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Category: Gute Musik

2011 4 Mai

Jon Balke: Siwan

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Es begann alles damit, dass ich die CD in meinen Player schob, auf dem Weg zwischen Arrecife und El Golfo. 23 Grad, spät nachmittags, und dann kam ein einsames „Wow!!!“
aus meinem Mund, als die ersten zwei Stücke von Jon Balkes neuem Werk vorüber waren. Ich kenne die Musik des Pianisten schon lange, der früher bei „Masqualero“ spielte, später mit „Oslo 13“ Fusio Music und Nordafrikanisches aufregend mixte, und schliesslich mit seinem „Magnetic North Orchestra“ Wege aufzeigte, wie man Neue Musik, Jazz und Afrika ohne akademischen Kunstkrampf & Allerweltsklänge kombinierte.

SIWAN ist Jon Balkes abenteuerlicher Versuch, Parallelen hörbar zu machen zwischen Alter Musik aus Europa (Barock), al-andalusischen Traditionen (9. bis 15. Jahrhundert) und moderner Improvisationskunst. Dazu hat der 1955 geborene Pianist die idealen Spiel-gefährten an seiner Seite: den Trompeter Jon Hassell, den Violinisten Kheir Eddine M-Kachiche, den Trommler Helge Norbakken, ein norwegisches Ensemble mit versierten Kennern des Barock und – vor allem – die Sängerin Amina Alaoui aus Marokko!

Wie freigeistig die muslimische Kultur und Wissenschaft war, die in „Al-Andalous“ in gar nicht so grauer Vorzeit den Ton angab, kann man den alten Texten und Gedichten ablesen, welche die Grundlage bildeteten für diese Kompositionen. Jon Balke erinnert mit dieser Phantasie an eine Ära, die von der Inquistion gnadenlos verfolgt wurde – das „Ende vom Lied“ war, dass diese freizügige muslimische Geisteswelt (fernab der heute den Ton angebenden Fundamentalisten) heuzutage kaum noch erinnert wird. Dabei war ihr Einfluss, etwa auf die Renaissance, immens; die Bibliotheken von Cordoba horteten Wissenschätze ohnegleichen.

Wie sich auf SIWAN diese diversen Klangszenarien durchdringen, ist fabelhaft – die Musik bleibt stets melodisch, auch wenn sie ein Feuerwerk an rhythmischer Energie abfackelt oder einzelne feine Sphären ohne Eile auslotet. Die Wechselspiele zwischen der raumgreifenden Stimme der Marokkanerin und dem „Schlangenbeschwörer-Sound“ von Jon Hassell nehmen gefangen. Die Spiegelungen zwischen arabischen und barocken Figuren öffnen den Raum noch einen Spalt mehr. Seltsam genug, aber Jon Balke spielt nicht mit der postmodernen Trickkiste: SIWAN ist modern, alt, märchenhaft, verwirrend, überfliessend, transparent.

Als ich mit dem Wagen in El Golfo angekommen war – zuende gehört hatte ich die Musik
an diesen berüchtigten Vulkanklippen der Westküste Lanzarotes, deren Name mir gerade entfallen ist – nahm ich Platz im Fischrestaurant meines Vertrauens. Und dann passierte einer dieser sonderbaren Zufälle, wenn man die richtige Musik zur richtigen Zeit am richtigen Ort hört: ich las die beiliegenden Texte von SIWAN (die sowohl arabisch abgedruckt sind – viel Spass beim Volkshochschulkurs! – als auch auf englisch) und musste so sehr schmunzeln, als ich sich die Augen an folgende Zeilen hefteten:

“ A serene evening
We spent it drinking wine.
The sun, going down,
Lays its cheek against the earth, to rest … „

Nun, ich war allein, aber ein Glas Wein stand auf meinem Tisch, und die Sonne bereitete sich gerade auf ihren first-class-„westcoast“-Untergang vor. Ich blieb, bis es kühl wurde, stieg ins Auto und schob SIWAN ein. Die Musik funktioniert auch in Mitteleuropa,
habe ich später rausgefunden. Überall, wo „free spirits“ hausen … unglaublich gute Musik.

