Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 12 Mai

7 1/2 x Kraftwerk

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 3 Comments

Ich habe Kraftwerk siebeneinhalbmal auf der Bühne gesehen:
 
 

  • 1971 in der Fabrik in Hamburg;
  • im Sommer 1972 im Weserbergland;
  • Ostern 1974 in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg als Headliner eines Deutschrock-Festivals;
  • für den Oktober 1975 hatte ich Karten für die erste Reihe in der Musikhalle Hamburg, aber das Konzert wurde wegen zu schlechten Vorverkaufs abgesagt;
  • 1981 in der Musikhalle;
  • im November 1991 sah ich sie im Docks an der Reeperbahn;
  • im März 2004 im CCH (Hamburg);
  • im April 2012 bei der Eröffnung ihrer Videopräsentation im MoMA PS1 in New York (das war das halbe Mal);
  • und im März 2014 im Riviera in Chicago, IL.

 
 
Ich könnte nicht sagen, welches Konzert „das beste“ war. In gewisser Weise war jedes davon speziell.

1971 war ich 15 und hatte die Band noch relativ frisch entdeckt. Ich erinnere nur noch wenig. Ich meine, sie waren zu zweit. Hätte ich damals gewusst, dass ich fünf Jahrzehnte später darüber schreiben würde, hätte ich mir Notizen gemacht, und Digitalkameras hatten wir auch noch nicht. Damals war die Band noch eine von vielen Krautrockbands auf der Suche nach einer gewissen Bekanntheit, aber es war nicht absehbar, was aus denen mal werden würde.

1972 habe ich die Band während unseres Familienurlaubs in einem Jugendzentrum irgendwo im Weserbergland gesehen. Es könnte in Höxter gewesen sein, Michael Rother hat bestätigt, dass sie da mal gespielt haben. Es kann aber auch in Karlshafen gewesen sein; ich bin ziemlich sicher, dass heute niemand mehr genau weiß, wo man damals überall aufgetreten ist. Das Weserbergland war mir wohlvertraut aus diversen Familienurlauben in einem Nest namens Wahmbeck, ich habe diese wunderschöne Gegend aber auch mal drei Wochen lang mit meiner Pfadfindergruppe durchwandert. Auch das müsste 1972 gewesen sein. Ich erinnere noch das außerordentlich geschmacklose Konzertplakat, das überall klebte (ich bilde es hier nicht ab). Ich meine mich zu erinnern, dass Kraftwerk zu dritt auf der Bühne waren, Ralf, Florian und ein Bassgitarrist, sicher bin ich mir da aber nicht. Dazu gab es Diaprojektionen, aber keine Fotos, sondern einfach nur Farbflächen.

Bei diesen beiden frühen Konzerten war Kraftwerk noch eine komplett andere Band als später. Aber sie war seltsam, arbeitete irgendwie mit Elektronik und Klangeffekten, und die meisten Leute verstanden nicht, was das alles überhaupt sollte – Grund genug für mich, die Band zu lieben.
 
 

 
 
Das Osterfestival 1974 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle, einem Bruchschuppen, in dem sonst Boxkämpfe stattfanden, war denkwürdig. Autobahn war noch nicht erschienen, Ralf & Florian war das noch aktuelle Album. Kraftwerk war der Headliner des ersten Tages, weil aber alle anderen Bands ihre Zeit überzogen und die noch unerfahrenen Veranstalter die Zugaben und Umbaupausen unterschätzt hatten, konnte Kraftwerk überhaupt erst gegen halb elf beginnen. Ralf und Florian hatten nicht mal einen Roadie, sie bauten ihre Anlage selbst auf und fingen dann ohne weitere Umstände an. Nach einer Weile gesellte sich ein dritter Mann hinzu und klöppelte mit an Stricknadeln gemahnenden Sticks auf einem seltsam aussehehenden Pult, dem er damit elektronische Drumsounds entlockte. Er wurde nicht vorgestellt, aber es kann nur Wolfgang Flür gewesen sein. Die drei hatten gerade mal 30 Minuten gespielt (ständig unterbrochen von „Ruckzuck!“-Rufen einiger betrunkener Typen, die die Musik ohnehin zum Kotzen fanden), als plötzlich das Saallicht eingeschaltet wurde. Ich erinnere noch Ralf Hütters schüchterne Bitte, man möge es doch bitte wieder löschen. Es blieb an, und dann begannen die Ordner, das Publikum hinauszuwerfen: Die Halle hatte um 11 Uhr leer zu sein. Kraftwerk spielte weiter, für’s Reinigungspersonal (ich vermute, hätten sie es nicht getan, sie wären nicht bezahlt worden). Wir standen vor einem Seiteneingang und hörten durch die offene Tür noch eine Weile zu.

