Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2024 6 Mai

Leben in Wien

von | Kategorie: Blog | | 18 Comments

 

Ankunft spätabends im siebten Bezirk, die U-Bahn rattert auf einem kurzen Stück als Hochbahn über Gürtel und Wienzeile hinweg, die Fassaden der umstehenden Häuser geben sich verschlossen und schmutzig, verschiedenste Lichter funkeln, wandern herum, huschen vorbei, Werbetafeln locken meinen Blick. Einige Halte-Stationen sind hell erleuchtet, offen, mit lindgrünen Ornamenten.

Ich steige aus und trete auf die Straße, bleibe stehen:

 
 

 
 

Soll das eine Anrufung sein? Ein Hilfeschrei? Warum heißt es nicht Mama?

Mutti hat immer so etwas Verschämtes, auch Verniedlichendes, für sehr alte Frauen, und für solche, die in den Augen der anderen nicht mehr so ganz ihre Sinne beisammen haben (vielleicht lächeln die Muttis aber wohlwollend über ihre verkannte Rebellion hinweg?).

Sind die fünf Buchstaben als Denkmal gemeint? Oder ein Klageruf?

Ich beherrsche mich, das Wort nicht probehalber mit verschiedener Betonung laut vor mich hin zu sprechen – drehe mich um: Haben sie schon bemerkt, dass auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein Kino ist?

 

 
 

Madres Paralelas (Spanien 2021)

 

Almodóvars vorletzter Film (nach Leid und Herrlichkeit und vor Strange way of life) dreht sich nur scheinbar um Mütter – bei ihm ohnehin ein Dauerthema mit Variationen – aber in Wirklichkeit um Geburten im abstrakteren und symbolischen Sinne: Dem Ans-Licht-Kommen von Geheimnissen und Wahrheiten, auch diese müssen geboren werden und oft ist dergleichen recht schmerzhaft.

Zunächst beginnt es wieder, naturellement, mit hübschen Mamas in die gewohnten Bildtableaus und ins gewohnte Upper Class Dekor attraktiv placiert zum geschickt eingesetzten Soundtrack von Almodóvars Hofkomponisten Alberto Iglesias und ebenso geschickt eingesetzter Schleichwerbung diverser Produkte, wobei zu hoffen wäre, dass er nicht mittlerweile auf product placement zurückgreifen muss, um sein Alterswerk zu finanzieren. Das wünscht man ihm ja doch nicht, nachdem er uns solange erfreut hat. Und man verzeiht ihm ja vieles, auch den Dauergebrauch seines Paradepferds Penelope, but never change a winning team und mit Milena Smit ist ja auch ein neues reizvolles Gesicht mit am Start. Es gibt also was zu gucken.

 
 

 
 

Es entrollt sich ein Melodrämchen zwischen Müttern, Töchtern und nur am Rande beteiligten und im wesentlichen gutartigen Männern, wie wir es aus früheren Filmen des Maestros kennen: Zwei Mütter gebären synchron in der Klinik, wobei die Kinder vertauscht werden und beide Mütter mit dem jeweils falschen Kind nach Hause gehen. Eines der beiden Mädchen verstirbt, die Mutter des überlebenden Babys (Janis) bezieht die nun kinderverwaiste andere Mutter als Nanny in ihr Leben mit ein und es entwickelt sich eine kurze Liebesbeziehung zwischen den Frauen, bis Janis den Tausch aufdeckt und gesteht.

Der Film spannt ein Netz an Heimlichkeiten auf zwischen Mann und Frau, Müttern und Töchtern, Vätern und Kindern, verbotenen Affären und betrogenen Frauen – but no spoilers; Vater- und Mutterschaftstests dienen als Mittel zur Wahrheitsfindung, schaffen Ordnung und Zugehörigkeit, lösen Geheimnisse und schaffen Beziehungen neu, alles scheint im Fluss und sein Ziel zu finden und ist recht spannend zu sehen und der Regisseur kommt hier mit deutlich weniger Rückblenden, Zeitsprüngen und Verschachtelungen aus wie sonst – beispielsweise bei La Mala Educaçion aus dem Genre der Mindfuckers; das ist natürlich nicht abwertend gemeint.

