… und ein ikonischer Blick …
on life, music etc beyond mainstream
2024 23 Mai
Ursula Mayr | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 5 Comments
Wer oder was blickt uns hier an?
Ein Ziegenbock? Der Teufel? Ein Hybridwesen – weder der einen noch der anderen Welt so ganz angehörig? Und wie wirkt der Blick auf uns? Wie der Blick eines Menschen, der sich noch an einen Vorsprung klammert, während die Beine schon den Halt über dem Abgrund verloren haben. Der noch nicht weiss, ob er sich festhalten will oder lieber loslässt, aber mit den Augen eine letzte Botschaft hinterlassen will. Eine kaum erträgliche Intensität, die fast schmerzt. Was würde er als letztes noch sagen wollen? Soll der Blick festhalten, wenn die Hände schon losgelassen haben? Er scheint sich in die Augen des anderen bohren zu wollen. Erst wenn ich gesehen werde, weiss ich dass ich bin. Erst wenn ich in einem anderen lebendig werde, weiss ich dass ich lebendig bin. Ein Fluch, den anderen so sehr zu brauchen.
Ein Blick wie ein Sprung in den anderen.
Quelle: Anonymer Maler, um 1926. Prinzhorn Sammlung „Bildnerei der Geisteskranken“, Heidelberg
2024 19 Mai
Ursula Mayr | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 9 Comments
Ein Diskurs über Aliens ist auch immer ein Diskurs über Fremdheit – im allerweitesten Sinn – und der Alien dann sozusagen die Inkarnation des Fremden: Er entstammt nicht der Erde, sieht anders aus, ernährt sich anders und verfügt über eine völlig andere Biologie und Chemie. Mit der Sprachverständigung hapert es auch immer gewaltig. (Und – unschwer zu bemerken – anscheinend ist er immer männlich). Von daher ist er für uns schwer lesbar und an der Freundlichkeit seiner Gesinnung könnten zu Recht auch einige Zweifel bestehen.
Damit bildet er reichlich Freiraum für Projektionen, zu denen der Mensch greift, wenn er einer leeren Fläche begegnet und damit nun einmal zwangsläufig sich selbst – denn einen horror vacui tragen wir in uns – das Unbekannte darf nicht unbekannt bleiben, da füllen sich Hohlräume sofort mit Eigenem, das heisst es wird fröhlich drauflosprojiziert – dem Fremden und uns zum Schaden. Robinson meets Freitag und macht ihn sofort zu seinem Bediensteten nachdem er seine gesamte Verwandtschaft um die Ecke gebracht hat, ja so hätte mans gern, das war unsere Jugendliteratur. Im Horrorgenre tummeln sich Halbwesen – halb Mensch, halb Tier, halb lebendig, halb tot (Werwölfe, Dämonen, Zombies) als Synthese von Mensch und Natur, im Sci-Fi haben wir es mit Mischwesen von Mensch und Technik zu tun.
Wann ist dieser Fremdling denn nun geboren? Zunächst war er ein Geschöpf der Literatur.
Jules Verne und Mary Shelley eröffneten den Reigen im frühen 19. Jahrhundert und Isaak Asimov im 20., die sich mit kühnen Erfindungen, künstlich geschaffenen Geschöpfen und ungewöhnlichen Reisen beschäftigten, sich aber freilich noch nicht in den Weltraum wagten.
Die Entwicklung des frühen Kinos und seiner technischen Potentiale ermöglichten aber bald, uns unsere kosmischen Mitbewohner auszudenken, wenn auch nur innerhalb eng gezogener Grenzen, die eine noch unentwickelte visuelle Technik setzte. Trotzdem gelang die Kreation einer neuen Bildsprache – wer kennt nicht die missgestimmte Mondscheibe der Brüder Lumière, der man 1902 eine Rakete ins Auge gerammt hatte? Womit die Raumfahrt bereits zu Anfang als grenzverletzende Aktion einer hybriden Menschheit andefiniert wäre, die niemand in Ruhe sein Leben leben lassen kann – und so wie es losgeht, geht’s bekanntlich ja auch immer weiter und meistens dann ins Auge.
Die Morphologie der Aliens bleibt über die folgenden Jahrzehnte hin relativ konstant und phantasiearm – echsenartige oder reptiloide Wesen oder gleich überhaupt Roboterblechmännchen. Beiden gemeinsam ist die Anmutung von Kälte und Härte – der Metallmantel des Roboters, der Schuppenpanzer der kaltblütlerischen Reptile und Insekten und in beiden Fällen ihre Unfähigkeit zum mimischen Ausdruck, den der Mensch nutzen könnte um sich zu orientieren und Beziehung herzustellen. Der fehlt hier, dergleichen assoziieren wir schnell mit Unmenschlichkeit im Sinne von Grausamkeit – als wäre alles Nichtmenschliche grausam – das wirklich Grausame daran sind dann aber eher unsere Zuschreibungen. Aliens sind folglich kalte, ungerührte, unangenehme Zeitgenossen, schwer bis gar nicht berechenbar und ein Grund für den Erdling sofort nach der Pistole zu tasten. Damit wäre die Arena erstmal bereitet.