2011 30 Apr.

Nine Horses: Snow Borne Sorrow

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David Sylvian hat genau zwei perfekte Platten in seiner Post-Japan-Ära gemacht: Brilliant Trees und Secrets of the Beehive, beide bedeutend (seit „blemish“ sind die würfel neu gefallen). Ausgerechnet mit Snow Borne Sorrow nun tat ich mich Anfangs schwer. Es erschien mir zu perfekt und zu kalt abgemischt. Ich ließ es ganze vier Jahre lang links liegen, ohne es mir überhaupt richtig anzuhören. Dann aber stellte sich heraus, dass weder von Anderen noch von ihm selbst Adäquates nachkam und so widmete ich mich spät dann doch noch diesem Werk. Es kam, wie´s kommen musste: ich fand es plötzlich gut! Der Song „A History Of Holes“ bietet eine abgeklärte, aufgeräumte Rückschau auf ein bislang gelebtes Leben. „Atom And Cell“ führt mit seinem notorischen, minimalistischen Dreivierteltakt mitten hinein in die Materie. „Darkest Birds“ kann als Hommage gelten an alle Kreaturen, die sich in semi-depressiven Schattenregionen einrichten (müssen). Ihnen wäre mehr „Serotonin“ zu wünschen. Das Titelstück „Snow Borne Sorrow“ bietet diese experimentelle Vertracktheit, die Sylvians Kompositions- und Arrangierkunst deutlich von Seinesgleichen unterscheidet. Und zu guter letzt „The Day The Earth Stole Heaven“,  einer meiner  Favorite-Sylvian-Popsongs, nahezu pefekt (just a little sagging at „if you look at her sideways“). Die Riege der Musiker, die dem Meister des sophisticated-upperclass-songwriting hier zur Seite stehen, darf keinesfalls verschwiegen werden: allen voran Bruder Steve Jansen, dessen Drum-Kunst und Einfluß auf das sylvianische Gesamtkunstwerk nicht genug herausgehoben werden kann; Burnt Friedman; Keith Lowe, dessen satter Kontrabass an Danny Thompson erinnert; Stina Nordenstam; Ryuichi Sakamoto und Arve Hendriksen, um die wohl Wichtigsten zu nennen. Ja, dieses Album lässt sich heutzutage immer noch gut anhören und man kann nur hoffen, dass die neun Pferde erneut von der Koppel gelassen werden – someday, somehow.  

2011 25 Apr.

John Martyn: London Conversation

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Wenn diese Rezension einem Genius huldigt, dann völlig zu Recht: John Martyn,
leider unlängst im Alter von 60 Jahren verstorben, hat zeit seines Lebens (fast) nur
die Wertschätzung seiner Musikerkollegen und einer treu eingeschworenen Fangemeinde erfahren dürfen.

Während seine Karriere am Boden kleben blieb, schwang er sich zu Songperlen und Hymnen der angelsächsischen Popkultur empor. Im musikalischen Flug und Aderlaß der Emotionen mochte er exaltierter sein als seine Seelenverwandten der englischen Folk-Gilde, aber er manövrierte sich damit vielleicht zu sehr in die Position des Eigenbrötlers und Außenseiters.

Hier nun haben wir das Debüt von 1967 vor uns und es ist in seiner grün- schnäbeligen Abgeklärtheit nur mit dem jungen Bob Dylan zu vergleichen. Dessen „Don’t think twice…“ wird dann auch hier auf sehr berührende Weise vorgetragen. Zwei Traditionals werden noch intoniert, und schließlich überzeugen natürlich die wunderschönen, noch etwas verhalten dargebotenen Eigenkompositionen.

Fazit: Hier ist ein ganz Großer noch „klein“. Und wir ahnen bereits, daß unser Glück
noch 40 Jahre währen wird. Rest in Peace, John!

