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2024 13 Mrz

Hören & Fahren

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Frauen sollten ein Verhältnis zur Wirklichkeit pflegen, schreibt Virginia Woolf 1929 in „Ein Zimmer für sich allein“, ich horche auf die Stimme von Erika Pluhar, die mir den viel zitierten Aufsatz nahebringt. Mit dieser Aufforderung zu eigenständigem Denken schließt die Autorin, nachdem sie zuvor ausführt, was zu- und was abträglich ist für einen freien Geist.

Später fällt mir auf, dass Weltfrauentag ist, während ich dem Vortrag lausche und mein Automobil in Richtung Süden steuere, unablässig streift der Blick den grauen Bandwurm von Autobahn entlang. Fast 100 Jahre ist es her, dass Frau Woolf gute Literatur daran misst, ob sie ein Feuerwerk an Gedanken auslöst oder weitere Einfälle erstickt: Mit solchen in eine Erzählung eingebundenen Hinsichten ist es eine wirklich muntere Fahrt geworden.

 

 

Wieder setzt er an, rasch müssen seine Finger die Tasten aufwärts klettern. Aber dieser verflixte kleine Finger an der rechten Hand macht nicht mit. Verhaspelt sich, kommt nicht auf die Tasten hinunter. Get your kicks: Er hat gute Lust, dieses sch-verf-Klavier mit seiner Fußspitze zu traktieren, es ist so verdammt schwergängig. Stellt sich ihm in den Weg. Was ist nur los: Fingerabspreizen und ähnliche Geziertheiten passen doch überhaupt nicht zu ihm … !

Wenn andere das spielen, klingt es so locker und leicht. So beschwingt. Als ob sich da keiner so recht Mühe zu geben bräuchte, wie um ihn noch extra zu ärgern. Er hat sich das Stück ein paar Male angehört, ja gut, das Tempo schafft er noch nicht, das fordert seinen Ehrgeiz. Mit der Zeit würde er das aber schon knacken. Nur der Rhythmus: Bei ihm klingt es so sperrig, dass es ihn regelrecht schüttelt! Probehalber stemmt er seine Fußspitze nun doch gegen das lackierte Holz des Instruments: Ihr redet euch leicht, ihr Alten, einsame Weiten auf einem kultigen Highway durchqueren, Strecken, die heutzutage garantiert vom Verkehr verstopft sind, und die Inspiration fliegt euch nur so zu! –

Sowas fängt er sich aber gar nicht erst an, die sowieso schon von den Landkarten getilgte Route 66 gen Westen fahren – Und dann womöglich auch noch als Klimaschwein beschimpft werden: Leider ist er überhaupt zu spät auf die Welt gekommen, ein Jammer! Weil auch schon seine Eltern zu spät dran waren und die Großeltern erst recht. Dafür hat er’s jetzt mit einem heutzutage zu tun, in dem es einfach schon alles gibt, was man musikalisch noch erfinden könnte – Und ihm bleibt bloß noch sich damit abzumühen, die Stücke einigermaßen gelungen nachzuspielen.

Missmutig lässt er den Kopf nach vorne sinken, kühlt seine Stirn an dem glatten Holz, das er eben noch hat malträtieren wollen. Wozu das Ganze eigentlich, er ist am Ende, auf den Hund gekommen, genial sind nur die anderen.

Er hievt seinen unwilligen oder unfähigen Körper, wie man’s eben nimmt, aufs Sofa daneben und schließt die Augen. Will einschlafen, alles vergessen, aber er hat keine Ruhe: Die Melodie des Stücks schält sich aus all den Geräuschen in seinem Kopf rücksichtslos heraus. Mit einer Bestimmtheit, die ihn aufrüttelt, darappbapbap-bapbapbamm! Darappbapbap-bapbapbamm! – Wie klingt das denn jetzt? Hat er das so schon einmal gehört? –

 

 

Auf wen warten diese Sachen? Soll hier jemand vorbeikommen, sich in einem der beiden Stühlen niederlassen, mit einer Flasche Wein, einem längst zu Ende gegangenen Fest nachtrauernd? Einer vielversprechenden Begegnung, bei der sie oder er zu wenig Eindruck oder auch Nachdruck gemacht hat?