Die Roboter – vor allem wenn sie in Massen auftreten – eignen sich daneben auch als Zerrbild des willenlosen und gesichtslosen Arbeitssklaven, ein Typus dem man dem Sowjetkommunismus zuordnete und womit Vermassung und Verlust der Individualität konnotiert wurde, der man aber andererseits in den eigenen Produktionsstätten des frühkapitalistischen Amerika wieder begegnete, auch beängstigende Entwicklungen und ein Beispiel dafür dass etwas prompt übers Kellerfenster wieder hereinkommt, wenn man es von weiland McCarthy zur Haustüre hinausschmeissen hat lassen. Kollektivbildende Ideologie macht was mit dem amerikanischen Einzelkämpferpionier, dem seine Unverwechselbarkeit heilig ist und der seine Probleme auch als Raumschiffkommandant gelegentlich noch gern mit einem Faustschlag löst – klar, seinen Neocortex hat er outgesourct und in Mr. Spock hineinverlagert als seine ständige externe Festplatte – der ist dann für intelligente Konfliktlösung zuständig – eine Spaltung der ein gewisser filmischer Charme durchaus eigen ist.
Und interessant, dass zu Pandemie-Zeiten die Theorie der Reptiloiden wieder fröhlich aufgekocht wurde, sogar Merkel wurde dahingehend verdächtigt – naja, warum auch grad die nicht? Jede globale Bedrohung kreiert ihre eigenen Aliens – ich bin gespannt was der Ukrainekrieg für Kinder zeitigt; die neueren Sci-Fi-Produktionen zeigen jedenfalls noch keine wesentlich neue Variante der Bedrohungsvielfalt, vielleicht kommts ja noch – ich werde berichten.
Von 1902 bis zur Post-Nine Eleven-Ära waren Entwicklungslinien der Alien-Thematik zu verfolgen, danach geht es in der Fülle der Produktionen zum Thema reichlich durcheinander, kaum möglich hier noch eine Struktur, einen spezifischen Bedrohungstypus zu sehen und gesellschaftliche Bezüge zu finden.
Die Ära, die diese Geschöpfe dann wirklich filmisch zum Leben erweckte, war die Zeit des Kalten Krieges: Die Welt war nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Sieg der Alliierten in zwei verfeindete Machtblöcke zerfallen, die sich fürchteten und fürs erste misstrauisch beäugten. Hinzukam die Entwicklung der Atombombe – die Menschheit besass nun das Potential den Planeten sogar mehrfach und in toto in die Luft zu sprengen. Dergleichen muss verdaut und verstoffwechselt werden wenn es einem nicht auf ewig im Magen liegenbleiben soll: Der amerikanische Science Fiction ist eine bunte Nummernrevue dieser Metaboliten.
In den Jahren 1940 bis 1960 wurden zahllose „Invasionsfilme“ gedreht: In Massen auftretende gesichtslose Aliens landeten in mehr oder weniger phantasievoll gestalteten Raumschiffen auf der Erde und bedrohten die Menschheit mit phallischen Waffen, aus denen tödliche Strahlen heraus ejakulierten – ein symbolisiertes, mörderisches und beängstigendes Bogenpinkeln der Grossmächte, das eine paranoide Grundstimmung erzeugte. In einem Hörspiel initiiert von Orson Welles „Der Krieg der Welten“, nach einem Roman gleichen Namens von H.G. Wells, gerieten Menschenmassen in Aufruhr und versuchten über die Highways zu flüchten, weil sie die Landung der Aliens in Form einer Live-Schaltung für Realität hielten. Die Cops hatten zu tun. Das war bereits 1938, als sich die Welt begann, auf Kriegshandlungen einzustimmen und Hitler in Österreich einmarschierte, in den Staaten der Kampf zwischen Republikanern und Demokraten erneut ausgefochten wurde, vermehrt jüdische Flüchtlinge immigrierten und Roosevelts Politik des New Deal und seiner Sozialreformen auch nicht bei allen Gefallen fand und auch die Stellung der farbigen Bevölkerung neu geregelt werden musste – wer über der gestalte Ängste vor letzteren etwas lernen möchte, gucke kurz in King Kong (1939) rein.
In den Jahren nach 1945 starteten beide Grossmächte ihre jeweiligen Weltraumprogramme. In diesen Jahren nahm die Zahl der gemeldeten UFO-Sichtungen in den Staaten zu, parallel dazu auch die Zahl der Invasionsfilme; das politische Feindbild scheint sich im kollektiven Unbewussten – ja, das gibt’s, da machste nix dran – endgültig mit dem Bild des exterristrischen Eindringlings legiert zu haben. Als Russland dann als erster 1957 den Sputnik in den Weltraum schickte, wurden in den Tagen danach der NASA 261 Ufosichtungen von wachsamen US-Bürgern gemeldet wobei somit eine ganze Nation am Rande der Kollektivpsychose stand, und das schafften die damals sogar noch, ohne den blonden Schreihals mit dem toten Frettchen auf dem Kopf.