2011 22 Apr.

Steve Tibbetts: Natural Causes

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1 – Werke von Steve Tibbetts erscheinen in gehörigen Abständen; der Mann hat es nicht eilig. NATURAL CAUSES heisst der jüngste Streich, und in seiner In-Sich-Gekehrtheit erinnert er von ferne (zumindest im meditativen Gestus) an NORTHERN SONG, sein Debut auf dem Label ECM. Was Marc Anderson (Perkussion, Steel Drum, Gongs) und Steve Tibbetts (Gitarren, Piano, Kalmba, Bouzouki)zu Wege bringen, entstand damals ohne Overdubs in einem norwegischen Tonstudio an zweieinhalb Tagen – jetzt haben sie die vertraute Studiotechnologie in St. Paul benutzt, um in feinen Schichtungen musikalische Essenzen zu destillieren. Immer wieder schimmert da ein fernes Asien durch, selbst, wenn die Klänge einer Bouzouki, Kalimba und Steel Drum eher mit anderen Erdregionen assoziiert werden. Tibbetts hat lange Erfahrungen gesammelt, vor Ort.

2 – Rückblende: man nenne dies nicht Fusion Music und auch nicht Crossover. Die Musik des 1954 in Madison, Wisconsin, geborenen Steve Tibbetts erzählt vom Reisen. Mit sechs Jahren hatte Steve begonnen, die Ukulele zu erforschen, und griff zur akustischen Gitarre, sobald seine Hände sie fassen konnten. Später spielte er in Rockbands und richtete sich im Laufe der Zeit in St. Paul, Minnesota, ein eigenes Studio ein, das bald zum zweiten Instrument wurde – Klangmanipulationen gehörten zum Handwerk eines Musikers, der in seiner Jugend mal über Wochen Tomorrow Never Knows von den Beatles und Ege Bamyasi von Can hörte.

Der Globetrotter aus Passion hielt Abstand zu jedem drohenden Mainstream, vermied die mechanische Griffbrettartistik mancher Kollegen und kämpfte gegen den üblichen Etikettenschwindel: „Folkmusik vom Mars“ nannte ein Journalist sein Klanggebräu. Seine erste große Reise führte nur nach Oslo: Unter der Klangregie Manfred Eichers entstand die karge, leicht pulsierende Gelassenheitskunst von Northern Song. Seitdem mischte der Gitarrist die Höhen- und Breitengrade seiner Musik nach den Gesetzen des freien Falls von Mikadostäbchen und produzierte brillante Werke, mit Titeln wie Safe Journey (1984), Big Map Idea (1990) oder The Fall Of Us All (1994) – eine konstante Verletzung des Orientierungssinnes. Manchmal sind da Geräuschspuren der Fernstraßen um Minneapolis zu hören, der Rocky Mountains oder eines Mönchschors aus Tibet.

Fetzen eines fremden Alltags fanden sich Anfang der Nuller Jahre auch auf seiner CD A Man About A Horse, wenn beim Sampeln Natur- und Tierlaute zusammen mit den bronzenen Sounds von Gongs gespeichert werden (ECM 1814). Fasziniert ist Tibbetts von der Kebyar-Schule der Gamelan-Musik, ihren explosiven Attacken, kühnen Synkopen und verwickelten Läufen aus Blockakkorden. Bali, Indonesien und Nepal wurden bald zum ständigen Reiseziel. Er hört zu, wenn ein Einheimischer von den Geistern der Bäume spricht, und lässt sich vom endlosen Klingklang indonesischer Puppenspiele in den Schlaf wiegen. Kehrt Steve Tibbetts von seinen Reisen zurück, arbeitet er mit frei schwebenden Erinnerungen, nicht mit akustischen Abziehbildern. Asien wird hier zu einer Welt, von der ein später Jimi Hendrix geträumt haben könnte. Komplexe Texturen, die, allem Gitarrenfeuer, aller Perkussionsdichte und Basswucht zum Trotz, eine seltsam beglückende Klarheit verströmen – als könnte man der Musik beim Luftholen zuhören!

