Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Während ich noch darüber nachdenke, ob die Kunsthalle Wolfsburg einen Besuch wert ist und das Planetarium schon von meiner Liste gestrichen habe, nehme ich mir den Disk-Man vor, den ich vor einigen Monaten geschenkt bekommen habe und der so alt ist, dass man so ein Produkt wahrscheinlich nichtmal mehr gebraucht erwerben kann. Ich lege die CD II aus Steve Tibbetts Hellbound Train ein und verliere nach wenigen Minuten das Gefühl für Raum und Zeit. Schöner kann es im Planetarium nicht sein. Chandogra, Climbing, Black Mountain Side, Start. Night Again. And Again.

 
 

Es muss nicht unbedingt Kalifornien, Paris, die isländische Wildnis oder Amsterdam sein. Ich bin für ein paar Tage an einen unspektakulären Ort gereist. Ich habe hier jedoch einige Eindrücke gefunden, die ich nicht erwartet hätte. Wer findet heraus, wo die Bilder entstanden sind? Bitte mit Begründung. Es gelten die üblichen Bedingungen für manafonistische Rätsel.

 
 


 
 

 
 

 

2022 18 Juli

Force Majeure – Leafar Legov / Giegling 21 [2017]

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This is a small (7’18“ time) piece of music which youtube recommended to me after listening to Pan American’s East Coast Bugs. It meets my easy listening requirements: adventurous, relaxed mood, inner tension and several surprises. I love it!

 

Serendipity. Das Wort ist mir zum ersten Mal hier auf dem Blog begegnet, es ist einige Jahre her. Vielleicht hat es Ian McCartney verwendet. Ich hatte das Wort an eine Freundin weitergereicht, die mir darauf ein Buch schickte, das sie in einer Buchhandlung gesehen hatte: „Wer nicht sucht, der findet.“  Durch den Anblick dieses Buches in seinem kompakten Format und dem hellblauen Buchrücken bleibt das Prinzip bei mir präsent: Serendipity beschreibt den glücklichen Zufall, der jemanden etwas entdecken lässt, was er oder sie gar nicht gesucht hat. Meine seit Wochen andauernde Begeisterung bezieht sich auf ein Buch, das ich beim Herumstreifen um die heimischen Bücherregale herausgezogen habe und das ich bislang nicht beachtet habe. Als ich es aufschlage, finde ich die Zahlen „1/07“ darin. Im Januar 2007 ist es also zu mir gelangt. Ich erinnere mich vage, dass es ein Geschenk der Wahrsagerin gewesen sein muss, die mir in Dresden die Karten gelegt hatte. Autorin ist Gertrud Hischi, der Titel lautet: „Mudras. FingerYoga für Erfolg, Kreativität und Wohlbefinden“. Damals hatte ich es, auch wegen der Klischees der Begriffe „Erfolg“ etc. misstrauisch beäugt und nach kurzem Herumblättern im Regal verschwinden lassen. Jetzt ist der Impuls da (Schreibkrise, Unausgeglichenheit – bitte dazu keine Tipps geben!). Mudras sind Gesten der Finger und Hände, Hand-Haltungen, die seit Jahrtausenden überliefert sind. Sie sind Ausdruck