Politische Feinde haben sich zu jeder Zeit im Kriegsfall nicht nur des fremden Bodens bemächtigt, sondern auch der Frauen, deren Körper zu allen Zeiten als willkommene Kriegsbeute umdefiniert und benutzt wurde – auch eine atavistische Möglichkeit die eigenen Gene weiter zu verstreuen, ein zweiter Sieg, der dem ersten noch nachgeschoben werden konnte als überdauernde Inbesitznahme – und so entstand eine dazugehörige erotische Ikonographie im sadomasochistischen Modus: Das Monster trägt in den Armen meist eine Frau, wahlweise ohnmächtig hingegeben und willenlos oder wild kreischend – die Figur hiess damals „screaming lady“, ein Archetypus des Hollywoodkinos – das zumindest in einer Zeit als die Frauen noch lieber kreischten als – etwa ab 1980 – selbst zur Laserkanone griffen und die Lage klärten.
In der legendären Szene aus King Kong machte die filigrane Fay Wray, an 2 Strippen aufgehängt – deutlich mehr Krach als der herantrampelnde 30m-Gorilla. Den Soundtrack hab ich heut noch im Ohr, dieses wummernde Stakkato, das dann später für den weissen Hai und den Terminator abgekupfert wurde mit überlagertem Faywraygeschrei. Wobei King Kong nun kein Alien ist, sondern eher das Zerrbild des urtümlichen Wilden, dem man eine gesteigerte Manneskraft zuzubilligen scheint – hat ja auch Frau Thurn und Taxis schon angemerkt, dass der Schwarze gern schnackselt, vermutlich hat sie’s selbst ausprobiert.
Darum musste King Kong auch sterben, nachdem er auf den amerikanischen Riesenphallus geklettert war – Technik überwältigt Natur und unsere smarten all-american Boys mit ihren Ballermännern schaffen alles und der grosse Pimmel gehört wieder uns – jaja, wir haben den Schuss gehört. Und die schöne Frau wird von einem dieser Jungs vom Turm geklaubt, findet ein sicheres Unterkommen und darf ihr künftiges Dasein Familienversorgungsbanalitäten widmen und sich fragen ob sie im Urwald nicht doch ein spannenderes Leben gehabt hätte.
Summasummarum ist bei diesem ganzen Genre reichlich sadomasochistische Heteroerotik im Spiel und Frauenerschrecken scheint halt doch allzuvielen XY-Ownern verdammt viel Spass zu machen. Und wer’s selbst nicht schafft guckt sich’s wenigstens an. Aber ich schweife ab …
Auch die nun entwickelte Atombombe fand ihren Widerhall in den Filmproduktionen dieser Zeit – durch radioaktiven Niederschlag mutierte Riesenviecher, wahlweise Mörderspinnen, Killerbienen, Riesenechsen machten zusehends der Menschheit zu schaffen and a hard rain s‘ a gonna fall – und gelegentlich entstanden sogar recht vernünftige Filme mit einer mahnenden Grundaussage, das Kriegspielen nicht zu übertreiben. Der 1951 abgedrehte Streifen „Der Tag an dem die Erde stillstand“ kehrte sich nicht an das Muster der Invasionsfilme, sondern sandte einen menschlich aussehenden, natürlich dann auch nach herkömmlichen Hollywoodkriterien gutaussehenden Alien mit Schmalztolle, beschützt von seinem Roboter, auf die Erde um zu friedlichem Verhalten zu mahnen. Der mit einfachsten Mitteln gedrehte Schwarzweiss-Streifen schaffte es durch einen in Alu gepackten 2,20 m grossen Schauspieler sowie durch geschickte Kameraeinstellungen und Beleuchtungseffekte, eine ungewohnte Magie und wohligen Grusel zu erzeugen, so dass das schlichte Filmchen glatt ein cineastisches Genusserlebnis wurde. Natürlich konnte der Roboter mit Blicken töten und wenn er sein Visier hochfuhr, drohte ein todbringender Laserstrahl, aber nur auf Kommando von Herrchen. Man könnte, wenn man wollte, aber noch funktioniert die steuernde Vernunft – zumindest im Film und seiner Botschaft. Und so ging der Alien umher wie Diogenes mit der Lampe um einen guten Menschen zu finden – fand ihn in Gestalt einer hübschen Witwe mit Söhnchen (Stichwort Vaterlosigkeit!). Auf jeden Fall sehenswert.
Das Rebooting 2008 kann man sich – wie die meisten Sequels – sparen, Keanu Reeves vielleicht mal ausgenommen – jede Menge virtuelle Mätzchen ohne einen Funken Spannung, vor allem für den Sci-Fi-Conaisseur, der die Handlung und pädagogische message schon kennt.
Und zu Ende des Kalten Krieges in den aufatmenden Siebzigern wurden die Aliens – Überraschung!!! – zusehends freundlicher. Die wollten lediglich frisch gepressten Katzensaft oder permanent nach Hause telefonieren, sagten nach jedem Kinnhaken „Nimm das, Du räudiger Jedi!“ (Star-Wars- Ignoranten bitte hier googeln) oder trugen Barbarella auf Engelsflügeln ebenso sanft wie sinnfrei in der Gegend herum. Verspielt, handhabbar, gutartig, witzig, Gefährten für vaterlose Kinder – die Revolte gegen die Väter und deren Absetzung erzeugte eine Generation von neuen Vätern und Aliens. Der Film-Alien trifft oft auf vaterlose Familien – honi soit – da könnte man jetzt auch einiges drüber sinnieren, warum das so ist. Am Ende hat das Ganze auch etwas mit Vatersehnsucht in einer vaterlosen Gesellschaft zu tun? Und drohenden, kastrierenden Vaterfiguren? Aber man soll bei der Analyse der Mythen des Horrorgenres nicht zwangsläufig den Mythen der Psychoanalyse folgen, vor allem nicht der klassischen.