Hier in Venedig, im trüben Licht eines italienischen Wintermittags, es ist nämlich der 31. Dezember, wird schwebender Staub im Halbschatten des schmutzigen Durchgangs sichtbar. Es geht ein leichter Luftzug, der den Aufenthalt unbequem macht.

Eher ist wohl ein Fest in Vorbereitung, hinten im prächtig geschmückten Garten, unter einer mit Planen verstärkten, beheizten Pergola, schließlich steht der Jahreswechsel bevor. Und erst mit den überzähligen Gästen, die doch wie immer nicht auf sich warten lassen werden, wird auf die schon beschädigten Stühle im Durchgang zurückgegriffen. Aber wer weiß: Vielleicht ist der Gastgeberin etwas zugestoßen, dem in Eile zusammengestellten Personal die Neujahrstorte zu Boden gestürzt, so dass die weiteren Vorbereitungen zur Feier stocken.

Hoffentlich hat niemand einen Herzanfall erlitten oder ist auf der Cremeschicht am Boden ausgerutscht und unglücklich mit dem Kopf angeschlagen, Festivitäten haben so ihre Tücken.

 

 

Zu Daniel Schreiber, „Allein“, Verlag Hanser Berlin, 160 Seiten

 

„Und wir vergessen“, notiert Daniel Schreiber, „vergessen, auch wenn wir es nicht wollen, wer wir einmal waren. Wir brauchen Menschen, die uns genau davor bewahren.“ (17) Ich blieb an diesem Satz hängen und dachte lange darüber nach, verdichtet er doch Haltung und Überzeugung des Buches. Stimmt die LeserInnen darauf ein, in welcher Weise der Autor sich uns zur Verfügung stellen, seine Erfahrungen als Messinstrument einsetzen wird, zur Analyse gesellschaftlicher Umstände, er verfolgt dabei ein ähnliches Anliegen wie einst Joan Didion. Dieses Buch kann ein so persönliches sein, weil es vor Verallgemeinerungen der verwässernden Sorte und jeglicher Wohlfühl-Rhetorik zurückschreckt, auch bei allen inneren Betrachtungen erstaunlich diskret bleibt. Uns nur mit Fragen behelligt, die den Autor selbst umtreiben. Und das doch kein pessimistisches ist, obwohl es uns auch einlädt, den eigenen „grausamen Optimismus“ (29, Lauren Berlant) aufzuspüren.

Eine ganz eigene Gefühlsmischung begleitete mich bei der Lektüre des Buches, im wesentlichen ein Mischung aus Dankbarkeit und Trauer, ich fand es tröstlich, verschiedene Spielarten von Unbehagen in so klare Worte gefasst zu lesen. Um dann schmerzhaft festzustellen, dass damit allein ja noch nicht viel anzufangen ist: Das erspart Daniel Schreiber uns LeserInnen nicht, wenn wir bereit sind, den Blick auf die Krisen unserer Zeit zu richten, zum Beispiel auf die „neoliberale Umverteilungsmaschine, die für viele der sozialen, ökonomischen und ökologischen Notlagen, verantwortlich war“ (132/133), dass „jene gefürchteten Kippmechanismen eingesetzt hatten, die dazu führen würden, dass die Erderwärmung mit ihren Extremwetterlagen (…) nicht mehr aufzuhalten war.“ (133). Der Blick darauf sollte uns bewusst machen, dass wir hinsichtlich dieses Planeten als Lebensgrundlage alle zusammen gehören, nicht ausweichen können. In politische Verhältnisse, in einen sozialgeschichtlichen und philosophischen Zusammenhang eingebunden sind, egal wie klug und differenziert wir uns dazu äußern.