des Denkens und Fühlens und wirken umgekehrt auf das Innere zurück. So wie unsere Fußsohlen und auch das Ohr Reflexzonen aufweisen, die mit inneren Organen korrespondieren, verhält es sich auch mit den Fingern und Händen. Gertrud Hirschi skizziert verschiedene Theorien: die taoistische Zuteilung, die Fünf-Zonen-Lehre und die Reflexzonen nach Dr. Devendra Vora. Mudras wirken vor allem über die Meridiane, also auf energetischer Ebene. Gertrud Hirschi stellt in dem Buch mehr als 60 Mudras vor, mit unterschiedlichsten Wirkungen, vom inneren Kraftort über Ankurbelung der Kreativität (yes!), gegen Lampenfieber bis zum Mudra für effizientes Lernen, richtige Entscheidungsfindung und gegen Liebeskummer. Nun läuft die Arbeit mit den Mudras jedoch nicht so, dass man sich mal eben eine erwünschte Wirkung aussucht, dazu die passende Mudra und das Problem dann gelöst hat. Jede Heilung ist ein Prozess, und es braucht drei bis sechs Wochen täglichen, mehrfachen Praktizierens von einigen Minuten pro Mudra, bis geistig-seelische Veränderungen vollzogen sind. Dabei konzentriert man sich zunächst auf zwei bis drei Mudras. Wichtig sind dabei oft auch vorbereitende Massagen bestimmter Finger oder Zonen der Hand, die passende Affirmation und vor allem die Atmung. Nicht alle Mudras benötigen so viel Geduld. Zur Vorbereitung der Leichtigkeitsmudra habe ich meine Schultern kreisen lassen und meine Hände aus den Handgelenken auf eine Art, als würde ich einen Walzer dirigieren. Obwohl ich Walzer überhaupt nicht leiden kann, hat die bloße Bewegung bei mir sofort gute Laune ausgelöst. Gertrud Hirschi schreibt zu dieser Mudra, dass Hormondrüsen angesprochen werden, die Wohlbefinden auslösen. Es gibt auch Mudras, die körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen heilen können. Gertrud Hirschi, seit Jahrzehnten Yogalehrerin in Zürich, ist eine Koryphäe auf dem Bereich Mudra, Meditation und Yoga. Was mir an ihren Büchern imponiert (ich habe inzwischen einige dazugekauft), ist neben dem beeindruckenden Fachwissen ihre Ehrlichkeit und Offenheit. Sie schrieb, dass sie an sich kein positiver Mensch ist, dass es ihr durch die Methoden, die sie in ihren Büchern beschreibt, jedoch ausgezeichnet geht. Bemerkenswert finde ich ihr Buch „Innere Kräfte entdecken und nutzen“, ich bin noch am Anfang damit. Hier geht es darum, die Archetypen kennenzulernen und ihre Kräfte harmonisch zusammenwirken zu lassen, indem man auch durch Körperübungen einen bestimmten Archetyp in sich stärkt. Einige dieser Übungen kannte ich aus Jugendgruppen oder Jugendfreizeiten, zum Beispiel sich auf den Boden zu setzen und mit beiden Händen in einem fiktiven Zauberkessel zu rühren: eine Übung, die den inneren Schöpfer stärkt. Oder sich (der Archetyp des Weisen) stehend zu strecken und Sterne vom Himmel zu pflücken.