Aber ich hab’s mal ausprobiert und meine Praxiskinder eine Zeichnung über „Meine Begegnung mit einem Alien“ malen lassen – es ergaben sich schon deutliche Ähnlichkeiten mit der Gestaltung der Vaterbeziehung.
In den 80ern brachen die Frauen als kämpfende Amazonen in diese Idylle ein (Alien, 1980, Ridley Scott) – klar, nach 10 Jahren Feminismus – und bekamen natürlich ihre Prügel und danach mutierten die Monster wieder zu oral aggressiven Zeitgenossen, die uns am liebsten ausgesaugt oder komplett gefressen hätten, weil die Ressourcen auf ihrem Heimatplaneten ausgeschöpft waren (Krieg der Welten, 2005, der auch das politische Motiv der IS-Schläfer zitiert). Passend zu einer Zeit in der die Menschheit begann sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, dass ihr wohl langsam doch der Saft ausgeht. Dabei wäre es kurzschlüssig, die globalen Migrantenströme als moderne Alieninvasionen zu markieren (District 9, 2009), sondern besser darüber nachzusinnen, wer der eigentliche Alien ist, der die 3. und 4. Welt ihrer letzten Ressourcen beraubt und sie zum Ausgleich zumüllt – ein ebenso zynischer wie desaströser und zyklischer Verdauungsvorgang, der wiederum neue Aliens geriert, die in unsere Grenzen einbrechen und schlicht mitessen wollen – what a sad and endless story. Hollywood hat noch zu tun.
Aheds Knie (D,F, Israel, 2021) von Nadav Lapid
Ein israelischer regimekritischer Filmemacher X, alter Ego des Regisseurs, reist in ein Dorf nahe der jordanischen Grenze, um seinen neuesten Film vorzuführen und weitere Projekte zu planen. Eines davon ist eine Verfilmung über das Geschehen um die palästinensische Sängerin und Aktivistin Ahed Tamimi, der in einem israelischen Gefängnis das Knie zertrümmert wurde. Empfangen wird er von einer jungen Mitarbeiterin des Kultusministeriums, die von seinen Filmen fasziniert ist, aber Forderungen des Ministeriums überbringt, bestimmte Inhalte nicht zu zeigen. Der weitgehend dialogisch angelegte Film wird immer wieder unterbrochen durch Rückblenden aus der Soldatenzeit des Regisseurs sowie eingeblendeten Szenen aus seinem Werk, so dass die Realitätsgrenzen verschwimmen, sich aber doch zunehmend mosaikartig ein Bild der gegenwärtigen repressiven Kultur- und Gesellschaftspolitik des heutigen Israel entfaltet. Die kinetisch entfesselte Kamera umkreist das Paar, schwebt wie eine Drohne über dem Protagonisten (oder ein Geier über seiner Beute, in dieser Rolle findet sich der Zuschauer plötzlich) und schafft stets eine beklemmende Nähe zu den Gesichtern, deren Sog man sich schwer entziehen kann. Der Regisseur und die Kulturbeauftragte symbolisieren hier die verfeindeten Fronten, ihre gegenseitige Anziehung, aber auch ihren Kampf bis zum Showdown. Die zunehmend entfesselten Wutaffekte des Filmemachers lassen den Film oft ins Theatralische entgleisen, schaffen aber ein starkes, wenn auch anstrengendes und gelegentlich Fluchtimpulse provozierendes Filmerlebnis für den, der tiefer in die Probleme dieses Landes mit seiner repressiven Kulturpolitik, seiner militanten Nationalisierung und seinem übergriffigen Siedlungsbau eindringen will. Ein notwendiger Film!
… mit dem ESC bzw dem deutschen Beitrag.
Ein junger Mann (Isaak Guderian) sitzt an einer Art Lagerfeuer offenbar im Zustand eines akuten Blinddarmdurchbruchs und singt Always on the run. Wovor er flüchtet, wird nicht deutlich, auch nicht, wie man bei einer hochgradig mobilen Lebensweise auf 120 kg kommen kann. Aber ein guter Listenplatz ist uns ja immer sicher – wenn man die Tabelle nur um 180 Grad dreht.