Es muss nichts mit diesem Auftritt zu tun gehabt haben, aber Kraftwerk ist danach jahrelang nicht mehr in Deutschland aufgetreten.

Für das Konzert, das im Oktober 1975, nach dem großen Autobahn-Erfolg in der Musikhalle stattfinden sollte, hatte ich Karten — erste Reihe! Das Konzert wurde wegen mangelnden Vorverkaufs abgesagt, wie überhaupt große Teile der Tournee in Deutschland. Das Konzertplakat habe ich mal irgendwann später auf einem Flohmarkt gefunden, es ziert heute gerahmt unser Wohnzimmer.
 
 

 
 
1981, mit der Veröffentlichung des Computerwelt-Albums, standen die Kraftwerker im Zenit ihrer Kreativität und Begeisterung. Wiederum hatte ich Karten für die erste Reihe in der ehrwürdigen Musikhalle. Die Bühne sah nun aus wie die Kommandokanzel des schnellen Raumkreuzers Orion; es ist zu sehen im Video zu „Das Model“ — die Konzertszenen stammen aus dem Hamburger Auftritt, ich sehe Emil Schult noch mit der Kamera auf der Schulter herumlaufen. Das gesamte Bühnenbild und der dramaturgische Ablauf waren auf Überwältigung getrimmt, und das hat funktioniert. Erstmals gab es auch Videoprojektionen. Der Sound in der Musikhalle war großartig, und die Band hinterließ ein glückliches Publikum. Eines der Konzerte, die ich nie vergessen werde.
 
 

 
 
Zehn Jahre lang traten Kraftwerk dann nicht mehr auf. Im November 1991 waren sie wieder da. Aus irgendwelchen Gründen war an diesem Abend Hamburgs Goth-Gemeinde vollzählig im Docks angetreten. Karl Bartos und Wolfgang Flür hatten die Band inzwischen verlassen, waren durch mir unbekannte neue Leute ersetzt worden, und überhaupt schien sich Kraftwerk in einer Art Übergangsphase zu befinden. Zwar war die Show nicht viel anders als schon zehn Jahre zuvor, allerdings fiel die Tendenz auf, Ideen bis zum Gehtnichtmehr auszuwalzen. Zudem war offenkundig, dass die vier nicht auf bestem Fuß mit ihrem Equipment standen, das zu diesem Zeitpunkt um ein Synclavier herumgestrickt war.
 
 

 
 
Als ich Kraftwerk 2004 wiedersah, hatten sie die Zeit zur kompletten Neugestaltung der Bühne genutzt. Die Herren traten jetzt im dunklen Anzug auf wie ein Streichquartett, die Keyboards waren ersetzt durch Laptops, die Show basierte jetzt hauptsächlich auf Videoprojektionen. Die Tendenz, die Ideen zu lange auszuwalzen, war zwar immer noch vorhanden, aber der Sound hatte jetzt einige Quadro-Effekte und gehörte zum besten, was ich je gehört hatte — und in der akustisch schauderhaften Beton-Umgebung des CCH-Saales 3 will das etwas heißen. Das Konzert war nicht ausverkauft, ein anscheinend vorgesehenes Mitternachtskonzert fand nicht statt. Einen Tag später hörte ich Hilary Hahn in der Musikhalle – umgekehrt wäre wohl besser gewesen.
 
 

 
 

2012, inzwischen hatte ich Deutschland verlassen und lebe seither in den USA. Die Präsentation der Katalog-3D-Konzertreihe im Museum of Modern Art in New York musste leider ohne meine Anwesenheit stattfinden — jeder Kraftwerk-Fan wird sich an das Vorverkaufschaos erinnern. Immerhin war ich aber in der Lage, der Eröffnung der Video-Show im MoMA-Ableger PS1 beizuwohnen. Die entpuppte sich allerdings als eine latent enttäuschende Angelegenheit — eine Art Iglu im Hinterhof, darin acht im Kreis um ein großes Sitzkissen herumarrangierte Videoschirme, die dieselben Videos zeigten, die auf der Bühne liefen. Die Tonqualität war unbefriedigend mulmig, die Videos waren nicht einmal 3D-Projektionen.
 