Der Schriftsteller Matthias Göritz ist ein Reisender. Er macht die Orte und Landschaften, an denen er sich aufhält, spürbar und verwebt sie intensiv mit den Empfindungen des Lyrischen Ich oder des Erzählers. In seinem ersten Gedichtband hat er unter drei Kapitelüberschriften die Metropolen genannt, in denen sie verortet sind: Paris, Chicago und Moskau. Das erste Gedicht seines Debüts skizziert Eindrücke aus Paris:

 

(…)
Stadt der Metaphern
(…)
Mein Tag: Spaziergang
oder Blicke vom Fenster.
(…)
Paris ist alt und kalt.
(…)
Durch die Stille der Stadt
treibt Kälte mich
die Achsen, die Straßen entlang,
vom Concorde zur Bastille.

Du hast Henry Miller nicht mehr in Clichy.
Du hast nachts auch nichts anderes mehr.
Du kannst dich nur mit den Vögeln vergleichen,

den Vögeln,
die schwarz in der Luft
den Fragezeichen
und Bäumen gleichen,

vereinzelten Bäumen,
und Ästen,
die schrein.

 

Göritz spielt mit den Titeln seiner Gedichtbände. Nach seinem Debüt Loops, erschienen im Jahr 2001 – Göritz war Anfang 30; die deutschsprachige Lyrik befand sich auf dem Sprung einer großen Erneuerung durch eine junge Generation – folgten die Gedichtbände Pools (2006) und Tools (2011) und zuletzt (2021) Spools, eine Anspielung auf die Tonbänder aus Samuel Becketts grandiosem Theaterstück Krapp‘s Last Tape (auf Deutsch: Das letzte Band). Erinnerungen, Episoden aus der Kindheit („Mein heutiges Personenpensum / Papa, Nicki und ich“) sowie Lebens- und Liebesreflexionen durchziehen die Gedichte. In Tools gibt es ein Sonettenkranz mit Szenen einer sich auflösenden Liebesbeziehung; jedes Sonett ist überschrieben mit dem Automodell und dem Ort des Geschehens. An Schreibanlässen scheint es Göritz nicht zu mangeln. In einem Gedicht aus Loops schreibt er: „So soll das gehen. / Fast von allein / begegnet mir / das Gedicht.“ Neben Gedichten, die erlebnisorientiert wirken, finden sich auch historische Betrachtungen wie die niederländische Tulpen-Finanzblase und die Eroberung der Arktis durch Amundsen und Scott. In Göritz‘ Werk kann man feine Korrespondenzen entdecken, Fäden, die Geschehnisse und Reaktionen miteinander verbinden. Eine Liebe, die zerbricht, vielleicht wegen der Sache mit Lin in Shanghai Blues. Am stärksten sind Göritz‘ Texte, wo sie authentisch, überraschend, unberechenbar und schonungslos daherkommen, wie in diesen Passagen aus Spools: „Ich habe aufgegeben / etwas Besonderes zu sein.“ „Genau wie ich, weiß sie nicht, was sie sagt.“ „Ich schlichte Streite nicht mehr / ich gehe ihnen jetzt aus dem Weg“. Oder hier, die Auflösung von allem: „es gibt nicht einmal diesen Text / es gibt // nichts / nur eine Schnittmenge von Worten.“ Abschiedsstimmung flackert auf. Aufbruch in eine andere Lebensphase vielleicht. „Alles, was ich war lieh ich mir / und jetzt gebe ich es zurück / Auch diese Wörter / Auch dieses Buch“. Ab und an erwähnt Göritz den Wunsch, die Grenzen der Sprache zu überschreiten: „Der wirkliche Käfig ist der der Sprache.“ Ein Zitat aus dem aktuellen Buch Amerika oder Reisen ins Herz des Herzens des Landes. Die kleinen Texte – im Buch selbst als Flash-Fiction, also als Kürzestgeschichten bezeichnet – kommen mit einer Geste des Improvisierens daher, sind genreübergreifend, verspielt. Ein Reise-Skizzenbuch. Eine Art Reise-Blog. Wobei es sich nicht um eine Auslandsreise handelt, da Göritz seit einigen Jahren als Professor of  the Practice an der Washington University in St. Louis unterrichtet, in den USA also lebt. Die Nonchalance und die Lässigkeit nehmen im Werk von Matthias Göritz zu. Der Autor demonstriert Abgebrühtsein, Gleichgültigkeit. „Es ist nicht wichtig, wie ich die Dinge beschreibe. Die Dinners, die Tankstellen, die Straßen, die immer nach innen führen. Sie sind da. Draußen. Dein Erstaunen an Etwas, das sich Amerika nennt.“

 

Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes enthält Fotografien von Michael Eastman, Bilder, die über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten aus verschiedenen US-Staaten aufgenommen wurden und eines gemeinsam haben: viel Raum für den Himmel unter endlos scheinenden Landschaften. Etwas Unheimliches kommt immer dazu. Auch Göritz‘ Erzählung Shanghai Blues (2015) enthält beeindruckende Fotografien, es sind Arbeiten von Vanja Vukovic, die Shanghai verzaubern und verwandeln. Das Buch beginnt mit dem Blogeintrag eines Mannes namens Parker über seine Ankunft in Shanghai. Parker, der ein Werk über Urbane Nomaden geschrieben hat, und nun als Experte gilt, einen lukrativen Auftrag nach dem nächsten erhält. 200.000 verkaufte Hardcover-Exemplare in den USA, Übersetzung in 24 Sprachen, in China als Raubkopie auf Chinesisch vertrieben. Eine Geschichte, mit der es anfing. „Die Sehnsucht, einfach an einem anderen Ort anzufangen (…)“ Aber fing es nicht schon so an? Doch, so fing es wohl an. In Paris, Chicago und Moskau um die Jahrtausendwende herum.