Ein grosses Geheimnis verbleibt – Janis wünscht sich die Exhumierung eines Massengrabes – sie ist auf der Suche nach ihrem verschollenen Urgrossvater, der im Widerstand gegen Franco und die Falangisten gekämpft hatte. Am Ende wird die Stelle gefunden und die Grube ausgehoben, es finden sich zahlreiche Skelette, anhand eines Glasauges kann der Uropa identifiziert werden. Die Kamera entfernt sich nach oben, signalisiert damit Distanz zum Tagesgeschehen und Beziehungsgebrodel und die Skelette verwandeln sich in die toten Menschen, die sie waren – ein starker und erschütternder Eindruck als Schlusseinstellung, der das Gewebe menschlicher Verstricktheiten relativiert und fast belanglos erscheinen lässt angesichts eines gewaltigen Massenmordes, von dem wir hier nur einen kleinen Teil sehen.

Und ein Aufruf an Spanien, die „Leichen im Keller“ bzw seine faschistische Vergangenheit – die dreissig Jahre später endete als die Deutschlands, falls dergleichen überhaupt jemals endet – anzusehen und aufzuarbeiten. Somit hätte sich Almodóvar zum ersten Mal von Individualschicksalen ausgehend politischen Inhalten zugewandt mit dem Nachzeichnen menschlicher Verirrungen als Epiphänomen viel verheerenderer  kollektiver Verdrängungsbewegungen.

Die dabei spürbare Grundaussage „Bleibt in der Wahrhaftigkeit“ und „Es geht auch im Guten“ mögen naiv erscheinen, andererseits sind wir auch etwas dressiert darauf nur die Schilderung von Düsterkeit, menschlicher Schwäche und Bosheit und sonstigem Kulturpessimismus als intellektuell zu goutieren und versöhnlichere Figurenzeichnungen die zu einem guten Ende finden schnell als unrealistisches Sentiment abzulehnen.

Hier steht Almodóvar in der Tradition eines Fellini oder Ken Loach, die ihre Figuren nie verrieten, ohne Bösewichte und Grausamkeiten auskamen und deren Blick auf die Welt immer ein lebensfreundlicher und angenehm menschelnder war, ohne platt oder kitschig zu sein. Darauf kann man sich getrost einschwingen, schliesslich gibt es auch diese Seite der Welt und sie kann ruhig dargestellt werden. Man muss es halt bloss können. Und sich trauen …

 

2024 2 Mai

10 Doppelalben

von | Kategorie: BlogGute Musik | | 7 Comments

 

  • The Smiths – The World Won’t Listen
  • Keith Jarrett – The Köln Concert
  • The Beatles – White Album
  • Bob Dylan – Blonde on Blonde
  • The Rolling Stones – Exile on Main Street
  • Can – Tago Mago
  • Jimi Hendrix – Electric Ladyland
  • Prince – Sign ‚o‘ the Times
  • Tangerine Dream – Zeit
  • Lucinda Williams – The Ghosts of Highway 20
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    2024 28 Apr.

    Der schmale Grat

    von | Kategorie: Blog | | 4 Comments

     
     

    Und beim  ganzen Literaturrezensieren bemerke ich, auf welch schmalem Grat ich mich bewege mit meinem Verlangen nach dem Mobilisieren von Gefühlen, dem Wunsch in einen flow zu geraten, der die Lesezeit mühelos verfliessen lässt – wie schnell schrammt man da aber knapp an der Schmonzette vorbei und gerät ins Fahrwasser der Titanic, und was mit dieser passierte ist ja bekannt. Trotzdem suche ich danach – auch bei Filmen, und werde eher fündig bei lateinamerikanischen oder nahöstlichen Schreibern und Regisseuren, zu letzteren habe ich mich hier ja schon reichlich geäussert, die schaffen es etwas atmosphärisch auszulösen, zu verdichten und wachzuhalten. Nicht nur mindfucking …

    Aber die Grenze zum Kitsch ist rasch überschritten, oft merkt man’s noch nicht mal bzw erst dann wenn man beginnt sich nicht mehr so recht wohlzufühlen beim Lesen oder sentimental wird.