 

 


 
 
 

 
 
Sehr viel spannender war eine Installation in einem anderen Raum des PS1: Thomas Tallis‘ vermutlich um 1543 herum entstandene Motette Spem in Alium für acht Chorgruppen zu je fünf Stimmen, die im Kreis um das Publikum herum angeordnet werden sollen. 40 Lautsprecher standen hier nun kreisförmig im Raum, jeder einzelnen Stimme war ein Lautsprecher zugeordnet. Man konnte von Lautsprecher zu Lautsprecher gehen und jeder einzelnen Stimme zuhören. Faszinierend.

Für mich war die Show 2014 im Riviera (einem ehemaligen Kino) in Chicago die erste Gelegenheit, Kraftwerks 3D-Show in Augenschein zu nehmen.
 
 


 
 
 

 
 
Es war immer noch alles da, was man von Kraftwerk erwartet — die kristallklaren Visuals, der Retrofuturismus, die kühle Präsentation; eher Performance-Art als Konzert. Am Anfang packt einen der 3D-Effekt, manchmal ist er wirklich verblüffend, beispielsweise, wenn Nummern durch die Luft schießen oder das Spacelab zur Landung in der Halle anzusetzen scheint. Im Laufe des Abends allerdings nutzt sich der Effekt ab — man kann ein Publikum nicht zwei Stunden lang mit 3D-Effekten in ständiges Erstaunen versetzen. Einige der neuen Videos sind leider schlicht langweilig (insbesondere einfallslos sind jetzt Trans Europe Express und Neon Lights, früher zwei ihrer magischsten Tracks). Der Sound war verblüffend unbefriedigend — unbalanciert, zu viel Bass, streckenweise war der Gesang kaum zu hören, es gab einige Quadro-Effekte, aber irgendwie gingen sie verloren.

Es ist ziemlich witzlos, über eine Kategorie wie „live“ zu philosophieren, wenn die Hauptinstrumente Computer sind. Dies war keine „Playback-Show“, mit Sicherheit nicht. Die Künstler tun irgendetwas auf der Bühne. Nach meinem Eindruck ist das Ganze eine Art Halbplayback, das ihnen die Möglichkeit zum Mitspielen gibt, und mit dem sie interagieren können, etwa, indem sie Echo- oder Filtereffekte hinzufügen. Einige böse Fehler fielen auf; so kam etwa der Gesang in The Man Machine durch das ganze Stück hindurch eine Viertelnote zu früh, gelegentlich erschienen kurz auch falsche Videoausschnitte.
 
 

 
 
Von der Bühne aus gesehen muss es seltsam sein, in hunderte von Gesichtern mit der 3D-Pappbrille auf der Nase zu schauen. Das Konzert war routiniert. Wie auch immer, das Publikum war happy, wir sahen erstklassige Unterhaltung. Alle Begeisterung allerdings kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kraftwerk, so wie sich die Band heute präsentiert, im wesentlichen Ralf Hütters Nostalgiezirkus ist. Aber das ist immer noch eine Menge.

Was man im Laufe eines Lebens so mit einer Band verbindet … Karten für das Juli-Konzert in der Radio City Music Hall New York sind bereits gekauft, aber wer kann sagen, ob und wann der Auftritt stattfinden wird … Das Wichtigste ist allerdings dies: Auf der (inzwischen längst eingeschlafenen, damals aber sehr aktiven) E-Mail-Liste über Kraftwerk, auf der sich Fans über Konzerte und sonstigen Kraftwerk-Klatsch austauschen konnten, habe ich meine Frau (Amerikanerin) kennengelernt. Und ohne sie wäre ich heute nicht in Pittsburgh.

Danke, Kraftwerk, danke, Florian.