 

Ein Wolf hat mich angefallen. Vor der Betonleinwand
auf dem Parkplatz des aufgegebenen Autokinos an der
Ausfallstraße eines längst vergessenen Orts, dessen
Name auf dem Straßenschild langsam verrottet. Peter
Bogdanovich? Keine Chance. Hier muss man Gewalt-
filme drehen. Tarrantelkino. Horizontschlachten.
Fords. Der Mittlere Westen. Bis zum Äußersten gehen.
Carl ist eine Sandburg. In mir lebt ein Wolf. Er hat
mich angesehen. Der Hunger. Das Gefühl ist selbst
rohes Fleisch. Ich habe ihn in die Kiste gestopft. Zu dir
und dem Hund.

(aus: Amerika oder Reise ins Herz des Herzens des Landes)

 

2022 28 Mai

Lebensträume

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In dem kürzlich erschienenen Prosadebüt von David Emling geht es um Existenzielles: das Leben, das man sich innig wünscht, oder „diese kleine Stimme in uns, die uns auffordert, unserer Bestimmung nachzugehen“. Und um das, was dazwischengekommen ist, etwa ein Beruf, der dem Lebenstraum nicht entspricht, zum Beispiel in einer Beratungsagentur. Und es geht um das, was einen jeden Tag davon abhält, das Eigentliche zu tun. „Daniels Hang“, veröffentlicht im Freiburger Verlag NeuWerk, ist eine Novelle und diese Gattung verlangt einige Strukturelemente. Zunächst ein besonderes Ereignis, das sich auf den Protagonisten auswirkt. In diesem Fall ist es: „alles, denn es ist nichts okay“, wie Daniel eines Nachts nach einem fantastischen Abendessen und wildem Sex verzweifelt seiner Freundin Jana erklärt: „die Arbeit, der Kurs, all die kleinen Enttäuschungen“. Mit dem Kurs ist Daniels Philosophiekurs gemeint. Foucault, kritische Theorie, Existenzialismus, Heidegger. Essays über philosophische Themen zu schreiben und damit zu zeigen, über diese Welt nachdenken zu können, das ist Daniels Ziel. Texte zu schreiben, die aber nur leben, wenn andere sie lesen – davon ist Daniel überzeugt. Das Dingsymbol für sein Schreiben ist sein charmant aus der Zeit gefallenes rotes Notizbuch. Daniel ist Sympathieträger: Auf der Zugfahrt zu Freunden sitzt er neben einer als unangenehm beschriebenen älteren Frau, die so korpulent ist, dass er neben ihr nicht einmal sein mitgebrachtes Buch aufschlagen kann; und doch: Als er aussteigt, „wünscht er der Frau in seinen Gedanken alles Gute“ – ein ziemlich ungewöhnliches Verhalten für einen jungen Mann. Der Held einer Novelle lässt sich treiben, er reagiert eher als dass er agiert, und so kann man das Buch auch unter den Aspekt lesen, auf welche Weise sich entscheidende Weichenstellungen in Daniels Leben ergeben, immerhin ein Zeitraum von sechs bis sieben Jahren in einem Alter von vielleicht den späten Zwanzigern bis in die Dreißiger hinein. Daniel ist ein empfindsamer, reflektierender Mann, er wird als Figur sehr anschaulich, weil er in verschiedenen Umfeldern agiert: seinem Zuhause mit Jana, seinem Arbeitsplatz, dem Philosophiekurs, dem neuen Nachbarn, mit Freunden von früher, mit seinen Eltern. Sehr stark ist die Szene, in der Daniel auf dem Nachhauseweg, mit Einkaufstaschen für ein genussvolles Abendessen bepackt, einem Mädchen, das auf dem Balkon eines billigen Wohnkomplexes steht, begegnet. Kaum spürbar finden Verschiebungen statt; manchmal genügt dafür ein Vergleich. So wirkt Toby, Daniels Chef, auf einer Geburtstagsfeier auf Daniel plötzlich „wie ein Künstler auf der Bühne“. Vor viereinhalb Jahren habe ich hier mit David Emling ein Parallel Reading über Richard Fords „Der Sportreporter“ gemacht, und David sagte, wenn schon das Leben unvorhersehbar sei, solle wenigstens die Erzählstruktur verlässlich sein, und so hat er es in „Daniels Hang“ gehandhabt. Es ist ein Buch, das für „die kleine Stimme in uns“ sensibilisiert – und für die Überraschungen, die sie bereithält.