3 – Zurück zu NATURAL CAUSES. Hier klingt kaum etwas nach der tantrischen Ekstase von THE FALL OF US ALL oder A MAN ABOUT A HORSE. Hier bricht sich eine (so seltsam das klingen mag) vibrierende, durchdringende Ruhe Bahn, in vornehmlich akustischen Texturen. Lebendige Pulsschläge einer Musik, die eine fantastische Balance findet zwischen Stille und Klang und Rhythmus (abseits der Klischees, die hier immer gleich etwas Heiliges und Spirituelles ins Feld führen!). Was inspirierte Steve Tibbetts diesmal? Nun, es war (u.a.) das an die menschliche Stimme erinnernde Sarangi-Spiel eines virtuosen indischen Musikers. Tibbetts weiß, wie wenig Sinn es macht, solche asiatischen Klänge naiv oder haarklein in amerikanische Kontexte zu überführen – die fremde Welt darf ihre Fremdheit nicht einbüßen. Das Resultat ist ein Gewebe aus Orient und Okzident, wie man es selten zu hören bekommt. Aber auch solche Kunst führt ins Private, verweilt nicht bei abstrakten Landkartenideen. Zu der Zeit, als Tibbetts und Anderson an der Musik arbeiteten, war Steves Schwester schwer erkrankt, und die Famile spürte die Gegenwart des Todes. Man lebte in der Vorstelllung, eine geliebte Person bald zu Grabe tragen zu müssen. Und auch dieser Schmerz hat Eingang in diese leise intensive Musik gefunden. Nun, die Dinge nahmen eine Wendung zum Guten, aber etwas von dieser Zeit hat sich in den Zwischentönen niedergelassen, eine Art ungezwungene Einkehr und Nachdenklichkeit.

Wer die Stimme der brasilianischen Sängerin CéU mag, sich aber von den Niederungen der Pop-, HipHop- und Dub-gebundenen Songs zeitweilig lösen möchte – und sei es auch nur für einen Kurzurlaub -, der findet in den himmlischen Sphären freierer Musikformen ein ebenso frisches, vitales und bodenständiges Äquivalent.

Hier ist es Jen Shyu on vocals, die der esoterischen Musikmathematik des Altsaxophonisten Coleman und seinen „Five Elements“ ein sechstes Element hinzufügt. Die Emotionalität ihres virtuosen (Scat-)Gesanges macht diese Musik zugänglich und zu einem ausgesprochenen Hörvergnügen. Erinnerungen an Flora Purim kommen auf – oder an Gunter Hampels „Galaxy Dream Band“ mit Jeanne Lee. Auch Assoziationen etwa zu Theo Bleckmann und Ben Monder werden geweckt, zu den Buddies Greg Osby und Gary Thomas sowieso.

Die Aufnahmequalität und der Klang dieses Albums sind brilliant. Hier wird ein neuzeitlicher Standard erfüllt, der auch Highend-Herzen höher schlagen lässt. Es sind dies die famosen Begleitmusiker (Jonathan Finlayson on trumpet; Tim Albright on trombone), die ihren Beitrag dazu leisten, neben den ausgetüftelten Kompositionen (oder ist das etwa schon Programmiersprache?). Besonders auffällig und hörenswert ist das knackige Rhythmus-gefüge von Drums (Tyshawn Sorey) und Bass (Thomas Morgan).

Der allseits gefeierte Pianist Vijay Iyer, seinerzeit Weg- und Bandgenosse Colemans, sieht den M-Base Veteranen auf Augenhöhe mit dem großen Coltrane. Die Musik ist allerdings sehr verschieden: einerseits spirituelle Emotion pur, andererseits konstruktivistische, vitale Coolness. Das ergänzt sich gut.

2011 20 Apr.