Wichtigster Auslöser für Daniel Schreibers Betrachtungen in „Allein“ war offenbar die Corona-Pandemie: In der Isolation realisierte der Autor, dass seine Erzählungen und Fantasien über sich und sein Leben als „gutes“ nicht länger Bestand haben, er zitiert dazu das Konzept des „uneindeutigen Verlusts“ (79) der Psychologin Pauline Boss, ein Konzept, das Schreiber in der zweiten Hälfte des Buches immer wieder zur Veranschaulichung einsetzt, um der überzuckerten Beschwörung von Kontrolle und Selbstwirksamkeit in allen Belangen entgegen zu treten. Leben ist Vergänglichkeit und Ausgeliefertsein, an Umstände, die wir womöglich nicht beeinflussen können – als Gegenentwurf schildert Schreiber ganz zum Schluss des Buches die Pracht des Gartens von Derek Jarman, einem schwulen Maler und Filmemacher, einer kargen Landschaft und der eigenen Krankheit abgerungen.

Schonungslos könnte man zu Daniel Schreibers Buch sagen, aber vor allem ist es voller Mitgefühl, das – wie der Autor überzeugend argumentiert – bei der eigenen Person beginnt: Er traut uns LeserInnen selbst große Empathie zu, wendet sich an den Teil unserer seelischen und körperlichen Ausstattung, der uns alle verbindet: Sollten wir nicht mehr darauf schauen, anstatt auf die Unterschiede? Sind diese nicht viel unbedeutender angesichts der drängenden Aufgaben unserer Zeit? – So macht uns der Autor Toleranz vor und fordert sie nicht nur. Er zeigt aber auch, welche Spuren an Körper und Seele Stigmatisierung und Marginalisierung hinterlassen und wie ideologisch das Gerede vom „guten Leben“ tatsächlich ist: „Bezeichnenderweise schlägt keiner der wiederkehrenden Propheten des sozialen Niedergangs vor, den Kampf gegen Einsamkeit mit dem Kampf gegen Rassismus, Misogynie, Antisemitismus, Homo-, Trans- und Islamophobie zu beginnen, gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen, die in Armut leben, gegen all die strukturellen Phänomene der Ausgrenzung (…) Die Antwort (…) liegt fast immer in der Beschwörung der Magie der Kernfamilie.“ (62)

Im Prinzip führt uns das Buch ein umfassendes und vielstimmiges Miteinander vor: Schreiber lässt eine Vielzahl von GesellschaftswissenschaftlerInnen und EssayistInnen zu Wort kommen – die Literatur-Liste im Anhang ist lang und vor allem im amerikanischen Sprachraum verwurzelt. Daniel Schreiber macht seine Gedanken als Ergebnisse von zum Teil jahre- und jahrzehntelangen Gesprächen und Lektüren sichtbar und legt somit auch nahe, dass sich die existentiellsten Erfahrungen der Unverbundenheit wohl außersprachlich abspielen und auch in diese erste Zeit des Menschen zurückführen (so muss es nicht verwundern, dass während der Pandemie bei so vielen Menschen solcherart schwer zu ertragende Grunderfahrungen aufgebrochen sind).

Wir brauchen einander, auf die vielfältigste Weise, und sollten das nicht vergessen, ruft Daniel Schreiber uns zu: Die von vielen heißersehnte und -beschworene Unabhängigkeit ist in Wirklichkeit an Privilegien geknüpft, der Herkunft, der Hautfarbe, der Veranlagungen – Und wie erstrebenswert ist es denn wirklich, fragt der Autor, immerzu tun und lassen zu können, was man möchte? Um welchen Preis? In unser aller Köpfen steckt die Erzählung, dass zum gelingenden Leben eine Liebesbeziehung gehört, und es lauert die Scham – sollte man keine haben – mit einem Makel behaftet zu sein, zuallererst in uns selbst. Aber wie kann man als Alleinlebender lebendig bleiben, der „Trockenheit des Herzens“ (96, Roland Barthes) entgehen?

Daniel Schreiber behandelt seine LeserInnen wie gute FreundInnen, er bietet seine Gedanken und Erfahrungen als Projektionsfläche an, als zählte allein, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Ein Apfelbäumchen zu pflanzen zum Beispiel, denn der Autor ist offenbar ein großartiger Gärtner.

 


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