See you tonight, Isaak …
Frühling in Paris (Seize Printemps, F, 2020) von Suzanne Lindon
Ich war wieder mit dem Filmkunstdetektor unterwegs:
Der Titel verheisst nichts Gutes, klar, da erscheinen Bilder von beschwingten Skizzen auf Taschenbuchcovers der Sechzigerjahre mit tanzenden Pferdeschwanzmädchen in weiten Röckchen und einem flotten Kavalier nahebei und der Sonne und dem Eiffelturm dahinter, damals musste halt alles schwingen und swingen oder zumindest Schwung ausdrücken und auf Teufel-komm-raus und Krieg-bleib-drin Leichtigkeit verbreiten. Aber man muss es verstehen, Klappentexte zu lesen, sonst entgeht einem so einiges; hier ein kleiner feiner stiller Film über eine erste Liebe, den viele sicher langweilig finden mögen. So manchem geht aber das Herz auf …
Ein junges, auf unübliche Weise hübsches und durch ihre Gutartigkeit und Verträumtheit verzauberndes Mädchen verliebt sich in einen wesentlich älteren Schauspieler und Tänzer. Sie lassen sich Zeit, nähern sich langsam, tanzen immer wieder zusammen, es darf sich etwas in Ruhe entwickeln, kein überstürztes gieriges Übereinanderherfallen bereits vor der Haustür. Die Beziehung zu den Eltern liebevoll, verständnisvoll auch gegenüber dem leicht verpeilten Vater, anrührend ein enger Tanz mit ihrer Mutter wie ein Abschied von der Kindheit, bevor sie das erste Mal mit einem Mann tanzt. Und später weint sie sich bei der Mutter aus, weil sie denkt, der Mann wäre zu alt für sie und das Leben, das sie sich jetzt wünscht und das ihr gemäss ist – und sie nimmt sich die Freiheit diesem Gefühl zu folgen und die Beziehung zu beenden und darüber zu trauern, die Mutter neben sich, die einfach nur da ist. Erste Liebe unter Menschen die sich noch einfühlen können und wollen und Eltern die wohltuend begleiten können.
Deutsche Filmproduktionen zum Thema Jugend und Familie dagegen: Problemkinder, Trinken, Kiffen, Eyalderglaubblossnichdukannsmichfickeneyischweisswodeinhauswohnt … , hochreizbare, mit den Eltern herumkeifende oder dauermaulende Teenager und Ich-hasse-Euch-Geschrei, Eltern die verzweifelt an verschlossene Kinderzimmertüren hämmern und den verbissen schweigenden oder dagegenschreienden Nachwuchs um Verzeihung dafür anflehen, dass sie eigene Interessen verfolgen wollen oder einfach nur ihre Erziehungsaufgaben erfüllen. Erwachsen werden und Mensch bleiben – geht das?
Fehlanzeige?
Derartig stille Filme kenne ich eher aus anderen Ländern, Konflikte ja – aber nicht diese trommelfellmarternden teutonischen Streitereien als stürmten die Germanen aufs neue den Teutoburger Wald.
Die Gewalt auf den Strassen und im Netz nimmt zu, gerade bei Jugendlichen und nun auch bei Kindern – was ist mit unserem Land los? Sind wir aggressiver als andere? In der Filmlandschaft scheint mir das fast so … sich permanent schuldig fühlende Eltern … ein Erbe? Oder nur das Fahren deutscher Filmemacher auf ausgelatschten Spuren und ihre Einfallslosigkeit und ihren Schwierigkeiten so etwas wie Ruhe oder gar Schönheit im Film darzustellen ohne dass es dröge wird? Verliebtsein in den eigenen Entwurf der längst ein Klischee ist?
Besonderheit: Das sechzehnjährige Mädchen im Film ist die zu Drehbeginn zwanzigjährige Suzanne Lindon, die Regie führte und auch das Drehbuch – bereits als Fünfzehnjährige – geschrieben hat.
Hoffentlich bald mehr davon …
… lies death on the floor … nee, soweit ist es noch nicht, gottlob, aber seinen ultimativ letzten Film Once upon a time in Hollywood, ein Meisterstück in Sachen nonchalant-lässig-lockerem und weitgehend sinnfreiem, aber immer haarsträubenden l’art pour l‘ art-Storytelling folgt noch ein weiterer Streifen oder irgendwie jetzt auch doch wieder nicht. Beim Ausholen zum ebenso ultimativ letzten Haken lässt er mal wieder die Faust sinken und überlegt noch ein Weilchen – The Movie Critic, der finale Film und letzte Rundumschlag oder gar schon das Testament wird nun doch nicht gedreht. Wer es versteht, die Spannung im zweidimensionalen Raum wachzuhalten, kann das auch im dreidimensionalen und so hat die Fanbase noch einiges zu fiebern, bis The Chief of Weird Stories die Stafette endgültig abgibt. Bloss – an wen?
Ist das jetzt die deadline oder wird er weiter gottschalken?
Und was machen dann diverse Jungs ohne den Maestro, bei dem sie sich von ihrer besten Seite zeigen konnten, wie kriegen die das auf die Kette? Zigarettenreklame?
Grübel und studier ….
Madres Paralelas (Spanien 2021)
Almodóvars vorletzter Film (nach Leid und Herrlichkeit und vor Strange way of life) dreht sich nur scheinbar um Mütter – bei ihm ohnehin ein Dauerthema mit Variationen – aber in Wirklichkeit um Geburten im abstrakteren und symbolischen Sinne: Dem Ans-Licht-Kommen von Geheimnissen und Wahrheiten, auch diese müssen geboren werden und oft ist dergleichen recht schmerzhaft.