David Sylvian: Sleepwalkers

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Zunächst enttäuscht, dass „nur“ eine Kompilation größtenteils bekannter Titel vor-angekündigt wurde, entpuppt sich diese doch als lohnenswert. Und das liegt nicht nur an der bezaubernd unheimlichen Coverart der Künstlerin Kristamas Klousch. Die Zusammenstellung klingt in sich auch homogen. Immer wieder erstaunlich: die permanente Verbesserung der Soundqualität (Aufnahmetechnik/Remixing/Remastering) und das feine Gespür des Herrn Sylvian für Klänge und Ästhetik. Un cadavre exquisit? Non, mais plutôt: guter (alter) Wein in edleren Schläuchen. À votre santé !

Dissapointed first, for „only“ a compilation of mainly yet published songs was advertised, it though turned out to be worthy – and this is not only because of the charming, scary coverart of Ms. Kristamas Klousch. This compilation sounds homogeneous as a whole. Time and again astonishing: the permanent improvement of soundscape qualities, as there are recording techniques (remixing/remastering) and the sampling – and last but not least Mr. Sylvian´s fine sense for sound and aestethics at all. Un cadavre exquisit? Non, mais plutôt: good (old) wine in even more precious wineskins. À votre santé !

Vom Stocken und Fließen der Lieder, so ließe sich das neue Album am besten beschreiben . TKOL setzt unbeirrbar den Weg fort, den KID A erstmalig formulierte: durchtriebene Songs mit vorzugsweise ungerader Rhythmik, sperrigem elektronischem Untergrund, undefinierbaren Gefühlslagen. Radiohead weigern sich, das Stadium der Gediegenheit zu erlangen. Die diversen Mitglieder gehen gerne mal solo: J. Greenwood (dessen akustische Gitarrenklänge, zusammen mit alten Can- Stücken, derzeit den Soundtrack einer Murakami-Verfilmung anreichern) und P. Selway (dessen letztjähriges Soloalabum mehr Nick Drake als Radiohead enthielt, und zu verzaubern wusste) finden aber immer wieder zurück zu Radiohead. Gut so.

Nach wie vor mit dabei ist der Produzent Nigel Godrich (der, das sei mal nebenbei bemerkt, das beste Paul McCartney-Album der letzten 20 Jahre produziert hat). Jetzt bringt er das Kunststück fertig, das vielleicht zugänglichste Album der Band mit so viel Finesse auszustatten, dass man beim x-ten Hören Sounds und Schichten entdeckt, die beim ersten Mal gewiss entgangen sind. Wie geschickt etwa im Eröffnungssong Bloom eine Jazzbläsereinlage (ein Hauch von Fela Kuti) tief gelegt wird, ist exzellent. Nigel Godrich ist ein Meister im Verbergen des Offensichtlichen: nichts erschöpft sich in oberflächlichen Effekten.

– I would shrink and I would disappear / I would slip into the groove / And cut me up. Thom Yorkes Stimme bleibt eine Bereicherung: mal treibt er die Selbstauflösung des Sängers voran, mit diversen Arten des Seufzens und und Summens, mal thront seine Stimme fast majestätisch über allemal unsicherem Boden: auch das ist Kunst, alles Pathos, kaum dass es sich andeutet, ins Leere laufen zu lassen, oder zumindest jedem Überschwang das triumphierende Moment zu entziehen.

Die Natur (als Unheimlichkeitsort, aber auch als Zuflucht) spielt eine Hauptrolle, ebenso das durch weite Räume driftende Ich. – There is an empty space inside my heart, / Where the weeds take root (Lotus Flower). Die Geographie ist unklar, auch die Emotion des Sängers: ein irritierendes, zugleich faszinierendes Pendeln zwischen Urängsten und Sehnsuchtsstoffen. Die karge Lyrik bereichert widerspenstige Lieder: – Good morning Mr. Magpie / How are we today? / Nou you have stolen all the magic / Took my melody, heisst es einmal. Und es ist die Aufgabe des Hörers, diese Magie (in all ihren schönen Verstecken) neu ausfindig zu machen.

