on life, music etc beyond mainstream
2016 16 Jan.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Heart of a Dog, Laurie Anderson, Midnight Moments | Comments off
Mit der Oscar-Nominierung für Laurie Anderson (sie stand auf der Shortlist für die Kategorie Documentary Feature) hat es nun leider doch nicht geklappt.
Dafür gibt es einen speziell gefertigten Dreiminutenausschnitt aus ihrem Film noch bis Ende Januar jeden Abend um 23:57 in den Midnight Moments auf allen Videoscreens des New Yorker Times Square zu sehen.
Der ganze Film feiert seine Fernsehpremiere in den USA am 25. April auf HBO. Bis dahin kursiert er weiterhin durch ausgewählte Kinos.
2016 16 Jan.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Buchtipps, Erich Kästner | 1 Comment

Erich Kästner (1899-1974) gehört neben Kurt Tucholsky und (jedenfalls, soweit es Drehbücher betrifft) Edgar Reitz zu den Autoren, ohne die ich wahrscheinlich nicht zum Stift bzw. zur Tastatur gefunden hätte.
Um so schöner, wenn es von einem dieser Herren neues Futter gibt. Schon 2013 hatte der Zürcher Atrium-Verlag (der seinerzeit im Prinzip nur gegründet wurde, damit Kästner während der Zeit seines Schreibverbotes publizieren konnte) die ungekürzte Fassung von Fabian veröffentlicht. Die Geschichte war 1931 zum Teil sinnentstellend gekürzt und entschärft erschienen und das Originalmanuskript galt als verschollen. Es ist eine Kopie gefunden worden, und nun liegt Kästners Roman in einer von Sven Hanuschek kommentierten Fassung unter ihrem ursprünglich vorgesehenen Titel Der Gang vor die Hunde vor. Einige der Kürzungen gehen von mir aus in Ordnung, aber einige wichtige Handlungsdetails werden erst jetzt, da die bislang fehlenden Teile wieder da sind, klar. Wer sich für die Situation und Lebensgefühl in der Endzeit der Weimarer Republik, kurz bevor die Nazis übernahmen, interessiert, wird hier in jedem Fall mehr erfahren als aus manchem Geschichtsbuch.
Und jetzt, wiederum von Sven Hanuschek herausgegeben und kommentiert, liegt Der Herr aus Glas vor; eine chronologisch angelegte Sammlung von 42 Erzählungen, die Kästner zwischen 1923 und 1955 für verschiedene Tageszeitungen und Illustrierte schrieb, zum Teil unter erst kürzlich entschlüsselten Pseudonymen (etwa „Jarosmin“ oder „Emil Brüll“). Einige der Geschichten waren bereits in der neunbändigen Hanser-Werkausgabe von 1998 oder auch in dem Doppelband Gemischte Gefühle von 1989 (noch in der DDR erschienen) enthalten, aber die meisten erscheinen hier erstmals in Buchform.