     

    Stärkerer Wind erhob sich …die Rosse Poseidons liefen daher, Stiere wohl auch, dem Bläulichgelockten gehörig, die mit Brüllen anrennend die Hörner senkten.

    Zwischen dem Felsengeröll des jenseitigen Strandes jedoch hüpften die Wellen empor als springende Ziegen. Eine heilig entstellte Welt schloss den Berückten ein … und sein Herz träumte zarte Fabeln.

     

    Ich zitiere aus dem Gedächtnis, um nicht das ganze Haus nach Herrn Gustav Aschenbach absuchen zu müssen, der sich immer zu verkrümeln pflegt, wenn ich ihn zitieren will – auf ewig wandelnd als Toter auch noch durch Venedigs umfangende Strassen und sorgsam verbergend sich vor dem Blicke der südlichen Sonne, und doch der Eidechse gleich sich sehnend nach dörrender Hitze gelagert auf glühendem Stein und hinträumend der Tage Fluss und ewigen Wechsel geniessend … (Ha! Ich kann’s auch! Wusste ich noch gar nicht, ist aber gar nicht so schwer! Versuchts mal! Wär’ne nette  Abwechslung hier auf Manafonistas).

    Das kann man jetzt pathetisch schimpfen, aber dann wäre auch Homer pathetisch, in dessen Versmaß sich der Dichter hier einschwingt – aber hier versteht einer mit Worten zu malen und Bilder entstehen zu lassen – eine Fähigkeit die man heutzutage immer seltener findet. Oder ich hab bloss zuwenig Geduld zum Suchen.

    Einen Roman habe ich mir neulich gegriffen (nicht greifend aus eigenem Triebe doch viel mehr vom Gotte gelenkt), eigentlich wegen des Titels: Das etruskische Lächeln. Und die Abbildung erinnernd an den Kouros von Tenea aus der Münchner Glyptothek – eine Statue aus der archaischen Epoche Griechenlands, an Grabmalen aufgestellt und diese bewachend.

    Es gilt als das erste Lächeln in der bildenden Kunst und viele Kunsthistoriker haben sich damit beschäftigt warum in dieser Zeit die Bildwerke zu lächeln begannen. Es gibt auch banausige Zeitgenossen die das Lächeln als grenzdebil bezeichnen aber mir gefällt der Bursche, ein Lächeln das sich nicht um den Tod schert und ihn überdauert und transzendiert. Ich griff nach dem Buch und siehe da … sofort war ich drin. Den gleichnamigen Film – sehr frei nach dem Roman – kann man natürlich vergessen, ich hoffe der Dichter hat den Regisseur erfolgreich verklagt und gewonnen.

     
     

     
     

    Ein betagter Süditaliener, ehemaliger Widerstandskämpfer, seines Zeichens Landwirt und um Machotum nicht nur neigend sondern darin voll erblüht sieht sich gezwungen zu seinem Sohn nach Mailand zu ziehen um seine Krebserkrankung dort behandeln zu lassen.

    Und seinen neu geborenen Enkel kennenzulernen, in den er sich zusehends verliebt (ob das bei einem Mädchen auch so funktioniert hätte? Die Sucht der Italo-Machos nach dem figlio mio), während bei Sohn und Schwiegertochter so manche Reibungsfläche entsteht. Er lernt – krankheitsbedingt geschwächt und zur genitalen Sexualität nicht mehr fähig – die Macht einer körperlichen und leidenschaftlichen Liebe kennen, sowohl zu einer älteren Frau als auch zu dem Kind, das er jede Nacht stundenlang in den Armen hält.