2022 14 Apr.

Best Game Ever

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Nach langer Zeit gibt es von mir mal wieder einen Hinweis zu einem sehenswerten Kurzfilm. Auf ARTE läuft die Kurzfilmsendung Kurzschluss jede Woche in der Nacht von Samstag auf Sonntag, keine feste Zeit, nach Mitternacht, immer zu einem Schwerpunktthema. Am 10. April war es „Mensch und Maschine“. Empfehlen möchte ich Best Game Ever aus Ungarn. In einem großen öffentlichen Gebäudeareal arbeiten drei Überwachungstechnologen im Schichtbetrieb an Bildschirmen. Die Überwachungsmaschine kreist verdächtige Personen oder Gegenstände ein. Die Angestellten wissen zunächst nicht, dass sie es sind, die die Maschine trainieren. Der Film stellt Fragen wie „Wann und warum ist etwas verdächtig?“ und „Wie kann man eine Maschine mit ihren eigenen Mitteln überlisten?“. Eine wunderbare, energiegeladene Performance!  Unter diesem Link ist der Film bis 7. Juli 2022 zu sehen (Dauer: 20 Minuten).

2022 9 Apr.

Der Fliegenschrank

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Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst. Der Trick ist wirklich, nicht nachzudenken, sondern einfach weiterzuschreiben.

Doris Dörrie: Leben Schreiben Atmen, S. 31

 

Am Wochenende besuchten wir manchmal die Großmütter. Die Großväter lebten schon lange nicht mehr. Die Mutter meines Vaters bezeichneten wir nach der Straße, in der sie wohnte. Es war die Zellersträßleroma. Die Straße empfand ich als düster und eng. Doch vor dem Haus leuchteten die Stämme von Birken. Sie wohnte im Erdgeschoss. Ich erinnere mich kaum noch an sie, sie starb, als ich acht war. Sie hatte leicht gelocktes, dunkelbraunes Haar, auch im hohen Alter. Ihre Wohnung war dunkel und kalt, immerzu kalt. Ihre Stimme habe ich vergessen. Im Flur stand ein Schrank. Ich stand mit meinem Vater davor und lernte ein neues Wort: Fliegenschrank. Das Möbelstück war Holz, und auf der Innenseite der Fliegengitter war ein gemusterter Vorhang in Erdtönen im Stil der späten 50er oder 60er Jahre. Ich hatte den Schrank immer als groß und geheimnisvoll empfunden. Ich wusste nicht, was meine Großmutter darin aufbewahrte. Nachdem sie gestorben war, brachten meine Eltern den Schrank in unseren Keller und stellten Marmeladenvorräte, Konserven, alte Töpfe und anderes hinein. Viele Jahre später, nachdem ich ausgezogen und mehrmals umgezogen war und immer noch jedes Mal Wehmut und Glück empfand, wenn ich den alten Schlüssel umdrehte und die Tür des Fliegenschranks öffnete, fragte ich, ob ich den Schrank mitnehmen dürfte, für meine Küche. Ich kaufte einen Ersatz und durfte ihn haben. Gegen nichts in der Welt würde ich den Schrank tauschen. Es passt einfach alles hinein. Wahrscheinlich ist er inzwischen hundert Jahre alt. Den alten Vorhang habe ich abgenommen. Das feine Metallgitter ist ausgebeult, hat Risse. Mit der Fläche der Hand über die feine Struktur des Holzes zu streichen. Äste und ihre Jahresringe und was sie erzählen.