Vielen dieser Stories merkt man an, dass Kästner sie als Skizzen für später ausgearbeitete Langwerke oder als eine Art Schreiblabor angesehen hat, in dem er Ideen durchspielt und auf ihre Tauglichkeit testet. So findet man etwa unter der Überschrift „Inferno im Hotel“ (1927 im „Berliner Tageblatt“ erschienen) eine noch völlig unkomische Skizze, aus deren Motiven 1934 die (immer noch wunderschöne) Romankomödie Drei Männer im Schnee entstand. Und wenn ein „Sergeant Aurich“ auftaucht, dann muss man Kästnerkennern nicht erzählen, in welchem späteren Gedicht die Story ihre Endform fand („Sergeant Waurich“). Andere Kurzgeschichten sind blanker Nonsens, tragikomisch oder von einer surrealen Realitätsverliebtheit, die mich nicht selten an Kurzgeschichten von Franz Hohler erinnert. Die für Kästner typische Melancholie und (manchmal etwas arge) Sentimentalität steht über allen Geschichten, wird aber in aller Regel durch den ebenso typischen kästnerschen Humor aufgefangen. Dazwischen stehen auch Geschichten, die eher Tagebuchnotizen sind, etwa „Mutter bringt die Wäsche“ (1947 in der „Neuen Zeitung“ erschienen), die die vollkommene Fassungs- und emotionale Hilflosigkeit von Kästners Mutter schildert, als diese Kästners ausgebombtes Haus in Berlin nicht mehr betreten kann. Vor solchen Texten steht man mit Schluckbeschwerden. Und mindestens so interessant ist, wie Kästner diese (wahre) Episode in eine andere (erfundene) Kurzgeschichte („Berliner Hetärengespräch“) transformiert, die dann letztlich wohl eine Szene für die Münchener Kabarettbühne „Kleine Freiheit“ wurde. Und es gibt sehr selbstreflektive Texte, die als „Briefe an mich selbst“ firmieren und in denen Kästner seine erzählerische Eleganz für kurze Zeit aufgibt. Die lassen ahnen, wie er bei aller Hektik und Betriebsamkeit, die ihn wohl ständig umgab, tatsächlich getickt hat — ein Effekt, den ich sonst nur aus dem Blauen Buch kenne.
Nicht alle der hier vorgelegten Geschichten stammen aus der ganz obersten Schublade. Das macht aber nichts, denn interessant sind sie doch alle. Möglicherweise werden es auch nicht die letzten sein, denn noch immer sind nicht alle Kästnerschen Pseudonyme bekannt oder mit Sicherheit entschlüsselt, und es dürfte weitere Werke Kästners geben, die noch der Entdeckung harren. Ich freu mich drauf.
Erich Kästner:
Der Herr aus Glas
Atrium-Verlag, Zürich 2015
ISBN 978-3-85535-411-5
2015 26 Dez.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Biografien, Christian Wheeldon, Manuel Göttsching | Comments off
Manuel Göttsching, Gitarrist, Keyboarder, Komponist, kann auf eine Karriere seit 1971 zurückblicken (es gab ihn auch schon vorher, aber nicht auf Platte). Stationen seiner Karriere sind Ash Ra Tempel, Ashra, Alben unter eigenem Namen, Zusammenarbeit mit Klaus Schulze, Steve Hillage und diversen anderen, auch als Filmkomponist hat er sich betätigt. Seit einiger Zeit gibt es ihn sogar als Wachsfigur in einer japanischen Krautrock-Ausstellung.
Der englische Bibliothekar Christian Wheeldon hat in sechsjähriger Arbeit die längst fällige Biografie geschrieben. Das sehr gut geschriebene Buch führt chronologisch anhand von Events und Plattenveröffentlichungen durch Göttschings Musikerlaufbahn. Zunächst wird im Regelfall faktenreich und sauber recherchiert die Vor- und Produktionsgeschichte geschildert, im Anschluss daran bespricht der Autor das jeweilige Album. Sympathisch, dass dabei nicht nur Göttschings eigene, sondern auch einige Werke von Wegbegleitern Göttschings berücksichtigt werden; etwa das Soloalbum Synthesist des Drummers Harald Großkopf, das längst vergessene Projekt Central Europe Performance oder Lutz „Lüül“ Ulbrichs Arbeiten mit Nico.
Klar sein muss man sich darüber, dass hier ein Fan schreibt. Das merkt man seinem Urteil nicht selten ein bisschen zu deutlich an. Ohne Frage hat Göttsching viele gute Platten gemacht, aber wie es in einer über 40-jährigen Karriere nicht anders sein kann, sind auch weniger gelungene Einspielungen zu verzeichnen. Das hätte man gelegentlich dann auch gern so gelesen. Bei Wheeldon ist das alles „masterpiece“, „genius“, „incredible“, auch „legendary“ taucht viel zu oft auf, und immer wieder werden als Vergleichsmaßstab Philip Glass, Steve Reich und Terry Riley genannt — über den letzteren würde ich ja noch mit mir reden lassen, aber Glass, und erst recht Reich, spielen nun wirklich in einer anderen Liga.