    Wenn man an der Mann-Frau-Spaltung festhalten will, könnte man sagen, er wird in diesen Nächten zur Mutter und er geniesst es als letzte und vielleicht stärkste und erschütterndste Erfahrung eines absoluten Gefühls. Sein letzter Wunsch ist es vom Enkel erkannt zu werden und das Wort „Nonno“ von ihm zu hören. Und die beiden schaffen das, wobei der Dichter noch verschmitzt die Anmerkung plaziert, dass der Einjährige vielleicht einfach nur ein zweifaches italienisches Nein beim Anblick des Opas äussern wollte – dieser Sidekick bricht angenehm ein vielleicht am Ende sich doch einschleichen wollendes Pathos.

    Leider sind vom Autor bisher nur zwei Romane auf deutsch erschienen, nächste Woche wird hoffentlich Der Gesang der Sirenen bei mir eintrudeln. Was die wohl zu singen haben?  So künde, Sirene, mir, die einsam wandelt auf nördlichem Pfade vom südlichen Leben und seiner immer währenden Freude …

     

     


     
     

     

    Ja, freuen uns wir uns auch darüber, dass Taylor Swift mit ihrem seichten Supermarktgedudel über verflossene Lover so unglaublich viel Erfolg hat, dass ihre Empfehlung ernsthaft die nächste US-Präsidentschaftswahl beeinflussen könnte.

    (Lukas Wallraff, Taz)

     

    Der Wallraff hat es leider nicht gerafft.

    2024 27 Apr.

    Der Schatten des Objekts

    von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

     
     

    Replik zu: Das andere Mädchen

     

    Nachdem mir Anja dankenswerterweise das Buch (deutsch, weil mit dem Französisch haperts) mitgebracht hat, musste ich … mich zunächst mal überwinden. Über vierzig Jahre in einem Beruf, in dem man täglich Geschichten von Menschen über noch mehr Menschen erzählt bekommt, prädestinieren nicht gerade zur abendlichen Einverleibung zu noch mehr Geschichten von und über Menschen. Da brauchts eher etwas Menschenleere oder die wohltuende Distanziertheit und Steuerbarkeit eines Fernsehgeräts, das nicht beleidigt ist, wenn man es ausknipst.

    Irgendwann ist die kritische Masse eben erreicht. Viele Kollegen meiner Zunft geben an, sich abends ausgesaugt zu fühlen, ich fühle mich eher wie eine genudelte Gans – zuviel Abfüllung mit Fremdschicksalen, zuwenig Raum für Eigenes. Belletristik hat von daher eine recht geringe Chance, von mir genossen zu werden und mein Sympathie-Radar endet bei Böll, Mann, Frisch und danach fällt mir recht wenig ein, was mich noch zu fesseln verstanden hätte. Dann lieber Sachbücher.

    Nun ist die Themenwahl von Ernaux eine durchaus attraktive und auch in meinem Fachgebiet oft anzutreffende: Leerräume in Familien, Delegationen und Funktionalisierungen, Rollenzuweisungen und Überlebensschuld, wer muss gehen, damit jemand kommen darf und was ist das alles überhaupt für eine grausame Mathematik, die Leben gegen Leben aufrechnet und wer hat uns dergleichen implantiert?

    Der umstrittene Therapeut Bert Hellinger – Friede seiner Asche – pflegte seine Seminarteilnehmer ihre Familien mithilfe anderer Teilnehmer topisch in den Raum stellen zu lassen und entdeckte dabei oft Leerräume, die auf das gesamte Familiensystem einzuwirken schienen, meistens nicht zum Guten. Einer Freundin, die auch durch eine Leere überrascht wurde, riet er, ihren Vater zu fragen, was er verheimlicht hatte und in der Tat fand sich ein ausserehelich gezeugter und verschwiegener Bruder, der sich sehr freute, seine Schwester endlich kennenzulernen.

