. Ich treffe hier öfter Dünen als Menschen (ich erzähle ihm, was ich so mache. Was harte Arbeit ist, muss sich für ihn wie Urlaub anhören). 

Herr Seckler: Das ist Natur pur. Mehr geht nicht.

Helga: (nickt)

Herr Seckler: So wird es nie wieder sein.

Michael: In der Tat (eine Angestellte kommt von innen und legt mir die Tageskarte vor). Was ist denn das Tagesgericht?

Herr Seckler: Heute haben wir Tafelspitz. Soll ganz hervorragend sein.

Michael: Na, dann nehm ich den doch. Und eine Flasche Sylter Quelle. Mit Gas. (Ich blicke zu Helga herüber) Ist mein Stammplatz noch frei, der Strandkorb in der ersten Reihe?

Helga: Klar.

Michael: Na, dann bis nachher.

 

2020 3 Mai

3. Mai 2020

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„This is actually not my music. It‘s a combination of different experiences, different cultures and different composers that evolve the music we‘re playing together …“

 

Schon sehr früh hörte sich Maxwell Sterling durch die Plattensammlung seiner Eltern (nicht unbedingt nur ein Klischee, sondern oft inspirierende Realität vieler jüngerer Musiker) und entdeckt dabei seinen Zugang zum Jazz. In seiner Jugend begann er als Bassist, erst E-Bass, dann Kontrabass und schließlich auch Exkursionen auf dem legendären Octabass, der mit seiner tiefsten Saite Abstiege bis 16 Hz unter die Hörgrenzen des Normalsterblichen ermöglicht. Als Komponist machte er bereits früh von sich zu hören und zog bald nach LA, um dort Filmmusik zu entwickeln. Als Metavision seines Schaffens für Hollywood debütierte er 2016 mit Hollywood Medieval, einem höchst bemerkenswerten, vielschichtigen und musikalisch originellen Album.

Im Auftrag von Nottingham Contemporary komponierte er Musik, die zu einer Ausstellung von Moki Cherry, Penny Slinger und einer Sammlung statischer Musikinstrumente den klanglichen Kontrast liefern sollte und schuf dabei etwas ganz Neues. Eine Art meditativer, psychedelischer und unaufdringlich vor sich hin pulsierender Jazz, der leise zitiert, in Laced auch ein paar Don Cherry-Samples subtil verarbeitet, daneben ein Harpsichord und vogelähnliche Klänge, die über leisen Drones schweben. Ganz langsam und hochkomplex ohne sich damit auch nur einen einzigen Augenblick aufzudrängen und sogartig hypnotische Tiefen ganz beiläufig zu entfalten. Dabei entfaltet jedes der über 10 Minuten langen Stücke eine ganz eigene Trance in den geisterhaften Vexierspielchen aus Hörerfahrungsversatzstücken. So beginnt With Rumour mit an die Endlosschleifen alter Brian Eno-Alben, am ehesten an Discreet Music erinnernde Loops, in die sich ganz nebenbei kleine Geräusche und ein altes Piano einschleichen und jegliche Zeit vergessen machen. Eine verhallte Bassklarinette unduliert in der Nebelhaftigkeit dieses ungemein faszinierenden Postjazz. Dann eröffnet ein leises Klavier (ein bisschen an Michael Nyman’s Decay Music erinnernd) Loud-Speaker, zu dem sich bald ein noch leiserer Subbass und das murmelnde Ziehen von gequälten Streichinstrumenten unirdischen Ursprungs gesellen, die halluzinatorische Möbiusschleifen in hochdimensionalen Räumen verwinden ohne jemals dabei aufdringlich zu werden. Sogar das Bodenlose verliert seine räumliche Orientierung und wird fast unbemerkt ein Teil des psycholytischen Ambientes. Of Truth beginnt mit grummelnden synthethischen Klängen, zu denen sich wie zufällig dazu improvisiert akustische Klangfragmente einfinden, die den Fluß des surrealen Erlebens noch einmal verlangsamen und in dunklere, aber warme Gefilde führen. Selbst bislang ungehörte Klangformen hören sich hier ganz natürlich an, verschachteln sich und entziehen sich fast unbemerkt einer geordneten Musikwahrnehmung, ohne aber der der wohligen Verlorenheit in dieser fein versponnenen Komplexität den Boden zu nehmen. Und nicht zuletzt scheint dieses außerordentliche Album ein Eigenleben zu entwickeln, sich hintergründig zu verändern und bei jedem Hören wieder in neuen Variationen zu präsentieren. Es infiltriert meinen Geist mit den wenigen Klangtupfern, die erforderlich sind, um die große Stille erfahrbar zu machen, gleichzeitig musikalisch zwischen allen Genres sich bewegend. Bislang das bemerkenswerteste Album dieses Jahres, das zudem seit langem endlich wieder einmal eine mandalaartige Handarbeit Moki Cherry’s auf dem Cover ziert.