Zunächst beginnt es wieder, naturellement, mit hübschen Mamas in die gewohnten Bildtableaus und ins gewohnte Upper Class Dekor attraktiv placiert zum geschickt eingesetzten Soundtrack von Almodóvars Hofkomponisten Alberto Iglesias und ebenso geschickt eingesetzter Schleichwerbung diverser Produkte, wobei zu hoffen wäre, dass er nicht mittlerweile auf product placement zurückgreifen muss, um sein Alterswerk zu finanzieren. Das wünscht man ihm ja doch nicht, nachdem er uns solange erfreut hat. Und man verzeiht ihm ja vieles, auch den Dauergebrauch seines Paradepferds Penelope, but never change a winning team und mit Milena Smit ist ja auch ein neues reizvolles Gesicht mit am Start. Es gibt also was zu gucken.
Es entrollt sich ein Melodrämchen zwischen Müttern, Töchtern und nur am Rande beteiligten und im wesentlichen gutartigen Männern, wie wir es aus früheren Filmen des Maestros kennen: Zwei Mütter gebären synchron in der Klinik, wobei die Kinder vertauscht werden und beide Mütter mit dem jeweils falschen Kind nach Hause gehen. Eines der beiden Mädchen verstirbt, die Mutter des überlebenden Babys (Janis) bezieht die nun kinderverwaiste andere Mutter als Nanny in ihr Leben mit ein und es entwickelt sich eine kurze Liebesbeziehung zwischen den Frauen, bis Janis den Tausch aufdeckt und gesteht.
Der Film spannt ein Netz an Heimlichkeiten auf zwischen Mann und Frau, Müttern und Töchtern, Vätern und Kindern, verbotenen Affären und betrogenen Frauen – but no spoilers; Vater- und Mutterschaftstests dienen als Mittel zur Wahrheitsfindung, schaffen Ordnung und Zugehörigkeit, lösen Geheimnisse und schaffen Beziehungen neu, alles scheint im Fluss und sein Ziel zu finden und ist recht spannend zu sehen und der Regisseur kommt hier mit deutlich weniger Rückblenden, Zeitsprüngen und Verschachtelungen aus wie sonst – beispielsweise bei La Mala Educaçion aus dem Genre der Mindfuckers; das ist natürlich nicht abwertend gemeint.
Ein grosses Geheimnis verbleibt – Janis wünscht sich die Exhumierung eines Massengrabes – sie ist auf der Suche nach ihrem verschollenen Urgrossvater, der im Widerstand gegen Franco und die Falangisten gekämpft hatte. Am Ende wird die Stelle gefunden und die Grube ausgehoben, es finden sich zahlreiche Skelette, anhand eines Glasauges kann der Uropa identifiziert werden. Die Kamera entfernt sich nach oben, signalisiert damit Distanz zum Tagesgeschehen und Beziehungsgebrodel und die Skelette verwandeln sich in die toten Menschen, die sie waren – ein starker und erschütternder Eindruck als Schlusseinstellung, der das Gewebe menschlicher Verstricktheiten relativiert und fast belanglos erscheinen lässt angesichts eines gewaltigen Massenmordes, von dem wir hier nur einen kleinen Teil sehen.
Und ein Aufruf an Spanien, die „Leichen im Keller“ bzw seine faschistische Vergangenheit – die dreissig Jahre später endete als die Deutschlands, falls dergleichen überhaupt jemals endet – anzusehen und aufzuarbeiten. Somit hätte sich Almodóvar zum ersten Mal von Individualschicksalen ausgehend politischen Inhalten zugewandt mit dem Nachzeichnen menschlicher Verirrungen als Epiphänomen viel verheerenderer kollektiver Verdrängungsbewegungen.
Die dabei spürbare Grundaussage „Bleibt in der Wahrhaftigkeit“ und „Es geht auch im Guten“ mögen naiv erscheinen, andererseits sind wir auch etwas dressiert darauf nur die Schilderung von Düsterkeit, menschlicher Schwäche und Bosheit und sonstigem Kulturpessimismus als intellektuell zu goutieren und versöhnlichere Figurenzeichnungen die zu einem guten Ende finden schnell als unrealistisches Sentiment abzulehnen.
Hier steht Almodóvar in der Tradition eines Fellini oder Ken Loach, die ihre Figuren nie verrieten, ohne Bösewichte und Grausamkeiten auskamen und deren Blick auf die Welt immer ein lebensfreundlicher und angenehm menschelnder war, ohne platt oder kitschig zu sein. Darauf kann man sich getrost einschwingen, schliesslich gibt es auch diese Seite der Welt und sie kann ruhig dargestellt werden. Man muss es halt bloss können. Und sich trauen …
Und beim ganzen Literaturrezensieren bemerke ich, auf welch schmalem Grat ich mich bewege mit meinem Verlangen nach dem Mobilisieren von Gefühlen, dem Wunsch in einen flow zu geraten, der die Lesezeit mühelos verfliessen lässt – wie schnell schrammt man da aber knapp an der Schmonzette vorbei und gerät ins Fahrwasser der Titanic, und was mit dieser passierte ist ja bekannt. Trotzdem suche ich danach – auch bei Filmen, und werde eher fündig bei lateinamerikanischen oder nahöstlichen Schreibern und Regisseuren, zu letzteren habe ich mich hier ja schon reichlich geäussert, die schaffen es etwas atmosphärisch auszulösen, zu verdichten und wachzuhalten. Nicht nur mindfucking …
Aber die Grenze zum Kitsch ist rasch überschritten, oft merkt man’s noch nicht mal bzw erst dann wenn man beginnt sich nicht mehr so recht wohlzufühlen beim Lesen oder sentimental wird.
Stärkerer Wind erhob sich …die Rosse Poseidons liefen daher, Stiere wohl auch, dem Bläulichgelockten gehörig, die mit Brüllen anrennend die Hörner senkten.
Zwischen dem Felsengeröll des jenseitigen Strandes jedoch hüpften die Wellen empor als springende Ziegen. Eine heilig entstellte Welt schloss den Berückten ein … und sein Herz träumte zarte Fabeln.
Ich zitiere aus dem Gedächtnis, um nicht das ganze Haus nach Herrn Gustav Aschenbach absuchen zu müssen, der sich immer zu verkrümeln pflegt, wenn ich ihn zitieren will – auf ewig wandelnd als Toter auch noch durch Venedigs umfangende Strassen und sorgsam verbergend sich vor dem Blicke der südlichen Sonne, und doch der Eidechse gleich sich sehnend nach dörrender Hitze gelagert auf glühendem Stein und hinträumend der Tage Fluss und ewigen Wechsel geniessend … (Ha! Ich kann’s auch! Wusste ich noch gar nicht, ist aber gar nicht so schwer! Versuchts mal! Wär’ne nette Abwechslung hier auf Manafonistas).
Das kann man jetzt pathetisch schimpfen, aber dann wäre auch Homer pathetisch, in dessen Versmaß sich der Dichter hier einschwingt – aber hier versteht einer mit Worten zu malen und Bilder entstehen zu lassen – eine Fähigkeit die man heutzutage immer seltener findet. Oder ich hab bloss zuwenig Geduld zum Suchen.
Einen Roman habe ich mir neulich gegriffen (nicht greifend aus eigenem Triebe doch viel mehr vom Gotte gelenkt), eigentlich wegen des Titels: Das etruskische Lächeln. Und die Abbildung erinnernd an den Kouros von Tenea aus der Münchner Glyptothek – eine Statue aus der archaischen Epoche Griechenlands, an Grabmalen aufgestellt und diese bewachend.
Es gilt als das erste Lächeln in der bildenden Kunst und viele Kunsthistoriker haben sich damit beschäftigt warum in dieser Zeit die Bildwerke zu lächeln begannen. Es gibt auch banausige Zeitgenossen die das Lächeln als grenzdebil bezeichnen aber mir gefällt der Bursche, ein Lächeln das sich nicht um den Tod schert und ihn überdauert und transzendiert. Ich griff nach dem Buch und siehe da … sofort war ich drin. Den gleichnamigen Film – sehr frei nach dem Roman – kann man natürlich vergessen, ich hoffe der Dichter hat den Regisseur erfolgreich verklagt und gewonnen.
Ein betagter Süditaliener, ehemaliger Widerstandskämpfer, seines Zeichens Landwirt und um Machotum nicht nur neigend sondern darin voll erblüht sieht sich gezwungen zu seinem Sohn nach Mailand zu ziehen um seine Krebserkrankung dort behandeln zu lassen.
Und seinen neu geborenen Enkel kennenzulernen, in den er sich zusehends verliebt (ob das bei einem Mädchen auch so funktioniert hätte? Die Sucht der Italo-Machos nach dem figlio mio), während bei Sohn und Schwiegertochter so manche Reibungsfläche entsteht. Er lernt – krankheitsbedingt geschwächt und zur genitalen Sexualität nicht mehr fähig – die Macht einer körperlichen und leidenschaftlichen Liebe kennen, sowohl zu einer älteren Frau als auch zu dem Kind, das er jede Nacht stundenlang in den Armen hält.
Wenn man an der Mann-Frau-Spaltung festhalten will, könnte man sagen, er wird in diesen Nächten zur Mutter und er geniesst es als letzte und vielleicht stärkste und erschütterndste Erfahrung eines absoluten Gefühls. Sein letzter Wunsch ist es vom Enkel erkannt zu werden und das Wort „Nonno“ von ihm zu hören. Und die beiden schaffen das, wobei der Dichter noch verschmitzt die Anmerkung plaziert, dass der Einjährige vielleicht einfach nur ein zweifaches italienisches Nein beim Anblick des Opas äussern wollte – dieser Sidekick bricht angenehm ein vielleicht am Ende sich doch einschleichen wollendes Pathos.
Leider sind vom Autor bisher nur zwei Romane auf deutsch erschienen, nächste Woche wird hoffentlich Der Gesang der Sirenen bei mir eintrudeln. Was die wohl zu singen haben? So künde, Sirene, mir, die einsam wandelt auf nördlichem Pfade vom südlichen Leben und seiner immer währenden Freude …
Replik zu: Das andere Mädchen
Nachdem mir Anja dankenswerterweise das Buch (deutsch, weil mit dem Französisch haperts) mitgebracht hat, musste ich … mich zunächst mal überwinden. Über vierzig Jahre in einem Beruf, in dem man täglich Geschichten von Menschen über noch mehr Menschen erzählt bekommt, prädestinieren nicht gerade zur abendlichen Einverleibung zu noch mehr Geschichten von und über Menschen. Da brauchts eher etwas Menschenleere oder die wohltuende Distanziertheit und Steuerbarkeit eines Fernsehgeräts, das nicht beleidigt ist, wenn man es ausknipst.
Irgendwann ist die kritische Masse eben erreicht. Viele Kollegen meiner Zunft geben an, sich abends ausgesaugt zu fühlen, ich fühle mich eher wie eine genudelte Gans – zuviel Abfüllung mit Fremdschicksalen, zuwenig Raum für Eigenes. Belletristik hat von daher eine recht geringe Chance, von mir genossen zu werden und mein Sympathie-Radar endet bei Böll, Mann, Frisch und danach fällt mir recht wenig ein, was mich noch zu fesseln verstanden hätte. Dann lieber Sachbücher.
Nun ist die Themenwahl von Ernaux eine durchaus attraktive und auch in meinem Fachgebiet oft anzutreffende: Leerräume in Familien, Delegationen und Funktionalisierungen, Rollenzuweisungen und Überlebensschuld, wer muss gehen, damit jemand kommen darf und was ist das alles überhaupt für eine grausame Mathematik, die Leben gegen Leben aufrechnet und wer hat uns dergleichen implantiert?
Der umstrittene Therapeut Bert Hellinger – Friede seiner Asche – pflegte seine Seminarteilnehmer ihre Familien mithilfe anderer Teilnehmer topisch in den Raum stellen zu lassen und entdeckte dabei oft Leerräume, die auf das gesamte Familiensystem einzuwirken schienen, meistens nicht zum Guten. Einer Freundin, die auch durch eine Leere überrascht wurde, riet er, ihren Vater zu fragen, was er verheimlicht hatte und in der Tat fand sich ein ausserehelich gezeugter und verschwiegener Bruder, der sich sehr freute, seine Schwester endlich kennenzulernen.
Leerstellen sind scheinbar höchst kraftvolle und dynamische Wesenheiten, die in unser Befinden eingreifen und wenn man sich selbst in eine derart aufgestellte Gruppe hineinstellen lässt, beginnen tatsächlich Kräfte an einem zu zerren, die man „ichfremd“ erlebt. Das machte das Buch für mich schon mal interessant. Der Mensch mit seinem horror vacui kommt von Leerstellen nicht los, hier sitzt ja auch die Wurzel von Süchten. Und Leere kaschiert auch oft die Anwesenheit von etwas ganz Anderem und wenn ein Patient berichtet, ihm falle heute nichts ein, kann man sich auf eine sehr bewegte Stunde gefasst machen.
Die von Anja beschriebene kraftvolle Sprache konnte ich zunächst nicht entdecken – klar, Übersetzung – ich fand sie kurz, knapp, Situationen und Sachverhalte beschreibend, stakkatoartig, fast wie aus einem imaginären Gewehr abgeschossen, Telegrammstil, ein Warten meinerseits darauf, dass es besser wird. Aber wie besser?
Ich möchte hineingezogen werden in ein Buch, nicht nebenher laufen oder beobachten. Dann nach exakt 54 Seiten, also ziemlich mittig – ein Kipphänomen – Gefühle, Sätze die wirken, Ahnbarkeit von Zorn und Verzweiflung, Sätze – fast für die Ewigkeit, Anja hat ein paar davon zitiert. Ein direktes Ansprechen der verschwundenen und ausgelöschten Schwester und der Versuch, irgendeine Beziehung zu ihr zu formen, zur ewigen Einseitigkeit verurteilt, denn sie antwortet nicht. Das Lesen wird qualvoll, hier versucht sich jemand an einer unlösbaren Aufgabe, jemand Verschwundenen zu entdecken, weil er ihm sein Dasein verdankt. Und wie kann man Schuld empfinden, wenn man sie bereits reichlich verbüsst hat durch lebenslängliches Ersatz-Sein für einen viel Besseren und Liebenswerteren?
Die Psychotherapie würde die Lösung anbieten: Abgrenzung vom gesamten System und Entdecken der eigenen Identität – das heisst auch Verzicht auf nichterfüllte Liebeswünsche an die Eltern – das ist verdammte Knochenarbeit und schaffen viele nicht – vielleicht ist es auch gar nicht zu schaffen. Vielleicht ist der Brief an die Schwester der falsche Kampfschauplatz und das wirklich traumatisierende Geschehen ist die Zuneigungsleere der Eltern zur Tochter, die nicht ihren Normen entspricht.
Dann operiert man nicht am, sondern neben dem Krankheitsgeschehen. Wie die Autorin ist auch das Buch halb tot und halb lebendig, halb sich selbst originär erspürend und halb durch den Schatten einer Toten definiert und begrenzt. Ein gespaltenes Buch. Insgesamt ein interessantes, sprödes und intellektuelles Werk, das teilweise von Verbitterung zeugt und mich emotional aber nicht wirklich erreicht. Wenn ich es mit einem einzigen Wort beschreiben müsste wäre es: Hart.Mit einem Satz: Ein kristallin erstarrter Zorn und eine kristalline Traurigkeit, an deren Spitzen man sich ritzt und die nicht ins Fliessen kommen kann und mich nicht erreicht. Ich kann über das Buch nachdenken, spüren tue ich dabei nichts.