    Leerstellen sind scheinbar höchst kraftvolle und dynamische Wesenheiten, die in unser Befinden eingreifen und wenn man sich selbst in eine derart aufgestellte Gruppe hineinstellen lässt, beginnen tatsächlich Kräfte an einem zu zerren, die man „ichfremd“ erlebt. Das machte das Buch für mich schon mal interessant. Der Mensch mit seinem horror vacui kommt von Leerstellen nicht los, hier sitzt ja auch die Wurzel von Süchten. Und Leere kaschiert auch oft die Anwesenheit von etwas ganz Anderem und wenn ein Patient berichtet, ihm falle heute nichts ein, kann man sich auf eine sehr bewegte Stunde gefasst machen.

    Die von Anja beschriebene kraftvolle Sprache konnte ich zunächst nicht entdecken – klar, Übersetzung – ich fand sie kurz, knapp, Situationen und Sachverhalte beschreibend, stakkatoartig, fast wie aus einem imaginären Gewehr abgeschossen, Telegrammstil, ein Warten meinerseits darauf, dass es besser wird. Aber wie besser?

    Ich möchte hineingezogen werden in ein Buch, nicht nebenher laufen oder beobachten. Dann nach exakt 54 Seiten, also ziemlich mittig – ein Kipphänomen – Gefühle, Sätze die wirken, Ahnbarkeit von Zorn und Verzweiflung, Sätze – fast für die Ewigkeit, Anja hat ein paar davon zitiert. Ein direktes Ansprechen der verschwundenen und ausgelöschten Schwester und der Versuch, irgendeine Beziehung zu ihr zu formen, zur ewigen Einseitigkeit verurteilt, denn sie antwortet nicht. Das Lesen wird qualvoll, hier versucht sich jemand an einer unlösbaren Aufgabe, jemand Verschwundenen zu entdecken, weil er ihm sein Dasein verdankt. Und wie kann man Schuld empfinden, wenn man sie bereits reichlich verbüsst hat durch lebenslängliches Ersatz-Sein für einen viel Besseren und Liebenswerteren?

    Die Psychotherapie würde die Lösung anbieten: Abgrenzung vom gesamten System und Entdecken der eigenen Identität – das heisst auch Verzicht auf nichterfüllte Liebeswünsche an die Eltern – das ist verdammte Knochenarbeit und schaffen viele nicht – vielleicht ist es auch gar nicht zu schaffen. Vielleicht ist der Brief an die Schwester der falsche Kampfschauplatz und das wirklich traumatisierende Geschehen ist die Zuneigungsleere der Eltern zur Tochter, die nicht ihren Normen entspricht.

    Dann operiert man nicht am, sondern neben dem Krankheitsgeschehen. Wie die Autorin ist auch das Buch halb tot und halb lebendig, halb sich selbst originär erspürend und halb durch den Schatten einer Toten definiert und begrenzt. Ein gespaltenes Buch. Insgesamt ein interessantes, sprödes und intellektuelles Werk, das teilweise von Verbitterung zeugt und mich emotional aber nicht wirklich erreicht. Wenn ich es mit einem einzigen Wort beschreiben müsste wäre es: Hart.Mit einem Satz: Ein kristallin erstarrter Zorn und eine kristalline Traurigkeit, an deren Spitzen man sich ritzt und die nicht ins Fliessen kommen kann und mich nicht erreicht. Ich kann über das Buch nachdenken, spüren tue ich dabei nichts.

     

    2024 26 Apr.

    Nicht im Portfolio

    von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 14 Comments

     

    Vielleicht kennen Sie das, verehrte Leserin: Sie finden etwas eigentlich gar nicht gut und haben Ihre Meinung dazu schon fest installiert im Portfolio Ihrer Ich-Präsentation („Ich meine, also bin ich“) und dann das – Sie finden es dann plötzlich doch gut. Skandal im Sperrbezirk. So ging es mir gestern mit einem Videoclip von Mark Knopfler. Dachte ich kürzlich noch „Wie langweilig ist das denn!“, so bewunderte ich nun einen alten Hasen, der auf liebevolle Weise seine Stratocaster streichelt, mit einer zurückgenommenen Saturiertheit, die so gar nicht passen will zum exhaltierten Rock-Business, vielmehr ein Loblied singt auf Trance-induzierte Reduktion. Man findet derlei auch auf dem neuen Album von Taylor Swift: feine Texturen, in denen Country & Western mit anderen Gangarten ein Crossover bildet. Gepflegte Gärten, in denen es hier und da geschmackvoll wuchert.