 
 

 

Die Wilde Jagd: Haut

Roger Eno and Brian Eno: Mixing Colours

 

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A heartfelt thank you (for the kind of advice, support and kindness that made this journey possible and deep) to: Lajla N, Susanne B, Claudia K, and „The Source“

2020 1 Mai

Preferably in slow motion

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Who would like to work on a film with ambient musical explorers Roger and Brian Eno? Lockdown may just give you that chance. The pair are looking for video material to accompany music from their recent, 15-years-in-the-making, first album as a duo, Mixing Colours (on the prestigious Deutsche Grammophon label). Fans are invited to submit three-to-five minute videos, preferably in slow-motion, “of their post-lockdown world” to the website mixing-colours.com. As they put it, “We want to ask people in the next few weeks to take a single shot of a quiet scene, at home, or out the window, or in their garden. Clouds passing, rustling tree leaves, a bird nesting, people conducting activities in the house: quiet moments that we are all enjoying, together, in isolation.” The pick of these short films will be used to accompany the duo’s contemplative music.

2020 1 Mai

Eine kurze Fantasie von 5 Freunden

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Die Geschichte geht weiter. Heute, auf dem Gang zu einem selbst am 1. Mai ziemlich leeren Parkplatz, traf ich Anja, die gleich zum Du wechselte und mich fragte, ob meine Recherche gut verlaufe. Ich sagte, ja, ja, und es sei ein Unterschied, ob man sich ein paar Bilder von dieser Insel mache, oder zu den entlegenen Orten fährt, und dort verweilt, Stunde um Stunde. Ich wünschte Anja alles Gute zu ihrer Hochzeit mir dem Mann, der einst ein Idol meiner frühen TV-Jahre, Monika Peitsch, anwaltlich vertrat, und die mit Gunther Sachs und anderen vor langer Zeit den Hype um die Sansibar und Buhne 16 mit ins Rollen brachte.  Ein Slogan: Wo die Seele das Meer trifft, branden wir gegen Hunger, Durst und Langeweile.“ Die Sylter Freundlichkeit auf Parkplätzen ist generell frappierend in diesen Tagen. Gestern winkte mir eine Frau zu, neben mir die einzige Riesenparkplatzbesetzerin hinter Kampen, vor dem Roten Kliff, als sie ihrem Audi langsam an mir vorbeikurvte. Ich winkte zurück, als hätten wir irgendwann schon zusammen einem Sonnenuntergang applaudiert. Und dann kam der Anruf, um 20 Uhr, also vor einer guten  Stunde. Und was ich hörte, von Der Quelle – ich erkannte die Stimme sofort – liess mich schmunzeln. Ob ich immer noch interessiert sei an „The Dying Sounds of Sylt“, und bereit sei, auf Tonaufzeichnungen zu verzichten. Ja, sagte ich, ich träume schon davon, und fügte lachend hinzu: „Wenn ich dem heiligen Gral begegne, hört es sich hinterher sowieso unglaublich an. Da würde auch eine Kostprobe des Gesangs eines Eisvogelpaares nichts dran ändern.“ Und Die Quelle
 sagte, ich solle zum Parkplatz am Klappholttal kommen, um 22.30 Uhr. Nein, es gehe nicht zur Akademie am Meer, nimmt X meine Frage vorweg. Nicht zum ersten Mal spüre ich, wunderbar, ein Abenteuerurlaub. Ich denke an alte Bücher von Enid Blyton. Schon als Kind habe ich manche Schwelle allein übertreten. Aber jetzt wären fünf Freunde nicht schlecht. Ich dusche heiss und kalt, und mache mich dann bald mal auf den Weg. Das ist jetzt das offene Ende der Sylter Notizen. Ich brauche ja noch Raum zum Berichten, zum Erzählen, im Radio.

2020 1 Mai

Cosmic Dancer

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Nick Cave – Cosmic Dancer (Official Trailer)

 

Die letzte Produktion von Covid-19-Opfer Hal Wilner. Erscheint später im Jahr. Den Liedern von T Rex und Marc Bolan gewidmet. Wieder mal ein All Star-Aufgebot, was leicht pathetisch und over the top werden kann. Aber Hal Wilner hatte ein Händchen für sowas. U2 with Elton John, bei der Vorstellung gruselt es mich leicht, aber wahrscheinlich bekam der Produzent das auch hin. Ich bin gespannt auf die Versionen von Lucinda Williams, Father John Misty, Marc Almond und vielen anderen. Nick Caves Interpretation meines Lieblingsliedes von Marc Bolan ist beeindruckend. Wie die Bilder dazu. (m.e.)


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