 

2022 1 Apr.

Medical Food

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Ernährungswissen in China: Eine erkältete Dozentin wurde von den Studierenden davor gewarnt, die für die Pause mitgebrachte Banane zu essen. Bananen haben nämlich eine kühlende Wirkung. Diese Episode las ich vor langer Zeit in dem Buch Die acht Schätze der chinesischen Heilküche. Das Ernährungsbuch, das meinen Blick auf Nahrungsmittel völlig umgehauen hat, stammt von Anthony William und hat auch in der deutschen Übersetzung den Titel Medical Food. Im Hauptteil des Buches führt William einzelne Obst- und Gemüsesorten, Kräuter und Gewürze sowie Honig und Wildpflanzen auf, und erläutert ihre generelle Wirkung auf den Organismus, Symptome und Krankheiten, bei denen das jeweilige Nahrungsmittel helfen kann, seine spirituelle Aufgabe und seelische Unterstützung. Bananen beispielsweise förderten den Wunsch, produktiv zu sein. Bei der Petersilie handelt es sich um eine zentrierte und zentrierende Pflanze. Ich hatte es, als ich es zum ersten Mal las, angestrichen und wieder vergessen, lese es gerade erst wieder; die starke seelische Wirkung des grünen Smoothys aus dem Rezept vom 30. März ist kein Placeboeffekt. Hier noch zu ein paar anderen Zutaten: Koriander bringt Klarheit über Lebensziele, Staudensellerie beruhigt, Gurken fördern Selbsterkenntnis, Spinat reinigt und klärt spirituell. Es erinnert mich daran, was Chrissie über Kirschtomaten geschrieben hat: es sind Persönlichkeiten. Und als solche werden sie von Anthony William präsentiert.

 
 

2022 30 März

Eine andere Art von Droge

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Die erste Bananenmilch meines Lebens habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, bei dem Jungen im dritten Stock bekommen. Außer der Tatsache, dass wir im gleichen Haus wohnten, verband uns das Theaterspielen mit Handpuppen: einem Krokodil und den damals üblichen Verdächtigen (Prinzessin, Kasper, Räuber, Polizist). Die Bananenmilch war sehr fein püriert und ich war erstaunt darüber, dass meine Mutter, die Rezepte aus Bücher und Zeitschriften recherchierte, so etwas nicht in ihrem Repertoire hatte. Ich verglich die Bananenmilchmixgetränke die ich selbst zubereitete, immer mit diesem Ideal aus dem Kinderzimmer. Mit meinem Stabmixer, schon lange in meinem Haushalt, gelingt mir die feine Konsistenz jedenfalls nicht. Nun habe ich mir kürzlich einen Mini-Standmixer gekauft und  auch gleich ein Buch mit Smoothierezepten. Das Rezept, das mich bisher am meisten überzeugt, stammt jedoch nicht aus diesem Buch. Eine Freundin hat es mir geschickt. Tatsächlich handelt es sich um ein Rezept, das ihr ein Arzt verordnet hat. Sie schrieb mir, sie hätte über einen längeren Zeitraum zwei Mal täglich diesen Smoothie getrunken, und inzwischen bereitet sie ihn zweimal pro Woche zu. Es sei wie eine Medizin, habe sie verwandelt. Es ist ein grüner Smoothe. Ich habe ihn gestern und heute zubereitet und bin überrascht: Ich fühle mich gleichzeitig beruhigt, entspannt, beschwingt und zuversichtlich, und das bereits nach kurzer Zeit. Können magische Pilze mehr bewirken?

Hier die Zutaten (Menge jeweils nach Geschmack oder Intuition):

 

Mango-Orangensaft als Basis
Pfefferminzblätter
Petersilie
frischer Koriander
ein paar Spinatblätter
1/2 Stange Staudensellerie
Ein Stück kleingeschnittene Schlangengurke
Etwas Zitronensaft

Alles kleinschneiden und im Standmixer pürieren.

 


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