2011 10 Apr.

Joanna Newsom: Have One On Me

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Wer erinnert sich nicht an die erste Begegnung mit Joanna Newsoms Stimme!?
Ein wenig schrill und kindlich-naiv klang sie auf ihrem Debut THE MILK-EYED MENDER (2004). Kurze Songs mit Harfe, die verzücken, aber auch irritieren konnten. Fasziniert war man von der emotionalen Direktheit dieser Musik, und bald suchten Kritiker dafür nach den richtigen Wörtern und Referenzen. Auf einmal schien da wieder ein seltenes helltönendes Original (wie Björk, und davor Kate Bush) neue Räume zu erkunden. Die Independant-Szene hatte eine neue, schräg singende Heldin mit Pippi Langstrumpf-Flair, aber insgeheim fragte man sich schon, ob der Zauber beim nächsten Mal noch wirken würde.

YS (2006) ließ alle Befürchtungen zerbröseln. Auf einmal begegneten uns phantastisch ausufernde Lieder, jenseits der Regeln für Strophe und Refrain. Mit den ausgefeilten Produktionstechniken von Jim O Rourke und Steve Albini sowie raumgreifenden Violinen und Violas von Altmeister Van Dyke Parks entstand ein überragendes Werk. Als vielen dämmerte, daß YS rasch Klassiker-Status erlangen würde, stand die Frage im Raum,
ob das denn nun der Gipfel war, und ob allmählich alle Exzentrik einer sanfteren Gang-
und Sangesart weichen würde.

HAVE ONE ON ME ist nicht nur ein simpler Trinkspruch (und eine sexuelle Anspielung),
es ist auch die Fortsetzung des Zaubers mit neuen, nie ganz greifbaren Rezepturen,
in einem Werk, in dem Momente der Trunkenheit in allen möglichen Formen (Sex, Liebe, Umnachtung etc.) reich gesät sind. Es gibt in diesem Dreifach-Album die kurzen, nur von der Harfe begleiteten Lieder (auf einigen Songs wechselt sie zum Klavier); es gibt die langen Songgebilde, die zwar beim ersten Hören geradliniger daherkommen als beim Vorgänger, aber dann doch eigenartige Wendungen und Kurven einschlagen.

Die Lieder beginnen oft spartanisch, und dann wird ihnen gutes altes Cinemascope eingehaucht. Der Gitarrist und Tambura-Spieler Ryan Francesconi arrangierte viele Parts mit Holzbläsern und Streichern. Einiges hört sich exotisch an, neben der Tambura etwa
die Kaval, die ebenfalls aus dem Osten Europas kommt. Auch die Kora, eine 21-saitige Harfe aus Mali, darf zum Duett mit Newsoms europäischer Harfe aufspielen (außer Frage steht, daß Joanna Newsom die archaische Koramusik eines Toumani Diabate sehr schätzt und diese in ihrem Studium nicht minder intensiv studierte wie die weltoffene Klassische Musik eines Claude Debussy – subtil fließen hier Klangspuren des Impressionisten ein). Solche Duftnoten anderer Kulturen hinterlassen häufig einen schalen Nachgeschmack –
bei dieser Jägerin alter spirits und vibes passen sie bestens zu den Roots-haltigen Banjo-Sounds und anderen Schwingungen eines lang vergangenen Amerika!

Und die Themen der Songs? Die Texte von Ms. Newsom können durchaus mal Schwindel erzeugen (manch kryptische Bilder entziehen sich einer schnellen Deutung), dann wieder ist der Wortwitz scharfzüngig, und die gute alte Tante Liebeslied um einige hinreißende Zeilen bereichert! – I regret how i said to you, Honey, just open your heart, when I have got trouble even opening a honey jar. Vieles dreht sich ums Verbandeln und Entbandeln,
um die Balance von In-Sich-Ruhen und Außer-Sich-Sein. Dazu gesellt sich ein On-The Road-Gefühl, das Sich-Treiben-Lassen, das Zurückkommen zu den Wurzeln.