2020 12 Mai

Cooler Zeitreisen-Rock

von | Kategorie: Blog | Tags: , | | Comments off

 


Bobby Conns neues Album gefällt mir total gut. Weder  mein Tee noch meine Baustelle. Eigentlich. Der Mann des Jahrganges 1967 ist schon so lange im Geschäft, aber nun endlich habe ich ihn in meine Plattensammlung aufgenommen. Unberechenbarkeit galt stets als sein Merkmal, und dies mag die erstaunliche Retro-Vielfalt von „Recovery“ bestätigen. Er schwankt zwischen unbeschwertem Punk-Funk, Pastiche-Synthie-Pop aus den Achtzigern, Pulp-Art-Indie (vor allem bei auf dem Song „Disaster“), psychedelisch leichtem Easy Listening und manchmal einer Fusion aller vier auf einmal. Man kann nicht nur von Brian Eno, sondern auch von Bryan Ferry einiges lernen – zum Beispiel, wie man artifizielle Posen nutzen kann, um in den Texten knallharte Abrechnungen zu platzieren. Das Hamburger Label Tapete hat jedenfalls mit Bobby Conns musikalischem Genesungsprogramm einmal mehr ein As aus dem Ärmel geschüttelt. Ein Outsider, der uns etwas mehr über uns und unser Leben erzähken kann, als die üblicherweise behypten Zeitgeister. Kann man mit bestem Wissen (und verdammt gutem Gefühl) neben die neue Schallplatte von Tim Burgess platzieren, nur dass letzterer etwas mehr von Brian Eno („Here Come The Warm Jets“ kann Tim B. 
wahrscheinlich mitsingen) und Robert Wyatt in seinem Plattenschrank führt. Wenn Sie mal Lust auf gleich zwei herrlich schräge Vögel haben … you‘re welcome!

 

2020 12 Mai

Muthspiel 2

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Weil ich das Stück „Camino“ nicht unter Manafonistas vorstellen möchte (ein Handgriff, der sich seit der Anfangszeit des Blogs oft als nützlich und unproblematisch bewährt hatte, zunehmend aber zu Verwirrung und auch Unbehagen hinsichtlich nicht nachverfolgbarer Autorenschaft führte und deshalb nun eine Zeitlang brach liegen sollte), hier eine kurze Begleitnotiz, direkt und frech in die Tastatur getippt – zu diesem wieder einmal vorzüglichen Vortrag des Österreichers. Wenn einem zu einem Thema etwas einfällt, und zu solcherlei Gitarrenspiel fällt mir eine Menge ein, dann geraten die Dinge ja generell wie Dominosteine ins Purzeln. Jegliche Schreibhemmung (little reference to Shining) wird auf den nächsten Tag verschoben und jede Latte, die zu hoch gesteckt war, fällt herab und verliert so ihren Schrecken. Klassische Gitarrenmusik interessiert mich ja relativ selten, umso mehr aber der typische Klang einer Konzertgitarre in anderen Musikbereichen, sei es Jazz, Folklore oder Bossa Nova. Muthspiels Spiel ist diesbezüglich paradigmatisch. Es hat einen Anklang an die Klassik, ist aber etwas Anderes – es ist, wie wir Anglophilen sagen: far more thrilling.

 

2020 12 Mai

Rejoice

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

 

When it comes to contemporary African music, two albums of 2020 are deeply affecting and, probably, long time companions, at least for people with a knack for thrilling vibes from the black continent. The one by Shabaka and the Ancestors, and the collaboration of Tony Allen and Hugh Masekela. Another gem from World Circuit Records, and a fantastic sounding album, too, uplifting and fizzing with both passion and virtuosity, Rejoice is not only a fitting last will and testament from Masekela and Allen, but a glorious affirmation of music as a source of elevation. Nothing nostalgic about it. It is an album I fell in love with immediately. Its sparseness, its sense for less is more, and the feel of being in one room with the musicians. May both rest in peace. 

 
 
 

 

 

I discovered Kraftwerk in 1970 when I spotted their first album in a shop window. The cover hooked me. I thought: If this record sounds as it looks, it must be great.

It was. For many years, Kraftwerk became one of the leading melodies of my life. I always thought: If I had to find a sound that represents now, then it should be like this. And then, when Kraftwerk came out with a new album, it sounded exactly like this. This worked until the 1990s. I lost a bit the plot about Kraftwerk then, but the band was still there and still unique.

And they are the only band I saw seven times on stage, between 1971 and 2014.

Bye bye, Florian!