     

     

     
     

    … und zu Burgern …

     
     

     

    Zu Annie Ernaux: L’autre fille –

    Nil Edition, Paris 2011, 78 pages;

    in der deutschen Übersetzung: Das andere Mädchen, Suhrkamp Berlin 2022, 74 Seiten

     
     

     
     

    Vor einigen Jahren, 2011, um genau zu sein, bat ich eine französische Freundin, sich doch in einer von uns beiden geschätzten Buchhandlung über die Neuerscheinungen beraten zu lassen und mir einige davon zu schicken, ich war aus der Übung gekommen mit der französischen Sprache und wollte wieder darin lesen. In ihrem Paket befand sich unter anderem ein dünnes Bändchen: Annie Ernaux, L’autre fille.

     
     

     
     

    Die anderen Bücher las ich nur an, bei diesem Buch aber blieb ich hängen, las es teils erschreckt, teils staunend beinahe in einem Zug durch. Die Sprache kam mir entgegnen, auch wenn ich nicht jedes Wort kannte. Rhythmus und Bau der Sätze erlauben ein emotionales Erfassen. Scharf gezeichnete Szenen entstanden schlagartig, wie einst durch Belichtung in der fotografischen Dunkelkammer, prägten sich ein.

    Beim Wiederlesen, sowohl der französischen als auch der erst 2022 erschienenen deutschen Fassung, kommt mir Annie Ernaux’ Wortwahl stellenweise roh vor – oder fügt sich dieses Rohe im Französischen selbstverständlicher in die gehobene Umgangssprache ein, welche die Autorin benutzt? Vielleicht kann ich roh noch genauer als „nahe an der Materialität der Bedeutung“ beschreiben, Annie Ernaux gibt an: „quand j’écris, je ne vois pas les mots, je vois les choses/ wenn ich schreibe, sehe ich nicht die Wörter, ich sehe die Dinge“ (Annie Ernaux, L’écriture comme un couteau, Entretien avec Frédéric-Yves Jeannet, eigene Übersetzung). In L’autre fille lese ich: „me lancer en pleine visage“ könnte man kraftvoll mit „mir voll ins Gesicht klatschen/ schleudern“ übersetzen, emotional trifft der Satz wie eine Ohrfeige – die deutsche Übersetzung gibt zurückhaltend wieder: „mir ins Gesicht zu sagen“, und fügt sich so in den Sprachduktus und Ton des übrigen Textes ein.

    Das Schweigen der ganzen Familie schützt die Autorin vor dem Satz, der infrage steht und den sie dann doch als 10-Jährige aufschnappt. Der die Erzählung in Gang setzt, ihr als roter Faden dient, der immer wieder auftaucht: „Elle était plus gentille que celle là/ Sie war viel lieber als die da.“ Ernaux ergänzt: „Celle là, c’est moi./ Die da, das bin ich.“ Die Autorin erfährt erst an diesem Sommersonntag von der zwei Jahre vor ihrer Geburt verstorbenen Schwester, die, wie sie im Laufe des Buches entfaltet, immer schon als eine Art Engel oder Heilige präsent war: „Et, naturellement, tu as dû rôder autour de moi, m_environner de ton absence dans la rumeur ouatée qui enveloppe les premières années d’arrivée au monde/ Natürlich musst du dich auch schon im Rauschen der ersten Lebensjahre verborgen haben, musst mich mit deiner Abwesenheit umgeben haben“. An diesem Tag jedoch begreift sie, der Bezug zu ihr selbst ist hergestellt. Damit zerreißt die Welt der Unschuld, der Kindheit – oder ist es umgekehrt: Weil die Kindheit sich neigt, schnappt die Autorin diesen Satz auf, gelangt er in seiner Bedeutung erst in ihr Bewusstsein?