Manches davon macht sich eine wunderlich alte Sprache zunutze, die den Straßenstaub gar nicht erst abschütteln muß. HAVE ONE ON ME mischt Autobiographisches, Fiktives und Mythisches in einer Perfektion, die an einen gewissen Herrn Dylan erinnert. Kein Wunder, daß sie zu ihren Lieblingsautoren Carson McCullers und William Faulkner zählt (nehmen Sie sich mal bei Lust und Laune die Neuübersetzung von Faulkners LICHT IM AUGUST vor,
oder John Steinbecks FRÜCHTE DES ZORNS, und Sie erfahren mehr darüber, welche Quellen die Lady auf HAVE ONE ON ME u.a. anzapft, als von diesem ganzen Elfenquatsch, der ihr angedichtet wird!)

Songweise wirkt das so, als habe Joanna Newsom vor sich hin fabuliert, an entlegenen Orten, in Bildern, die Traumszenen beschwören und sich auf manche Dunkelheit einlassen. Das Herz bleibt ein einsamer Jäger. (Kleine Fußnote nebenher – Newsom war eine Zeitlang zusammen mit Bill Callahan (aka Smog); da muß sie auch Muse gewesen sein, denn manche von YS abstrahlende Streicherklänge inspirierten sein letztjähriges Klasse-Album I WISH WE WERE AN EAGLE. Und auch die Alben von Smog sind ja, man denke an die Highlights,
RED APPLE FALLS und KNOCK KNOCK, wundervoll knorrige Zeugnisse des Driftens und
Nie-Ankommens und Zurücksehnens – Sie kennen dieses Platten nicht? Bitte nachholen!).

Die Stimme ist über die Jahre anders geworden, hat sich entwickelt, findet – buchstäblich – etwas tiefer gelegte Räume (kurze Kiekser gibts trotzdem noch). Erste Kritiken ziehen (was die Anmutung des Gesangs und die Schwingungen leicht gospeliger Momente angeht), Vergleiche zu Nina Simone, Laura Nyro und Joni Mitchell (da wäre beim ersten Album keiner drauf gekommen!). Bei HAVE ONE ON ME bleibt alles in Bewegung, in allerfeinsten Texturen. Auch wenn der Kelch einiger Lieder hier und da überfließt (have one on me, Joanna, cheers), ist das Werk erstaunlich formbewußt. Durchgearbeitet. Durchdacht. Der Zauber nimmt stets neue Formen an, und eine Formel dafür ist, zum Glück, nicht abrufbar!

Michael Engelbrecht

2011 10 Apr.

Bill Callahan: Apocalypse

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Manchmal mache ich mir einen Spass daraus, wenn ich einen Western sehe, an der Farbe des Himmels sein Erscheinungsjahr zu erraten. Die frühen Formen von Cinemascope haben nämlich bestimmte Einfärbungen und Eintrübungen. Der Himmel auf dem Cover von APOCALYPSE eröffnet schon mal eine Perspektive. Bill Callahan reitet wieder. Verkörperte Clint Eastwood nicht auch mal einen Charakter namens Callahan!? Hier aber gehört die akustische Gitarre zum Gepäck, die Fiedel, die Snare-Drum. Und da jeder Song neues Territorium erschliesst, gesellen sich andere Klangfarben dazu, mal jazzig angehauchte Flöten, mal dezente Wurlitzer-Orgel-Tupfer.

Ein Sänger sitzt in einem verblichenen Hotelzimmer, wie eine Gestalt aus einem Edward Hopper-Bild, ein stumm gestellter flackernder Fernseher, ein paar dunkle Träume winken nach dem Schlaftrunk. Zum Glück ist das Trostose nicht immer trostlos. Es gelingt unserm Troubadour ähnlich Wundervolles wie auf dem vielgerühmten Vorgänger SOMETIMES I WISH WE WERE AN EAGLE. Der neue Titel verheisst Schrecken, doch die Beobachtungen der Baritonstimme bleiben lakonisch, reflektierend, stoisch – und der leise Humor ist von angenehm schwarzer Art!