Ein anderer kleiner Haken des Buches sind häufige Übersetzungsfehler aus dem Deutschen, weil Wheeldon Wortspiele oder Mehrfachbedeutungen von Begriffen nicht versteht. So hat Göttsching etwa, um ein Beispiel herauszugreifen, einem kleinen Fluss bei Leipzig namens „Mulde“ eine musikalische Beschreibung gewidmet, deren letzter Teil mit „Zerfluss“ betitelt ist. Klar, dass man diese Wortschöpfung nicht direkt übersetzen kann, aber beschreiben zumindest könnte man sie. Wheeldon jedoch setzt sie mit „Zufluss“ gleich, übersetzt den Titel mit „Inflow“ und verfehlt damit das eigentlich Entscheidende. Dergleichen findet man in englischen Büchern zum Thema Krautrock leider sehr häufig.
Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass das Buch, wohl um die Kosten niedrig zu halten, in einer sehr kleinen und noch dazu serifenlosen Schrifttype gesetzt ist. Das macht das Lesen für alte Knacker wie mich schlicht zur Tortur.
Das ist allerdings alles, was es an dem Buch auszusetzen gibt. Ohne sich je in alter Krautrockseligkeit zu ergehen, macht die Lektüre Lust, die alten Platten wieder auszugraben, darüber aber auch die neuen nicht zu vergessen. Einige Webseitenempfehlungen und ein sorfältig erstellter Index runden das Buch ab.
Christian Wheeldon
Deep Distance – The Musical Life of Manuel Göttsching
King’s Lynn, GB 2015
ISBN 978-1-91069324-7
2015 23 Dez.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Joe Meek | 2 Comments
Weil es nun mal wieder diese Jahreszeit ist: „Lea & Chess“ singen Little Star (Shine On Us Tonight).
Aufgenommen in Joe Meeks Schlafzimmerstudio in der Londoner Holloway Road 304, dem Klang nach wohl um 1964, eine Nummer aus Meeks Nachlass, nie auf Platte erschienen (wie man am Einzählen hört), enthält aber alles, was Meek an Verzerrungen, Übersteuerungen, „heavenly choir“, Kathedralhall und Speed-Up-Effekten in seinem Zauberkasten hatte. Welche Band spielt — keiner weiß es genau, es könnten The Outlaws gewesen sein. Wäre dem so, dann wäre Ritchie Blackmore an der Gitarre dabei. Wer den Song geschrieben hat, weiß auch niemand genau, wahrscheinlich aber Meek selbst, für mich klingt es nach ihm. Am Klavier hören wir in jedem Fall Joes Hauspianisten Geoff Goddard.
Lange Zeit wusste niemand, wer sich hinter „Lea & Chess“ verbirgt. Nun denn also, dies dürften sie gewesen sein:

Maggie Stredder und Gloria George, in Musikerkreisen damals bekannt unter dem Namen The Ladybirds, ein sehr aktives Backup-Duo (die beiden singen unter anderem in Jimi Hendrix‘ Hey Joe), das Joe Meek immer mal wieder für seinen legendären „heavenly choir“ in Studiosessions einsetzte. Meek produzierte mit den beiden auch die Titel Dumb Head, eine Coverversion eines amerikanischen Originals von Ginny Arnell, und Boy Trouble, ursprünglich von den Rev-Irons aufgenommen. Diese Tracks erschienen unter dem Namen The Sharades. Beide floppten, aber immerhin: Es gab sie auf Platte. Nicht ganz klar ist, ob Meek die beiden auch noch als Flip & The Dateliners ins Rennen schickte, ihr Song Mama Didn’t Lie jedenfalls blieb ebenso unveröffentlicht wie der Little Star.
Joe Meek shall inherit the Earth. Auch 2016.
Schöne Feiertage!