    Ernaux rührt mit ihrer Erzählung an ein Tabu der Familie, bei der Beerdigung des Vaters direkt neben dem Grab der Schwester zeigt es sich auf absurde Weise: „Elle et moi nous avons feint de l’ignorer/ (die Mutter) und ich taten beide so, als könnten wir es (das Grab der Schwester) ignorieren“. Bis zum Lebensende der Eltern wechselt die Autorin mit ihnen kein Wort über die Schwester, die mit sechs Jahren an Diphterie stirbt, sieben Monate bevor die Impfung Pflicht wird, Annie Ernaux verankert das familiäre Vorkommnis in der Zeitgeschichte.

    Die Erzählung ist als Brief geschrieben, so sieht es die Reihe des Verlags NiL vor – Ernaux stellt klar: „cette fausse lettre – il n’y en a de vraies qu’adressées aux vivants/ dieses unechten Briefes – echte Briefe schreibt man nur an Lebende“ – Warum sie diesen Brief dennoch schreibt: „Peut-être j’ai voulu m’acquitter d’une dette imaginaire en te donnant à mon tour l’existence que ta mort m’a donnée/ Vielleicht wollte ich, indem ich dir eine Existenz gebe, nachdem dein Tod mir eine Existenz gegeben hat, eine imaginäre Schuld begleichen“, denn „je suis venue au monde parce que tu es morte et je t’ai remplacée/ ich wurde geboren, weil du gestorben warst. Ich habe dich ersetzt“ – Ernaux’ Eltern konnten sich nur ein einziges Kind leisten.

    Annie Ernaux nähert sich mit diesem Buch dem Schmerz der Eltern, dem verzweifelten Beten der Mutter, das sie als Kind so abstößt. Spürt Spuren der Schwester auf: die eigene Schultasche war von ihr, das Kinderbett aus Rosenholz, Fotos … Die Schwester hatte andere Eltern, noch jung und unbeschwert. Noch nicht von Krieg und Verlust gezeichnet, auf Fotos von 1945, Ernaux ist fünf Jahre alt, wirken sie ermattet, verhärmt. Im selben Jahr gerät auch die Autorin durch eine Tetanus-Infektion in Todesnähe, die Eltern sind außer sich, die Mutter sucht danach Trost in einer Wallfahrt nach Lourdes.

    Es geht Annie Ernaux, wie in ihren anderen Büchern auch, nicht darum, Anekdoten zu erzählen, auch nicht um die Mitteilung von Vertraulichem (siehe das Nachwort A jour in: Annie Ernaux, L’écriture comme un couteau, Entretien avec Frédéric-Yves Jeannet) – das Anekdotische dient wohl der Unterhaltung, das Geständnis der Entlastung von Schuldgefühlen, beides Motive für autofiktionale Bücher. Die französischen Literaturwissenschaftlern Philipp Lammers und Marcus Twellmann schreiben in ihrem Aufsatz l’autociobiografie, une forme itinérante, dass es besonders in Deutschland eine große Begeisterung für diese Stoffe der Echtheit gebe. Eine AutorIn gibt sich als GarantIn und wählt doch aus, am Dokumentarfilm kann man diese Positionierung am augenfälligsten beschreiben: Mit der Auswahl des Bildausschnitts, der Kameraführung und dem späteren Schnitt wird auch die Botschaft gelenkt. AutorInnenschaft bedeutet Subjektivität, Annie Ernaux versucht, diese zu ent-individualisieren, von der Frage Ging es anderen Menschen in ähnlichen Verhältnissen zu dieser Zeit auch so? aus zu operieren, in ihrem Fall: Der gesellschaftliche Mikrokosmos eines französischen Kleinstadtviertels, mit den Augen der Krämerladen-Familie gesehen. 

     


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