Natürlich ist Bill Callahan immer schon ein Abgrundforscher gewesen (wie sein Landsmann John Darnielle von den falbelhaften Mountain Goats), aber mindestens ebenso wichtig sind ihm die aufregenden Wege aus selbstgewählten Gefängnissen hinaus. Im letzten Song (ONE FINE MORNING) scheint sich gar das gute Gefühl eines Ritts in die Morgensonne auszubreiten. Bill Callahan spielt mit Mythen, und er mag die großen weiten Prairien seiner Heimat: – Die Landschaft ist so leer und mächtig, Menschen, die dort auftauchen, geraten automatisch in den Fokus, weil nicht viel um sie herum ist, erzählte er jüngst – und es stimmt, man denke an einzelne Szenen aus Western alter Schule von John Ford.

Ein paar Schlüsselverse belegen den trockenen Witz dieses (hier passt das Wort mal richtig gut!) Songschmiedes: – One thing about this wild, wild country / it takes a strong strong / it breaks a strong strong mind / and anything less makes me feel like I-m wasting my time (Eine Sache hat es mit diesem wilden, wilden Land auf sich: es erfordert einen starken, starken, es bricht einen starken starken Geist; und alles, was darunter liegt, fühlt sich für mich an wie verschwendete Zeit!)

Bill Callahan ist ein Drifter, ein Streunender, und dass die Räume seiner Kindheit ihre Dämmerung behalten haben, zeigte schon sein frühes Meisterwerk RED APPLE FALLS, das er noch unter dem Namen Smog aufnahm. Und wie schon auf seinen anderen beiden überragenden Smog-Alben, KNOCK KNOCK und A RIVER AIN-T TOO MUCH TO LOVE (letzteres ein absolutes Lieblingsalbum des Ex-Go-Betweens Robert Forster), gingen die Reisen von Callahan meist ins Hinterland, suchten das Weite, die Orte, wo Blicke sich verlangsamen und dehnen können. Da hilft es auch, mal mit dem Boot aufs offene Meer zu treiben – und den eigenen Untergang knochentrocken zu kommentieren: The boat burned as well / Hm! / And the punk and the lunk and the drunk and the skunk and the hunk and the monk in me all sunk.

Ein Abstecher führt nach Australien, da läuft in einer Flimmerkiste die David Letterman-Show, und unser bärbeissiger Poet besingt mit grotesk anmutendem Witz das grosse und goldene Amerika, bestückt eine Schattentarmee mit Captain Kris Kristoffersen, Sgt. Johnny Cash und anderen Geistern aus dem Tower of Song, reimt Afghanistan und Vietnam auf Native American: bitterer Sarkasmus, und doch ist der Amerikanische Traum nicht ganz totzukriegen. Die E-Gitarren zündeln Feuer am Wegesrand. Ein messerscharfer politischer Song mit einem Minimum an Analyse. Unser weltverlorener Cowboy mag es gerne skelettiert.

Seit er sich auf Platten Bill Callahan nennt, ist der Grundton etwas wärmer geworden, die Melodien eine Spur einschmeichelnder, und doch hat die Musik nichts von ihrer archaischen Kraft eingebüßt. APOCALYPSE ist eine Musik, deren diversen Abzweigungen man genau folgen muss, um die Spur nicht zu verlieren. Karg und expressiv geht es zu, selten rollen Rhythmen längere Zeit im Gleichmaß. Hier seufzt und grummelt und schnauft und singt und murmelt sich einer durch die Verslandschaft, dass es eine wahre Pracht ist, wieviele richtige falsche Töne er dabei noch trifft. Bleibt, zum Schluss, noch die Farbe des Himmels in diesen Liedern zu klären: alles ganz alte Töne, eine fein wuchernde Patina, das meiste nachgedunkelt – und vollkommen zeitlos! Michael Engelbrecht


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