 

2020 12 Mai

Incomplete

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | Comments off

 

Ryuichi Sakamoto on his feelings about troubled times:

 

Jiko (時光) by lenzan kudo + ryuichi sakamoto
video by Zakkubalan series

 

incomplete

In these times when things are not “normal,” I wanted to document the sensations I’ve been feeling. I invited a few of my musician friends to do this with me. I wanted to share the results with you all.

Ryuichi Sakamoto

 

2020 11 Mai

Elf Fünf Zwanzig

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

Die unter das Kopfkissen geschobene Hand: nicht zur Faust geballt. Cola, Salzstangen und Kamillentee, an manchen Tagen griffbereit. Eine Tüte Eis (vier Kugeln!) auf die Hand – aber erst in 50 Meter Entfernung zu geniessen. Dich beim früh morgendlichen Spaziergang am Fluss unbekannterweise grüssende Jogger und Hundebesitzer. Sich nach einigen Tagen einstellende Vertrautheit damit. Regelmässige Sprachnachrichten: Berichte aus dem auf sich zurück geworfen sein Anderer. „Und wie geht es Dir?“ Verabredungen „mit’m Kaffee“ für irgendwann, Zeitpunkt und Treffpunkt noch unbestimmt – die Vorfreude weckend.

 

2020 11 Mai

Cabin Fever

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 14 Comments

Welche Filme spiegeln in Zeiten coronabedingter Ausgangsbeschränkungen den erzwungenen Rückzug, das Feststecken im engsten Familienkreis? Ich empfehle Shining von Stanley Kubrick, ein Film, der vor 40 Jahren in die Kinos kam und auf einem Roman von Steven King basiert, wobei sich Kubrick auch gleich die Rechte für Abweichungen hat übertragen lassen, was Steven King vielleicht bereut hat. An sich ist im Zuhause der kleinen Familie Platz genug: Jack Torrence, seine Frau Wendy und der kleine Sohn Denny bewohnen für ein paar Monate über den Winter allein das luxuriöse, riesige Overlook-Hotel, das weit abgelegen in den Rocky Mountains liegt. Jack (Jack Nicholson) hat hier einen Job als Hausmeister, sieht sich allerdings als Romanautor. Der Mann, die Frau und das Kind – jede Person ist auf ihre Weise isoliert, heftiger Schneefall kommt hinzu, und der Raum um sie herum wird immer enger, bis alle Verbindungen nach außen abgebrochen sind. Dass die erwachsenen Charaktere nach einiger Zeit am Rand ihrer Kräfte sind, hat auch mit Kubricks Perfektionsmus zu tun: Es gab Einstellungen mit mehr als hundert takes und Kubrick verhielt sich gegenüber Shelley Duvall, die die Ehefrau spielte, am Set bewusst abweisend, um die von ihm gewünschten Eigenschaften ihrer Figur hervorzurufen. Aber wird das, was man als Realität bezeichnet, vielleicht überschätzt? Etwas zu sehen, was andere nicht sehen können, ist das eine Gabe oder Krankheit und Fluch? Und wer sagt, dass die Zeit wie eine Linie immer weiter nach vorne verläuft? Wäre ein Zeitmodell denkbar als Flickenteppich, als Irrgarten oder als Loop? Auf eine feine Art sind in Shining verschiedene Motive miteinander verwoben, zum Beispiel das des Labyrinths, das erstmals eingeführt wird, als der Koch Wendy und Danny durch die riesige Hotelküche führt und Wendy sagt, der gesamte Raum sei so groß, dass sie eine Spur von Brotkrumen hinterlassen müsse. Hier blitzt die Erinnerung an das Märchen von Hänsel und Gretel auf. Bekannt wurde Shining auch dadurch, dass hier zum ersten Mal die Steadycam so richtig zum Einsatz kam. Die Steadycam ermöglicht schnelle Bewegungen mit der Handkamera ohne das Bild zu verwackeln. Kubrick konnte deren Erfinder Garret Brown als Kameramann gewinnen. Unvergesslich die flinken Fahrten des kleinen Danny auf dem Dreirad durch die Flure des Hotels, während die Kamera von hinten in Höhe seines Kopfes ihm folgt. Wir spüren, wo der Horror beginnt: im Blick. Der Mensch und sein Abbild, sein Spiegelbild, sein Schatten. Jonglieren mit den Ziffern Zwei und Drei. Auch Hänsel und Gretel tauchen nochmal auf, man muss nur auf die geflochtenen Zöpfe achten. Ein Schachspiel, ein Puzzlespiel. Ein Tennisball, gelb wie ein alter VW Käfer. All work and no play makes Jack a dull boy.  Drücken Sie mal auf die Still-Taste Ihrer Fernbedienung, die Anhaltetaste. Kubrick hatte in seinen frühen Erwachsenenjahren als Fotograf gearbeitet. Wie bei Michelangelo Antonionis Schwarzweißfilmen sind beliebige Bilder des Films gestaltet wie eine zeitlose Fotografie. Bruchstücke, Erinnerungen, Phasen einer Biographie sind immer noch irgendwo vorhanden. Das Imaginäre ist zuweilen so stark, dass es ins Geschehen eingreift und physisch sich auswirkt, die Grenzen einer Logik überwindet sich seine eigene Logik erschafft. Eine Erfahrung, die die Begrenzungen von Raum, Zeit, Vision und Identität überschreitet.

