Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Du durchsuchst gerade das Archiv des Tags ‘Callahan’.

Archiv: Callahan

Manchmal mag ich es, die Welt eines andern zu verfolgen, z. B. anhand einer Fotoserie. Diese Orte, an denen ich nie weilte, sind diesem Fremden gewiss ans Herz gewachsen. Mindestens für den Moment, in dem er sie ablichtete. Man muss auch nicht immer bei Sonnenuntergängen und Regenbögen an Kitsch denken. Diese unspektakuläre Bilderreihe hat mir besonders gefallen (das Liebespaar darin hat sich sehr dezent porträtiert) – und da der Fotomacher  dazu Bill Callahans „Riding for the Feeling“ laufen lässt, gehen mir die Bilder noch viel näher. Denn hier nimmt man gleichsam auch Abschied, von Orten, an denen man nie war, an denen man kaum je sein wird.

 

“Es ist nie einfach, Goodbye zu sagen zu den Gesichtern / So selten sehen wir einander / so nah und so long / Ich fragte den Raum: habe ich genug gesagt / Niemand antwortete wirklich / Sie sagten nur: geh nicht, geh nicht / All dieses Fortgehen hört niemals auf / ich hoffte auf eine weitere Frage / oder auf jemanden, der sagt: wer denkst, wer du bist? / Sodass ich es ihnen sagen könnte  / Mit der Intensität, mit der sich ein Tropfen gesetzmässig verflüchtigt, ist, insgesamt, Fortgehen leicht, wenn du einen Ort hast, an dem du verweilen kannst. / Vor dem stummgestellten Fernseher / höre ich, auf dem Hotelbett alte Kassetten / meine, meine, meine Apokalypse / Mir wurde klar, wie wenig ich gesagt hatte über Wellen oder Räder / oder darüber zur reiten für das Gefühl / Reiten für das Gefühl ist die schnellste Art, die Küste zu erreichen / Was, wenn ich dort, am Ende gestanden hätte und wieder und wieder gesagt hätte / Reiten für das Gefühl / Reiten für das Gefühl / Reiten für das Gefühl / wäre das ein angemessenes Goodbye gewesen?“

2011 10 Apr

Bill Callahan: Apocalypse

| Abgelegt unter: Gute Musik,Musik aus 2011 | RSS 2.0 | TB | Tags:  Kommentare geschlossen

Manchmal mache ich mir einen Spass daraus, wenn ich einen Western sehe, an der Farbe des Himmels sein Erscheinungsjahr zu erraten. Die frühen Formen von Cinemascope haben nämlich bestimmte Einfärbungen und Eintrübungen. Der Himmel auf dem Cover von APOCALYPSE eröffnet schon mal eine Perspektive. Bill Callahan reitet wieder. Verkörperte Clint Eastwood nicht auch mal einen Charakter namens Callahan!? Hier aber gehört die akustische Gitarre zum Gepäck, die Fiedel, die Snare-Drum. Und da jeder Song neues Territorium erschliesst, gesellen sich andere Klangfarben dazu, mal jazzig angehauchte Flöten, mal dezente Wurlitzer-Orgel-Tupfer.

Ein Sänger sitzt in einem verblichenen Hotelzimmer, wie eine Gestalt aus einem Edward Hopper-Bild, ein stumm gestellter flackernder Fernseher, ein paar dunkle Träume winken nach dem Schlaftrunk. Zum Glück ist das Trostose nicht immer trostlos. Es gelingt unserm Troubadour ähnlich Wundervolles wie auf dem vielgerühmten Vorgänger SOMETIMES I WISH WE WERE AN EAGLE. Der neue Titel verheisst Schrecken, doch die Beobachtungen der Baritonstimme bleiben lakonisch, reflektierend, stoisch – und der leise Humor ist von angenehm schwarzer Art!

Natürlich ist Bill Callahan immer schon ein Abgrundforscher gewesen (wie sein Landsmann John Darnielle von den falbelhaften Mountain Goats), aber mindestens ebenso wichtig sind ihm die aufregenden Wege aus selbstgewählten Gefängnissen hinaus. Im letzten Song (ONE FINE MORNING) scheint sich gar das gute Gefühl eines Ritts in die Morgensonne auszubreiten. Bill Callahan spielt mit Mythen, und er mag die großen weiten Prairien seiner Heimat: – Die Landschaft ist so leer und mächtig, Menschen, die dort auftauchen, geraten automatisch in den Fokus, weil nicht viel um sie herum ist, erzählte er jüngst – und es stimmt, man denke an einzelne Szenen aus Western alter Schule von John Ford.

Ein paar Schlüsselverse belegen den trockenen Witz dieses (hier passt das Wort mal richtig gut!) Songschmiedes: – One thing about this wild, wild country / it takes a strong strong / it breaks a strong strong mind / and anything less makes me feel like I-m wasting my time (Eine Sache hat es mit diesem wilden, wilden Land auf sich: es erfordert einen starken, starken, es bricht einen starken starken Geist; und alles, was darunter liegt, fühlt sich für mich an wie verschwendete Zeit!)

Bill Callahan ist ein Drifter, ein Streunender, und dass die Räume seiner Kindheit ihre Dämmerung behalten haben, zeigte schon sein frühes Meisterwerk RED APPLE FALLS, das er noch unter dem Namen Smog aufnahm. Und wie schon auf seinen anderen beiden überragenden Smog-Alben, KNOCK KNOCK und A RIVER AIN-T TOO MUCH TO LOVE (letzteres ein absolutes Lieblingsalbum des Ex-Go-Betweens Robert Forster), gingen die Reisen von Callahan meist ins Hinterland, suchten das Weite, die Orte, wo Blicke sich verlangsamen und dehnen können. Da hilft es auch, mal mit dem Boot aufs offene Meer zu treiben – und den eigenen Untergang knochentrocken zu kommentieren: The boat burned as well / Hm! / And the punk and the lunk and the drunk and the skunk and the hunk and the monk in me all sunk.

Ein Abstecher führt nach Australien, da läuft in einer Flimmerkiste die David Letterman-Show, und unser bärbeissiger Poet besingt mit grotesk anmutendem Witz das grosse und goldene Amerika, bestückt eine Schattentarmee mit Captain Kris Kristoffersen, Sgt. Johnny Cash und anderen Geistern aus dem Tower of Song, reimt Afghanistan und Vietnam auf Native American: bitterer Sarkasmus, und doch ist der Amerikanische Traum nicht ganz totzukriegen. Die E-Gitarren zündeln Feuer am Wegesrand. Ein messerscharfer politischer Song mit einem Minimum an Analyse. Unser weltverlorener Cowboy mag es gerne skelettiert.

Seit er sich auf Platten Bill Callahan nennt, ist der Grundton etwas wärmer geworden, die Melodien eine Spur einschmeichelnder, und doch hat die Musik nichts von ihrer archaischen Kraft eingebüßt. APOCALYPSE ist eine Musik, deren diversen Abzweigungen man genau folgen muss, um die Spur nicht zu verlieren. Karg und expressiv geht es zu, selten rollen Rhythmen längere Zeit im Gleichmaß. Hier seufzt und grummelt und schnauft und singt und murmelt sich einer durch die Verslandschaft, dass es eine wahre Pracht ist, wieviele richtige falsche Töne er dabei noch trifft. Bleibt, zum Schluss, noch die Farbe des Himmels in diesen Liedern zu klären: alles ganz alte Töne, eine fein wuchernde Patina, das meiste nachgedunkelt – und vollkommen zeitlos! Michael Engelbrecht


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz