Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Der schlimmste Mensch der Welt (Norwegen, 2021) von Joachim Trier –
ein etwas seltsamer Titel und zahlreiche Nominierungen zeichnen ihn aus.

 

„Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht, wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht …“ sang Marlene Dietrich dermaleinst: das Hohelied der Bindungsunfähigen oder -unwilligen, die uns ihr Defizit als Lebenskünstlertum verkaufen wollten. Der Protagonistin des Films, Julie, fehlt es an solcherart Zynismus, trotzdem wartet für sie das Glück immer hinter der nächsten Ecke und will sich in der Gegenwart nur bruchstückhaft und wenig glaubhaft manifestieren.

Als Endzwanzigerin der vielgeschmähten Gen Z angehörend und von der Natur mit allen guten Gaben ausgestattet, schlängelt sie sich durch ihr Leben wie eine Forelle durch einen Bach, mal geruhsam mäandernd, mal sich treiben lassend, aber immer seltsam ziellos, mit einem ebenso hohen wie diffusen und schwer zu versprachlichenden Glücksanspruch. Sie weiss nicht, was sie will, aber durchaus, was sie nicht will und in der Regel ist es meistens das, was sie gerade hat, und dieses versteht sie sich trefflich schlechtzureden.

Das Medizinstudium wird geschmissen, ein Psychologiestudium ebenso, eine fotografische Ausbildung ist auch nicht das, was sie zu sein versprach. Auch das Kind, das sie schliesslich doch erwartet, ist offenbar klug und verlässt ihren Körper sehr frühzeitig auf dem Wege, auf dem es hereingekommen ist und hinterlässt zumindest so etwas wie Erleichterung als dauerhafte Erinnerungsspur. Die Partner passen sowieso immer nicht.

Dieses Leben ist beherrscht von einem grossen Jetzt-noch-nicht als permanente Erwartungshaltung, bezogen auf ein in der Zukunft wartendes Etwas, welches man nicht versäumen darf, denn wenn man es hat, kommt das Glück. Somit wird nichts angepackt, kein Sich-Einlassen, keine verbindliche Bezogenheit hergestellt, immer wieder ein neuer Aufbruch zu verlockenderen Gestaden, bis die durchaus sympathische Protagonistin erleben muss, dass Züge nicht endlos warten, sondern durchaus auch manchmal schon abgefahren sind.

Wird sie die Kurve noch kriegen? Man erfährt es nicht, ertappt sich aber – und das ist die Stärke des Filmes (wenn im Kopf mehr passiert als auf der Leinwand, deshalb schätze ich Blair Witch Project, was immer keiner versteht) bei der Reflexion, ob ein dergestaltiges Leben ohne Richtung und Ziel nicht auch Wert und Genuss bietet. Schliesslich sprachen die Existenzialisten auch von einem permanenten Transzendieren und Sich-neu-in-die-Zukunft- Entwerfen als grundsätzliches Lebenskonzept. Wobei die Existenzialisten ihre Philosophie auch nur für die Oberschicht entwickelt zu haben scheinen – ob sich eine kinderreiche Mutter oder ein ausgepowerter Bauarbeiter ständig neu in die Zukunft entwerfen und transzendieren können bezweifle ich ja schon.

Und Beauvoir tönte auch immer über weibliche Lebensentwürfe, als wäre jede Frau mit Geistesgaben und finanziellen Mitteln ausgestattet, die problemlos den Besuch der Sorbonne ermöglichen und liess sich dann brav für den Rest ihres Lebens vom Hotelpersonal das Zimmer putzen und die Wäsche machen und hat vermutlich nie eines der Mädels gefragt, wie es ihr geht und wie sie sich ihre Zukunft wünscht. Marxisten ja … aber trotzdem eine Philosophie für die Grosskopferten.

Mit der Formulierung der Entwürfe hapert’s dann noch etwas bei Julie, der Dampfplauderin.

 
 

 
 

Oder führt sie ein buddhistisch geprägtes Leben im Sinne eines Gone, gone, gone beyond? Oder trudelt sie nur durch die Gegend, von unbewussten Kräften getrieben (bzw eher Kräften die sie von etwas abhalten), die wir nicht kennen und von denen sie nicht weiss, wie sie sie ergründen soll? Ihr Vater scheint wenig an ihr interessiert, erfahren wir by the way. Auch so ein Motor für eine ewige Suche.

Immerhin lernen wir etwas über das Lebensgefühl einer Generation, der so viele Möglichkeiten offenstehen, dass sie sich immer schwerer entscheiden kann. Oder die nur meinen, dass diese Möglichkeiten bestehen und dann vor verschlossenen Türen stehen. Ein kleiner, stiller, ereignisarmer Film, der das Kopfkino anzuwerfen versteht und auch das eigene Leben einmal kritisch auf Nicht-genug-Gelebtes abklopfen lässt.

Danach der Sprung in die Realität: Ich will zum Arzt, Rezept holen. Für Musik- und insbesondere James-Last-Freunde: Einfach einen beliebigen Arzt anrufen, dann gibt’s beruhigende Musik in beliebig langer Dauerschleife. Also hinfahren. Arzt im neugegründeten MVZ sitzt schwitzend selbst an der Rezeption und druckt Rezepte – man bekommt keine Sprechstundenhilfen mehr. „Heut machen’s ja alle was mit Medien!“ Apotheke hat nachmittags heute zu, kein Personal. „Heut wolln’s ja alle Influencer werden!“ grummelt ein erschöpfter Apotheker. Das hiesige Altenheim hat freie Betten, aber kein Personal, trotz verbesserter Bezahlung. Einen Elektriker tät ich auch brauchen … längere Wartezeiten wie ein Starpsychoanalytiker.

Ein schwebender Film, eine schmerzhafte Wirklichkeit.

 

 

1950!

Die Trümmer waren verräumt, der Hungerwinter von 1946 durchgestanden, die Währung stabilisiert, das Grundgesetz festgeklopft und das gestrauchelte Kind Deutschland (ein Euphemismus, ich weiss, aber so sah man sich damals) begann mithilfe der amerikanischen Militärregierung wieder auf eigenen Beinen zu stehen und die Wirtschaft und Infrastruktur zu stabilisieren. Man konnte sich wieder sattessen. Erst kommt das Fressen und dann … Wünsche begannen wie Luftblasen an die Oberfläche zu steigen – ein bisschen Schönheit, Sonne, Abenteuer, Erotik, Romantik und vor allem Freiheit und Mobilität, ein bisschen schamhaft, aber neugierig mal über den Zaun peilen. Aber wie erfüllbar, wenn die umgebenden Länder jahrelang als Feindes – und Besatzungsland umdefiniert waren und deren Bevölkerung als minderwertige Rassen – und man dort ohnehin persona non grata war?

Das braucht eine grössere Portion an mindchanging, um wieder angstfrei ein Bein auf fremden Boden setzen zu können, ein bisschen Schönfärberei, ein bisschen Exotisieren, den einen oder anderen Euphemismus, ein bisschen Stereotypisieren und schon stellt sich der Sehnsuchtsmodus ein und die Fliehkräfte siegen über die Kohäsion – aber gleichzeitig und heimtückischerweise gebiert das eine wiederum distanzschaffende Abwehroperation: Wir wollen uns unsere Bilder vom Fremden selbst machen und nicht vom wirklich Fremden überrannt werden, wir wollen zumindest die Deutungshoheit behalten über das, was vor kurzem noch verpönt war. Zigeunerinnen galten als fragwürdig, aber schön und sexy, Indianer leben im Feindesland, aber sind, keine Sorge, gutaussehend und von edler Gesinnung – eine Art geistige Kolonisierung fremder Länder durch ein Volk, das immer noch genau bestimmen wollte, wie die Welt zu sein hat und sie sich nach seinem Bilde schuf und Bedingungen stellte, um sie wieder für sich begehbar zu machen. Und Hulamädchen sind prima – Erotik hilft immer bei dergleichen Umformungen, das ist ein prima Gleitmittel.

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

Jedenfalls kriegte man damals fast Augenkrebs bei soviel Alibibuntheit.

Und bei Karl May, der in diesen Jahren filmisch reüssierte, reiste der schwer deutschtümelnde Old Shatterhand zu den Indianern, um alles auszumerzen, was nicht seinen teutonischen Idealen entsprach – eine Old-Shatterhand-look- alike-Neukolonisation sozusagen, da gings dann schon wieder los mit der wohltönenden Weltverbesserung und dem ganzen Mief. Und nur der nahezu perfekte und ihm am ähnlichste Winnetou wurde von ihm adoptiert, der hatte ja auch einen deutschen Lehrer – ebenso wie Old Shatterhand aus Sachsen stammend – da fremdelts sich gleich viel weniger und sogar die Indigenen konnten jetzt mit einem weiteren Sachsen persönlich wachsen und am deutschen Wesen genesen – als ob sie vorher krank gewesen wären. Ob das ganze dann als pädagogisch wertvoll gesehen werden kann, möge jeder selbst für sich entscheiden – über die massiv-unterschwelligen homoerotischen Sexual-Messages hat sich ja Arno Schmidt bereits ausgelassen, eines der amüsantesten Bücher die ich je gelesen habe. Hitler war jedenfalls bekennender Karl-May-Fan. Friedrich Wilhelm auch. Wen wunderts?

 
 

 
 

Und wieder formte man sich die Welt nach seinem Bilde …

Warum erinnert mich die diesjährige gutgemeinte Biennale (Foreigners everywhere) hier jetzt bloss an diese Zeit? Übertreib ich mal wieder? Wäre ja eine meiner besten Eigenschaften …

 
 

 
 

 
 

 
 

 

 

The Zone of Interest (D, 2023) von Jonathan Glazer

 

Der Film beginnt mit einer Art Ouvertüre, einem permanenten sphärischen Rauschen und Dröhnen bei dunkler Leinwand, minutenlang, bis Vogelstimmen ertönen und einem bösen Traum, in den man unversehens gefallen ist, zunächst ein Ende machen.

Dann ein gepflegter Garten, abgegrenzt von einer Mauer hinter der wir Wachttürme und Schornsteine sehen und das Hintergrundrauschen der Krematorien dort verorten können. Dann Familienleben, getrennt in Frauenwelten (weisse Wäsche, Babys die an Blumen schnuppern), gegeneinandergehalten zu Männerwelten, in denen über die Kapazität von Verbrennungsöfen und deren „Ladungen“ – womit Menschen gemeint sind – diskutiert wird.

Bedrückend düsteres spiessiges Mobiliar für ein spiessiges Familienleben, die Protagonisten irren in permanenten Halbtotalen durchs Haus und die angrenzende Umgebung, eine merkwürdig indifferente fahle Natur. Der Film verzichtet auf Handlung (bewusst?), ist nicht interessiert an seinen Figuren. Wozu man bei diesem darstellerischen Minimalprogramm eine Sandra Hüller anheuern musste, bleibt verborgen, da hätte eine Schauspielschülerin auch genügt – einzig die Farblosigkeit von Christian Friedel vermittelt etwas vom Topos der „Banalität des Bösen“, aber vermutlich eher unabsichtlich vermittelt als hinein – und wieder herausgearbeitet. Immerhin übergibt er sich zum Ende des Filmes als erste und auch letzte menschliche Regung – warum auch immer, aber zuviel Verdrängung bringt eben den Körper zum Somatisieren, wenn er etwas loswerden muss. Immerhin bekommt der Commandante das Kotzen.

Eine Aneinanderreihung von Alltagsbanalitäten vor den Toren von Auschwitz, das als permanentes Hintergrunddröhnen der Krematorien, Schreie, Schüsse und Hundegebell anwesend ist. Das Kopfkino wird angeworfen beim Zuschauer, das ist das Verdienst des Filmes und ein geschicktes Stilmittel, um das Nebeneinander von Grauen und bräsigem Bürgeralltag zu zeigen. Leider bleibt es das einzige, was für fast 2 Stunden dargestellt wird – das Grauen kommt nicht näher und bleibt hinter den Mauern, die Figuren zeigen weder Bewegung noch Entwicklung noch Mimik und verraten auch nichts über ihr Gewordensein – wobei viele Dialoge durch das permanente Grundrauschen auch schwer verständlich und vernuschelt sind, was bei deren Banalität aber dann auch wieder vernachlässigbar ist. Das rührt nicht an und erweckt kein Gefühl, eher eine Art Duldungsstarre.

Die Funktion des polnischen Mädchens, das Lebensmittel für die Lagerinsassen im Gelände versteckt, wird nicht deutlich und bleibt fremdkörperlich – der Einbruch des Guten in das Gleichgültig – Böse, optisch im Negativmodus dargestellt oder ähnliches, aber irgendwie aussen vor und deplaciert wirkend (parallel dazu liest Höß seinen Kindern im Bett vor, wie die Hexe im Ofen verbrennt und verknuspert – unsere romantischen deutschen Waldesrauschmärchen eben, von denen die Psychoanalytiker heute noch nicht lassen können und in regelmässigen Abständen verkünden, wie gut diese den Kindern tun – wie habe ich die gehasst). Aber hier passts!

Danach die Schlussszenen mit dem Sprung in die heutige Realität der Gedenkstätte von Auschwitz mit Bergen von Schuhen hinter Schaufenstern und einer Hilfskraft die ein Krematorium reinigt (oder eine Gaskammer?)  – wie eine Flucht vor den Figuren, denen man anders nicht entkommen zu können scheint als sie einfach so zu verlassen, wie sie nun mal eben sind und eine andere Realitäts – und Zeitebene zu betreten. Auch diese Szenen stellen keinen wirklichen Bezug her und bleiben etwas beliebig hineingeflickt oder hintangereiht.

So verbleibt der einzige Lerneffekt dieses Filmes, dass man sieht, wie Verdrängung funktioniert und wie man selbst lernt das Hintergrundrauschen der Tötungsmaschinen soweit auszublenden, dass man hinterher behaupten kann, man habe nichts gehört und gesehen.

Ein Film mit einem künstlerisch guten und humanen Ansatz, der leider aber fast alle sich bietenden und ihm innewohnenden Gestaltungsmöglichkeiten verschenkt und lieblos heruntergekurbelt wirkt. Aber es gibt ja bekanntlich auch Oscars für die Kategorie „Gut gemeint“ und niemand würde sich erlauben, einen Film, der den Holocaust anprangert, nicht zu bepreisen.

Und über den Konflikt zwischen Kunst und Moral habe ich mich ja schon vor einigen Monaten geäussert, das sind halt doch zwei sehr verschiedene Paar Stiefel …

 

2024 28 Mai

Die Rückkehr der Namen

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Ein Eintauchen in einen dunklen Hohlraum ist immer ein Erlebnis von Regression, begleitet von wahlweise Geborgenheit oder Beklemmung und Unheimlichkeit. Die Wände weisen eine seltsame Textur auf, eine Art Landschaft, wie Städte auf Hügeln oder Dünen. Bei näherem Besehen sind es Ahnentafeln, Stammbäume, Namen – untereinander verbunden, ein Netz gegenseitiger Bezogenheit, das den Eindringling umspannt und umzingelt, plötzlich scheinen die Tafeln ihn anzublicken. Es ist ein Raum der Toten, den wir betreten – was haben wir hier zu suchen?

Es sind die Namen von Tausenden von Aborigines – in jahrelanger Kleinarbeit vom indigenen Künstler Archie Moore – mit dem eigenen Stammbaum beginnend – den Archiven entnommen und an die Wand gemalt. Nun umgeben sie den Zuschauer wie ein aufgespanntes Netz, schauen ihn ihrerseits an, ziehen sich über die Decke wie ein Sternenhimmel. In der Mitte ein Teich, stehendes Wasser, der Betrachter spiegelt sich darin, wird Teil des Systems. In der Mitte des Teichs ein Tisch mit Gerichtsurteilen, Behördenvorgängen, Dokumenten, Todesurteilen an Indigenen, systematische Ausmerzung einer 60 000 Jahre alten Kultur.

Auch wenn anhand der Fülle der Namen der Verdacht entsteht, dass der Künstler hier einiges gefaked hat (schliesslich wird’s kaum einer nachzählen), wirkt die Installation – man fühlt sich wie auf einer Anklagebank, von Tausenden von Augen beobachtet, ähnlich wie beim Herumirren zwischen den Stelen der Berliner Holocaust-Gedenkstätte. „Totemisch“ nannte es ein Rezensent – ein Wort das auf magische Praktiken und Symbolisierungen zurückweist, trotzdem seltsam fremd bleibt, so wie der Betrachter fremd bleibt in diesem Netz von Zugehörigkeiten, das für ihn nicht begehbar ist. Eine reizvolle Umkehrung des Biennale-Themas „Foreigners everywhere“.

Ein kurzer Anflug von Paranoia, dem Gefühl von Bedrohtsein durch rächende Untote, in den Stein gebannte Seelen. Man verlässt den Raum wieder, er ist schwer zu ertragen. Opfer müssen Gesichter bekommen – oder zumindest Namen – wie bei der Kundgebung „Die Rückkehr der Namen“ in München.

 

 

 

 

Ein Lehrer, der in der Schule einem Amokschützen gegenüberstand, sagte zu ihm: Erschiess mich, aber sieh mir dabei in die Augen! Er hat überlebt.

 

Quelle: Kith and Kin von Archie Moore, Biennale Venedig 2024.

 

 

 

 

 
 

… und ein ikonischer Blick …

 

2024 21 Mai

Der Sprung in den anderen

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Wer oder was blickt uns hier an?

Ein Ziegenbock? Der Teufel? Ein Hybridwesen – weder der einen noch der anderen Welt so ganz angehörig? Und wie wirkt der Blick auf uns? Wie der Blick eines Menschen, der sich noch an einen Vorsprung klammert, während die Beine schon den Halt über dem Abgrund verloren haben. Der noch nicht weiss, ob er sich festhalten will oder lieber loslässt, aber mit den Augen eine letzte Botschaft hinterlassen will. Eine kaum erträgliche Intensität, die fast schmerzt. Was würde er als letztes noch sagen wollen? Soll der Blick festhalten, wenn die Hände schon losgelassen haben? Er scheint sich in die Augen des anderen bohren zu wollen. Erst wenn ich gesehen werde, weiss ich dass ich bin. Erst wenn ich in einem anderen lebendig werde, weiss ich dass ich lebendig bin. Ein Fluch, den anderen so sehr zu brauchen.

Ein Blick wie ein Sprung in den anderen.

 

 

 

Quelle: Anonymer Maler, um 1926. Prinzhorn Sammlung „Bildnerei der Geisteskranken“, Heidelberg

 

 

Ein Diskurs über Aliens ist auch immer ein Diskurs über Fremdheit – im allerweitesten Sinn – und der Alien dann sozusagen die Inkarnation des Fremden: Er entstammt nicht der Erde, sieht anders aus, ernährt sich anders und verfügt über eine völlig andere Biologie und Chemie. Mit der Sprachverständigung hapert es auch immer gewaltig. (Und – unschwer zu bemerken – anscheinend ist er immer männlich). Von daher ist er für uns schwer lesbar und an der Freundlichkeit seiner Gesinnung könnten zu Recht auch einige Zweifel bestehen.

Damit bildet er reichlich Freiraum für Projektionen, zu denen der Mensch greift, wenn er einer leeren Fläche begegnet und damit nun einmal zwangsläufig sich selbst – denn einen horror vacui tragen wir in uns – das Unbekannte darf nicht unbekannt bleiben, da füllen sich Hohlräume sofort mit Eigenem, das heisst es wird fröhlich drauflosprojiziert – dem Fremden und uns zum Schaden. Robinson meets Freitag und macht ihn sofort zu seinem Bediensteten nachdem er seine gesamte Verwandtschaft um die Ecke gebracht hat, ja so hätte mans gern, das war unsere Jugendliteratur. Im Horrorgenre tummeln sich Halbwesen – halb Mensch, halb Tier, halb lebendig, halb tot (Werwölfe, Dämonen, Zombies) als Synthese von Mensch und Natur, im Sci-Fi haben wir es mit Mischwesen von Mensch und Technik zu tun.

Wann ist dieser Fremdling denn nun geboren? Zunächst war er ein Geschöpf der Literatur.

Jules Verne und Mary Shelley eröffneten den Reigen im frühen 19. Jahrhundert und Isaak Asimov im 20., die sich mit kühnen Erfindungen, künstlich geschaffenen Geschöpfen und ungewöhnlichen Reisen beschäftigten, sich aber freilich noch nicht in den Weltraum wagten.

Die Entwicklung des frühen Kinos und seiner technischen Potentiale ermöglichten aber bald, uns unsere kosmischen Mitbewohner auszudenken, wenn auch nur innerhalb eng gezogener Grenzen, die eine noch unentwickelte visuelle Technik setzte. Trotzdem gelang die Kreation einer neuen Bildsprache – wer kennt nicht die missgestimmte Mondscheibe der Brüder Lumière, der man 1902 eine Rakete ins Auge gerammt hatte? Womit die Raumfahrt bereits zu Anfang als grenzverletzende Aktion einer hybriden Menschheit andefiniert wäre, die niemand in Ruhe sein Leben leben lassen kann – und so wie es losgeht, geht’s bekanntlich ja auch immer weiter und meistens dann ins Auge.

 
 

 
 

Die Morphologie der Aliens bleibt über die folgenden Jahrzehnte hin relativ konstant und phantasiearm – echsenartige oder reptiloide Wesen oder gleich überhaupt Roboterblechmännchen. Beiden gemeinsam ist die Anmutung von Kälte und Härte – der Metallmantel des Roboters, der Schuppenpanzer der kaltblütlerischen Reptile und Insekten und in beiden Fällen ihre Unfähigkeit zum mimischen Ausdruck, den der Mensch nutzen könnte um sich zu orientieren und Beziehung herzustellen. Der fehlt hier, dergleichen assoziieren wir schnell mit Unmenschlichkeit im Sinne von Grausamkeit – als wäre alles Nichtmenschliche grausam – das wirklich Grausame daran sind dann aber eher unsere Zuschreibungen. Aliens sind folglich kalte, ungerührte, unangenehme Zeitgenossen, schwer bis gar nicht berechenbar und ein Grund für den Erdling sofort nach der Pistole zu tasten. Damit wäre die Arena erstmal bereitet.

 
 

 
 

Die Roboter – vor allem wenn sie in Massen auftreten – eignen sich daneben auch als Zerrbild des willenlosen und gesichtslosen Arbeitssklaven, ein Typus dem man dem Sowjetkommunismus zuordnete und womit Vermassung und Verlust der Individualität konnotiert wurde, der man aber andererseits in den eigenen Produktionsstätten des frühkapitalistischen Amerika wieder begegnete, auch beängstigende Entwicklungen und ein Beispiel dafür dass etwas prompt übers Kellerfenster wieder hereinkommt, wenn man es von weiland McCarthy zur Haustüre hinausschmeissen hat lassen. Kollektivbildende Ideologie macht was mit dem amerikanischen Einzelkämpferpionier, dem seine Unverwechselbarkeit heilig ist und der seine Probleme auch als Raumschiffkommandant gelegentlich noch gern mit einem Faustschlag löst – klar, seinen Neocortex hat er outgesourct und in Mr. Spock hineinverlagert als seine ständige externe Festplatte – der ist dann für intelligente Konfliktlösung zuständig – eine Spaltung der ein gewisser filmischer Charme durchaus eigen ist.

Und interessant, dass zu Pandemie-Zeiten die Theorie der Reptiloiden wieder fröhlich aufgekocht wurde, sogar Merkel wurde dahingehend verdächtigt – naja, warum auch grad die nicht? Jede globale Bedrohung kreiert ihre eigenen Aliens – ich bin gespannt was der Ukrainekrieg für Kinder zeitigt; die neueren Sci-Fi-Produktionen zeigen jedenfalls noch keine wesentlich neue Variante der Bedrohungsvielfalt, vielleicht kommts ja noch – ich werde berichten.

Von 1902 bis zur Post-Nine Eleven-Ära waren Entwicklungslinien der Alien-Thematik zu verfolgen, danach geht es in der Fülle der Produktionen zum Thema reichlich durcheinander, kaum möglich hier noch eine Struktur, einen spezifischen Bedrohungstypus zu sehen und gesellschaftliche Bezüge zu finden.

Die Ära, die diese Geschöpfe dann wirklich filmisch zum Leben erweckte, war die Zeit des Kalten Krieges: Die Welt war nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Sieg der Alliierten in zwei verfeindete Machtblöcke zerfallen, die sich fürchteten und fürs erste misstrauisch beäugten. Hinzukam die Entwicklung der Atombombe – die Menschheit besass nun das Potential den Planeten sogar mehrfach und in toto in die Luft zu sprengen. Dergleichen muss verdaut und verstoffwechselt werden wenn es einem nicht auf ewig im Magen liegenbleiben soll: Der amerikanische Science Fiction ist eine bunte Nummernrevue dieser Metaboliten.

In den Jahren 1940 bis 1960 wurden zahllose „Invasionsfilme“ gedreht: In Massen auftretende gesichtslose Aliens landeten in mehr oder weniger phantasievoll gestalteten Raumschiffen auf der Erde und bedrohten die Menschheit mit phallischen Waffen, aus denen tödliche Strahlen heraus ejakulierten – ein symbolisiertes, mörderisches und beängstigendes Bogenpinkeln der Grossmächte, das eine paranoide Grundstimmung erzeugte. In einem Hörspiel initiiert von Orson Welles „Der Krieg der Welten“, nach einem Roman gleichen Namens von H.G. Wells, gerieten Menschenmassen in Aufruhr und versuchten über die Highways zu flüchten, weil sie die Landung der Aliens in Form einer Live-Schaltung für Realität hielten. Die Cops hatten zu tun. Das war bereits 1938, als sich die Welt begann, auf Kriegshandlungen einzustimmen und Hitler in Österreich einmarschierte, in den Staaten der Kampf zwischen Republikanern und Demokraten erneut ausgefochten wurde, vermehrt jüdische Flüchtlinge immigrierten und Roosevelts Politik des New Deal und seiner Sozialreformen auch nicht bei allen Gefallen fand und auch die Stellung der farbigen Bevölkerung neu geregelt werden musste – wer über der gestalte Ängste vor letzteren etwas lernen möchte, gucke kurz in King Kong (1939) rein.

In den Jahren nach 1945 starteten beide Grossmächte ihre jeweiligen Weltraumprogramme. In diesen Jahren nahm die Zahl der gemeldeten UFO-Sichtungen in den Staaten zu, parallel dazu auch die Zahl der Invasionsfilme; das politische Feindbild scheint sich im kollektiven Unbewussten – ja, das gibt’s, da machste nix dran – endgültig mit dem Bild des exterristrischen Eindringlings legiert zu haben. Als Russland dann als erster 1957 den Sputnik in den Weltraum schickte, wurden in den Tagen danach der NASA 261 Ufosichtungen von wachsamen US-Bürgern gemeldet wobei somit eine ganze Nation am Rande der Kollektivpsychose stand, und das schafften die damals sogar noch, ohne den blonden Schreihals mit dem toten Frettchen auf dem Kopf.

Politische Feinde haben sich zu jeder Zeit im Kriegsfall nicht nur des fremden Bodens bemächtigt, sondern auch der Frauen, deren Körper zu allen Zeiten als willkommene Kriegsbeute umdefiniert und benutzt wurde – auch eine atavistische Möglichkeit die eigenen Gene weiter zu verstreuen, ein zweiter Sieg, der dem ersten noch nachgeschoben werden konnte als überdauernde Inbesitznahme – und so entstand eine dazugehörige erotische Ikonographie im sadomasochistischen Modus: Das Monster trägt in den Armen meist eine Frau, wahlweise ohnmächtig hingegeben und willenlos oder wild kreischend – die Figur hiess damals „screaming lady“, ein Archetypus des Hollywoodkinos – das zumindest in einer Zeit als die Frauen noch lieber kreischten als – etwa ab 1980 – selbst zur Laserkanone griffen und die Lage klärten.

 
 

 
 

In der legendären Szene aus King Kong machte die filigrane Fay Wray, an 2 Strippen aufgehängt – deutlich mehr Krach als der herantrampelnde 30m-Gorilla. Den Soundtrack hab ich heut noch im Ohr, dieses wummernde Stakkato, das dann später für den weissen Hai und den Terminator abgekupfert wurde mit überlagertem Faywraygeschrei. Wobei King Kong nun kein Alien ist, sondern eher das Zerrbild des urtümlichen Wilden, dem man eine gesteigerte Manneskraft zuzubilligen scheint – hat ja auch Frau Thurn und Taxis schon angemerkt, dass der Schwarze gern schnackselt, vermutlich hat sie’s selbst ausprobiert.

Darum musste King Kong auch sterben, nachdem er auf den amerikanischen Riesenphallus geklettert war – Technik überwältigt Natur und unsere smarten all-american Boys mit ihren Ballermännern schaffen alles und der grosse Pimmel gehört wieder uns – jaja, wir haben den Schuss gehört. Und die schöne Frau wird von einem dieser Jungs vom Turm geklaubt, findet ein sicheres Unterkommen und darf ihr künftiges Dasein Familienversorgungsbanalitäten widmen und sich fragen ob sie im Urwald nicht doch ein spannenderes Leben gehabt hätte.

 
 

 
 

Summasummarum ist bei diesem ganzen Genre reichlich sadomasochistische Heteroerotik im Spiel und Frauenerschrecken scheint halt doch allzuvielen XY-Ownern verdammt viel Spass zu machen. Und wer’s selbst nicht schafft guckt sich’s wenigstens an. Aber ich schweife ab …

Auch die nun entwickelte Atombombe fand ihren Widerhall in den Filmproduktionen dieser Zeit – durch radioaktiven Niederschlag mutierte Riesenviecher, wahlweise Mörderspinnen, Killerbienen, Riesenechsen machten zusehends der Menschheit zu schaffen and a hard rain s‘ a gonna fall – und gelegentlich entstanden sogar recht vernünftige Filme mit einer mahnenden Grundaussage, das Kriegspielen nicht zu übertreiben. Der 1951 abgedrehte Streifen „Der Tag an dem die Erde stillstand“ kehrte sich nicht an das Muster der Invasionsfilme, sondern sandte einen menschlich aussehenden, natürlich dann auch nach herkömmlichen Hollywoodkriterien gutaussehenden Alien mit Schmalztolle, beschützt von seinem Roboter, auf die Erde um zu friedlichem Verhalten zu mahnen. Der mit einfachsten Mitteln gedrehte Schwarzweiss-Streifen schaffte es durch einen in Alu gepackten 2,20 m grossen Schauspieler sowie durch geschickte Kameraeinstellungen und Beleuchtungseffekte, eine ungewohnte Magie und wohligen Grusel zu erzeugen, so dass das schlichte Filmchen glatt ein cineastisches Genusserlebnis wurde. Natürlich konnte der Roboter mit Blicken töten und wenn er sein Visier hochfuhr, drohte ein todbringender Laserstrahl, aber nur auf Kommando von Herrchen. Man könnte, wenn man wollte, aber noch funktioniert die steuernde Vernunft – zumindest im Film und seiner Botschaft. Und so ging der Alien umher wie Diogenes mit der Lampe um einen guten Menschen zu finden – fand ihn in Gestalt einer hübschen Witwe mit Söhnchen (Stichwort Vaterlosigkeit!). Auf jeden Fall sehenswert.

 
 

 
 

Das Rebooting 2008 kann man sich – wie die meisten Sequels – sparen, Keanu Reeves vielleicht mal ausgenommen – jede Menge virtuelle Mätzchen ohne einen Funken Spannung, vor allem für den Sci-Fi-Conaisseur, der die Handlung und pädagogische message schon kennt.

Und zu Ende des Kalten Krieges in den aufatmenden Siebzigern wurden die Aliens – Überraschung!!! – zusehends freundlicher. Die wollten lediglich frisch gepressten Katzensaft oder permanent nach Hause telefonieren, sagten nach jedem Kinnhaken „Nimm das, Du räudiger Jedi!“ (Star-Wars- Ignoranten bitte hier googeln) oder trugen Barbarella auf Engelsflügeln ebenso sanft wie sinnfrei in der Gegend herum. Verspielt, handhabbar, gutartig, witzig, Gefährten für vaterlose Kinder – die Revolte gegen die Väter und deren Absetzung erzeugte eine Generation von neuen Vätern und Aliens. Der Film-Alien trifft oft auf vaterlose Familien – honi soit – da könnte man jetzt auch einiges drüber sinnieren, warum das so ist. Am Ende hat das Ganze auch etwas mit Vatersehnsucht in einer vaterlosen Gesellschaft zu tun? Und drohenden, kastrierenden Vaterfiguren? Aber man soll bei der Analyse der Mythen des Horrorgenres nicht zwangsläufig den Mythen der Psychoanalyse folgen, vor allem nicht der klassischen.

 
 

 
 

Aber ich hab’s mal ausprobiert und meine Praxiskinder eine Zeichnung über „Meine Begegnung mit einem Alien“ malen lassen – es ergaben sich schon deutliche Ähnlichkeiten mit der Gestaltung der Vaterbeziehung.

 
 

 
 

In den 80ern brachen die Frauen als kämpfende Amazonen in diese Idylle ein (Alien, 1980, Ridley Scott) – klar, nach 10 Jahren Feminismus – und bekamen natürlich ihre Prügel und danach mutierten die Monster wieder zu oral aggressiven Zeitgenossen, die uns am liebsten ausgesaugt oder komplett gefressen hätten, weil die Ressourcen auf ihrem Heimatplaneten ausgeschöpft waren (Krieg der Welten, 2005, der auch das politische Motiv der IS-Schläfer zitiert). Passend zu einer Zeit in der die Menschheit begann sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, dass ihr wohl langsam doch der Saft ausgeht. Dabei wäre es kurzschlüssig, die globalen Migrantenströme als moderne Alieninvasionen zu markieren (District 9, 2009), sondern besser darüber nachzusinnen, wer der eigentliche Alien ist, der die 3. und 4. Welt ihrer letzten Ressourcen beraubt und sie zum Ausgleich zumüllt – ein ebenso zynischer wie desaströser und zyklischer Verdauungsvorgang, der wiederum neue Aliens geriert, die in unsere Grenzen einbrechen und schlicht mitessen wollen – what a sad and endless story. Hollywood hat noch zu tun.

 

2024 13 Mai

Fundstück 2

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Aheds Knie (D,F, Israel, 2021) von Nadav Lapid

 

Ein israelischer regimekritischer Filmemacher X, alter Ego des Regisseurs, reist in ein Dorf nahe der jordanischen Grenze, um seinen neuesten Film vorzuführen und weitere Projekte zu planen. Eines davon ist eine Verfilmung über das Geschehen um die palästinensische Sängerin und Aktivistin Ahed Tamimi, der in einem israelischen Gefängnis das Knie zertrümmert wurde. Empfangen wird er von einer jungen Mitarbeiterin des Kultusministeriums, die von seinen Filmen fasziniert ist, aber Forderungen des Ministeriums überbringt, bestimmte Inhalte nicht zu zeigen. Der weitgehend dialogisch angelegte Film wird immer wieder unterbrochen durch Rückblenden aus der Soldatenzeit des Regisseurs sowie eingeblendeten Szenen aus seinem Werk, so dass die Realitätsgrenzen verschwimmen, sich aber doch zunehmend mosaikartig ein Bild der gegenwärtigen repressiven Kultur- und Gesellschaftspolitik des heutigen Israel entfaltet. Die kinetisch entfesselte Kamera umkreist das Paar, schwebt wie eine Drohne über dem Protagonisten (oder ein Geier über seiner Beute, in dieser Rolle findet sich der Zuschauer plötzlich) und schafft stets eine beklemmende Nähe zu den Gesichtern, deren Sog man sich schwer entziehen kann. Der Regisseur und die Kulturbeauftragte symbolisieren hier die verfeindeten Fronten, ihre gegenseitige Anziehung, aber auch ihren Kampf bis zum Showdown. Die zunehmend entfesselten Wutaffekte des Filmemachers lassen den Film oft ins Theatralische entgleisen, schaffen aber ein starkes, wenn auch anstrengendes und gelegentlich Fluchtimpulse provozierendes Filmerlebnis für den, der tiefer in die Probleme dieses Landes mit seiner repressiven Kulturpolitik, seiner militanten Nationalisierung und seinem übergriffigen Siedlungsbau eindringen will. Ein notwendiger Film!

 
 

 

2024 11 Mai

Das wird wieder was …

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… mit dem ESC bzw dem deutschen Beitrag.

Ein junger Mann (Isaak Guderian) sitzt an einer Art Lagerfeuer offenbar im Zustand eines akuten Blinddarmdurchbruchs und singt Always on the run. Wovor er flüchtet, wird nicht deutlich, auch nicht, wie man bei einer hochgradig mobilen Lebensweise auf 120 kg kommen kann. Aber ein guter Listenplatz ist uns ja immer sicher – wenn man die Tabelle nur um 180 Grad dreht.

See you tonight, Isaak …

 

2024 10 Mai

Fundstück

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Frühling in Paris (Seize Printemps, F, 2020) von Suzanne Lindon

 

Ich war wieder mit dem Filmkunstdetektor unterwegs:

Der Titel verheisst nichts Gutes, klar, da erscheinen Bilder von beschwingten Skizzen auf Taschenbuchcovers der Sechzigerjahre mit tanzenden Pferdeschwanzmädchen in weiten Röckchen und einem flotten Kavalier nahebei und der Sonne und dem Eiffelturm dahinter, damals musste halt alles schwingen und swingen oder zumindest Schwung ausdrücken und auf Teufel-komm-raus und Krieg-bleib-drin Leichtigkeit verbreiten. Aber man muss es verstehen, Klappentexte zu lesen, sonst entgeht einem so einiges; hier ein kleiner feiner stiller Film über eine erste Liebe, den viele sicher langweilig finden mögen. So manchem geht aber das Herz auf …

Ein junges, auf unübliche Weise hübsches und durch ihre Gutartigkeit und Verträumtheit verzauberndes Mädchen verliebt sich in einen wesentlich älteren Schauspieler und Tänzer. Sie lassen sich Zeit, nähern sich langsam, tanzen immer wieder zusammen, es darf sich etwas in Ruhe entwickeln, kein überstürztes gieriges Übereinanderherfallen bereits vor der Haustür. Die Beziehung zu den Eltern liebevoll, verständnisvoll auch gegenüber dem leicht verpeilten Vater, anrührend ein enger Tanz mit ihrer Mutter wie ein Abschied von der Kindheit, bevor sie das erste Mal mit einem Mann tanzt. Und später weint sie sich bei der Mutter aus, weil sie denkt, der Mann wäre zu alt für sie und das Leben, das sie sich jetzt wünscht und das ihr gemäss ist – und sie nimmt sich die Freiheit diesem Gefühl zu folgen und die Beziehung zu beenden und darüber zu trauern, die Mutter neben sich, die einfach nur da ist. Erste Liebe unter Menschen die sich noch einfühlen können und wollen und Eltern die wohltuend begleiten können.

Deutsche Filmproduktionen zum Thema Jugend und Familie dagegen: Problemkinder, Trinken, Kiffen, Eyalderglaubblossnichdukannsmichfickeneyischweisswodeinhauswohnt … , hochreizbare, mit den Eltern herumkeifende oder dauermaulende Teenager und Ich-hasse-Euch-Geschrei, Eltern die verzweifelt an verschlossene Kinderzimmertüren hämmern und den verbissen schweigenden oder dagegenschreienden Nachwuchs um Verzeihung dafür anflehen, dass sie eigene Interessen verfolgen wollen oder einfach nur ihre Erziehungsaufgaben erfüllen. Erwachsen werden und Mensch bleiben – geht das?

Fehlanzeige?

Derartig stille Filme kenne ich eher aus anderen Ländern, Konflikte ja – aber nicht diese trommelfellmarternden teutonischen Streitereien als stürmten die Germanen aufs neue den Teutoburger Wald.

Die Gewalt auf den Strassen und im Netz nimmt zu, gerade bei Jugendlichen und nun auch bei Kindern – was ist mit unserem Land los? Sind wir aggressiver als andere? In der Filmlandschaft scheint mir das fast so … sich permanent schuldig fühlende Eltern … ein Erbe? Oder nur das Fahren deutscher Filmemacher auf ausgelatschten Spuren und ihre Einfallslosigkeit und ihren Schwierigkeiten so etwas wie Ruhe oder gar Schönheit im Film darzustellen ohne dass es dröge wird? Verliebtsein in den eigenen Entwurf der längst ein Klischee ist?

Besonderheit: Das sechzehnjährige Mädchen im Film ist die zu Drehbeginn zwanzigjährige Suzanne Lindon, die Regie führte und auch das Drehbuch – bereits als Fünfzehnjährige – geschrieben hat.

Hoffentlich bald mehr davon …

 


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