2015 19 Dez.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Harmonia | 1 Comment

Im Fernsehen läuft an diesem Abend Sie kamen von jenseits des Weltraums. Im Kulturzentrum Fabrik in Hamburg-Altona spielt Harmonia. Diese Band kommt nicht von jenseits des Weltraums, sondern aus dem Dörfchen Forst im Weserbergland, aber das ist für die meisten Hamburger so ziemlich dasselbe. Und auch, wenn der Name eher an einen Gesangverein denken lässt: Die Musik von Harmonia ist utopischer als der Film.
Harmonia gehört zu jenen Bands, die vor ihren Auftritten nicht genau wissen, was sie spielen werden. Das kann zu endlosem Genudel führen, es kann aber auch hypnotische Momente erzeugen, wie sie nur aus dem freien Zusammenspiel heraus entstehen können. An diesem Abend des Jahres 1975 funktioniert es.
Weil die Gestalt des alten Fabrikgebäudes es anbietet, spielt die Band auf zwei Ebenen. Links vor der Bühne Michael Rother mit seiner leopardenfellgemusterten Fender Mustang, die vormals dem Kraftwerker Florian Schneider gehört hat. Rechts Hans-Joachim Roedelius an seinem Elektronikturm. Oben auf der Bühne das Markenzeichen der Band, der Sonnenschirm mit den bunten Glühbirnchen. Unter dem Schirm Dieter Moebius, auch er gebietet über eine Elektronikburg. Und ein Schlagzeug steht auf der Bühne. Das kommt aber erst in der zweiten Hälfte des Abends zum Einsatz. DeLuxe, die zweite LP der Band, ist gerade erschienen, und auf ihr trommelt als Gast Guru Guru-Schlagzeuger Mani Neumeier. Der kann an diesem Abend nicht dabeisein, Lutz Oldemeier nimmt seine Stelle ein. Oldemeier kommt eigentlich aus einer anderen musikalischen Ecke, von den Jazzrockern Aera und Missus Beastly, aber seine Spielweise fügt sich auch in die Musik von Harmonia ein. Der Dämpfung wegen ist sein Schlagzeug mit weißen Tüchern abgedeckt. Ein alter Trick, den auch Ringo Starr schon draufhatte. Harmonia nämlich spielt leise – so leise, dass das ungedämpfte Instrument unangenehm aus dem Klangbild herausfallen würde. Einzig im Schlussstück des regulären Teils zieht die Band ihre Lautstärke für ein paar Augenblicke kräftig an.
In der Zugabe spielt Harmonia dann wieder etwas Leises: „Es war einmal“ vom Cluster-Album Sowiesoso. Wie immer zu fortgeschrittener Stunde in der Fabrik vermischen sich die Klänge der Musik zunehmend mit dem Klirren der auf dem Boden abgestellten Biergläser, die von umherwandernden Zuschauern umgestoßen werden.
Eine vom Publikum geforderte weitere Zugabe gibt es nicht, statt dessen ruft Roedelius zur allgemeinen Erheiterung in den Raum: „Macht ihr doch mal was!“ Aus den Hauslautsprechern tönt Lou Reeds Transformer, die Platte, die hier allabendlich signalisiert: Wir möchten jetzt Feierabend machen.
Es sind nicht viele Zuschauer da an diesem Abend, vielleicht 50 oder 60. Immerhin ein paar mehr als die legendären 16, die auf dem Album Live 1974 das Publikum bilden. Und auch, wenn ich mich nach den vier Jahrzehnten, die das alles jetzt her ist, an viele Details nicht mehr erinnern kann: Das Konzert als Ganzes ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Es gibt nicht viele Konzerte, von denen ich das sagen könnte.
2015 17 Dez.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Gary Burton, Julian Lage | Comments off
NPR Tiny Desk Concert – Gary Burton und Julian Lage zur Mittagspause im Büro.
2015 2 Dez.
Jan Reetze | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Lieblingsplatten 2015 | 1 Comment
Rediscovered:
Laurie Anderson’s film Heart of a Dog is one of the 15 movies that made it to the shortlist for an Oscar nomination (category „Best Documentary Feature“). Wow.
The five final nominations will be announced on January 14.