 


 
 

Die Clywdian Range in Nordwales ist eine Landschaft von außerordentlicher Schönheit, die sowohl durch die Kräfte der Natur als auch durch die Hände von Generationen geformt wurde, die seit der Antike in ihren Tälern und auf ihren Gipfeln lebten und arbeiteten. Es ist ein Ort neolithischer Hügelgräber, römischer Hügelfestungen und einer bemerkenswerten Kette eisenzeitlicher Erdarbeiten, die vor über zweitausend Jahren entstanden sind. Diese Vorstellung ferner Zeiträume gewinnt an Lebendigkeit, wenn man sich durch solch entlegene Zonen bewegt. Bevorzugt allein. Da entsteht auch ein Empfinden des Unheimlichen, des Urfremden. Musiker haben sich oft solchen Zonen des Verlassenen gestellt. Und um solche Atmosphären der Einsamkeit geht es auch in der Radiostunde über Sylt im Lockdown. Schafen zu begegnen, hat fast etwas Tröstliches, Erinnerungen an frühe Jahre. Ein Song von Creedence Clearwater Revival ist nur einen Glücksgriff am Autoradio entfernt. Und das rote Kliff bei Kampen mutiert vom touristischen Hotspot zum idealen Ort der Einkehr. Statt das Licht der untergehenden Sonne mit einem Caipirinha zu feiern, mischen sich Schauer und Seligkeit zu einem ganz anderen Cocktail spezieller Empfindungen. Als würde man in einer graphic novel seinem eigenen Ich begegnen, und wäre sehr neugierig, welch schöne Leere aus Sprechblasen aufsteigen kann.

 

 

Auf dem Weg zum nördlichsten Punkt des Landes stoppten mich ein paar Schafe auf dem holprigen Weg, die aber nichts am Fluss der Gedanken änderten. Ich liess ihnen alle Zeit der Welt und dachte über die Umstände des Suizids von Ulrich Wildgruber nach, dessen Leiche vor Ewigkeiten morgens am Strand von Westerland gefunden wurde. Ich hatte ihn, etliche Jahre zuvor, in dem Film „Die Hamburger Krankheit“ gesehen, in dem die BRD von einer todbringenden Seuche heimgesucht wurde. Am Vorabend war mir der Tod des Schauspielers zum ersten Mal durch den Kopf gegangen, als ich allein in einer Sauna am Meer war und später im Stockdunklen ins Wasser ging, aber nicht weit, aus Respekt vor den Buhnenresten. Schliesslich trotteten die Schafe dahin, wohin sie gehörten, auf ihre Weide, und ich fuhr weiter, schön langsam. Das Radio blieb, während meiner Tage auf der Insel, weitgehend aus dem Spiel, aber in diesem Moment hatte ich das dringende Bedürfnis, irgendeinen alten, gut abgehangenen Song zu hören. Ich zappte mich durch die Sender, und, hey, da war er, ein „fucking golden oldie“, und ein altmodischer Schauer des Glücks durchfuhr mich. „Sunny Afternoon“. Wir haben das schon auf dem Schulhof gesungen. Ich sang die paar Zeilen lauthals mit, die mir von dem Lied noch im Kopf schwirrten.

 


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